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Andrew Lloyd Webbers „Cats“ gehört zu jenen Musicals, deren Inszenierung über Jahrzehnte beinahe untrennbar mit dem Original verbunden war. Gillian Lynnes Choreografien, die Kostüme und der überdimensionale Schrottplatz wurden ebenso ikonisch wie der Evergreen „Memory“. Umso spannender ist die Frage, welchen eigenen Zugriff das Regent’s Park Open Air Theatre für eine komplett neue Londoner Produktion des Klassikers findet. Regisseur und Choreograf Drew McOnie löst sich zwar optisch und tänzerisch konsequent vom vertrauten Vorbild, eine grundlegend neue Perspektive auf das Stück entwickelt er daraus allerdings nicht. Doch muss eine Neuinszenierung eigentlich immer neu interpretieren? Vielleicht darf Theater manchmal einfach unterhalten. Und genau das gelingt dieser „Cats“-Inszenierung: Als kurzweilige Sommerunterhaltung unter freiem Himmel funktioniert die Produktion bestens – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Drew McOnie versucht gar nicht erst, der ohnehin dünnen Handlung eine neue dramaturgische Ebene überzustülpen. Auch seine Inszenierung bleibt im Kern die bekannte Nummernshow, in der sich die einzelnen Mitglieder der Jellicle Cats nacheinander vorstellen, bevor Old Deuteronomy entscheidet, wer in ein neues Leben aufsteigen darf. Eine der auffälligsten Veränderungen betrifft genau diese Figur: Melanie La Barrie zeichnet die Anführerin der Jellicles nicht als entrückte Autoritätsfigur, sondern verleiht ihr eine ausgesprochen mütterliche Wärme. Sie beobachtet ihre Katzen, nimmt Anteil und hält die Gemeinschaft zusammen. Abseits davon bleibt McOnies Regie nah an der vertrauten Struktur des Stücks. Die eigentliche Neuerfindung dieser Produktion findet an anderer Stelle statt: im Tanz.
Denn als Choreograf löst sich McOnie radikal von Gillian Lynnes ikonischer Bewegungssprache. Konkrete Zitate ihrer berühmten Choreografien sind kaum auszumachen. Geblieben ist vielmehr deren Grundgedanke: Diese Menschen bewegen sich wie Katzen – nur sprechen McOnies Jellicles dafür eine vollkommen andere tänzerische Sprache. Dabei war „Cats natürlich schon immer ein Tanzmusical. McOnie dreht diesen Schwerpunkt jedoch noch einmal deutlich weiter auf. Nahezu jede Nummer wird nun auch choreografisch erzählt. Selbst das traditionell eher statische „The Naming of Cats“ entwickelt sich zur Tanznummer. Zeitgenössische Tanzstile verbinden sich mit akrobatischen Elementen; Räder, Sprünge und Saltos ziehen sich durch den Abend. Besonders spektakulär zeigt sich dieser Ansatz bei Mr. Mistoffelees, dessen große Nummer Jet Yau mit B-Boying beinahe zur Breakdance-Show verwandelt. Trotz der permanenten Bewegung wirkt das nie überladen: Die enorme tänzerische Energie trägt den Abend und gibt dieser Produktion ihre stärkste eigene Handschrift.
Gleichzeitig nutzt McOnie den Tanz, um die Katzen stärker als Gemeinschaft zu zeichnen. Besonders eindrücklich zeigt sich das bei Grizabellas Aufnahme in den Heaviside Layer: Eine Katze umarmt sie, die nächste schließt sich an, weitere folgen, bis sich die einzelne Geste wie eine Kettenreaktion durch die Gruppe fortsetzt und schließlich die gesamte Gemeinschaft Grizabella umschließt. Das ist keine radikale Neuinterpretation ihrer Geschichte, aber ein ebenso einfaches wie wirkungsvolles Bild für ihre Rückkehr zu den Jellicles.
So überzeugend die neue Bewegungssprache funktioniert, so gewöhnungsbedürftig fällt die optische Neuerfindung der Katzen aus. Auch bei den Kostümen von Sami Fendall verabschiedet sich die Produktion von der Ästhetik des Originals – mit deutlich weniger überzeugendem Ergebnis. Statt der körpernahen Kostüme, deren Muster zumindest die Illusion eines Fells erzeugten, erscheinen die Katzen nun wesentlich menschlicher. Sie tragen Hosen, Kleider und andere moderne Kleidungsstücke; Katzenohren und Schwänze markieren häufig erst auf den zweiten Blick, dass hier überhaupt keine menschliche Gesellschaft auf der Bühne steht. Das verleiht jeder Figur zwar eine individuellere, zeitgenössische Optik, wirkt in seiner Gesamtheit aber beliebig und vor allem wenig attraktiv. Selbst Skimbleshanks trägt nun einen akkurat gestutzten modernen Schnurrbart. Die Kostüme schaffen damit zwar einen deutlichen Abstand zur ikonischen Originalästhetik, entwickeln an deren Stelle aber keine ähnlich starke und in sich schlüssige visuelle Welt.
Ähnlich verhält es sich mit Fendalls Bühnenbild. Der Schrottplatz ist vollständig verschwunden; an seine Stelle tritt ein abstrakter, industriell anmutender Raum, dessen konkrete Bedeutung sich kaum erschließt. Mehrere gewaltige, gebogene Metallsegmente staffeln sich wie die Überreste einer zerbrochenen Röhre hintereinander. Die Konstruktion bietet dem Ensemble verschiedene Ebenen und ausreichend Raum für die ausladenden Choreografien, bleibt darüber hinaus aber gesichtslos. Mit einsetzender Dunkelheit verändert sich dieser Eindruck deutlich. Die Bäume rund um die Bühne werden plötzlich Teil des Raums, Vogelstimmen mischen sich in die Atmosphäre und das stimmungsvolle Lichtdesign von Jessica Hung Han Yun verbindet Natur und Bühne miteinander. Was am hellen Sommerabend noch wie ein funktionales, tourneetaugliches Einheitsbühnenbild wirkt, entwickelt im zweiten Akt eine überraschend eigene Stimmung. Umso spannender wird sein, wie diese „Cats“-Welt auf der anschließenden Tournee in geschlossenen Theatern funktioniert.
Wie sehr die neue Bewegungssprache auch die einzelnen Figuren verändert, zeigt sich besonders bei Jaydon Vijn als Rum Tum Tugger. Vom Elvis-Zitat früherer Inszenierungen ist bei ihm kaum noch etwas übrig. Vijn macht aus dem selbstverliebten Kater einen exzentrischen Popstar der Gegenwart und setzt McOnies körperlich extrem fordernde Choreografien mit beeindruckender Präzision und scheinbarer Leichtigkeit um.
Den gesanglichen Höhepunkt setzt Rachael Wooding als Grizabella. Ihr „Memory“ allein rechtfertigt bereits den Besuch: Wooding schreit den Schmerz über ihr bisheriges Leben regelrecht heraus, ohne den Song einfach auf maximale Lautstärke zu trimmen. Im nächsten Moment nimmt sie ihre Stimme weit zurück und findet zu feinen, verletzlichen Tönen. Gerade dieser Wechsel zwischen eruptiver Verzweiflung und großer stimmlicher Kontrolle macht ihre Interpretation zu einem der stärksten Momente des Abends. Das Ensemble erweist sich insgesamt als großes Pfund der Produktion: Bis in die kleineren Rollen ist der Cast tänzerisch wie gesanglich hervorragend besetzt.
Auch musikalisch erhält der Klassiker einige behutsame Veränderungen. Einzelne Passagen erklingen in neuen Arrangements, während das Tempo gegenüber vertrauten Fassungen immer wieder spürbar angezogen wird. Das tut Lloyd Webbers Partitur gut: Die Musik wirkt frischer und treibender und korrespondiert unmittelbar mit McOnies bewegungsintensiven Choreografien. Einen interessanten Blick zurück wagt die Produktion bei „Mungojerrie and Rumpleteazer“: Statt der später etablierten schnelleren Fassung erklingt wieder die langsamere, jazzigere Melodie der Londoner Originalproduktion von 1981. Während McOnie choreografisch also konsequent nach einer neuen Sprache sucht, kehrt die Produktion an dieser Stelle musikalisch zu ihren Ursprüngen zurück. Die mit zwölf Musikerinnen und Musikern tourneetauglich besetzte Band klingt trotzdem voll und satt. Gerade unter freiem Himmel überzeugt zudem die Abmischung: Stimmen und Instrumente bleiben klar voneinander getrennt, die Textverständlichkeit ist auch in den großen Ensemblepassagen hervorragend.
Vielleicht muss ein 45 Jahre alter Klassiker gar nicht beweisen, dass er plötzlich etwas vollkommen Neues zu erzählen hat. Vielleicht reicht es, einen überzeugenden Grund zu liefern, ihn noch einmal sehen zu wollen. Drew McOnies Choreografien liefern diesen Grund ebenso wie eine Besetzung, die sie mit beeindruckender Selbstverständlichkeit zum Leben erweckt und auch gesanglich kaum Wünsche offenlässt. Im Regent’s Park kommt dazu jene besondere Sommerabend-Atmosphäre, die sich spätestens mit Einbruch der Dunkelheit über die Bühne legt. Dieses „Cats“ will keine große Neubefragung eines Klassikers sein – sondern unterhalten. Und manchmal ist genau das vollkommen ausreichend.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Inszenierung / Choreographie | Drew McOnie |
| Bühne / Kostüme | Sami Fendall |
| Make-up Design | Guy Common |
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Alonzo | Fin Adams |
| Electra | Carla Bertran |
| Bustopher Jones | Elliot Broadfoot |
| Skimbleshanks | Matthew Caputo |
| Syllabub (Jemima) | Josie Chambers-Sims |
| Rumpleteazer | Briana Craig |
| Bombalurina | Katie Dunsden |
| Tumblebrutus (Bill Bailey) | Joshua-Samuel Freeman |
| Pouncival (Carbuckety) | Regan Garcia |
| Victoria | Hannah Joseph |
| Tantomile | Taziva-Faye Katsande |
| Old Deuteronomy | Melanie La Barrie |
| Macavity / Admetus | Diante Lodge |
| George | Owen McHugh |
| Mungojerrie | Danny Nattrass |
| Demeter | Millie O’Connell |
| Coricopat | Andrew Parfitt |
| Jennyanydots (Gumbie Cat) | Charlotte Riby |
| Jellylorum (Griddlebone) | Lucie-Mae Sumner |
| Rum Tum Tugger | Jaydon Vijn |
| Munkustrap | Jack Wilcox |
| Gus | Gary Wilmot |
| Grizabella | Rachael Wooding (Taziva-Faye Katsande) |
| Mr Mistoffelees / Quaxo | Jet Yau |
| Cassandra | Patricia Zhou |
| Offstage-Swing | Grace Burrows Aaron Jenkins Nathan Rigg Taela Yeoman-Brown |
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| keine aktuellen Termine |
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 25.07.2026 - 19.09.2026 | Regents Park Open Air Theatre, London | 63 x |
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