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Ein Stück Musicalgeschichte ist zurück in Deutschland: Beim diesjährigen Domplatz Open Air hält mit dem Genre-Meilenstein „Oklahoma!“ der Wilde Westen Einzug auf den Magdeburger Domplatz. Mit einer beeindruckenden Ausstattung, cineastischer Atmosphäre und darstellerischen Höchstleistungen gelingt Erik Petersen eine sehenswerte Inszenierung, die trotz der Patina kurzweilige Unterhaltung bietet .
Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II. revolutionierten mit „Oklahoma!“ das Genre. Was sich zuvor bereits in Werken wie „Show Boat“ andeutete, wurde hier zum Broadway-Erfolg: Musik, Tanz, Gesang und Dialoge waren nicht länger einzelne Attraktionen, sondern eng mit der Handlung verknüpft. Songs dienten nun der Figurenentwicklung und trieben die Geschichte voran, während die bis dahin üblichen Showstopper zunehmend in den Hintergrund rückten. Mit „Oklahoma!“ entstand ein stilprägendes Werk, das das Goldene Zeitalter des Musicals maßgeblich beeinflusste und dessen Wirkung bis heute spürbar ist.
„Oklahoma!“ wurde nach seiner Uraufführung 1943, weniger als 40 Jahre nach der Gründung des gleichnamigen Bundesstaates und dem Ende der Frontier-Ära, erstmals 1951 auf Englisch in Berlin und 1973 auf Deutsch in Münster gezeigt. Fast 50 Jahre nach seiner Erstaufführung in Magdeburg kehrt das selten gespielte Werk nun als Open-Air-Produktion in einer rundum stimmigen Übersetzung von Jens Luckwaldt dorthin zurück. Für ein heutiges Publikum birgt das Stück allerdings einige Herausforderungen: Der ausgeprägte Fortschrittsglaube, die Idealisierung des Wilden Westens und die teilweise überholten Rollenbilder erschweren den Zugang zu dem stark von seiner Entstehungszeit geprägten Stoff. Hinzu kommen veränderte Sehgewohnheiten, die es klassischen Stoffen zunehmend erschweren, ein breites Publikum anzusprechen. Umso größer ist die Herausforderung für die Regie, den Stoff zeitgemäß zu präsentieren, ohne die Vorgaben des Verlags und die Grenzen des Buches zu verlassen. Nach den modernen Erfolgen der vergangenen Jahre erweist sich die Rückkehr von „Oklahoma!“ auf den Domplatz daher gleichermaßen als Wagnis und Chance.
Lose angebunden an die Gründung des aus dem sogenannten Indian Territory hervorgegangenen Bundesstaates erzählt das auf Lynn Riggs’ Theaterstück „Green Grow the Lilacs“ (1931) basierende Musical die Liebesgeschichte zwischen der Farmerin Laurey und dem Cowboy Curly, die sich den Spannungen zwischen Farmern und Ranchern widersetzen. Der gefährliche Eigenbrötler Jud wirbt ebenfalls um Laurey, sodass er mit Curly um ihre Hand konkurriert, die sinnbildlich durch die Ersteigerung ihres Picknickkorbs beim Stadtfest gewonnen werden kann. Für seichtere Töne sorgt das Liebesdreieck zwischen dem naiven Will, der liebestollen, von ihrem Bruder Andrew bevormundeten Ado Annie und dem charmanten Krämer Ali Hakim, während Tante Eller die Gemeinschaft mit wachem Blick zusammenhält.
Das Theater Magdeburg hat sich mit seinen Freilichtproduktionen landesweit einen Namen gemacht und zählt nicht zuletzt aufgrund seiner opulenten Bühnenausstattungen zu den wichtigsten Open-Air-Stätten für das Genre Musical. Auch dieses Jahr hat sich das Haus selbst übertroffen: Dirk Hofacker hat ein Bühnenbild geschaffen, das wie ein Filmset der goldenen Hollywood-Ära oder ein Western mit John Wayne wirkt und seine visuelle Opulenz mit Symbolkraft verbindet. Die Bühne zeigt eine klassische Frontier-Ortschaft: Links stehen die in Erdtönen gehaltenen Farmhäuser, rechts die weißen Ställe und Heuschuppen der Rancher. Die Rivalität zwischen beiden Gruppen setzt sich bis auf den mittig geteilten Bühnenboden aus trockener Erde und Stroh fort, ehe sie in den verbindenden Momenten des Stücks zugunsten einer US-Flagge aus Sternen und Streifen verschwindet. Zwischen beiden Siedlungsteilen befindet sich ein großer LED-Bildschirm, auf dem Prärielandschaften, Sonnenauf- und -untergänge, Innenräume und Traumwelten erscheinen. Auf Schienen davor fahren zudem eine Dampflokomotive sowie ein Post- und Krämerwagen über die Bühne. Curlys zauberhaft ruppiges Pferd trabt im Hintergrund vorbei, Funken sprühen und Feuer lodern; es werden Schießübungen gemacht, Klingen geschärft, Holzscheite gehackt und Heuballen gestapelt – so gibt es in dieser Inszenierung stets viel zu sehen. Durch Erik Petersens Regievision wirken Hofackers großartiges Bühnendesign, Ronny Wagners Videodesign sowie die differenzierten Lichteinstellungen so eng verzahnt, dass ein durchgehendes cineastisches Erlebnis entsteht – fast wie ein Hollywoodfilm der Golden Era, nur live auf der Bühne.
Unter Petersens Regie entsteht eine emotional stark wechselhafte Inszenierung, in der intensive und teils drastische Szenen auf heitere und leichtere Momente treffen. Durch eine nahbare Figurenzeichnung gelingt es dem Regisseur mit der Besetzung das angestaubte Storytelling für ein heutiges Publikum greifbarer zu machen. Die Motive der Figuren werden klar herausgearbeitet, wodurch insbesondere die Geschlechterrollen des Stücks neu perspektiviert werden. Den grundsätzlichen Problematiken des Stoffes entkommt die Inszenierung dabei nur begrenzt, dennoch gilt: So modern war „Oklahoma!“ in Deutschland selten zu sehen. Wer sich auf die Darbietungen und die starke Visualität einlässt, erlebt einen Abend, der in Erinnerung bleibt.
Zur visuellen Wirkung der Inszenierung tragen neben Lukas Pirmin Wassmanns wunderbar verspielten, zeitgenössischen Kostümen auch die Choreographien von Sabine Arthold maßgeblich bei. Vor allem die Akt-Opener, die große Festszene im zweiten Akt und das intensive Traumballett am Ende des ersten Aktes zählen zu den Höhepunkten des Abends. Die stilistisch in die Zeit der Handlung passenden Choreographien verbinden Volkstanz, Ballett und zeitgenössische Elemente und wecken Reminiszenzen an Filmmusicals der auslaufenden Vaudeville-Ära wie „Girl Crazy“, „The Harvey Girls“ oder „Annie Get Your Gun“. Die energiegeladene Ausführung, an die unterschiedlichen Fähigkeiten von Tanzensemble, Musicalgästen, Opernchor und Statisterie angepasst, sorgt dabei stets für ein harmonisches Gesamtbild. Die intensiven Kampf- und Übergriffsszenen bilden dabei einen deutlichen Kontrast zu den ausgelassenen Tanznummern und gelingen besonders eindrücklich.
Neben Bühnenbild und Choreographie gehört auch das Ensemble zu den großen Stärken der Magdeburger Produktion von „Oklahoma!“. Die Darstellerinnen und Darsteller übernehmen verschiedene Rollen zwischen Farmern, Ranchern, Cowboys, Festgesellschaft und Revuefiguren und tragen gemeinsam mit Ballett, Opernchor und Statisterie wesentlich zur lebendigen Atmosphäre des Abends bei.
Sascha Laue sorgt als Andrew Carnes mit seinen Wutausbrüchen für etliche komische Momente, Jeanett Neumeister überzeugt als Gertie Cummings mit markant-witziger Bühnenpräsenz, während Andrew Chadwick seinen Will Parker als naiv leidenschaftliche Figur anlegt, die zudem hervorragend steppen kann. Kara Kemeny setzt als Ado Annie Carnes bewusst überzeichnete Akzente einer Lebefrau, Jan Ungar gestaltet den Krämer Ali Hakim mit Spielfreude und ironischer Leichtigkeit, wodurch er zum Publikumsliebling avanciert.
Alexander Auler bildet als Jud Fry den düsteren Gegenpol und verleiht der Figur eine intensive, psychologisch aufgeladene Tiefe, die über eine bloße antagonistische Darstellung deutlich herausgeht. Besonders die Szenen mit Curly und Laurey gelingen ihm dermaßen bedrückend und emotional aufwühlend, dass das Magdeburger Publikum mit einem Mal mucksmäuschenstill wird.
Nicky Wuchinger als Curly McLain und Sabrina Weckerlin als Laurey Williams besitzen eine Bühnenchemie, die das seichte Buch und die glatte Liebesgeschichte von Hammerstein merklich übersteigt. Während Wuchinger dem kessen Westernhelden und anbetungswürdigen Traummann Ecken, Kanten und Selbstzweifel verleiht, zeichnet Weckerlin ihre Laurey als weit mehr als das naive Liebchen des Buches: Trocken humorvoll und mit einer Prise Zynismus gestaltet sie die Figur als innerlich zwiegespaltene Frau zwischen Anziehung und Selbstbestimmung. Vor allem in den düsteren Szenen des zweiten Aktes wird deutlich, warum Weckerlin zu den profiliertesten Musicalschauspielerinnen Deutschlands gehört. In den Momenten, in denen Laurey Gewalt erfährt und einen Umgang mit den Übergriffen finden muss, zeigt sie eine rohe Intensität, die Alexander Aulers Verkörperung von Jud ebenbürtig ist. Auch den Melodien von Rodgers zwischen schwelgender Musical-Klassik und beschwingter Western-Folk-Fiedelei, die unter Pawel Papławskis Leitung vom Orchester souverän interpretiert werden, entlockt sie Phrasierungen, die viele der über 80 Jahre alten Passagen nicht nur zeitlos, sondern verblüffend modern klingen lassen.
Kerstin Ibald gelingt als Tante Eller Murphy ein Rundum-Coup. Die Figur der unerschrockenen, zuweilen renitenten Matriarchin der Frontier-Gemeinde scheint ihr auf den Leib geschrieben: Mal behauptet sie sich mit trocken-burschikoser Souveränität gegen die Männerriege, mal wird sie mit subtil mütterlicher Aura und der Weisheit einer Frau, die Tragik und Triumph kennt, zur Stütze für ihre Nichte und die Gemeinschaft. Ob mit vorsintflutlich gezogener Schrotflinte, als Anstandsdame auf dem Heuwagen oder mit melancholischem Harmonikaspiel auf der Veranda im Sonnenuntergang – ihre Auftritte bleiben im Gedächtnis. Besonders die Momente, in denen eigene Wunden und Sorge um Laurey und die Zukunft der Gemeinde durchscheinen, trägt sie wesentlich zum schauspielerischen Niveau der Inszenierung bei und gibt der Zuspitzung in Auktionsszene und Hochzeit zusätzliches Gewicht.
Mit einem letzten „Yeehaaw!“ endet eine insgesamt stimmige und visuell starke Open-Air-Produktion, die dem Stück trotz seiner inhaltlichen Problematiken eine eindrückliche Bühne bietet. Die Inszenierung überzeugt dabei vor allem durch ihre starke Bildsprache und die geschlossene Ensembleleistung und hinterlässt einen Abend, der seine Wirkung vor allem aus der Kraft der Umsetzung bezieht.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musikalische Leitung | Paweł Popławski |
| Regie | Erik Petersen |
| Bühne | Dirk Hofacker |
| Kostüm | Lukas Pirmin Wassmann |
| Choreografie | Sabine Arthold |
| Dramaturgie | Ulrike Schröder |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Tante Eller Murphy | Kerstin Ibald |
| Laurey Williams | Sabrina Weckerlin |
| Curly McLain | Nicky Wuchinger |
| Jud Fry | Alexander Auler |
| Ado Annie Carnes | Kara Kemeny Belén Edelmann |
| Ali Hakim | Jan Ungar |
| Will Parker | Andrew Chadwick |
| Gertie Cummings | Jeanett Neumeister |
| Andrew Carnes | Sascha Laue |
| Ike | Belén Edelmann Jenny Gerlich |
| Fred | Dominik Wojtasik |
| Cord | Rhys George Fabio Kopf |
| Bob | Felix Klärner Cedric Polzin |
| Sam | Pawel Stanislawow |
| Ensemble | Belén Edelmann Rhys George Fabio Kopf Dominik Wojtasik |
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| Mi, 01.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| Do, 02.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| Fr, 03.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| Sa, 04.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| So, 05.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| Mi, 08.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| Do, 09.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| Fr, 10.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| Sa, 11.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg | |
| So, 12.07.2026 21:00 | Domplatz, Magdeburg |
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 19.06.2026 - 12.07.2026 | Domplatz, Magdeburg | 18 x |
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