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Mit „Pride“ präsentiert das Royal National Theatre eine Bühnenadaption des gleichnamigen herzerwärmenden Films aus dem Jahr 2014, der die Geschichte einer Gruppe Schwuler und Lesben aus London erzählt, die 1984 streikende Bergarbeiter in Wales unterstützte. Während die Musicalversion dem Stoff nicht viel Neues hinzufügen kann, sorgt sie dennoch für einen bewegenden Abend in einer Zeit, in der Grabenkämpfe statt Solidarität mit scheinbar Andersdenkenden dominieren.
Das Jahr 1984 wurde in Großbritannien von einem lange anhaltenden Arbeitskampf der Bergarbeiter geprägt, die sich gegen die von der Regierung Thatcher beschlossenen Zechenschließungen wehrten. Trotz der durchweg negativen Darstellung in der konservativen Presse erfuhren die Streikenden viel Unterstützung durch andere Gruppen, die ebenfalls unter der reaktionären Politik der Tories litten. Dazu zählten auch einige Schwule und Lesben aus London, die unter dem Namen ‚Lesbians and Gays Support the Miners‘ Spenden für die Bergarbeiterfamilien im walisischen Dulais Valley sammelte. Höhepunkt der Unterstützung war das Konzert ‚Pits and Perverts‘ im Electric Ballroom in London mit rund 1500 Besuchern, zu dem auch eine Delegation aus Wales anreiste. Nach dem Ende der Bergarbeiterstreiks unterstützten wiederum viele Bergarbeiter die LGBT-Bewegung und marschierten beim Pride-Umzug 1985 mit.
Diese bemerkenswerte Geschichte hielten der britische Regisseur Matthew Warchus und Drehbuchautor Stephen Beresford 2014 im Film „Pride“ fest, der für zahlreiche Preise nominiert wurde. Der Film würdigt dabei vor allem den LGBT-Aktivisten Mark Ashton, der die ganze Aktion ins Leben rief und der tragischerweise 1987 an Aids verstarb, sowie dessen Mitstreitenden in London. Auch der Waliser Seite wird ausreichend Platz eingeräumt, unter anderem mit der Menschenrechtsaktivistin Hefina Headon und der jungen Hausfrau Siân James, die nach dem Streik in die Politik ging und später als Abgeordnete für Swansea East im britischen Unterhaus saß.
Beresford schrieb auch für die Musicalfassung das Buch und die Songtexte, während Christopher Nightingale, Josh Cohen und DJ Walde die Musik lieferten. Diese, kraftvoll live gespielt von einer sechsköpfigen Band unter Leitung von Jo Cichonska, mischt 80er Jahre Rock mit walisischen Chorklängen und einer Prise klassischem Musicalsound. Nach einem erfolgreichen Tryout im walisischen Cardiff kam „Pride“ nun im Juni 2026 für eine befristete Spielzeit ins Dorfman Theatre, dem kleinsten der drei Häuser im Royal National Theatre. Mit seinen nur 400 Plätzen war das Dorfman schon vor der Premiere für die gesamte Spielzeit ausverkauft und ein Transfer ins West End dürfte nur eine Frage der Zeit sein.
Das doppelt so große Lyttleton Theatre mit klassischem Proszenium hätte der Nachfrage wahrscheinlich gerechter werden können und hätte außerdem weit mehr Möglichkeiten für ein größeres Ensemble und üppigere Bühnenbilder geboten. Bunny Christie stattet die kleine Bühne des Dorfman Theatres meist lediglich mit einigen Versatzstücken wie Tischen, Stühlen und Regalen aus, um zwischen den Schauplätzen in London und Wales zu wechseln, sowie einem angedeuteten Kleinbus. Ein bißchen mehr hätte geholfen, die unterschiedlichen Lebenswelten der beiden Gruppen zu verdeutlichen. Christies Kostüme bleiben dagegen erfreulich bodenständig und spiegeln die frühen 80er-Jahre perfekt wieder. Vor allem widerstand sie – anders als viele andere Kostümdesigner – der Versuchung, den jungen Schwulen (mit Ausnahme von Jonathan) schrille Outfits aufzuzwingen. Sie tragen ganz realistisch Jeans, T-Shirts und Lederjacke.
Stand in Film noch der junge Joe, auch ‚Bromley‘ genannt, im Mittelpunkt, durch dessen Augen das Publikum in die Gruppe eingeführt wird, dominiert in der Bühnenversion der extrovertierte Schauspieler Jonathan_ – eine Paraderolle für Samuel Barnett, der sich hier erstmals als Musicalsänger und -tänzer zeigt. Eine der beeindruckendsten Szenen des Films war die erste Ankunft der Londoner Schwulen und Lesben im walisischen Gemeindezentrum, wo ihnen der größte Teil der Bergarbeiter feindlich gesinnt ist und Jonathan zumindest einige Herzen (vor allem der Damen vor Ort) mit einer grandiosen Tanzeinlage gewinnt und das Eis bricht. Auf der kleinen Bühne des Dorfman Theatres mit nur einer Handvoll Waliser verpufft dieser Moment leider ziemlich, genau wie das ‚Pits and Perverts‘-Konzert im zweiten Akt, das eigentlich der musikalische Höhepunkt hätte sein sollen und das mit nur einem Song schnell abgehandelt wird. Ein cleverer Schachzug ist es, die Konzert-T-Shirts, die die Darsteller dabei auf der Bühne tragen, auch als Merchandise zu verkaufen und so ein originelles Erinnerungsstück zu schaffen.
Andere große Momente des Films, die hier ein großes Solo verdient hätten, werden ebenfalls verschenkt. Da ist der gebürtige Waliser Gethin (Chris Jenkins), der einst nach London geflüchtet war, weil er zu Hause nicht akzeptiert wurde und nun schließlich zurückkehrt, sowie Joe (Lewis Cornay), der durch die Gruppe zu seiner eigenen Sexualität findet und sich unfreiwillig outet, als seine Eltern LGBT-Material in seinem Jugendzimmer finden. Auch von Mark (Jhon Lumsden), dem eigentlichen Helden der Geschichtehätte man gerne mehr gehört. Es ist vermutlich bezeichnend, dass das ansonsten recht umfangreiche Programmheft keine Songliste enthält und der berührendste Song des Bühnenstückes, „Bread and Roses“, den die Waliserinnen und Waliser gemeinsam anstimmen, schon im Film enthalten ist. Überhaupt klingen die Songs der Waliser Protagonisten, die oft Anklänge an die berühmte walisische Chortradition enthielten, eingängiger als die eher mittelmäßigen Pop- und Rocksongs der Londoner Protagonisten, von denen nicht wirklich etwas im Ohr bleibt.
Die Geschichte selbst bewegt nach wie vor und setzt ein wunderbares Zeichen, wie wichtig Solidarität ist – und Offenheit für andere Lebensentwürfe, wenn einerseits die Bergarbeiter ihre Vorurteile gegenüber den Schwulen und Lesben ablegen und andererseits auch die Großstädter aus London den Dörflern aus dem tiefsten Südwales neuen Respekt zollen. In einer Zeit, in der LGBT-Rechte wieder stärker bedroht werden und Akzeptanz schwindet, hat „Pride“ zweifellos ein neues Leben als Musical verdient und wird hoffentlich ein größeres Publikum finden. Doch aus kreativen Blickwinkel wurde hier leider die Chance vertan, mehr zu schaffen als nur eine weitere Film-Adaptation, die gegenüber ihrer Vorlage – auch musikalisch – keinen wirklichen Mehrwert bietet.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musik | Christopher Nightingale Josh Cohen DJ Walde |
| Buch / Text | Stephen Beresford |
| Inszenierung | Matthew Warchus |
| Bühne / Kostüme | Bunny Christie |
| Choreographie | Lizzie Gee |
| Licht | Hugh Vanstone |
| Sound | Bobby Aitken |
| Music Supervisor | Tom Kelly |
| Musikal. Leitung | Jo Cichonska |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Jonathan | Samuel Barnett |
| Bromley | Lewis Carnay |
| Mike | Matthew Durkan |
| Gwen | Gillian Elisa |
| Martin | Robin Hayward |
| Gethin | Chris Jenkins |
| Cliff | Darren Lawrence |
| Mark | Jhon Lumsden |
| Hefina | Kirsty Malpass |
| Sian | Sarah Pugh |
| Reggie | Jordan Shaw |
| Maureen | Caroline Sheen |
| Steph | Courtney Stapleton |
| Margaret | Mared Williams |
| Dai | Matthew Woodyatt |
| Ensemble | Daniel Forrester Madeleine Morgan Catherine Morris Graham Vick |
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| GALERIE | |||||||||
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| 11.06.2026 - 12.09.2026 | National Theatre Dorfman, London | 104 x |
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