LJ Benet (Michael), Ali Louis Bourzgui (David), Brian Flores (Marko), Dean Maupin (Paul), Sean Grandillo (Dwayne) © Matthew Murphy
LJ Benet (Michael), Ali Louis Bourzgui (David), Brian Flores (Marko), Dean Maupin (Paul), Sean Grandillo (Dwayne) © Matthew Murphy

The Lost Boys (2026)
Palace Theatre, New York

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Joel Schumachers The Lost Boys gehört zu jenen Filmen, die kaum stärker nach den Achtzigern aussehen könnten: Vampire, Teenager, Lederjacken, viel Haarspray und ein Rock-Soundtrack treffen auf eine Geschichte zwischen Horror und Komödie. Fast vierzig Jahre nach dem Kinostart findet der Kultfilm nun als Musical mit Musik und Liedtexten von The Rescues seinen Weg an den Broadway. Die Bühnenfassung hält sich dabei nicht sklavisch an ihre Vorlage: Figuren wurden weggelassen oder verändert, Beziehungen neu gewichtet und insbesondere der Humor anders verteilt. Das funktioniert hervorragend, führt allerdings zu einem auffälligen tonalen Bruch. Während der erste Akt die Geschichte ausgesprochen ernst erzählt, schlägt das Pendel nach der Pause deutlich stärker in Richtung Komödie aus, bevor das Finale zur düsteren Grundstimmung zurückkehrt. Dem Unterhaltungswert schadet das kaum: Eine hervorragende Besetzung und eine inszenatorisch äußerst starke Umsetzung machen den Abend trotz kleiner Schwächen im Buch zu einem echten Broadway-Highlight.

Nach der Trennung ihrer Eltern ziehen Michael und Sam Emerson mit ihrer Mutter Lucy ins kalifornische Santa Carla. Während Michael dort der geheimnisvollen Star und dem charismatischen David begegnet und immer tiefer in die Welt der Lost Boys gerät, verbündet sich Sam mit den selbsternannten Vampirjägern Edgar und Alan Frog – denn hinter Davids Clique verbirgt sich weit mehr als nur eine rebellische Jugendgang. Interessanter ist, wie sie Michaels Orientierungslosigkeit zuspitzen. Seine Beziehung zu David ist unterschwellig romantisch aufgeladen, obwohl er sich gleichzeitig in Star verliebt. Was zunächst irritiert, lässt sich als Teil von Davids Verführung lesen: Michael sucht seinen Platz und fühlt sich gerade deshalb zu diesem charismatischen Versprechen von Freiheit und Zugehörigkeit hingezogen.

Michael Arden inszeniert die Geschichte mit einem ausgesprochen sicheren Gespür für große Effekte und kleine Schreckmomente. Da genügt ein donnernder Schlag, das Theater versinkt in Dunkelheit und plötzlich flackert auf der Bühne lediglich ein Fernseher mit einer Nachrichtensendung auf. Diese einfachen Tricks greifen die Ästhetik des Achtzigerjahre-Horrors wirkungsvoll auf, ohne sie zur Retro-Parodie zu machen. Spektakulärer sind die Flugszenen der Lost Boys. Zwar bleiben die Seile sichtbar, doch die Flugchoreografie lässt die Bewegungen ungewöhnlich elegant und fließend wirken. Besonders eindrucksvoll gerät Michaels Sprung in die Tiefe: Während die Lost Boys zuvor im Bühnenboden verschwinden, hebt sich bei seinem Sprung die Brücke nach oben. Dichter Nebel verdeckt die Flugtechnik und Michael schwebt erstmals frei über die Bühne – ein starkes Bild, das zugleich seinen Eintritt in die Welt der Lost Boys markiert.

Das Bühnenbild von Dane Laffrey erinnert daran, wie viel Spaß ein klassisches Blockbuster-Musical machen kann. Statt auf Reduktion setzt die Produktion auf eine Bühnentechnik, die beinahe permanent in Bewegung ist. Von oben, unten und den Seiten fahren innerhalb weniger Sekunden Elemente herein und formen Spielorte: das mehrstöckige Haus der Emersons, die unterirdische Unterkunft der Vampire oder einen verlassenen Rummelplatz. Andere Orte wie die Brücke über der Schlucht werden dagegen nur angedeutet. Die Übergänge bleiben flüssig und entwickeln einen beinahe filmischen Rhythmus. Dabei bleibt die Ausstattung konsequent im Zeitgefühl der Achtzigerjahre verankert, ebenso wie auch Ryan Parks Kostüme und das Haar- und Perückendesign von David Brian Brown: Die Lost Boys erscheinen mit Leder, Nieten und wilden Frisuren wie eine Mischung aus Punk-Gang und Rockband, während Edgar und Alan Frog in Camouflage-Outfits als selbsternannte Vampirjäger auftreten. Star hebt sich mit ihren langen Rastas deutlich von der Punkästhetik der übrigen Vampire ab und nimmt visuell eine Sonderstellung ein.

Zur großen Stärke des Abends wird die nahezu ideal besetzte Hauptrollenriege. Allen voran erweist sich LJ Benet als Michael als echte Entdeckung. Sein Pop-Rock-Tenor erinnert mit seinem warmen Schmelz und dem kontrollierten Überschlagen in den Höhen stellenweise an einen jungen Michael Ball – eine Stimme, die wie gemacht scheint für diesen Score. Umso erstaunlicher, dass Benet bei den Tony Awards nicht einmal eine Nominierung erhielt.

Ali Louis Bourzgui, der für seinen David mit dem Tony ausgezeichnet wurde, gibt den Anführer der Lost Boys als charismatischen Verführer. David muss Michael nicht mit Gewalt in seine Welt ziehen, weil Bourzgui ihn mit selbstbewusster Präsenz und unterschwelliger Bedrohlichkeit umgarnt. Maria Wirries begegnet Michael als Star zunächst demonstrativ abweisend – eine Schutzschicht, die Risse bekommt, sobald sie sich in ihn verliebt. Auch gesanglich ist sie mit ihrer Pop-Rock-Stimme hervorragend in der musikalischen Welt von The Rescues aufgehoben.

Benjamin Pajak kostet als Sam die komödiantische Seite des zweiten Akts mit großer Spielfreude aus. Sein bewusst campiges „Superpower“ entwickelt sich dabei zum veritablen Showstopper. Shoshana Bean stattet Lucy mit beinahe unerschöpflicher Energie aus: Sie wirbelt als unerschütterliche Optimistin über die Bühne und lässt in ihren Songs ihre charakteristische Powerstimme aufblitzen. Dass sie dafür mit dem Tony Award ausgezeichnet wurde, überrascht kaum.

Auch die kleineren Rollen überzeugen: Miguel Gil und Jennifer Duka spielen die Frog Brothers mit herrlich trockenem Ernst und tragen einen großen Teil des Humors. Dabei macht die Bühnenfassung aus dem Brüderpaar des Films eine augenzwinkernde Gender-Spielerei: Alan wird hier zur weiblichen Figur, dennoch bestehen die beiden gegenüber dem irritierten Sam konsequent darauf, die ‚Frog Brothers‘ zu sein. Auch die übrigen Lost Boys und Paul Alexander Nolan als Max fügen sich präzise ins Ensemble ein.

The Rescues greifen musikalisch tief in die Achtzigerjahre-Kiste, ohne ihren Score zur Retro-Kopie werden zu lassen. Die Songs entwickeln eine eigenständige und wiedererkennbare Musiksprache, die immer wieder mit musikalischen Motiven arbeitet. So begleitet etwa ein wiederkehrendes Motiv Davids Versuche, Michael in die Welt der Lost Boys zu locken. Einzelne Songs besitzen echtes Hitpotenzial: „Belong to Someone“ etwa dürfte in den kommenden Jahren zum Standard auf Musical-Konzerten und Compilation-Alben werden.

Auch Lucys Songs sind stark geschrieben und werden von Shoshana Bean hervorragend interpretiert. Ihre schiere Anzahl verschiebt den Fokus allerdings stärker auf die Mutterfigur, als es der Geschichte guttut. Die Band treibt den Score mit enormer Energie voran; auch die Arrangements greifen konsequent den Sound der Achtziger auf. Dazu passt eine kraftvolle, bewusst laute Abmischung, die eine hervorragende Textverständlichkeit bewahrt. Besonders gelungen ist die Balance zwischen den donnernden Schockeffekten und dem warmen, harmonischen Klangbild der Balladen.

Vampire und der Broadway führten bislang keine besonders glückliche Beziehung. „Dance of the Vampires“, Frank Wildhorns „Dracula“ und Elton Johns „Lestat“ verschwanden schnell wieder von den New Yorker Spielplänen, während sich ihre Artgenossen auf deutschsprachigen Musicalbühnen seit Jahren erstaunlich wohlfühlen. „The Lost Boys“ könnte diesen Broadway-Fluch nun brechen. Michael Ardens Produktion bringt alles mit, um sich am Palace Theatre nicht nur zum Erfolg zu entwickeln, sondern anschließend auch andernorts ein langes Leben zu führen. Vielleicht haben die Vampire damit endlich auch am Broadway eine Heimat gefunden.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
BuchDavid Hornsby
Chris Hoch
Musik und LiedtexteThe Rescues
RegieMichael Arden
BühnenbildDane Laffrey
KostümeRyan Park
LichtdesignJen Schriever
TondesignAdam Fisher
Haare und PerückenDavid Brian Brown
MaskenbildChristina Grant
Aerial DesignGwyneth Larsen
Bill Mulholland
KampfchoreografieSordelet Inc.
SpezialeffekteMarcus Maurette
Orchestrierung und ArrangementsEthan Popp
The Rescues
GesangsarrangementsThe Rescues
Musikalische LeitungJulie McBride
Elektronisches MusikdesignBilly Jay Stein
Hiro Iida
(Strange Cranium)
DramaturgieJenna Clark Embrey
RegieassistenzHenry Gottfried
RequisitenRay Wetmore
Choreografie und Luftakrobatik-ChoreografieLauren Yalango-Grant
Christopher Cree Grant
RegieMichael Arden
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Michael EmersonLJ Benet
(Mason Olshavsky)
(Colin Trudell)
LucyShoshana Bean
(Ashley Jenkins)
(DeLaney Westfall)
DavidAli Louis Bourzgui
(Pierre Marais)
(Hank Santos)
Sam EmersonBenjamin Pajak
(Ryan Behan)
(Pierce Wheeler)
StarMaria Wirries
(Carissa Gaughran)
(Liesie Kelly)
MaxPaul Alexander Nolan
(Ben Crawford)
(Cameron Loyal)
Alan FrogJennifer Duka
(Grace Capeless)
(Liesie Kelly)
Edgar FrogMiguel Gil
(Ryan Behan)
(Pierce Wheeler)
MarkoBrian Flores
(Mateus Leite Cardoso)
(Dominic Dorset)
(Hank Santos)
DwayneSean Grandillo
(Mateus Leite Cardoso)
(Dominic Dorset)
(Mason Olshavsky)
PaulDean Maupin
(Mateus Leite Cardoso)
(Dominic Dorset)
(Hank Santos)
EnsembleRyan Behan
Ben Crawford
Dominic Dorset
Carissa Gaughran
Ashley Jenkins
Cameron Loyal
Pierre Marais
Colin Trudell
DeLaney Westfall
Pierce Wheeler
SwingsGrace Capeless
Mateus Leite Cardoso
Liesie Kelly
Mason Olshavsky
Hank Santos
  
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SPIELORTE
26.04.2026Palace Theatre, New York1 x
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