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Das Harztheater beweist mit der deutschsprachigen Erstaufführung von „Das Phantom“, dass dieses Musical mit bekanntem Stoff – trotz Abstrichen bei der Partitur von Maury Yeston – gut von einem Dreisparten-Haus mit festem Musiktheater-Ensemble auf die Bühne gebracht werden kann.
Nicht nur die Passanten, sondern auch der „Champagner-König“ genannte Graf de Chandon sind verzückt vom Gesang der jungen Frau, die auf einer Straße der französischen Hauptstadt die „Melodie von Paris“ trällert. Wie gut, dass der Adelige Mäzen der Opéra Garnier ist und ihr dort Gesangsstunden und eine Bühnenkarriere verspricht. Allerdings hat de Chandon die Rechnung ohne die neue Direktion des Hauses gemacht. Der frisch angetretene Geschäftsführer verbannt die hoffnungsvolle Christine Daée als Kostümmädel in die Garderobe der ihm angetrauten, exaltierten Operndiva La Carlotta.
Eingefleischten Fans dürften einige der Namen aus Andrew Lloyd Webbers Mega-Musical „Das Phantom der Oper“ bekannt vorkommen. Seine literarische Vorlage, „Le Fantôme de l’Opéra“ des französischen Journalisten und Schriftstellers Gaston Leroux, inspirierte zu zahlreichen Verfilmungen und Bühnenadaptionen. Zwischen 1975 und 2010 entstanden daraus elf verschiedene Musicalsfassungen. Die jetzt am Harztheater gezeigte Version von Arthur Kopit (Buch) und Maury Yeston (Musik/Texte) grenzt sich schon allein mit seinem Titel von anderen Musicals über den Geist der Pariser Oper ab. Nach seiner Uraufführung 1991 in Houston folgten weltweit mehr als 1.000 Aufführungen. In Deutschland war „Das Phantom“ Mitte der 1990er Jahre lediglich in einigen Städten als Tourneeproduktion zu sehen. Die Inszenierung am Harztheater gilt deshalb als deutschsprachige Erstaufführung an einem Haus mit festem Ensemble.
Kopits und Yestons „Das Phantom“ rückt Eriks tragisches Schicksal ins Zentrum. Als entstellter Sohn des Ex-Operndirektors Gérard Carrière lebt er als Phantom im Verborgenen der Katakomben. Er erkennt das Talent von Christine Daaé und unterrichtet sie, getrieben von seiner Liebe zu Musik und zu seiner Schülerin. Nachdem die eifersüchtige Operndiva La Carlotta Christines Debüt auf der Bühne sabotiert, wandelt sich Erik zum Mörder. Um einer demütigenden Gefangenschaft als Jahrmarktsattraktion zu entgehen, bittet er schließlich um Erlösung und stirbt durch die Hand seines Vaters vor den Augen Christines. Kopits Adaption des Stoffes ist damit sehr tiefgründig mit starken Charakteren angelegt und betont Menschlichkeit statt Monster-Mythos.
Diesen Ansatz setzt Regisseur Marco Misgaiski konsequent fort, indem er die Geschichte geradeheraus erzählt und sich insbesondere im tragischen zweiten Akt auf die Dreiecks-Konstellation Christine, Erik und dessen Vater Gérard fokussiert. Bei der Offenbarung der Verwandtschaft vor Christine wird die Geschichte von Tanzdoubles und einem Kinderdarsteller in der eindrucksvoll-bewegenden Choreografie von Alexander Semenchukov emotional anrührend nacherzählt und gipfelt in einem effektvollem Chor-Tableau mit Mönchsfiguren, die brennende Kerzen in den Händen halten.
Gerade in den tragischen Momenten und bis ins totbringende Finale hinein entfaltet Misgaiskis Regie-Arbeit ihre größte Stärke und sorgt im Zusammenspiel mit der stimmungsvollen Ausleuchtung (Holger Hofmann) für Gänsehautmomente und ein paar Tränchen im Zuschauerraum. Vor der Pause hingegen verfängt sich die Inszenierung allerdings in zu viel Statik in der Personenführung und zu häufiges Frontal-ins-Publikum-Gesinge, das das Stück eher in Richtung operettenhafter Sentimentalität verschiebt. Tiefpunkt ist hier das Liebesduett „Wer hat sich das nur ausgedacht“ im Foxtrott-Takt zwischen Christine und dem Grafen de Chandon, in dem sich auch die Mitglieder von „TanzHarz“ nicht immer synchron agieren.
Ein wahrer Geniestreich hingegen ist das Raumkonzept von Tom Grasshof, das von zwei gewaltigen Treppen dominiert wird. Sie werden von sechs schwarz gewandeten Personen mit weißen Masken bewegt, die, auf dem Besetzungszettel „Treppengeister“ genannt, auch als stille Beobachter wie Gestalten aus Eriks Unterwelt präsent sind. Unermüdlich schieben sie die mobilen Podeste in immer neue Positionen und ermöglichen rasch und effektvoll neue Räume und Auftrittsmöglichkeiten. Im ersten Akt schaut man im Bühnenhintergrund auf das Innere des Opernhauses, dessen Prospekt mit dem Zusammenbruch Christines bei ihrem Debüt und der Entführung von Erik in seine Katakomben effektvoll zu Boden fällt. Nach der Pause unterstreichen Farben im Hintergrund die Tragik der Handlung.
Mit den Harzer Sinfonikern sitzt ein feines Orchester im Graben, das unter der Leitung von Harutyun Muradyan beherzt durch Maury Yestons Partitur gleitet. Allerdings ist das, was die Musiker zu spielen haben, alles andere als ein Geniestreich. Yestons Musik ist zwar opulent, voller großer Melodienbögen und mogelt sich mit Grandezza quer durch die Musiktheater-Genres. Was fehlt sind allerdings veritable Ohrwürmer. Keiner der Songs bleibt im Ohr, alles wirkt beliebig austauschbar und ist ganz schnell wieder vergessen.
Das ist wirklich schade, denn auf der Bühne steht ein gutes, hauseigenes Musiktheater-Ensemble, dessen klassisch geschulte Stimmen gut zur opernhaften Partitur passen. Allen voran ist Bénédicte Hilbert eine wirklich hinreißende Christine Daaé, deren Koloratursopran jeden noch so hohen Ton punktgenau trifft. Auch im Spiel überzeugt die Sängerin und wandelt sich von der scheuen Straßensängerin zur liebenden Frau. Erik, das Phantom mit einer in dieser Inszenierung goldenen Halbmaske vorm Gesicht, ist mit Bariton Michael Rapke ebenfalls glänzend besetzt. Er macht die Zerrissenheit seiner Figur jenseits der Schauergestalt glaubhaft deutlich und fast jeder im Publikum möchte dieses bedauernswerte Geschöpf tröstend in die Arme nehmen. Beeindruckend auch Rapkes Solo gleich nach der Pause, der auch im Duett mit seinem Vater, den Samuel Berlad mit sattem Bass-Bariton gibt, berührt.
Neben all der Tragik, gibt es auch komische Momente im Stück, für die Regina Pätzer als Schreckschraub-Diva La Carlotta eine wahre Idealbesetzung ist. Mit überbordendem Spiel ist sie eine biestige Giftspritze, die sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen lässt und mit ihrem großartig interpretierten Diven-Song im ersten Akt so richtig abräumt. An ihrer Figur toben sich auch Kostümbild (ebenfalls von Tom Grasshof) und Maske (Maria Hader) mit immer neuen übertriebenen Outfits und Frisuren so richtig aus. Vorlagenbedingt etwas blasser ist Gijs Nijkamp als ihr Ehemann Alain und auch der sehr operettentenorige Max An als Christines Mentor Graf de Chardon ist nicht so prickelnd wie der Champagner, den er produziert. Solide besetzt sind die vielen Nebenrollen mit Mitgliedern des Opernchores, der auch als Klangkörper gut aufgestellt ist.
Auch wenn die Begegnung mit dem etwas anderen Opern-Phantom aufgrund seiner Partitur enttäuscht: Dieses Musical auf Basis der bekannten literarischen Vorlage hat aufgrund seiner tiefen psychologischen Ausarbeitung der Charaktere und eines stringenten Buches mehr Beachtung bei der Spielplangestaltung von Theatern im deutschsprachigen Raum verdient.
Musical nach dem Roman „Das Phantom der Oper“ von Gaston Leroux
Buch von Arthur Kopit
Musik und Gesangstexte von Maury Yeston
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musikalische Leitung | Harutyun Muradyan |
| Inszenierung | Marco Misgaiski |
| Ausstattung | Tom Grasshof |
| Choreografie | Alexander Semenchukov |
| Deutsche Übersetzung | Wolfgang Adenberg |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Erik, Das Phantom | Michael Rapke |
| Christine Daeé | Bénédicte Hilbert |
| Philippe Graf de Chandon | Max An |
| La Carlotta | Regina Pätzer |
| Gerard Carrière | Samuel Berlad |
| Alain Cholet | Gijs Nijkamp |
| Inspektor Ledoux | Juha Koskela |
| Jean-Claude | Thomas Kiunke |
| Luciano | Se Jun Park |
| 2. Tenor | Youngwon Yoo |
| Junger Erik | Ole Lösche Lukas Bostelmann |
| Madame Fleure | Amrei Wasikowski |
| Joseph Buquet | Helmut Müller |
| Kulturminister | Volker Jaremko |
| Belladova, Eriks Mutter | Aurora Falsetti |
| Junger Carrière | Thomas Weal |
| Kräuterhexe | Alessia Ricci |
| Treppengeister | Mia Abel Maria Auert Clara Otto Raman Kumar Gupta Hans-Jörg Herold Bernd Kage |
| Ballett | Tanz Harz des Harztheaters |
| Chor | Opernchor des Harztheaters |
| Orchester | Harzer Sinfoniker |
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Fr, 29.05.2026 19:30 | Großes Haus, Quedlinburg |
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| SPIELORTE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 08.05.2026 | Großes Haus, Halberstadt | 1 x |
| 23.05.2026 | Großes Haus, Quedlinburg | 1 x |
| 25.05.2026 | Großes Haus, Halberstadt | 1 x |
| 29.05.2026 | Großes Haus, Quedlinburg | 1 x |
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