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Zur Eröffnung der 33. Festspiele schreiben große goldene Lettern „LOVE“ auf die Erfurter Domstufen. Imposant und feierlich ist der erste Eindruck der Kulisse. Doch es braucht keinen Spoiler, um zu wissen, dass die Geschichte von „Jesus Christ Superstar“ ganz und gar nicht nur von Liebe erzählt. Peter Lunds Inszenierung ist der Buchvorlage von Tim Rice entsprechend ebenfalls nicht als Exegese der biblischen Vorlage zu verstehen. Vielmehr zeigt Lund mit einer Zeitreise auf, wie manipulativ mit der Geschichte über die Jahrhunderte hinweg bis heute umgegangen wird.
Während der Ouvertüre fährt ein Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn vor. Ein offensichtlich geschundener Mann, der sich im Verlauf des Abends als Jesus´ Alter Ego herausstellt, wird hinausgestoßen. Bereits die erste Szene zeugt von Gewalt, die doch im krassen Gegensatz zur Botschaft „LOVE“ steht. Der Blick des Mannes haftet ungläubig und entsetzt auf der szenischen Darstellung der Weihnachtsgeschichte. Schnell flüchtet er über die Domstufen davon. Über eine ausfahrbare Treppe steigt Judas, gespielt von Til Ormeloh, vom Unterbau des hohen Chors am Erfurter Dom herab und eröffnet mit treffend provokant-rotziger Artikulation und einnehmender Präsenz einen Blick auf Jesus, den er nicht nur als Messias, sondern auch als Freund infrage stellt. Die relativ neue deutsche Übersetzung von Timothy Roller wirkt direkt und modern und ermöglicht einen unmittelbaren Zugang zur hier angewandten Lesart. Anschaulich demonstriert Lunds figurenzentrierte Regie, wie aus Judas‘ Enttäuschung über Jesus‘ Wandel der Konflikt zwischen den beiden entsteht.
Der stimmgewaltige Chor bildet die Gesellschaft mit all ihrer Wankelmütigkeit ab, die zugleich einen starken Sog ausübt: Jesus wollte nichts anderes als die Liebe leben und damit das Reich Gottes auf Erden feiern. Die Menschen feiern Jesus – solange sie glauben, dass er sie erlösen kann. Sie lassen jedoch die goldenen Lettern, die eingangs „LOVE“ auf die Domstufen schrieben, bereits verschwinden, während sie Jesus noch zujubeln. Jesus stößt an seine menschlichen Grenzen: Nachdem er die Händler aus dem Tempel vertrieben hat, wird ihm bewusst, dass er die Nöte der Bedürftigen nicht wird tilgen können. Er sieht sich durch die an ihn gestellten Erwartungen in einem Netz aus roten Bändern gefesselt, in dem er sich immer mehr verstrickt und schließlich zu Fall kommt. Als dem Volk klar wird, dass Jesus sie nicht erlösen kann, fordern sie schließlich seine Hinrichtung.
Viele historisch und gesellschaftskritisch geprägte Bilder weisen weit über die eigentliche Geschichte hinaus. Sie zeigen die Versuchung auf, aus enttäuschten Erwartungen heraus die eigenen Ziele mit Härte oder Gewalt zu verfolgen. Der militärisch anmutende Auftritt von Jesus‘ Gegnern und seinem Freund Simon zeugt vom politischen Ausmaß, das das Missverständnis um den Menschen Jesus und seine Botschaften bis heute nach sich ziehen.
Hank Irwin Kittel zeichnet für das imposante Bühnenbild in der epischen Kulisse zwischen Dom und Severikirche verantwortlich. Die sieben Stationen des Kreuzweges prägen die Grundidee hinter den sieben riesigen goldenen Bilderrahmen mit Ornamentfassung. Während des Stücks zeigen sie teilweise tatsächlich Stationen des Kreuzweges, etwa das letzte Abendmahl. Andere Rahmen erzählen davon, was von Jesus‘ Botschaften heute noch übrig ist. Pontius Pilatus, dargestellt von Rainer Zaun, tritt in einem der Rahmen als militärischer Anführer auf. So wurde Jesus Geschichte durch die Jahrhunderte immer wieder missbraucht, um Kriege und sogar Völkermord zu legitimieren. Im zweiten Akt werden die Rahmen nach Einbruch der Dunkelheit für Projektionen genutzt, die von den verschiedenen Interpretationen der Geschichte aus der Sicht der Evangelisten erzählen. Unterhalb des letzten Podiums befindet sich eine Projektionsfläche, auf der in wenigen Worten die jeweilige Szene beschrieben wird.
Ulrike Reinhardt versteht es, historische bzw. biblische Figuren und eine moderne Party-Gesellschaft nebeneinander zu stellen und der Geschichte somit visuelle Aktualität und Zeitlosigkeit zu verleihen. Jesus und seine Nächsten sowie seine geistlichen Gegner treten von der historischen Vorlage geprägt ohne große Farbakzente auf. Die Gesellschaft, in der sich Jesus bewegt, erscheint sehr dominant in grellem Türkis.. Das Ensemble tritt als Freundeskreis um Jesus auffällig bunt auf.
In der Begegnung einzelner Figuren mit Jesus ist die gewählte Bewegungssprache oft bewusst ruhig und sanft. Die Choreographien von Bart De Clercq zeugen von einer mitreißenden Dynamik, wenn Jesus‘ Freunde revolutionär voranschreiten wollen und auch später, wenn das Volk Jesus verhöhnt. Da Jesus selten in die choreographischen Aufstellungen integriert ist, wirkt er dem Geschehen und der Gesellschaft immer mehr entrückt.
Die musikalische Begleitung wird live durch das Philharmonische Orchester Erfurt aus dem 500 Meter entfernten Großen Haus des Theaters per Glasfaser übertragen. Clemens Fieguth führt die Musiker:innen durch die fulminante Partitur Andrew Lloyd Webbers. Die Tontechnik kann am Premierenabend die besonderen Vorzüge der musikalischen Umsetzung noch nicht ganz ausspielen: Der Wind trägt den grundsätzlich imposanten Sound über den Domplatz hinweg, sodass er zeitweise an der Zuschauertribüne vorbeiweht.
Bei der Besetzung zentraler Figuren setzt man mit Lukas Mayer und Til Ormeloh auf zwei Darsteller, die bereits in der Nürnberger Inszenierung überzeugten. Es gelingt ihnen trotz offenkundigem Konflikt ihrer Figuren, stets unterschwellig miteinander verbunden zu wirken; nicht zuletzt, weil sie sich gesanglich und schauspielerisch auf Augenhöhe begegnen. Lukas Mayer legt seinen Jesus sehr menschlich an: Zunächst tritt er mit ruhigem Sanftmut auf und bedient im weiteren Verlauf leidenschaftlich die ganze Palette großer Gefühle. Im zweiten Akt, insbesondere während des Leidensweges ab „Gethsemane“, läuft Mayer zur Höchstleistung auf: Authentisch vermittelt er die seelischen und körperlichen Qualen, die seine Figur erleiden muss. Gesanglich beeindruckt Mayer mit der wandelbaren stimmlichen Dynamik seines klaren Tenors und verleiht seiner Figur dadurch noch mehr emotionale Tiefe. Til Ormeloh zeichnet den großen Entwicklungsbogen seiner Figur ebenfalls sehr authentisch nach: Sein Judas wirkt wie besessen und von einem großen Schmerz angetrieben. Er spuckt Jesus seine Vorwürfe nur so vor die Füße und dem Publikum entgegen, bevor er schließlich über sein Tun und dessen Konsequenzen verzweifelt. Die rockigen Passagen liegen Ormeloh besonders gut („Blind vor Himmelslicht“).
Sämtliche weitere Rollen sind ebenfalls treffsicher besetzt: Katja Bildt verleiht Maria Magdalena eine große Verletzlichkeit und ganz viel Herz. Ihr Mezzosopran berührt besonders in den Balladen „Wär’s doch wie am Anfang!“ und „Wie kann ich ihn nur lieben?“. Dem als schräges Hitler-Abbild stilisierten Pilatus verleiht Rainer Zaun durch spürbare innere Zerrissenheit und paradox wirkendes Mitgefühl gegenüber Jesus überraschend viel Profil. Diesem Pilatus verzeiht das Publikum die Verurteilung genauso wie Judas den Verrat, da Zaun das Ringen seiner Figur so wahrhaftig wirken lässt. Máté Sólyom-Nagy beherrscht das satirische Showereignis um „Herodes‘ Lied“. Aaron Eunhyuk Lee als Kajaphas und Jörg Rathmann in der Rolle des Hannas stellen eine treffende Antagonisten-Combo dar, wodurch ihre eigentlich warmen Bässe doch bedrohlich klingen. Kevin Arand spielt Petrus mit väterlich-freundschaftlicher Note. Lukas Witzel verkörpert als Simon die bedrohliche militärische Auslegung der Revolutionsbewegung mit großer Selbstverständlichkeit.
Lunds Inszenierung gelingt es, den Musicalklassiker modern und zugleich zeitlos wirken zu lassen, indem die Perspektive auf die Figuren ohne Verklärung auskommt. Die visuelle Imposanz und die hervorragende Arbeit in sämtlichen Abteilungen lassen den Abend besonders nachwirken.
Musical von Andrew Lloyd Webber mit Gesangstexten von Tim Rice
Deutsche Fassung von Timothy Roller
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musikalische Leitung | Clemens Fieguth |
| Inszenierung | Peter Lund |
| Bühnenbild | Hank Irwin Kittel |
| Kostüme | Ulrike Reinhardt |
| Choreografie | Bart De Clercq |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Jesus Christus | Lukas Mayer (Samuel Franco) |
| Judas Iskariot | Til Ormeloh (Samuel Franco) |
| Maria Magdalena | Katja Bildt (Antonia Wortberg) |
| Pontius Pilatus | Rainer Zaun |
| Kajaphas | Aaron Eunhyuk Lee |
| Petrus | Kevin Arand |
| Herodes Antipas | Máté Sólyom-Nagy |
| Hannas | Jörg Rathmann |
| Petrus | Anton Schweizer |
| Simon Zelotes | Lukas Witzel (Simon Lausberg) |
| Soul Girls | Andrea del Solar Lisa Maria Hörl Antonia Wortberg |
| Männer-Ensemble | Kevin Arand Lukas Witzel Sandro Wenzing Simon Lausberg Lucca Kleimann Anton Schweizer Hector Mitchell-Turner |
| Damen-Ensemble | Andrea del Solar Lisa Maria Hörl Maria Joachimstaller Antonia Wortberg Isabella Seliger Diana Schnierer |
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| GALERIE | |||||||||
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| 07.08.2026 - 30.08.2026 | Domstufen, Erfurt | 21 x |
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