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Mit „Die Weiße Rose“ haben Vera Bolten und Alex Melcher ein Meisterwerk geschaffen, auch wenn sein Sujet für das Genre zunächst ungewöhnlich wirken mag. Die figurenzentrierte Erzählweise der aufwühlenden Geschichte und die durchweg ausgesprochen emotionalen Songs lassen die wohlbekanntesten Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime besonders zugänglich wirken. Gleichzeitig scheinen die Figuren dem heutigen Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Die künstlerische Umsetzung der Inszenierung setzt sowohl von Seiten der Darstellenden als auch von allen Abteilungen hinter der Bühne eigene Maßstäbe.
„Die Weiße Rose“ wurde 2025 siebenmal mit dem Deutschen Musical Theaterpreis, u.a. in den Kategorien Bestes Musical, Bestes Buch und Bestes musikalisches Gesamtbild ausgezeichnet. Beim Schreiben des Buches und der Songtexte orientierten sich Vera Bolten und Alex Melcher stark an Briefen, Tagebucheinträgen und Zeitzeugenberichten. Die Figuren wirken so ausgesprochen authentisch und facettenreich. Sophie ist als Figur am nahbarsten und stellt das breiteste Identifikationsangebot dar; vielleicht genau deshalb, weil zahlreiche der verwendeten Quellen tatsächlich auf Sophie Scholl zurückgehen. Die eigentlich chronologische Erzählung, konzentriert sich zunächst vor allem auf die Geschwister Scholl. Bei der Einführung neuer Mitglieder der Weißen Rose wird die Chronologie der Erzählung von einer Sequenz der am Ende weiter ausgeführten Verhörszene kurz unterbrochen:
Das Publikum lernt die Geschwister Scholl als jugendliche Anhänger Hitlers kennen. Mit zunehmender Reife und unter dem ansteigenden Druck der Nationalsozialisten sowie der Kriegssituation stellen Hans und Sophie gemeinsam mit ihren Freunden immer mehr das faschistische Regime infrage. Die Weiße Rose fordert mit Flugblättern Frieden und die Freiheit im Denken ein und ruft nachdrücklich zum Widerstand auf. Dabei setzen ihre Mitglieder ihr Leben aufs Spiel.
Boltens Buch und Regie rücken die einzelnen Figuren in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Charaktere treten nicht nur vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse auf, sondern als junge Menschen mit ihren individuellen Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten: Bolten erzählt u.a. von der verliebten Sophie, die um ihren Verlobten an der Ostfront bangt. Dadurch, dass die Figuren rundum menschlich, mit all ihren Emotionen, dargestellt werden, wird die Gelegenheit genutzt, heute, in immer unsicherer werdenden politischen Zeiten, auch junge Menschen mit dem harten Stoff in Berührung zu bringen: Es finden an ausgesuchten Terminen Schülervorstellungen statt und entsprechendes Unterrichts-Begleitmaterial wird auf der Homepage zur Verfügung gestellt.
Die Songtexte konzentrieren sich auf innere Monologe und Briefwechsel, die oft wörtliche Zitate sind. Musikalisch greift Alex Melcher mit seinen Kompositionen die alles untergrabende rechtsextreme Stimmung mit harten Beats auf. Melcher bedient sich sämtlicher musikalischer Stilrichtungen. Alexander Schmorell (gespielt von Adam Demetz) bringt beispielsweise mit wütender Rockröhre seinen inneren Schmerz zum Ausdruck, den der Feldzug gegen Russland in ihm auslöst („Barbarossa“). Romantische Briefwechsel zwischen Sophie und Fritz dagegen werden stimmig von zunehmend weniger beschwingten Walzerklängen begleitet („Harter Geist, Weiches Herz“). Die Musik fungiert außerdem als begleitendes Instrument verschiedener Szenen. So erzählt ein scheinbar nicht enden wollender, spitzer Ton vom Nachhall der Erfahrung an der Front. Die scheinbar zeitlose Musik trägt auch dazu bei, die Story auf eine aktuelle Deutungsebene zu heben.
Mit vollem Klang und stets sauber austariert wird die abwechslungsreiche Partitur von einer achtköpfigen Band unter der Leitung von Johannes Still vorgetragen. Die Musiker:innen sitzen hinter schwarzer, zeitweise mit von Jens Hahn skizzierten Szenenbildern bespielter Gaze im Bühnenhintergrund.
Bühnenaufbau und -ausstattung von Marcus Bendel sind gegenständlich auf ein sinnstiftendes Minimum reduziert und lassen viel Raum für Interpretationen. Die Farbe Schwarz dominiert das Set und unterstreicht die düstere Lebenswirklichkeit der Charaktere durch den Einfluss der nationalsozialistischen Politik, die in alle Lebensbereiche eingreift. Zwölf bewegliche Holzklötze werden immer wieder neu zusammengestellt. Sie schaffen Handlungsräume, zeigen Grenzen auf oder dienen als Einrichtungsgegenstände. Ein erhöhter Steg befindet sich im Backdrop. Oberhalb der zweiten Ebene befindet sich eine weitere Projektionsfläche, auf die historische Daten sowie Propaganda-Videos projiziert werden.
Die Kostüme von Franziska Wüst sind ebenfalls in zeitlosem Schwarz gehalten. Die Damen tragen Kittelkleider und Tellerröcke. Die Herren sind mit Stoffhosen und einfachen Oberteilen ausgestattet. Mit wenigen Accessoires wie Halstüchern und braunen Lederjacken gelingt es den Darstellenden, rasch die Rolle zu wechseln. Farbige Akzente wie die Mäntel der jungen Studentinnen zeugen davon, dass sie von der gewünschten Norm offensichtlich abweichen.
Die Choreographien von Bart de Clercq folgen oft von einem harten Stakkato-Stil, wenn von der Unterwanderung der Gesellschaft erzählt wird – sowohl durch den Nationalsozialismus wie auch von der Widerstandsbewegung, die mit zunehmender Deutlichkeit erstarkt. Wenn die Mitglieder der Weißen Rose nicht politisch agieren, werden ihre Bewegungen jedoch ganz weich.
Ausnahmslos alle Rollen sind hervorragend besetzt: In der besuchten Vorstellung verkörpert Christian Bock Hans Scholl und zeichnet authentisch dessen Entwicklung vom naiven Hitlerjungen bis hin zum tapferen Widerstandskämpfer. Michaela Thurner zeigt mit ihrer Sophie Scholl die Figur mit der größten und beeindruckendsten Entwicklung auf: Sophie ist fast noch ein Kind, als die Geschichte beginnt, und entwickelt sich mit all ihren Facetten und mit großer Leidenschaft zur verliebten jungen Frau, zur wissbegierigen Studentin und zugleich zur fragenden, nach Antworten suchenden Widerständlerin. Adam Demetz verleiht Alexander Schmorell mit seiner Interpretation ebenfalls viel Leidenschaft und Impulsivität. Albert Gaßmann lässt seinen Christoph Probst besonnen und doch kühn auftreten. Mit hitzigem Kampfgeist zeichnet Julius Störmer seinen Willi Graf, der scheinbar nie zur Ruhe kommt. Martin Planz wechselt während einer Drehung zwischen den Rollen von Robert Scholl und dem loyalen Professor Huber. So stellt Planz mit beiden Figuren einen ruhigen Halt für die jungen Erwachsenen dar. Wolfram Föppl zeigt die Entwicklung von Sophies Verlobten, Fritz Hartnagel, vom überzeugten Berufssoldaten bis hin zum geläuterten Kriegsveteran. Lutz Thase gibt sich in verschiedenen Antagonisten-Rollen wie einem Beamten der Gestapo, dem „Blutrichter“ Roland Freisler oder einem nationalsozialistischen Redner treffend arrogant, unerbittlich und kalt. Tamara Köhn, Claudia Dilay Hauf und Juliette Lapouthe tragen in kleineren Rollen die Schwere des historischen Dramas treffend mit.
„Die Weiße Rose“ ist weit mehr als ein Stück Erinnerungskultur und hervorragendes Musiktheater. Das Stück weist über die historisch nachvollziehbaren Ereignisse hinaus und zeigt auf, wie fragil Freiheit, Zivilcourage und Menschlichkeit eigentlich sind. Der Ausgang der Geschichte ist nur schwer zu ertragen, und wirkt umso nachhaltiger, weil er Fragen an die Gegenwart stellt. Die besondere Ästhetik der Inszenierung schafft den Mitgliedern der Weißen Rose ein würdiges Denkmal.
Noch mehr Informationen zu „Die Weiße Rose“ findet ihr in unserem Interview mit Vera Bolten und Alex Melcher.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Cast (Historie) | Galerie | Termine | Spielorte | ||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musik, Songtexte, Musical Supervision | Alex Melcher |
| Buch, Songtexte, Regie | Vera Bolten |
| Choreographie | Bart de Clercq |
| Musical Supervision | Marc Tritschler |
| Sound | Sven Raff |
| Musikalische Leitung | Johannes Still |
| Illustrationen | Jens Hahn |
| Lichtdesign | Andreas Hönig |
| Regieassistenz | Ana Wybkea Gutschke |
| Bühnenbau | Marcus Bendel |
| Kostüme | Franziska Wüst |
| Maske | Maja Storbeck |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| =2026= | ||||
|---|---|---|---|---|
| Sophie Scholl | Friederike Zeidler | |||
| Hans Scholl | Jonathan Guth | |||
| Inge Scholl | Juliette Lapouthe | |||
| Traute Lafrenz | Tamara Köhn | |||
| Magdalena Scholl | Claudia Dilay Hauf | |||
| Willi Graf | Julius Störmer | |||
| Robert Scholl, Prof. Kurt Haber | Martin Planz Alexander von Hugo | |||
| Fritz Hartnagel | Louis Dietrich | |||
| Alexander Schmorell | Adam Demetz | |||
| Gestapo-Beamter, Roland Freisler | Daniel Berger | |||
| Christoph Probst | Albert Gaßmann | |||
| Swing (Sophie, Inge, Traute) | Michaela Thurner | |||
| Swing (Hans, Alex) | Christian Bock Nikko Forteza | |||
| Swing (Christoph, Fritz, Willi) | Wolfram Föppl | |||
| Swing (Gestapo-Beamter, Roland Freisler) | Lutz Thase | |||
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| CAST (HISTORY) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| =2025= | ||||
|---|---|---|---|---|
| Sophie Scholl | Friederike Zeidler | |||
| Hans Scholl | Jonathan Guth | |||
| Inge Scholl | Juliette Lapouthe | |||
| Traute Lafrenz | Tamara Köhn | |||
| Magdalena Scholl | Claudia Dilay Hauf | |||
| Willi Graf | Julius Störmer | |||
| Robert Scholl, Prof. Kurt Haber | Martin Planz | |||
| Fritz Hartnagel | Oliver Natterer | |||
| Alexander Schmorell | Adam Demetz | |||
| Gestapo-Beamter, Freisler | Daniel Berger | |||
| Christoph Probst | Maximilian Aschenbrenner | |||
| Swing (Sophie, Inge, Traute) | Michaela Thurner | |||
| Swing (Hans, Alex Willi, Christoph) | Christian Bock | |||
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| SPIELORTE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 28.06.2025 - 30.06.2025 | Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen | 3 x |
| 03.07.2025 - 06.07.2025 | Deutsches Theater, München | 6 x |
| 10.07.2025 - 27.07.2025 | Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen | 6 x |
| 10.06.2026 - 13.06.2026 | Admiralspalast, Berlin | 5 x |
| 17.06.2026 - 21.06.2026 | Capitol Theater, Düsseldorf | 7 x |
| 02.07.2026 - 05.07.2026 | Deutsches Theater, München | 6 x |
| 09.07.2026 - 18.07.2026 | Festspielhaus Neuschwanstein, Füssen | 9 x |
| 22.07.2026 - 26.07.2026 | Theaterhaus, Stuttgart | 7 x |
| 28.07.2026 - 02.08.2026 | Philharmonie, Köln | 7 x |
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