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Was um das Jahr 2015 ursprünglich als knackiges Format für eine Webserie konzipiert war, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem rund 150-minütigen Filmprojekt, dessen Entstehungsgeschichte mit etlichen Hürden verbunden ist, die so vielschichtig wie das gewagte Genre-Experiment selbst scheinen: hohe Ambitionen, Funding-Probleme und nicht zuletzt die verheerenden Folgen der Corona-Pandemie haben dem Projekt ordentlich zugesetzt. Doch: Was lange währt, wird endlich gut! Relativ unerwartet erblickt die satirische Krimikomödie „Das tote Pferd von Plön“ mit dem Vortitel „Is‘ doch nur Musical“ letztendlich doch noch das Licht der Welt und wird am 26. Oktober im Cinedom Köln seine Kinopremiere feiern, um im Anschluss über Amazon Prime Video abrufbar zu sein.
Die Handlung verbindet Krimi mit Comedy und Musical-Elementen: Anika Schönhaube (Laura Pfister) ist eine junge Polizistin, die in ihrem Job oftmals aneckt, sodass ihr Vater, Oberkommissar Herbert (Felix Martin), sie in einen abgeschiedenen Ort versetzt: „Plön, das ist noch nicht ganz Sibirien – aber fast“. Der Umzug ins Nirgendwo soll auch dazu dienen, Anika von ihrer Musical-Obsession zu heilen, in die sie sich seit ihrer Jugend flüchtet. Sie gelangt unter die Fittiche des Plöner Polizeikommissars Kripke (Detlef Leistenschneider) und soll bei der Psychotherapeutin Doktor Sonderheim (Ann Sophie) ihre Traumata aufarbeiten. Als Kind wollte sie Darstellerin werden und wurde von ihrer Mutter unterrichtet, doch durch deren plötzlichen Tod verteufelt ihr Vater das Business, und Anika beginnt, in ihrem Kopf Lieder zu hören und komplette Choreografien zu sehen. Während eines dieser Momente, in denen sie den Rest der Welt vergisst, geschieht ein Mord – ausgerechnet bei der lokalen Musicalproduktion. Anwesend ist Tim Behnke (Jonas Hein), von dem Anika ein Riesenfan ist und in den sie sich beim ersten Zusammentreffen direkt verliebt. Außerdem sind beim Mord des Pferdedarstellers Torsten der cholerische, sächselnde Regisseur Harry Gold (Chris Murray) sowie sein Erzfeind, der stets in Superlativen und Sticheleien vernarrte Musical-Rezensent Koma (Veit Schäfermeier) zugegen. Weitere Verdächtige sind die Musicaldarstellerinnen Lynn (Anna Montanaro), Lea (Janne Marie Peters) und Lucy (Makeda) sowie der musikalische Leiter Kollo (Martin Knorz). Aber auch Anika verdächtigt sich selbst – und es bleibt nicht bei einem Mord…
Regisseur Florian Richter entwickelt aus seinen Ideen der letzten zehn Jahre einen runden Musicalfilm, der nicht nur gut unterhält, sondern auch das Genre mit einem Augenzwinkern und subtiler Kritik am ‚Business‘ versieht. Die Geschichte scheint inhaltlich in ihren Grundzügen vom Krimi-Comedy-Musical „Curtains“ inspiriert, denn im Vordergrund steht auch dort bei einem theaterinternen Mordfall die Frage: „Wer war’s? Der Regisseur, der Hauptdarsteller, der Theaterkritiker oder jemand anderes?“ Stilistisch erinnert der Film zudem an Serien wie „Crazy Ex-Girlfriend“ und „Zoey’s Extraordinary Playlist“ – ähnlich wie die Protagonistinnen dieser Shows sieht sich die Hauptfigur Anika mit ihrer Liebe zu Musicals so stark konfrontiert, dass die Lieder in ihrem Kopf ihren Alltag bestimmen und sie sich in ihren Gedanken in die bunte Welt der Bühne flüchtet. Beide Aspekte für sich genommen sind kein Novum, aber die ungewöhnliche und überaus geschickte Kombination sorgt für kurzweilige Comedy-Unterhaltung, die für den deutschen Musicalfilmmarkt eine absolute Besonderheit darstellt.
Schon die ersten sechs Minuten setzen die Grundstimmung: Schwungvolle Choreografien von Co-Regisseur Bart de Clerq und viele rasche Kamerawechsel sowie dynamische Schnitte von Oliver Staack lassen den Film zuweilen etwas zu hektisch wirken. Auch wenn die filmische Umsetzung stellenweise einen gewissen Low-Budget-Charme versprüht, entwickelt sie durch den gezielten Einsatz von Perspektiven, Licht und Schatten, knalligen Farben und die gekonnte Inszenierung der Drehorte durchaus visuelle Zugkraft.

Während des enthusiastischen Openings tanzt sich Anika durch die Hamburger Hafenstadt, nur um kurz darauf aus ihrem Delirium, in dem die Zuschauenden ihre Sehgewohnheiten an den Stil des Films anpassen, wieder in die graue Realität gerissen zu werden: Der optische Kontrast zwischen der schillernden Musicalwelt in Anikas Kopf und der kühlen, regnerischen Realität ihres Lebens ist ein eindrucksvolles visuelles Stilmittel, das auch durch Friederike zu Dohnas Kostümbild und die Pop- und Clipart-artigen Animationen von Kyne Uhlig, Nikolaus Hillebrandt und Anna Mahendra gut unterstrichen wird. Wenn Anika und ihr Traumensemble in ihren gelben Kleidern in ihre Dance-Breaks verfallen, erinnert die Szenerie an eine Parodie auf „La La Land“ und „West Side Story“. Die Cliparts dominieren dabei einige Liedszenen und stellen skurrile Bildmomente dar, die irritieren, übertrieben wirken und dadurch den gewünschten Humor entfalten. So manche Szene erweckt Eindrücke zwischen musikalischem Fiebertraum und esoterischem Drogentrip: Sicherlich nicht jedermanns Sache, aber als krasser Bruch zur ansonsten realistischeren Darstellungsweise ein besonderes Merkmal dieses Films, das ihn von anderen Genrevertretern deutlich abhebt.
Für deutsche Musicalfans ist ein Teil des Sehgenusses der große Spaß, im Gewusel der Tanzszenen zwischen Hamburg („Is‘ doch nur Musical“), Plöner See („Wat is‘ Plön schön!“) und Wattenmeer die zahlreichen bekannten MusicaldarstellerInnen in kleinen Neben- und Ensemblerollen zu entdecken, die über verschiedene Gewerke des Films verteilt sind. Über 40 AkteurInnen wirken in den unterschiedlichen Tanzszenen mit, zusätzlich gut 30 Sängerinnen für die Liedaufnahmen und viele weitere in den Film begleitenden Aufnahmen.
Die Songs von Marc Schubring sind lang, aber nicht langweilig: Eingängige Melodien voller Zitate bekannter Musicals von „Chicago“ über „Die Päpstin“ und „Elisabeth“ bis zu „The Bodyguard“ bilden den Score, mit dramaturgisch gut gesetzten Reprisen. Musikalisch hochwertig aufgenommen und durch Kevin Schroeders Songtexte immer zwischen absichtlich schmalzigem Pathos, ulkiger Überdramatik und einigen profunderen Momenten verortet, kreieren die DarstellerInnen einige wahre Glanzmomente.
Darunter Ann Sophie mit ihrem stimmlich facettenreichen „Öffne die Tür“ und das Lied „Du allein“, das von Janne Marie Peters in einer belt-intensiven Reprise und von Anna Montanaro mit großartiger Jazz-Performance als Grande Dame interpretiert wird. So ganz kommen Musik, Gesang und Darstellung aber nicht immer zusammen: Die Intensität der Bewegungen wirkt manchmal energetischer als der Score, und zuweilen sind die gesanglichen Aufnahmen zurückhaltender, als die darstellerische Performance vermuten ließe. Am besten gelingt es den Musical-Veteranen Montanaro, Felix Martin und Chris Murray, ihre Performance visuell, energetisch und akustisch in Einklang zu bringen.
Murray gefällt als Klaus-Kinski-Verschnitt nicht nur stimmlich, sondern darstellerisch und komödiantisch auf ganzer Linie. Auch Felix Martin hat gegen Ende des Films im finalen Showdown großartige gesangliche Comedy-Momente. Das Trio Montanaro, Peters und Makeda sorgt auch darstellerisch für Stimmung. Jonas Hein und Laura Pfister harmonieren hervorragend zwischen Schmalz, Kitsch und ein paar echten Momenten („Schau zu den Sternen“) – sowohl in den Schauspielsequenzen als auch in den fast schon psychedelisch dargestellten Song-Mashups. Ihnen gelingt es, der herrlich absurden Geschichte auch eine gewisse Natürlichkeit zu verleihen, wenn beispielsweise kurz nach einem Dreifachmord Heins Charakter zu einer gemeinsamen Atemübung mit dem Ensemble einlädt oder angesichts der nahenden Bedrohung recht trocken die musikalischen Einsparungen vom Orchester zum Vollplayback statt der Todesfälle problematisiert werden. Selbst das im gesamten Lied nur aus drei Worten und Gebrabbel bestehende „Du bist Schuld“, in dem Anika ihrer möglichen Schizophrenie und dem Tod ihrer Mutter begegnet, wird durch Pfister überzeugend natürlich dargeboten, obwohl das Lied sich immer weiter in Albernheit steigert – eine anerkennenswerte schauspielerische Leistung von Pfister, Hein und dem Cast, den Klamauk so überzeugend umzusetzen!
Im finalen Aufeinandertreffen zwischen Anika und dem Mörder wird es dann noch einmal herrlich albern. Eingeleitet mit Anikas verdutzter Frage: „Du kannst singen?! Ja, aber bitte, lass uns sprechen!“, wirft es inmitten der Mord-Herleitung plötzlich die unvermittelte Frage auf: „Warum ging Stella damals pleite? So oft, wie wir da waren, kann das gar nicht sein!“, bevor der Verbrecher dann endgültig gefasst wird. „Musical ist nichts als heiße Luft!“, sagt der Übeltäter, dessen Identität als überraschender Plot-Twist am Ende des Films funktioniert. Dass Musical viel mehr als das ist, wissen Fans natürlich. Und auch dieses Projekt, an dem neben Achilleon Filmproduktion UG und play on films UG auch Mehr Entertainment, ATG, das Schmidt Tivoli und Spotlight unterstützend mitwirkten, zeigt, was Musical kann, wenn alle an einem Strang ziehen – auch als kurzweiliger Film. Wer die Kinopremiere nicht verpassen möchte: „Is‘ doch nur Musical – Das tote Pferd von Plön“ wird am 26. Oktober im Kölner Cinedom im Kreise der Musicalszene und Hauptdarstellenden auf der großen Leinwand ausgestrahlt.
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