Company © Matt Crockett
Company © Matt Crockett

Avenue Q (seit 03/2026)
Shaftesbury Theatre, London

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Es gibt Musicals, die altern mit Würde, und es gibt „Avenue Q“: Die Puppen-WG, die vor genau zwanzig Jahren erstmals das Londoner West End unsicher machte, kehrt zum Jubiläum ins Shaftesbury Theatre zurück – und wirkt dabei so frisch, als hätten Princeton, Kate Monster und Co. gerade erst ihr College-Diplom in der Tasche. Dass diese komplette Spielzeit überhaupt zustande kam, ist wohl dem überwältigenden Erfolg der konzertanten Jubiläums-Fassung vor einiger Zeit zu verdanken, die bewiesen hat: London hat immer noch verdammt große Lust auf politisch unkorrekten Filz. Der Humor schlägt nach wie vor präzise unter die Gürtellinie, wurde aber punktuell und behutsam an den heutigen Zeitgeist angepasst. Diese sprachlichen Nuancen wirken keineswegs wie eine weichgespülte Zensur, sondern holen die prekäre Lebenswelt der New Yorker Vorstadt schlüssig ins Hier und Jetzt. Es ist eine Rückkehr, die sich weniger wie ein nostalgischer Pflichttermin und viel mehr wie ein bitterböses, herrlich entspanntes Klassentreffen anfühlt. 

Dass die Inszenierung im Shaftesbury Theatre wie eine perfekt geölte Maschine abläuft, ist kein Zufall: Mit Jason Moore steht der Regisseur der Broadway-Uraufführung am Ruder, der das Ensemble mit traumwandlerischer Sicherheit durch die „Avenue Q“ führt. Die Show erlaubt sich keinerlei Längen und setzt konsequent auf das, was sich bereits seit Jahrzehnten bewährt hat – bis hin zum Einsatz der Original-Puppen von Rick Lyon. Faszinierend ist dabei die technische Varianz der Charaktere: Während einige Figuren von einer einzelnen Person geführt werden, benötigt der WG-Mitbewohner Nicky zwei Spieler, was ihm eine herrlich ausschweifende, beinahe menschliche Handgestik verleiht. In besonders bewegungsintensiven Momenten – wie dem Song „Special“, in dem Lucy the Slut eine akrobatische Glanzleistung an der Tanzstange vollführt – greifen sogar drei Puppenspielerinnen gleichzeitig in das Plüsch-Getriebe. Eine besondere handwerkliche Raffinesse offenbart sich in den fliegenden Wechseln: Da die Akteure teilweise mehrere Charaktere bedienen, müssen die Puppen mitten in der Szene den Besitzer wechseln. Dass dieser Vorgang beinahe unsichtbar bleibt und die stimmliche Identität der Figur dabei vollkommen bruchlos erhalten bleibt, zeugt von der enormen Präzision des Ensembles. Die Darsteller selbst agieren dabei keineswegs nur als unsichtbare Anhängsel im Hintergrund. Obwohl konsequent in Schwarz gekleidet, unterstützen sie die Szenen mit einer Mimik, die das starre Gesicht der Puppen emotional spiegelt und erweitert. Dieser Kniff funktioniert erstaunlich organisch: Schon nach wenigen Minuten gelingt es, die menschlichen Akteure optisch auszublenden und sie nur noch in jenen Momenten bewusst wahrzunehmen, in denen ihre Mimik die Wirkung der Szene entscheidend verstärkt. 

Visuell setzt die Produktion im Shaftesbury Theatre konsequent auf das bewährte Design von Anna Louizos. Die Häuserfassade der „Avenue Q“ fungiert dabei wie ein überdimensionales Puppenhaus: Sobald eine Szene in einem der Apartments spielt, öffnet sich ein Fenster und gibt den Blick auf einen Raum frei, der im Verhältnis zu den Figuren fast schon komisch klein wirkt. Diese bewusste Reduktion dient lediglich als räumliche Referenz; das eigentliche Spiel verlagert sich organisch nach vorne auf die Bühne. Gerade durch diese funktionale Einfachheit gewinnen die wenigen groß angelegten Effekte enorm an Strahlkraft. Wenn sich etwa die Betten in einer Traumsequenz wie Raumschiffe in den Bühnenhimmel erheben und ein dichter Sturm aus Seifenblasen den Saal flutet, entsteht ein wunderbarer Kontrast zur sonst eher statischen Straßenkulisse. Es ist genau dieser Wechsel zwischen stilisiertem Minimalismus und plötzlichem Ausstattungs-Spektakel, der die Inszenierung passend für den West-End-Rahmen macht, ohne dabei den charmanten Off-Charakter des Stücks zu verraten. 

Obwohl die drei menschlichen Charaktere Brian (Oliver Jacobson), Christmas Eve (Amelia Kinu Muus) und Gary (Dionne Ward-Anderson) rollendeckend und mit großer Spielfreude agieren, gebührt das Rampenlicht zweifellos den Puppen und ihren Lenkern. Jacobson verleiht seinem Brian eine sympathische Trägheit, die in ihrer körperlichen Präsenz fast schon an Doug Heffernan aus der Sitcom „King of Queens“ erinnert, während Ward-Anderson als Gary durch eine enorme Nahbarkeit punktet. Kinu Muus wiederum kostet die komödiantischen Spitzen der Christmas Eve schauspielerisch voll aus.

Die eigentliche darstellerische Offenbarung ist jedoch Noah Harrison. In der Doppelrolle als Princeton und Rod liefert er eine Leistung ab, deren Mimik allein bereits einen Theaterbesuch wert wäre. Harrison gelingt das Kunststück, den beiden Figuren völlig eigenständige Profile und Stimmen zu verleihen, die zwar tief im nostalgischen Klangkosmos der „Muppet Show“ verwurzelt sind, aber dennoch individuell und frisch wirken. Charlie McCullagh hat es mit der monsterhaften Stimmfarbe des Trekkie-Monsters und dem eher klassischen Puppen-Sound von Nicky rollenbedingt zwar etwas leichter, die charakterliche Trennung scharf zu zeichnen, überzeugt aber mit punktgenauem Timing. Emily Benjamin bildet als Kate Monster und Lucy the Slut das emotionale und stimmliche Kraftzentrum des Abends. Während sie als Kate durch eine feine, pointierte Mimik für zahlreiche Lacher sorgt, fährt sie im Song „Special“ schwere Geschütze auf: Mit einer kräftigen, rauchigen Show-Stimme demonstriert sie eine beeindruckende gesangliche Reichweite und verleiht der verruchten Lucy eine Präsenz, die den Saal im Handumdrehen einnimmt. 

Die musikalische Basis der Produktion bildet eine fünfköpfige Band, die während der gesamten Show verborgen bleibt und sich erst zum Schlussapplaus dem Publikum zeigt. Unter einem mitreißenden Drive spielen die Musiker mit viel Schwung und treffen exakt das Tempo, das die Pointen der Geschichte benötigen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Abmischung sorgt dafür, dass die Textverständlichkeit trotz der teils rasanten Songs und der charakteristischen Puppenstimmen stets gewahrt bleibt. So entsteht ein Sound, der die satirischen Songs nicht nur begleitet, sondern den Rhythmus der „Avenue Q“ maßgeblich mitbestimmt. 

Beim Verlassen des Shaftesbury Theatre bleibt die Erkenntnis, dass Filz und Plüsch oft die ehrlichsten Spiegel für unsere eigenen Unzulänglichkeiten sind. Auch nach zwei Jahrzehnten hat „Avenue Q“ nichts von seiner entwaffnenden Direktheit verloren; das Stück nutzt die nostalgische Ästhetik der Kindheit, um die harten Wahrheiten des Erwachsenwerdens mit einer beispiellosen Leichtigkeit zu verhandeln. Wer wissen will, warum das Leben mit Mitte zwanzig (oder vierzig) immer noch keinem Masterplan folgt, findet hier zwar keine Lösungen – aber zumindest die tröstliche Gewissheit, mit diesem Chaos nicht allein zu sein.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
InszenierungJason Moore
Music Supervisor / ArrangementsStephen Oremus
Puppen-Konzeption & -DesignRick Lyon
BühneAnna Louizos
ChoreographieEbony Molina
Musikal. LeitungBenjamin Holder
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Kate Monster / Lucy the SlutEmily Benjamin
Princeton / RodNoah Harrison
Mrs T / Bad Idea BearMeg Hateley
BrianOliver Jacobson
Nicky / Trekkie Monster / Bad Idea BearCharlie McCullagh
Christmas EveAmelia Kinu Muus
Gary ColemanDionne Ward-Anderson
CompanyJasmine Beel
Jonathan Carlton
Angelis Hunt
Lesley Lemon
Jessica Niles Kadi
Joshua Williams-Ward
  
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TERMINE
Mo, 01.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
Di, 02.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
Mi, 03.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
Do, 04.06.2026 14:30Shaftesbury Theatre, London
Do, 04.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
Fr, 05.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
Sa, 06.06.2026 14:30Shaftesbury Theatre, London
Sa, 06.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
Mo, 08.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
Di, 09.06.2026 19:30Shaftesbury Theatre, London
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SPIELORTE
20.03.2026 - 03.01.2027Shaftesbury Theatre, London329 x
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