Gernot Romic (Nick Bottom), Daniela Dett (Nancy Nostradamus) © Reinhard Winkler
Gernot Romic (Nick Bottom), Daniela Dett (Nancy Nostradamus) © Reinhard Winkler

Something Rotten! (2024 - 2025)
Landestheater, Linz

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Das Landestheater Linz begeistert schon seit einigen Spielzeiten immer wieder mit zahlreichen Originalwerken und deutschsprachigen Erstaufführungen, was diesem Musicalstandort eine große Relevanz beschert. Neben dem opulent inszenierten Wildhorn-Stück „Wonderland“ stehen mit dem Comedy-Lachfeuerwerk „Something Rotten“ gleich zwei deutschsprachige Debuts auf dem Programm. Der sehr britische Humor ist hervorragend ins Deutsche übertragen, was zusammen mit der makellosen Inszenierung für eine überaus gelungene Show sorgt.

Zwei erfolglose Bardenbrüder inszenieren auf der Basis von vollkommen abstrusen Zukunftsvisionen das weltweit erste Musical, um gegen William Shakespeare anstinken zu können – dabei wird „Hamlet“ zu „Omelett“ und führt die aus zahlreichen schrillen Figuren zusammengesetzte Schauspielkompanie letztendlich von England nach Amerika, wo sie das Genre angeblich begründen. Zuletzt im Frankfurter English Theater in der Ursprungssprache aufgeführt, wurde das Stück nun von Roman Hinze und Niklas Wagner vortrefflich ins Deutsche übertragen. Viele der klugen Wortwitze, intertextuellen Anspielungen, vulgären Doppeldeutigkeiten und flachen Ulksprüche mit britischem Kolorit haben es erstaunlich unversehrt in unsere Landessprache geschafft und entfalten auch hier ihre komödiantische Wirkung. Unübersetzbares zeigt sich auf der sprachlichen Ebene überraschend wenig; stattdessen wird gerade mit den zahllosen Musicalreferenzen auch hiesiges Kulturgut wie „Elisabeth“ und „Tanz der Vampire“ aufs Korn genommen und hierzulande weniger bekannte Anspielungen dagegen ausgetauscht – ein kluger Schachzug, der gerade im zweiten Akt bei den Musicalnerds zu Lachsalven führt.

Hochwertige Inszenierungen, die nicht zuletzt vor großen Bühnenbildern und schönen Kostümen strotzen, sind eine Spezialität des Landestheaters Linz und von Regisseur Matthias Davids. Auch  „Something Rotten“ kann damit aufwarten: Adam Nees Kostümbild zeigt sich farbenfroh, fantasievoll und doch – natürlich auch mit parodistischen Elementen gespickt – gefußt im elisabethanischen Zeitalter gefußt, in dem die Geschichte spielt. Hingucker sind allemal dabei, so die gleichermaßen galanten wie poppigen Roben von William Shakespeare oder das schrille Gewand von Nancy Nostradamus. Das Bühnenbild von Andrew D. Edwards ist dominiert von die Bühne flankierenden, mehrstöckigen und voll begeh- beziehungsweise bekletterbaren Fronten von Fachwerkhäusern. Diese sind trotz ihrer Größe dynamisch verschiebbar und werden immer wieder neu kombiniert, um Straßenverläufe, Hinterhöfe oder mittels einer Anordnung im Halbkreis sogar das bekannte Globe Theater zu mimen. Zahlreiche lustige Requisiten haben es ebenfalls ins Stück geschafft, darüber eine Kuh, die nur Milch gibt, wenn man wie bei einer Brunnenpumpe an ihrem Schweif herumhantiert, was immer wieder für Lacher sorgt.

Das absolute Highlight dieser Inszenierung sind die fantastischen Choreographien von Kim Duddy, die im besten Sinne an die goldene Musicalzeit des Broadway erinnern: Dynamische Tanzarrangements, immer wieder wechselnde Aufstellungen, große und flotte Stepptanznummern und schwungvolle Showtänze reihen sich aneinander und begeistern besonders im ersten Akt. Spätestens hier wird klar, dass Linz sich mit dieser Version des Stücks nicht vor den großen Global Playern der Musicalwelt zu verstecken braucht.

Angenehm soundtechnisch austariert, von der elfköpfigen On-Stage-Band unter Tom Bitterlichs Leitung optimal mit dem richtigen Showflair untermalt und durch Michael Grundners Lichtdesign stets heiter und klar akzentuiert, kann das hervorragend besetzte Ensemble strahlen. Jeder und jede Einzelne hat in diesem Stück wunderbare kleine Solomomente, die ihr Spotlight bekommen. Ein so homogen virtuoses Ensemble, das in den Bereichen Schauspiel, Tanz und Gesang gleichermaßen uneingeschränkt begeistert, ist aufgrund der oftmals professionell divers besetzten Mehrspartenhäuser eine Seltenheit, die Linz durch seinen dezidierten Musical-Cast ausmacht. Der Unterschied zu vielen Stadt- und Staatstheatern wird in der schieren performativen Qualität sofort deutlich – Linz spielt, so auch mit „Something Rotten“, darstellerisch in einer ganz eigenen Liga. So werden der Opener „Wir in der Renaissance“, das verrückte Loblied auf „Die Pest“ und die große Broadwaynummer des ersten Aktes „Ein Musical“ sowie im zweiten Akt das grandios ausufernde „Mach ein Omelette“ absolute Showstopper des Ensembles.

Enrico Treuse, der wie im elisabethanischen Theater üblich als Mann die Frauenrollen des Stücks übernimmt, bringt die Abstrusität dieses antiquierten Usus gekonnt komödiantisch zum Tragen. Max Niemeyer spielt den Möchtegern-Mäzenen Shylock mit subtiler Schrulligkeit, wobei sein ganzes Gebaren und sein Catchphrase „I love it, I love it“ unweigerlich an die frühen Broadway-Produzenten erinnert, zu denen er am Ende der Handlung gemacht wird. Alexandra-Yoana Alexandrova bringt mit exzentrischem Zickenspiel und slawischem Akzent ihre gönnerhafte und doch auch in Fangirl-Momente verfallende Lady Clapham in der Doppelrolle mit einem rotzigen Richter zum Strahlen und stellt ihre Schauspielqualitäten herausragend unter Beweis. Der attraktive, egozentrische und etwas durchtriebene Shakespeare wird von Christian Fröhlich mit Popstar-Allüren, beispielsweise im rockigen „Will Power“ und dem lustig-rührseligen „Der Barde sein ist hart“ überzeugend dargeboten. Karsten Kenzels puritanischer Priester Jeremiah sorgt mit seiner unbeholfenen Bestimmtheit und seinen immer ungewollt doppeldeutigen Moralpredigten für einige der größten Lacher des Abends.

Das Brüderduo Nick und Nigel Bottom wird von Gernot Romic und Lukas Sandmann dynamisch und symbiotisch dargestellt. Die komplett unterschiedlich tickenden Dichter und die aus ihren Diskrepanzen entstehenden Comedy-Momente beherrschen beide vortrefflich. Romic gibt seinem Nick eine leicht schlurfende Otto-Ader, die gepaart mit der Selbstüberschätzung seiner Figur und dem Neid auf seinen Konkurrenten („Gott ich hass Shakespeare“) lustige Entfaltung findet, während Lukas Sandmann die Leidenschaft des lyrisch deutlich begabteren Bruders mit einem geringen Selbstbewusstsein kombiniert, das gerade im Zusammenspiel mit Romic oder auch mit Valerie Luksch zu vielen Lachern führt. Luksch gibt die unterdrückte und nach Freiheit suchende Pfarrerstochter Portia mit Weltklasse-Gespür für Komik. Die Szenen, in denen sie durch Nigels Rezitationen, beispielsweise in „Ich lieb die Worte“ beinahe in sexuelle Ekstase verfällt oder sich bei einer Lesung von Shakespeare erstmals heillos betrinkt, mimt sie mit vollem Körpereinsatz und erntet beim Schlussapplaus zurecht begeisterten Beifall. Auch Sanne Mieloo bringt ihre burschikose Bea mit Bravour auf die Bühne: Immer einen Ticken stärker, klüger, selbstbestimmter und größer als ihr Ehemann zeichnet sie eine ausgezeichnete Parodie auf das typische Frauenbild des späten Mittelalters und schafft es mit einnehmender Präsenz und großer Stimme, unter anderem in ihrem Solo „Dein Gefolgsmann“, jede Szene ihrer Figur zu einem Highlight zu machen.

Last but not least: Daniela Dett schießt als als Nancy Nostradamus endgültig den Vogel – oder im Falle ihrer Rolle: eher das Huhn – ab. Selten wirkt grenzenloses Overacting so komödiantisch effektiv wie bei Dett, ist die Grenze zu Unglaubwürdigkeit und Fremdscham doch sehr dünn bei solch exzentrischen Rollen. Dett beherrscht den Tanz auf dem Seil und füllt ihre Nostradamus mit genau den richtigen Allüren und Marotten, wählt die gerade noch passende Stimme und Mimik aus und macht damit vor allem den ersten Akt um den Showstopper „Ein Musical“ zu ihrem Spotlight-Moment. Die Abstrusität der sich entfaltenden Geschichte dieser verkappten Hellseherin, in der „Hamlet“ zu „Omelett“ wird und der Löwen-Onkel Scar auf Macavity und Krolock trifft, trägt sie als Verursacherin des Chaos souverän und immer sympathisch auf ihren Schultern.

Eine fantastische Leistung aller beteiligten Gewerke, und nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden Besetzung ein Musical-Pflichtbesuch, der die Hoffnung auf eine Aufnahme dieser deutschsprachigen Erstaufführung laut werden lässt – womöglich zusammen mit dem ebenso grandios dargebotenen „Wonderland“, das man aktuell parallel erleben kann?

 
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KREATIVTEAM
Musik und TexteKarey Kirkpatrick
Wayne Kirkpatrick
BuchKarey Kirkpatrick
John O'Farrell
Deutsche ÜbersetzungRoman Hinze
Niklas Wagner
InszenierungMatthias Davids
Musikalische LeitungTom Bitterlich
ChoreografieKim Duddy
BühneAndrew D. Edwards
KostümeAdam Nee
LichtdesignMichael Grundner
DramaturgieArne Beeker
NachdirigatRaban Brunner
 
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CAST (AKTUELL)
Nick BottomGernot Romic
Nigel BottomLukas Sandmann
Nancy NostradamusDaniela Dett
BeaSanne Mieloo
ShakespeareChristian Fröhlich
PortiaValerie Luksch
Spielmann / RobinEnrico Treuse
Bruder JeremiahKarsten Kenzel
ShylockMax Niemeyer
Lady ClaphamAlexandra-Yoana Alexandrova
EnsembleClaudia Artner
Leon de Graaf
Luuk Hartog
Aeneas Hollweg
Magnus Jahr
Matthew Levick
Susannah Murphy
Astrid Nowak
Liam Solbjerg
Lynsey Thurgar
Matteo Vigna
Elies de Vries
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 15.11.2024 19:30Landestheater, LinzPreview
Sa, 16.11.2024 19:30Landestheater, LinzPremiere
Di, 19.11.2024 19:30Landestheater, Linz
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