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Zehn Jahre nach seiner Uraufführung in Tokio schafft „Death Note – The Musical“ endgültig den Sprung aus dem asiatischen Raum auf eine westliche Bühne. Stephen Whitsons visuell präzise und von digitaler Ästhetik geprägte Inszenierung verbindet Frank Wildhorns eingängige Partitur mit einer hervorragenden Besetzung und erzählt das komplexe Katz-und-Maus-Spiel mit großer Klarheit. Lediglich im zweiten Akt kann die überarbeitete Fassung ihre dramaturgischen Schwächen noch nicht vollständig abschütteln.
Schon die konzertante Londoner Erstaufführung 2023 ließ erahnen, welches Potential in Frank Wildhorns ungewöhnlicher Manga-Adaption steckt: Die ursprünglich angesetzten Vorstellungen waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und mussten um zusätzliche Termine erweitert werden. Gleichzeitig offenbarte sich damals eine Schwäche des Stücks: Der Versuch, möglichst viele Wendungen der umfangreichen Vorlage auf die Bühne zu übertragen, ließ die Handlung stellenweise konfus wirken. Für die erste vollständig szenische Produktion außerhalb Asiens wurde das Musical nun überarbeitet – und im Barbican zeigt sich, wie sehr die Geschichte davon profitiert. Während sich der erste Akt viel Zeit für Figuren und Geschichte nimmt, überschlagen sich im zweiten allerdings weiterhin die Ereignisse beinahe.
Im Zentrum dieser komplexen Geschichte steht ein Duell zweier hochintelligenter Gegenspieler: Der hochbegabte Schüler Light Yagami findet eines Tages das sogenannte Death Note, ein Notizbuch des Shinigami Ryuk. Schreibt er den Namen eines Menschen hinein und stellt sich dabei dessen Gesicht vor, stirbt dieser. Light nutzt die übernatürliche Macht, um als „Kira“ Menschen zu töten, die er für Verbrecher hält – und ruft damit den ebenso genialen wie exzentrischen Detektiv L auf den Plan, der alles daransetzt, die Identität des unbekannten Mörders aufzudecken.
Die Überarbeitung setzt dabei andere Schwerpunkte und verändert die Gewichtung einzelner Figuren. Lights Schwester Sayu spielt beispielsweise kaum noch eine Rolle, während mit Jerasu ein dritter Shinigami hinzukommt, der die Beziehung zwischen Rem und der Menschenwelt stärker konturiert. Vor allem aber funktioniert Lights Entwicklung schlüssiger: Zu Beginn erscheint er als durchaus sympathischer junger Mann mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Je länger er das Death Note besitzt, desto stärker verwandelt sich dieser Idealismus in Überheblichkeit und schließlich Größenwahn. Die Macht, über Leben und Tod entscheiden zu können, korrumpiert ihn zunehmend.
Stephen Whitson übersetzt das mit einer Bildsprache auf die Bühne, die immer wieder Motive aus digitalen Medien aufgreift. Einer der stärksten Einfälle findet sich in „Playing His Game“, dem intellektuellen Duell zwischen Light und L. Aus dem Tennismatch wird gleichzeitig ein Computerspiel: Während die beiden mit Schlägern gegeneinander antreten, verkörpern zwei Tänzer im Hintergrund ihre digitalen Avatare. Mit wilden Überschlägen und grotesk übersteigerten Jubelposen imitieren sie die Bewegungsmuster eines Videospiels. Aus dem sportlichen Wettkampf entsteht so ein ebenso komisches wie präzises Bild für zwei hochintelligente Gegner, für die ihre Jagd aufeinander längst zum Spiel geworden ist. Die Choreografie von Fabian Aloise tritt ansonsten eher in den Hintergrund und wird gezielt als Teil der Inszenierung eingesetzt.
Die Grundlage dafür schafft Jon Bausors Bühnenbild. Die offene Spielfläche des Barbican wirkt enorm weit, während Büros, Lights Zimmer und andere Spielorte blitzschnell von hinten oder den Seiten hereinfahren. Über allem schwebt eine gewaltige rechteckige Konstruktion, deren vier Seiten als Projektionsflächen dienen. Das Videodesign (Akhila Krishnan) verwandelt sie unter anderem in Nachrichtenbildschirme oder die Monitore bei Misas Konzert und macht die mediale Verbreitung des Kira-Phänomens zum festen Bestandteil der Bühnenwelt.
Noch wirkungsvoller wird die Konstruktion als Heimat der Shinigami. Ihr innerer Boden lässt sich absenken und bildet eine eigene Spielfläche für Ryuk, Rem und Jerasu, die meist oberhalb der eigentlichen Bühne verbleibt. Die Shinigami schweben damit buchstäblich über der Menschenwelt. Kurze Blackouts im präzise gesetzten Lichtdesign (Jen Schriever) reichen, damit Spielorte wechseln und beim nächsten Lichtimpuls plötzlich Ryuk auf der Bühne steht. Diese beinahe magischen Übergänge lassen die Grenzen zwischen Menschen- und Shinigami-Welt verschwimmen und sorgen immer wieder für unheimliche Momente.
Sachiko Nakaharas Kostüme greifen die Manga-Ästhetik ebenfalls auf und übersetzen sie in eine eigenständige theatrale Ästhetik. Ryuk erscheint vollständig in Schwarz, mit dunkel umrandeten Augen und einem roten, seitlich verlängerten Mund, der sein Gesicht beinahe zur Fratze werden lässt. Rem bildet dazu mit langem weißen Haar, weißem Kleid und transparenten Ärmeln den größtmöglichen Gegensatz und erinnert beinahe an eine gute Fee. Skelettartige Strukturen an den Oberkörpern verbinden beide Figuren trotz der Schwarz-Weiß-Codierung miteinander. L scheint mit weiter Kleidung, wilden Haaren und tief liegenden Augen unmittelbar der Mangafigur entsprungen, während Misas Kostüme die Ästhetik eines gegenwärtigen J-Pop-Stars aufgreifen.
Im Zentrum des Abends steht das Duell zwischen Light und L – und mit Xander Pang und Colin Ryan sind beide Rollen hervorragend besetzt. Pang macht Lights zunehmende Selbstüberschätzung glaubhaft, ohne den anfangs sympathischen Schüler vorschnell zum Bösewicht zu erklären. Den idealen Gegenpart findet er in Ryan, der L mit einer herrlich verschrobenen Körperlichkeit ausstattet. Während er singt oder spricht, sind seine Hände beinahe ständig in Bewegung, als würde er die Gedankengänge seiner Figur direkt vor sich in die Luft zeichnen. Ryan verbindet damit Genialität und eine Spur Wahnsinn. Besonders reizvoll ist ihr Zusammenspiel: Light fühlt sich seinem Gegner zunehmend überlegen, während L längst zu wissen scheint, dass sein Gegenüber die Situation weit weniger unter Kontrolle hat, als dieser glaubt.
Für die notwendige Auflockerung der düsteren Geschichte sorgt Telly Leung als Ryuk. Mit sichtlichem Vergnügen kommentiert er das Verhalten der Menschen oder mischt sich in Gespräche ein, obwohl außer Light niemand seine Einwürfe hören kann. Dieser trockene, zynische Humor tut dem Stück ausgesprochen gut. Den emotionalen Gegenpol bildet Grace Mouat als Rem. Ausgerechnet sie warnt Jerasu zunächst davor, Sympathien für einen Menschen zu entwickeln, bevor sie später selbst eine immer stärkere Bindung zu Misa aufbaut. Mouat macht diesen Wandel glaubhaft und erhält mit „When Love Comes“ einen der gesanglich stärksten und emotionalsten Momente des Abends.
Misa selbst bleibt dagegen eine Schwachstelle des Buchs. Stephanie Zaharis singt ihre J-Pop-Nummern überzeugend und gibt dem Popstar die nötige Präsenz, erhält darüber hinaus aber erstaunlich wenig Material, um ihrer Figur ein ähnlich prägnantes Profil wie Light, L oder Rem zu verleihen. Obwohl Misa entscheidend in die Geschichte eingreift, bleibt sie über weite Strecken stärker dramaturgische Funktion als eigenständig handelnde Figur. Auch die kleineren Rollen – etwa Chloe Saracco als Jerasu oder Paolo Montalban als Lights Vater Soichiro – sowie das Ensemble sind durchgehend auf hohem West-End-Niveau besetzt.Frank Wildhorns Score passt mit seiner Mischung aus Pop, Rock und großen Musicalnummern hervorragend zur Ästhetik der Inszenierung. Neben den bekannten Nummern enthält die Neufassung auch neue Songs, für die Morgan Reilly zusätzliche Liedtexte beigesteuert hat. Die musikalische Umsetzung unter der Leitung von Katy Richardson setzt auf einen direkten, bandlastigen Klang und entwickelt gerade in den dramatischen Momenten enorme Kraft. Peter Hylenskis Sounddesign sorgt dabei für eine hervorragende Balance zwischen Stimmen und Instrumenten und gibt der Band gleichzeitig genügend Druck, damit Wildhorns Partitur ihre volle Wirkung entfalten kann.
Als „Death Note“ 2023 erstmals konzertant in London gezeigt wurde, wirkte der Abend noch wie ein großes Fantreffen: Ein beträchtlicher Teil des Publikums erschien im Manga-Look und kannte die Geschichte längst, bevor sich der Vorhang überhaupt öffnete. Drei Jahre später hat sich das Bild verändert: Noch immer sitzen auffällig viele junge Menschen im Barbican, doch die Produktion wirkt längst nicht mehr wie ein Musical, das vvorrangig die bestehende Fangemeinde anspricht. Gerade darin liegt vielleicht ihr größter Erfolg. Die neue Fassung macht aus einem Stoff mit Millionen Fans ein Musical, das auch ohne vorheriges Studium der Vorlage funktioniert, gleichzeitig aber auch ein Publikum erreicht, das im West End keineswegs selbstverständlich ist. 2023 stand noch die Frage im Raum, ob „Death Note“ tatsächlich das Potential besitzt, dem Londoner Musical neue Zuschauergruppen zu erschließen. Nach dieser Produktion stellt sich eher eine andere: Wann bekommt die Show endlich die längere West-End-Spielzeit, die sie verdient?
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musik | Frank Wildhorn |
| Texte | Jack Murphy |
| Buch | Ivan Menchell |
| Regie | Stephen Whitson |
| Bühne | Jon Bausor |
| Choreographie | Fabian Aloise |
| Orchestration und Arrangements | Jason Howland |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| Sa, 05.09.2026 14:30 | Barbican Centre, London | |
| Sa, 05.09.2026 19:30 | Barbican Centre, London | |
| Mo, 07.09.2026 19:30 | Barbican Centre, London | |
| Di, 08.09.2026 19:30 | Barbican Centre, London | |
| Mi, 09.09.2026 19:30 | Barbican Centre, London | |
| Do, 10.09.2026 14:30 | Barbican Centre, London | |
| Do, 10.09.2026 19:30 | Barbican Centre, London | |
| Fr, 11.09.2026 19:30 | Barbican Centre, London | |
| Sa, 12.09.2026 14:30 | Barbican Centre, London | |
| Sa, 12.09.2026 19:30 | Barbican Centre, London | Dernière |
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 30.07.2026 - 12.09.2026 | Barbican Centre, London | 51 x |
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