Eine neue Fernsehsessel-Kolumne zu schreiben kann wie das Öffnen der Büchse der Pandora sein. Ich denke erst, ich sehe mir einfach einen Film an, mache ein paar Notizen, recherchiere einige Punkte nach und ruckzuck ist der Text fertig. Doch dann kommt während des Ansehens des Films der "Warte mal"-Moment. Ich stelle mir Fragen, ich wühle in Büchern und in den Tiefen des Internets und fördere immer mehr Dinge zu Tage. Diesmal kam dieser Moment, als ich mich fragte, warum ich nahezu alle Charaktere in "A Chorus Line" entweder unsympathisch oder einfach nur langweilig finde. Es muss doch einen Grund geben, warum das mal die erfolgreichste und am längsten laufende Show am Broadway war, dessen Buch sogar mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Also kremple ich meine Ärmel hoch und los geht’s!
"All singing, all talking, all dancing!“ Diesmal mache ich eine Zeitreise - knapp 100 Jahre zurück ins Jahr 1929 - zum allerersten Filmmusical überhaupt. "The Broadway Melody“ war noch dazu der erste Tonfilm, der mit dem Oscar als "Bester Film" ausgezeichnet wurde, und die erfolgreichste Produktion des Jahres. Ein von der damaligen Kritik bejubelter Blick auf die Hollywood-Version der Roaring Twenties vor der Großen Depression, der durch seine neue Technik das Publikum von den Sitzen riss.
Dezember bedeutet: Märchenzeit für mein Fernsehsessel-Programm. Zwar ist "Die tollkühne Hexe" kein Märchen im klassischen Sinn, sondern die Verfilmung eines Kinder-Fantasyromans, aber es geht um Hexen und Zauberei - das genügt mir, um in die Kategorie zu passen. Der Streifen hat eine ziemlich holprige Entstehungsgeschichte und die Disney-Studios gingen ganz schön rabiat mit ihm um, was dazu führte, dass die Songs schreibenden Sherman-Brüder nie mehr für Disneyfilme arbeiteten. Trotzdem besitzt er dank eines tollen Ensembles und der Mischung aus Real- und Animationsfilm Charme und unterhält ausgesprochen gut. Eigentlich überraschend, denn die Eingriffe und Schnitte sind unübersehbar.
In diesem trüben Monat habe ich mich für bunte Unterhaltung entschieden. "Bells Are Ringing" ist eins dieser "Hab nur den Namen mal gehört“- Musicals, die heute kaum noch zu sehen sind. In einigen deutschen Theatern lief es unter dem Titel "Ein Engel in der Leitung". Die Hauptrolle in der Verfilmung von 1960 übernahm die Schauspielerin, für die es kreiert wurde und die es am Broadway zum Hit machte. Die Filmversion ist ein Denkmal für die vielen Talente der Judy Holliday.
Julie Andrews feierte gerade ihren 90. Geburtstag. Das nehme ich zum Anlass, mich näher mit ihrem Comeback-Film "Victor / Victoria" zu beschäftigen. Genauer gesagt: auch mit dessen Wurzeln. Ich befasse mich in dieser 'Fernsehsessel'-Ausgabe gleich mit vier Filmen, denn Blake Edwards‘ Meisterwerk ist das dritte Remake eines deutschen Films von 1933. Mich interessiert, ob – und wenn ja, wie sehr – sich die verschiedenen Verfilmungen von "Viktor und Viktoria" von der ersten UFA-Fassung bis zur Hochglanz-Hollywood-Version beeinflusst haben. Ich kann schon mal verraten: Spuren des deutschen Originals finden sich selbst in der knapp 50 Jahre später gedrehten US-Version wider.
Die Mutter aller Kultfilme wird 50 – 1975 flimmerte „The Rocky Horror Picture Show“ zum ersten Mal über die Leinwand! Mit dem Begriff „Kult“ wird für meinen Geschmack etwas zu inflationär umgegangen, aber dieser Film trägt dieses Etikett zu Recht. Zuschauer verkleiden sich, es gibt Zwischenrufe und Publikumsaktionen. Der Film ist eigentlich nur Anlass für die im Saal stattfindende Party. Aber funktioniert er auch einfach nur so im heimischen Wohnzimmer – ich allein in meinem Fernsehsessel, nicht in Frank'n'Furter-Corsage, ohne Wasserpistole und ohne Reis zu werfen? Okay, vielleicht singe ich ein kleines bisschen mit …
Als ich die Verfilmung von "Anatevka" zum ersten Mal gesehen habe, war ich ziemlich verwundert. Ich wusste grob, dass es um den jüdischen Milchmann Tevje und seine Familie in einem Dorf geht, und erwartete gefällige Unterhaltung mit folkloristischer Musik. Dass die Geschichte zutiefst tragisch ist und man eigentlich drei Stunden dabei zusieht, wie Tevjes Welt auseinanderbricht, wusste ich nicht. Norman Jewisons Verfilmung hält sich zwar eng an die Vorlage von Jerry Bock (Musik), Sheldon Harnick (Songtexte) und Joseph Stein (Buch), geht aber formal weg von der stilisierten Optik des Broadway-Originals hin zu einem fast dokumentarischen, um Authentizität bemühten Realismus. Für das Medium Film eine gute und mutige Entscheidung.
Nachdem ich gerade Stephen Sondheims letztes Werk "Here We Are" in London gesehen habe, kehre ich für meinen Fernsehabend zu seinem ersten zurück. Die Verfilmung an sich ist eine Hommage an den Slapstick-Humor der Stummfilmzeit (passenderweise mit Buster Keaton in einer Nebenrolle) mit hohem Tempo und Gags im Sekundentakt. Das ist irre lustig – nur der Musical-Charakter kommt dabei unter die Räder.
Meine heutige Wahl ist ganz schön naheliegend. Filme für Weihnachten gibt es unzählige, bei Ostern sieht es anders aus. Das dachte man sich auch bei MGM und sah eine Marktlücke. Ein Musical nur mit Liedern von Irving Berlin war sowieso gerade in Planung und sein Song "Easter Parade" kam ihnen da gerade recht. Herausgekommen ist ein typisches MGM-Musical – große Bilder, großer Aufwand, große Stars. Ein Klassiker des Genres!
Es war ein letztes, trotziges Aufbäumen des alten Hollywood, als die Oscar-Academy "Oliver!“ zum besten Film des Jahres 1968 kürte. Aus heutiger Sicht wegweisende Filme wie "Rosemaries Baby", "Planet der Affen" oder "2001 – Odyssee im Weltall" hatten es erst gar nicht unter die letzten fünf Hauptpreis-Nominierten geschafft. Womöglich fühlten sich die Stimmberechtigen in Gegenwart von Kindertaschendieben wohler als bei Satanisten, in einer von Affen beherrschten Welt oder auf einer Raumstation, wo keiner verstand, worum es da eigentlich ging. Ich begebe mich also via Fernseher ins England der 1830er Jahre, dorthin, wo es am schmuddeligsten ist.
