| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte |
Kaum ein neues Musical hat sein Publikum in den vergangenen Jahren so nachhaltig bewegt wie „The Little Big Things“. Die englischsprachige Non-Replica-Produktion im Amsterdamer Carré Theater beweist eindrucksvoll, weshalb. Mit einer herausragenden Besetzung, einer außergewöhnlichen visuellen Sprache und großer emotionaler Kraft entsteht ein Theaterabend, der lange nach dem Schlussapplaus nachhallt. Das Musical ist nicht bloß die Geschichte eines schweren Schicksalsschlags, es erzählt von Resilienz, Familie, Selbstfindung und Inklusion – universell, berührend und erstaunlich lebensbejahend.
Nach der Uraufführung 2023 im Londoner @sohoplace und drei Olivier-Award-Nominierungen gewann das Werk durch den 2024 erschienenen Live-Mitschnitt und das Original-Cast-Album schnell internationale Aufmerksamkeit. Nun gastiert es für wenige Wochen im Rahmen der Jubiläumsreihe „Broadway in Carré“ erstmals in Amsterdam. Regisseurin Ola Mafaalani orientiert sich zwar sichtbar an der Londoner Inszenierung, entwickelt mit ihrem Kreativteam jedoch eine eigenständige Bildsprache, die niemals versucht, das Original zu kopieren. Eine Konstante bleibt Ed Larkin, der bereits in London Theatergeschichte damit schrieb, als erster Rollstuhlfahrer eine Musicalhauptrolle zu kreieren, und diese Rolle nun erneut übernimmt.
Basierend auf Henry Frasers Autobiografie erzählt das Musical von einem jungen Mann, dessen Leben nach einem Tauchunfall von Grund auf verändert wird. Paralysiert ab den Schultern verliert Henry nicht nur seine sportliche Zukunft, sondern muss seine gesamte Identität neu definieren. Ebenso betroffen sind seine Eltern und drei Brüder, deren unterschiedliche Wege im Umgang mit Schuld, Hilflosigkeit und Trauer genauso viel Raum erhalten wie Henrys eigene Entwicklung.
Das Herzstück von Joe Whites klug konstruiertem Buch ist die Begegnung zweier Versionen derselben Figur: Henry steht ständig mit seinem jüngeren Ich vor dem Unfall im Dialog. Diese ‚Sliding Door Moments‘ machen Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig erlebbar und verleihen der Traumaverarbeitung eine außergewöhnliche Darstellungsform. Schritt für Schritt entdeckt Henry neue Perspektiven, neue Ziele und schließlich auch die Fähigkeit, sich selbst anzunehmen, ohne den Menschen zu verleugnen, der er einmal war. Dabei begleiten ihn seine Jugendliebe Katie, seine Ärztin Doctor Graham sowie Physiotherapeutin Agnes, deren eigene Erfahrungen mit Behinderung Henry zu einer neuen Sicht auf das Leben verhelfen.
White gelingt dabei die bemerkenswerte Balance zwischen Tragik und Optimismus. Die schwersten Aspekte von Henrys Schicksal – Wiederbelebungen, künstliche Beatmung oder die vollständige Verzweiflung seiner Eltern – werden bewusst nur angedeutet. Statt das Publikum mit Leid zu überwältigen, richtet das Musical den Blick auf den langen, oft widersprüchlichen Prozess der Heilung. Gerade darin liegt seine besondere Stärke.
Auch musikalisch spiegelt Nick Butchers Partitur diesen Weg eindrucksvoll wider. Wiederkehrende Motive und Reprisen führen durch Henrys Gedankenwelt, während sich Pop, Folk, Gospel, R&B und große Chorklänge zu einem emotional dichten Klangbild verbinden. Eingängigkeit entsteht dabei weniger durch klassische Musicalhits als durch die emotionale Entwicklung der Musik selbst, die Henrys innere Reise feinfühlig begleitet.
Visuell gelingt Mafaalani eine ebenso beeindruckende Neuinterpretation. Das Carré Theater wurde im Saal vollständig umgebaut; die Zuschauer umgeben die Bühne von allen Seiten, wodurch sich die Grenzen zwischen Bühne und Publikum immer wieder auflösen. Sämtliche Szenen funktionieren unabhängig vom Blickwinkel, zugleich eröffnen wiederholte Besuche neue Perspektiven auf die detailreiche Inszenierung.
Während Colin Richmond das preisgekrönte Londoner Bühnenbild entwarf, entwickelt Ruben Wijnstock gemeinsam mit Timo Arling für Amsterdam eine eigene, beinahe filmische Bildwelt. An die Stelle der spektakulären Flugszenen des Originals tritt eine kreisförmig angeordnete, von oben herabrauschende Wasserfontäne im Zentrum der Bühne. Umgeben von Wasser begegnet Henry dort den prägendsten Erinnerungen seines Lebens – Bilder von großer poetischer Kraft, die den emotionalen Kern des Stücks eindrucksvoll sichtbar machen.
Bart van den Heuvel erweitert das Lichtkonzept auf den gesamten Zuschauerraum und macht das Theater selbst zum Teil von Henrys Gefühlswelt. Mit jeder Farbe, die Henry im Laufe seiner Entwicklung zurückgewinnt, verändert sich auch der Raum um ihn herum. Bodenprojektionen, Laser und Marc de Meijers Videodesign erschaffen psychologische Landschaften, in denen Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste sichtbar werden. Eine von der Decke herabsinkende Rundum-Gaze dient als Projektionsfläche für Henrys Kunstwerke, während weiße Federn und Lichtstimmungen den emotionalen Höhepunkten poetische Bilder verleihen. Trotz dieser opulenten Wirkung kommt die Inszenierung mit erstaunlich wenigen realen Bühnenelementen aus: Zentral bleibt das Krankenhausbett, das wie ein ständiger Schatten über Henrys Geschichte schwebt und immer wieder an den Ursprung seines Traumas erinnert.
Auch Zyanya Keizers Kostümbild folgt konsequent dem visuellen Konzept. Während Henrys Welt zunehmend in kräftigen Farben erstrahlt, verändert sich auch Katies Erscheinungsbild. Aus der idealisierten Jugendliebe wird Schritt für Schritt ein Mensch mit eigenen Unsicherheiten und körperlichen Besonderheiten, wodurch deutlich wird, wie ähnlich sich beide Figuren tatsächlich sind.
George Francis und Xander Vrienten (Musical Supervisor und Musikalischer Leiter) führen Ensemble und Orchester souverän zusammen. Jasper Slijderinks siebenköpfige Band, unter einer Zuschauertribüne platziert, interpretiert Nick Butchers facettenreiche Partitur mit großer Sensibilität und Dynamik. Eric Nelissens Sounddesign verbindet filmische Wucht mit beeindruckender Transparenz und trägt entscheidend zur emotionalen Intensität des Abends bei.
Ebenso überzeugend sind die Choreografien von Alice Sheppard und Chiara Re. Partysequenzen, große Ensemblenummern und ausdrucksstarke Rollstuhlchoreografien gehen fließend ineinander über. Besonders die intimen Szenen zwischen Henry und Katie zeigen eindrucksvoll, wie Bewegung Gefühle ausdrücken kann, für die Worte nicht ausreichen. Choreografie, Licht, Musik und Bühnenbild greifen dabei so selbstverständlich ineinander, dass die Produktion als echtes Gesamtkunstwerk erscheint.
Ihre vielleicht größte Stärke entfaltet die Inszenierung jedoch im selbstverständlichen Umgang mit Diversität. Behinderung wird weder erklärt noch dramatisiert oder symbolisch überhöht. Menschen mit und ohne Behinderung stehen gemeinsam auf der Bühne, erzählen gemeinsam Geschichten und prägen gemeinsam die Ästhetik der Produktion. Gerade diese Normalität macht „The Little Big Things“ zu einem der wichtigsten inklusiven Musicals der Gegenwart.
Dazu trägt auch die internationale, divers besetzte Company entscheidend bei. Alwin Knijp, Valerie Gwyneth Lai, Vivian Gomez Cardoso, Rijanne Mink, Julia Bronkhorst, Sam Stephen und Imke van Putten bilden ein Ensemble, das weit mehr ist als bloße Begleitung der Hauptfiguren. Immer wieder werden die Darsteller zu sichtbaren Spiegeln innerer Zustände, verkörpern Erinnerungen, Ängste oder Hoffnung und verleihen der Inszenierung zusätzliche emotionale Ebenen. Besonders Imke van Putten beeindruckt mit spektakulären Rollstuhlchoreografien, während Valerie Gwyneth Lai durch ihre kraftvolle Stimme herausragt.
Silyan el Kattabi verleiht Agnes Ehemann Marco viel Charme und Wärme. Noch stärker prägt jedoch Tessa Jonge Poerink den Abend. Mit trockenem Humor, liebevoller Beharrlichkeit und großer Natürlichkeit macht sie Agnes zu einer der wichtigsten Figuren des Stücks. Ihr „Part of the Plan“ gehört zu den bewegendsten Momenten der Aufführung. Ebenso eindrucksvoll überzeugt Sarah-Jane Wijdenbosch als Doctor Graham, die mit „Work of Heart“ Hoffnung und Lebensmut selbst in Henrys dunkelsten Stunden entfacht.
Henrys drei Brüder wurden in der besuchten Vorstellung von Tom Nye, Jurriaan Brunner und Francisco Schuster mit großer Authentizität gezeichnet. Gemeinsam verkörpern sie eine Familie, die zwischen Hilflosigkeit, Verantwortung und bedingungsloser Liebe ihren eigenen Weg finden muss. Während Will darunter leidet, die Sportkarriere fortsetzen zu dürfen, die Henry verloren hat, ringt Tom mit Schuldgefühlen und dem Anspruch, die Familie zusammenzuhalten. Dom wiederum muss lernen, das neue Leben seines Bruders zu akzeptieren. Selbst humorvolle Szenen dienen letztlich dazu, ihre Beziehung zu vertiefen. Besonders im Wechsel zwischen „What I Need“ und „Sympathy“ wird deutlich, wie glaubwürdig das Musical ein Familienbild zeichnet, das auf Offenheit, Fehlerkultur und gegenseitigem Verständnis basiert.
Lucia Zemene verleiht Katie eine angenehme Mischung aus Unsicherheit, Wärme und Selbstbewusstsein. Als junge Frau mit Beinprothese begegnet sie Henry auf Augenhöhe und macht deutlich, dass Verletzlichkeit keineswegs einseitig ist. Zwar wurde ihre Rolle gegenüber der Londoner Originalproduktion etwas gekürzt, dennoch entwickelt Zemene einen nachvollziehbaren Charakterbogen und überzeugt insbesondere im Aktfinale „The World Is Waiting“ auch gesanglich.
Liam Tobin, der am Vorstellungsabend Edwin Joker ersetzt, gestaltet Henrys Vater Andrew mit großer Zurückhaltung. Seine Flucht in die Arbeit entspringt weniger Verdrängung als dem verzweifelten Wunsch, seinem Sohn neue Perspektiven zu eröffnen. In „Miles and Miles“ findet diese Entwicklung ihren emotionalen Höhepunkt, als Andrew Henry ermutigt, seine Zukunft nicht länger im Sport, sondern in der Kunst zu suchen. Joy Wielkens ergänzt ihn als Mutter Fran mit einer ebenso eindringlichen Darstellung. Nach ihrem Zusammenbruch in „One to Seventeen“ kämpft sie sich Schritt für Schritt zurück ins Leben und hält die Familie trotz eigener Verzweiflung zusammen. Ihr Porträt einer Mutter, die sich zeitweise selbst verliert und dennoch niemals aufgibt, berührt nachhaltig.
Im Mittelpunkt stehen jedoch Djavan van de Fliert und Ed Larkin als jüngerer bzw. älterer Henry. Was zunächst wie zwei völlig gegensätzliche Figuren wirkt, wächst im Verlauf des Abends immer stärker zusammen und wird zum Sinnbild von Traumabewältigung und Selbstakzeptanz. Beide Darsteller entwickeln diese Annäherung mit beeindruckender Präzision. Van de Fliert begeistert besonders in „Feel Like This“ und dem ergreifenden „Silence of the Sea“, während Larkin seiner Figur eine bemerkenswerte Wahrhaftigkeit verleiht. Seine Interpretation von „Why?“ zählt ebenso zu den emotionalen Höhepunkten wie seine insgesamt außergewöhnlich nuancierte Darstellung, die gegenüber der Londoner Uraufführung sogar noch an Tiefe gewonnen hat.
„The Little Big Things“ feiert Menschlichkeit, Zusammenhalt und die Kraft, selbst aus tiefsten Krisen neue Perspektiven zu entwickeln. Als Plädoyer für Inklusion und als eindringliche Erinnerung daran, Unterschiede nicht nur zu akzeptieren, sondern zu würdigen, gehört das Werk zu den bedeutendsten Musicals der vergangenen Jahre. Die Amsterdamer Produktion wird diesem Anspruch in jeder Hinsicht gerecht. Mit ihrer eindrucksvollen Bildsprache, ihrer außergewöhnlichen Besetzung und ihrer großen emotionalen Ehrlichkeit gelingt ihr ein ebenso bewegender wie inspirierender Theaterabend.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Regie | Ola Mafaalani |
| Musik | Nick Butcher |
| Liedtexte | Nick Butcher Tom Ling |
| Buch | Joe White |
| Choreografie | Alice Sheppard Chiara Re |
| Bühnenbild | Ruben Wijnstok |
| Kostümbild | Zyanya Keizer |
| Lichtdesign | Bart van den Heuvel |
| Sounddesign | Eric Nelissen |
| Videodesign | Marc de Meijer |
| Musikalische Leitung | George Francis |
| Musikalische Leitung & Bandleitung | Xander Vrienten |
| Musikalische Leitung | Jasper Slijderink |
| Resident Director | Chyramain van Kempen |
| Technische Koordination | Marco Hartendorf |
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Man Henry Fraser | Ed Larkin |
| Boy Henry Fraser | Djavan van de Fliert |
| Fran Fraser | Joy Wielkens |
| Andrew Fraser | Edwin Jonker |
| Agnes | Tessa Jonge Poerink |
| Katie | Lucia Zemene |
| Dr. Graham | Sarah-Jane Wijdenbosch |
| Tom Fraser | Winny Herbert |
| Will Fraser | Jurriaan Bruinier |
| Dom Fraser | Francisco Schuster |
| Ensemble | Sam Stephen |
| Ensemble | Liam Tobin |
| Ensemble | Vivian Gomez Cardoso |
| Ensemble | Valerie Gwyneth Lai |
| Ensemble | Kris Berry |
| Ensemble | Silyan El Kattabi |
| Ensemble | Tom Nye |
| Ensemble | Floris Meijer |
| Ensemble | Imke van Putten |
| Swing | Alwin Knijp |
| Swing | Rijanne Mink |
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| GALERIE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|

| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| TERMINE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| keine aktuellen Termine |
|---|
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| SPIELORTE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.

