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Eine steinreiche Außenseiterin sinnt auf Rache: Lörrachs Burghof verwandelt sich durch Serotonez Entertainment für einige Abende in das Dürrenmatt’sche Parabel-Städtchen Güllen, das durch den „Besuch der alten Dame“ vollkommen aus den Fugen gerät und sich den großen Fragen nach den Grenzen menschlicher Gier, Schuld, Moral und Verantwortung stellen muss. Eine gewagte Entscheidung, dieses komplexe und höchst selten auf die Bühne gebrachte Musical wieder nach Deutschland zu bringen – doch die Rechnung der Produzenten geht letztendlich auf: Die Inszenierung beweist eindrucksvoll, dass in diesem Werk weit mehr steckt, als ihm hierzulande bislang an Aufmerksamkeit zuteilwurde.
Viele kennen Friedrich Dürrenmatt und sein international berühmtes Drama „Der Besuch der alten Dame“ noch aus der Oberstufenlektüre, wo das Werk wohl bei so manchem einen gemischten Eindruck hinterlassen haben dürfte. Dass die Geschichte einen guten Musicalstoff abgibt, liegt aber auf der Hand: Die Multimilliardärin Claire Zachanassian kehrt in ihr finanziell ruiniertes Heimatstädtchen Güllen zurück und bietet dessen Bewohnern zwei Milliarden Dollar – unter einer Bedingung: Alfred Ill, der Claire einst großes Unrecht angetan hat, soll dafür mit seinem Leben bezahlen. Während Alfred mit seinem Schicksal ringt, gerät die Moral der Güllener angesichts des versprochenen Wohlstands zunehmend ins Wanken.
Nach der Premiere 2013 bei den Thunerseespielen wurde das Stück im Wiener Ronacher gespielt – mit großen Namen wie Uwe Kröger, Norbert Lamla, Ethan Freeman und Pia Douwes als Claire Zachanassian. Das für die VBW wirtschaftlich unrentable Stück wurde bereits nach vier Monaten abgespielt; es folgten Aufführungen in Japan und den Niederlanden sowie bei den Freilichtspielen Tecklenburg im Sommer 2022. Jetzt inszeniert das Schweizer Team das Musical knapp über der Grenze im Burghof Lörrach. Christian Struppecks mehrschichtiges Buch, das sich neben einiger Detailauslassungen eng an die literarische Vorlage hält, ist sicherlich eine Herausforderung. Michael Reeds und Moritz Schneiders stilistisch abwechslungsreiche Partitur, die sowohl in ihren emotionalen Duetten als auch in den bombastischen Soli der alten Dame ihre volle Wirkung entfaltet, spielt ausgesprochen komplex mit musikalischen Leitmotiven, die eng mit Struppecks Buch und der Figurenausgestaltung zusammenhängen. Auch Wolfgang Hofers Liedtexte wechseln zwischen brachial-direkter und lyrisch-literarischer Sprache. Damit stellt das komplexe Werk hohe Anforderungen an das Ensemble und Kreativteam von Serotonez Entertainment.
Ein großes Wagnis, das in der Umsetzung aber tatsächlich aufgeht: In seinen Grundzügen sind viele der Regieideen von Andreas Gergens Originalansatz noch zu erkennen, was dem Stück an vielen Stellen mehrere Erzählebenen verleiht, die sich zwischen Gegenwart und melancholisch verklärter Vergangenheit entfalten. Kevin Somlo, der neben Naris Schnegg und Jasmin Weder nicht nur als Produzent, sondern darüber hinaus auch als Regisseur und für die Choreographie verantwortlich zeichnet, kreiert eine gute Balance zwischen Figurenzeichnung und ensemblegetriebenen Szenen. Gerade durch die energetischen Tanz- und Bewegungsabläufe in den dramatischeren Passagen und die intensiven, ruhig angelegten Schauspielszenen entstehen viele Momente mit großer Intensität und einem erzählerischen Sog, dem sich das Publikum allzu gerne ergibt. Kevin Somlo und Dance Captain Fiona Radl erzeugen dabei vor allem mit den Ensemblezenen „Ungeheuerlich!“ und „Tempel der Moral“ bleibenden Eindruck, schaffen es aber auch, kleinere Momente berührend zu inszenieren – so beispielsweise die Szenen, in denen Alfred und Claire mit ihren jüngeren Inkarnationen zusammen auf der Bühne agieren. Somlos Regie sorgt außerdem vor allem in den ruhigen Augenblicken für Gänsehautmomente: Das Finale des ersten Aktes sowie die Katastrophe am Ende des Musicals sind dramaturgisch präzise inszeniert und erreichen genau jene Erschütterung beim Publikum, die das Stück zu so einem Kleinod machen, das viel mehr Beachtung verdient hätte.
Valeria Hammerlain hat durch ihr Maskenbild das junge Ensemble in das optisch richtige Spielalter für das Stück versetzt, was vor allem bei Claire und Alfred gut gelungen ist. Ursula Roths Kostümbild ist unaufgeregt und authentisch. Es akzentuiert die Geschichte als Parabel, die zu jeder Zeit und an jedem Ort ihre Aussagekraft auszuspielen vermag – auch in der Gegenwart, in der die Figuren durch ihre Kleidung situiert werden. In den exaltierten Ensembleszenen kommt auch etwas Glitzer und nackte Haut zum Einsatz, was dem düsteren Stück gut zu Gesicht steht, und gerade die Jagdszene gewinnt durch das Kostümbild nochmal an Intensität. Im Zusammenspiel gelingt es Maske und Kostüm vortrefflich, die zentrale Figur der alten Dame zu jedem Zeitpunkt exzentrisch und bildstark hervorzuheben – ihre Aufmachung erinnert stark an die Originalinszenierung und spielt mit den Farbbedeutungen von Schwarz, Weiß und dezentem Rot.
Das Bühnenbild und die Requisite sind auf das Nötigste beschränkt, um die Schauplätze nachvollziehbar darzustellen: Eine Dinnertafel bildet das Bankett am Anfang des Stücks, ein blaues von der Decke kommendes Schild das Gleis des Güllener Bahnhofs, ein Tresen und ein Regal den Illschen Warenladen und eine Tribüne im Hintergrund das Gemach der Milliardärin. Passend dazu sind Projektionen auf der Rückwand der Bühne zu sehen, die die Schauplätze mit Fotos und Bildern eindeutig verorten. Die Ankunft der Dame am Anfang des Aktes wird zudem passenderweise mit Konfetti, Fahnenschwenken und Funkensprühen zelebriert, was ein schöner Einfall des Kreativteams ist, um das Stück in Fahrt zu bringen.
Lorenzo Scrinzi leitet seine elfköpfige Band virtuos durch die Partitur, die in den schwelgerischen Melodien zu Alfreds und Claires Duetten vollends aufzugehen scheint, aber auch die wuchtigen Passagen vor allem im ersten Akt des Stückes mit einem kraftvollen Klang zum Leben erweckt. Finn Börners Lichtdesign setzt sowohl die dramatischen als auch die melancholischen Momente des Stücks mit passender Farbwahl und zeitlich gut synchronisierten Lichteinstellungen in Szene, hätte aber insgesamt etwas mehr Ruhe vertragen. Tim Ferns und William Hudsons Sounddesign ist größtenteils glasklar abgemischt und das Gleichgewicht zwischen Orchestrierung und Gesang ist, bis auf wenige Momente, in denen das Ensemble schnell wechselnd solistisch auftritt und die Lautstärke jeweils stark variiert, stimmig gelungen.
Das Ensemble ist zu jedem Zeitpunkt voll im Geschehen präsent und spiegelt die Emotionen der Szenen durchweg energetisch wider. Die größte gesangliche Stärke offenbart sich dabei vor allem in den Harmonien innerhalb der Ensemblelieder – hier hat die Chorleitung unter Daniela Hotz und Nadine Grumbach hervorragende Arbeit geleistet. Darstellerisch sind auch die solistischen Rollen überzeugend besetzt, und gerade die dramatischen Szenen werden sichtlich genussvoll ausgespielt: Nadine Michel und Simeone Geniale geben die gleichgültigen und konsumsüchtigen Kinder Alfreds überzeugend, Geniale fällt außerdem mit übersprühender performativer Energie und emotionalem Spiel auch im Ensemble sehr positiv auf. Vanessa Walliser, Ramona Stenz und Leony Malthaner sorgen als die drei Bodyguards der alten Dame, das ‚Trio Infernal‘, für einen stimmungsvollen Auftakt in den zweiten Akt. Simon Frädrich gibt seinem Bürgermeister als ausgebildeter Schauspieler einen klaren Duktus und eine souveräne Ausstrahlung, die er effektvoll sukzessive bröckeln lässt, während Simon Wyss als Pfarrer sichtliche Spielfreude darin beweist, seine Figur Stück für Stück die christliche Contenance verlieren zu lassen. Tobias Huber als Lehrer und Naris Schnegg als Polizist laben sich darstellerisch an der steigenden Verzweiflung ihrer Figuren, die sie am Ende in wahnhaftem Gebaren kulminieren lassen. Dazu beweist Schnegg eine emotionale und sicher geführte Gesangsstimme. Elischeva Sigg und Noah Stebler berühren als junge, unbeschwerte und leidenschaftliche Versionen von Claire und Alfred im Zusammenspiel miteinander und mit ihren Alter Egos in der Gegenwart – ihre Darstellung macht den Bruch zwischen früher und heute besonders gut spürbar.
Sarah Zibung besticht als Mathilde Ill mit warmer Gesangsstimme, authentischem Schauspiel und einem mitreißenden Wechsel zwischen bedingungsloser Liebe und unbändig verzweifelter Trauer. Michel Ruchti führt als Alfred so grundsympathisch und menschlich durch die dramatische Talfahrt der Geschichte, dass das Publikum dem Protagonisten wohlgesonnen auf seiner verhängnisvollen Reise zur Seite steht. Das unangefochtene Highlight der Inszenierung ist allerdings Ronja Gropp als Claire Zachanassian. Mit getragener Souveränität, kaltem Kalkül, viel spürbarem schauspielerischem Subtext, einer bemerkenswerten Körpersprache und großer Glaubwürdigkeit dominiert sie jeden ihrer Auftritte – ob siegessicher, abgebrüht oder hochemotional. Ihre Darstellung kann sich auch gesanglich mit den Großen des Business messen. Eine Meisterleistung der jungen Künstlerin, diese anspruchsvolle Rolle, die eigentlich weit außerhalb ihres Spielalters liegt, mit so viel Substanz und Vielschichtigkeit zu füllen.
Mit dem kurzen Stelldichein der alten Dame zeigt Serotonez Entertainment, dass das Unternehmen auch selten gespielte und anspruchsvolle Musicals überzeugend auf die Bühne bringen kann. Das Wagnis, sich dieses komplexen und hierzulande selten gespielten Stoffes anzunehmen, hat sich damit ausgezahlt.
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Regie, Choreographie, Producer | Kevin Somlo |
| Executive Producer | Naris Schnegg |
| Stage Management | Evelyn Kalt |
| Ass. Stage Management | Charlie Stark |
| Production-Management, Setbau, Lichtdesign | Finn Börner |
| Sound Supervisor | Timothy Ferns |
| Musikalische Leitung | Lorenzo Scrinzi |
| Kostümbild | Ursula Roth |
| Maskenbild | Valeria Hammerlain |
| Chorleitung | Nadine Grumbach Daniela Hotz |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Claire Zachanassian | Ronja Gropp Katrin Stüber |
| Alfred Ill | Michel Ruchti Samuel Sigg |
| Mathilde Ill | Sarah Zibung Caroline Dratva |
| Bürgermeister | Simon Frädrich Timon Jerôme Gnos |
| Pfarrer | Simon Wyss |
| Lehrer | Tobias Huber |
| Polizist | Naris Schnegg |
| Toby, Bodyguard 1 | Vanessa Walliser |
| Roby, Bodyguard 2 | Ramona Stenz |
| Loby, Bodyguard 3 | Leony Malthaner |
| Julia Ill | Nadine Michel |
| Niklas Ill | Simeone Geniale |
| Junge Claire | Elischeva Sigg |
| Junger Alfred | Noah Stebler |
| Lena und Leon | Yaren Noemi Salome Nora Theodor |
| Ensemble | Fiona Imper Angelina Eckert Anne-Kathrin Doufrain Nicole Urschinger Ola Marie Julie Gerardo Valentin Mandiev Zoë Reil Alexandra De Castro |
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| GALERIE | |||||||||
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| 03.09.2026 - 09.09.2026 | Burghof, Lörrach | 10 x |
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