Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Die Mutter aller Kultfilme wird 50 – 1975 flimmerte „The Rocky Horror Picture Show“ zum ersten Mal über die Leinwand! Mit dem Begriff „Kult“ wird für meinen Geschmack etwas zu inflationär umgegangen, aber dieser Film trägt dieses Etikett zu Recht. Zuschauer verkleiden sich, es gibt Zwischenrufe und Publikumsaktionen. Der Film ist eigentlich nur Anlass für die im Saal stattfindende Party. Aber funktioniert er auch einfach nur so im heimischen Wohnzimmer – ich allein in meinem Fernsehsessel, nicht in Frank’n’Furter-Corsage, ohne Wasserpistole und ohne Reis zu werfen? Okay, vielleicht singe ich ein kleines bisschen mit …
„Rocky Horror“ verbinde ich mit meiner Schulzeit. Wie der Soundtrack zur „Hair“-Verfilmung lief die Musik in meiner Klasse in Dauerschleife und es gab keine Party ohne „Time Warp“. Der Filmclub in der kleinen Stadt zeigte jedes Jahr einmal den Film im Kulturzentrum und im Publikum ging es zu wie bei den legendären Vorführungen in New York und München – na ja … vielleicht auch das im Kleinstadtformat … ich verkläre das womöglich ein wenig …
Zuerst beleuchte ich kurz die Bühnenwurzeln dieses Kino-Phänomens: Der seinerzeit arbeitslose Schauspieler Richard O’Brien schrieb Anfang der 1970er das Musical, um sich zu beschäftigen. Er war ein großer Fan von B-Filmen, besonders Science-Fiction und Horror. Mit Hilfe typischer Klischees dieser Genres strickte er die Geschichte von dem unschuldigen, verklemmten Paar Janet und Brad, die nach einer Autopanne in einem unheimlichen Schloss landen, das von – wie sich später herausstellt – Außerirdischen vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania bevölkert wird. Ihr Anführer Frank’n’Furter schafft sich in bester Frankenstein-Manier den künstlichen Muskelmann Rocky Horror. Uraufführung war 1973 im kleinen, zum Royal Court Theatre gehörenden Theatre Upstairs. Dann zog die erfolgreiche Produktion in größere Theater um und schaffte schon im Jahr darauf den Sprung in die USA; zuerst nach Los Angeles, wo 20th Century Fox auf das Stück aufmerksam wurde und eine Verfilmung auf den Weg brachte.
Jim Sharman, Regisseur der Produktionen in London und Los Angeles, wurde auch für die Leinwandversion engagiert, ebenso Autor, Komponist und Riff Raff-Darsteller O’Brien. Das Filmstudio wollte Stars wir Mick Jagger, David Bowie oder Cher (Elvis Presley wurde laut Meat Loaf sogar schon angefragt und bekundete Interesse an der Rolle des Eddie), doch Sharman bestand auf den Londoner Original-Cast. Man einigte sich auf die Besetzung von Janet und Brad mit US-Amerikanern und ein kleineres Budget.
Ohne die Original-Darsteller von Janet und Brad gesehen zu haben, bin ich mit Susan Sarandon und Barry Bostwick aber sehr zufrieden. Sie wirken wie ein blitzsauberes Provinzpaar – doch auch den Ausbruch ihrer verdrängten Sehnsüchte nimmt man ihnen ab. Während Bostwick als Original-Danny in „Grease“ schon Musicalerfahrung hatte, konnte Sarandon nichts dergleichen vorweisen. Ihr Vater, ein Big-Band-Sänger, hatte ihr sogar das Singen verboten, weil sie keine schöne Stimme hätte. Ja, sie ist ein bisschen dünn und für eine Live-Aufführung wäre sie sicher nicht geeignet, aber in diesem Rahmen bin ich – im Gesamtpaket mit ihrer Darstellung – voll zufrieden. Weil das Filmset während der Dreharbeiten im winterlichen England keine Heizung hatte, noch dazu feucht war und Sarandon die meiste Zeit in Unterwäsche herumlaufen musste, holte sie sich beim Dreh eine Lungenentzündung. Das und der Druck, als Sängerin zu versagen, machten die Dreharbeiten für sie nicht besonders angenehm, auch wenn sie sich heute dazu versöhnlicher äußert.
Meat Loaf war auch nicht Teil der Londoner Produktion, aber er hatte Eddie in Los Angeles gespielt – bzw. Eddie und Dr. Scott. Die Rollen wurden ursprünglich mit dem gleichen Schauspieler besetzt, was die verwandtschaftliche Beziehung der beiden nochmal deutlicher macht. Seit der Verfilmung ist die Trennung der beiden Rollen gang und gäbe. Der ursprüngliche Erzähler Jonathan Adams übernahm jetzt Dr. Scott, der Erzähler – oder „Kriminologe“, wie er hier heißt – wurde an Charles Gray vergeben. Mir gefällt an seiner Darstellung dieses sarkastische Lächeln, das immer seine Lippen umspielt, und der Unterton in seiner sonoren Stimme, der wie ein gruseliger Märchenerzähler „Achtung, gleich passiert was“ andeutet. Peter Hinwood als Rocky Horror wurde eher nicht wegen seiner darstellerischen Fähigkeiten besetzt und sein Gesang wurde von Trevor White gedoubelt. Hinwood war Model, kein Schauspieler, und agiert entsprechend unbeholfen, gibt dem künstlichen Super-Mann aber eine verletzliche Naivität. Richard O’Brien übernahm wieder die von ihm kreierte Figur des Riff Raff, Patricia Quinn Magenta und Little Nell Columbia. „Dr. Scott“ John Adams kann mit einer wohlklingenden und O’Brien mit einer vielfältigen Stimme aufwarten, während Quinn vor allem auf Sprechgesang ausweicht und Little Nell quietscht. Aber sie haben Präsenz und Ausstrahlung.
Tim Curry ist eine Liga für sich. Er hat Frank’n’Furter so nachdrücklich seinen charismatischen Stempel aufgedrückt, dass man sich schwertut, diese Figur einmal in einer anderen Interpretation zu sehen. Curry ist kalt, großspurig, ironisch, sexy, verzweifelt – und dabei immer großartig.
Diesmal fällt mir beim Ansehen des Films die Optik besonders auf. Vielleicht liegt es auch an dem ausgesprochen guten und farbenfrohen Bild der Blu-ray. Die Lippen bei „Science Fiction / Double Feature“ wirken auf mich so obszön rot und voll vor dem schwarzen Hintergrund wie noch nie, genau wie die ebenfalls rote Schrift beim Vorspann. Das Labor ist durch seine rosa Wandfarbe zwar ein Hingucker, insgesamt ist es mir die Ausstattung in diesem Setting zu kahl. Das mag am Budget gelegen haben. Andere Räume des Schlosses finde ich sehr gut ausgestattet, auch das Zimmer des Kriminologen, wo es bei jeder Sequenz etwas Neues im Hintergrund zu entdecken gibt.
Kino-Nerds haben ja schon an „Science Fiction / Double Feature“ mit den vielen Anspielungen auf alte B-Streifen ihre Freude, aber im gesamten Film verstecken sich Referenzen. Da sind die Logos großer Filmstudios versteckt – von Columbias Micky-Maus-Ohren für Disney oder dem Warner-Bros.-Symbol auf einem Wappenschild bis zu – am offensichtlichsten – dem RKO-Funkturm bei der Floor Show. Als Frank’n’Furters Schloss nutzte man Oakley Court, das schon für diverse Horror-Produktionen des legendären Hammer Studios genutzt wurde. Eddie hat auf der einen Hand „LOVE“ und auf der anderen „HATE“ tätowiert, wie Robert Mitchum als psychopathischer Mörder in „The Night of the Hunter“ („Die Nacht des Jägers“, 1955). Und Rockys Erschaffung wurde „Frankenstein“ von 1931 nachempfunden, was meiner Meinung nach aber nicht so gut gelungen ist wie in „Young Frankenstein“ („Frankenstein junior“, 1974), weil das Umfeld rosa-steril und nicht steinmauern-modrig ist.
Aber auch andere Details finde ich schön, etwa die Schreibfehler in Eddies Brief an Dr. Scott, das auf dem Boden des Pools bei der Floor Show zu sehende „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo, die Aufschrift „Titanic“ auf Frank’n’Furters Rettungsring „Titanic“ und dass die Kirchenhelfer das Kreideherz, das Brad an die Kirchentür malt, direkt im Bildhintergrund wieder wegwischen. Diese Kirchenhelfer sind schon Riff Raff und Magenta, gekleidet wie das seltsame Paar auf dem Gemälde „American Gothic“ von Grant Wood – die dreizackige Mistgabel, die der Mann auf dem Bild und der verkleidete Riff Raff im Film hält, benutzt letzterer am Ende leicht verändert als Waffe gegen Frank’n’Furter und Rocky.
Peter Suschitzkys Kameraarbeit hat Licht und Schatten. Sie ist oft sehr agil, wählt wirkungsvolle Blickwinkel und beispielsweise Frank’n’Furters Sprung durch Nebel in den Pool sieht fantastisch aus. Dafür sind die Songs „Eddie‘s Teddy“ (obwohl mit schönen Zwischenschnitten zu Eddies Vergangenheit) und „Superheroes“ ziemlich statisch gefilmt. Auch das wahrscheinlich aus Kostengründen, denn um im Zeitrahmen zu bleiben, konnten die meisten Szenen nicht mehrmals und aus verschiedenen Blickwinkeln gedreht werden.
Als „The Rocky Horror Picture Show“ in die Kinos kam, interessierte das kaum jemanden. Nicht verwunderlich für die Verfilmung eines der breiten Masse unbekannten Musicals, dessen Inhalt nicht gerade das durchschnittliche Kinopublikum abholte. Um wenigstens ein bisschen Geld zu machen, vermarktete Fox sie als „Midnight Movie“. In diesen Spätvorstellungen liefen surreale Nischenproduktionen, aber vor allem billig produzierte Action-, Horror- und Sexfilme vor einem ziemlich speziellen Publikum. Und hier begann der Siegeszug von „Rocky Horror“. Von New York aus verbreitete sich der Kult nach und nach in den USA und schließlich in Europa. „The Rocky Horror Picture Show“ ist wohl der am längsten im Kino laufende Film der Geschichte – auch dank der Münchener Museum Lichtspiele, wo er seit 1977 einmal pro Woche läuft.
„The Rocky Horror Picture Show“ ist schon ein Kind ihrer Zeit. Musikalisch bewegt sie sich zwischen Glam Rock und traditionellem Rock’n’Roll. Inhaltlich hat Richard O’Brien alles reingepackt, was damals in der Subkultur kreuchte und fleuchte – ein Fest für Exzentriker, Freigeister, Film-Nerds, Avantgarde-Künstler und die queere Community. Dabei kann die Handlung mit Fug und Recht als holprig bezeichnet werden. Das Bühnenstück war erst zu kurz und wurde durch immer neue Elemente auf eine abendfüllende Länge gestreckt. So kam beispielsweise der „Time Warp“ in die Show. Aber wer sich an fehlender Stringenz oder flachen Figuren stört, ist hier eh falsch. Hier erwartet den Zuschauer ein Spektakel, das sich seiner Schwächen bewusst ist und einfach schrilles Vergnügen bereiten will.
Der Film ist weiß Gott nicht perfekt; hier und da hätten die Dialoge um ein paar Sätze gekürzt werden dürfen und einige Mängel sind den knappen Finanzen geschuldet. Aber selbst ohne mein Wohnzimmer verwüstet zu haben, hatte ich viel Spaß beim Wiedersehen mit Frank’n’Furter und seinem Gefolge.
Und auch wenn es völlig abgelutscht ist – ich kann’s mir nicht verkneifen: „Don’t dream it, be it!“
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