Ensemble © Johan Persson
Ensemble © Johan Persson

NEUE REZENSION
Jesus Christ Superstar (seit 07/2016)
Palladium, London

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastCast (Historie)Ter­mi­neSpielorte
 

Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“ war ein Rockkonzert, bevor es überhaupt zum Musical wurde. 1970 erschien zunächst das Concept Album, erst ein Jahr später folgte die erste Bühnenproduktion. Umso konsequenter wirkte Timothy Sheaders Inszenierung, als sie 2016 im Regent’s Park Open Air Theatre Premiere feierte. Gemeinsam mit Choreograf Drew McOnie und Designer Tom Scutt rückte er das Stück wieder nah an seine musikalischen Wurzeln. Nach einer weiteren Spielzeit im Regent’s Park und einem Gastspiel im Barbican Theatre kehrt die Olivier-prämierte Produktion nun, zehn Jahre nach ihrer Premiere, ins London Palladium zurück. Dort funktioniert ihre Rockkonzert-Ästhetik nach wie vor hervorragend – und gewinnt durch die Standing Tickets direkt auf der Bühne eine spannende neue Perspektive.

Sam Ryder (Jesus), Desmonda Cathabel (Mary)
© Johan Persson

Sheader macht die Konzertästhetik zum Regieprinzip. Fast jede Figur hält ihr Mikrofon sichtbar in der Hand, doch immer wieder wird es selbst zur Requisite. Besonders eindrücklich funktioniert das bei den Hohepriestern: Ihre Zeremonialstäbe werden mit einer Drehung zum Mikrofon und machen aus den religiösen Würdenträgern eine Art bedrohliche Boyband. Noch stärker ist das Motiv zwischen Jesus und Judas. Sie teilen sich ein Mikrofon, reißen es einander aus der Hand und kämpfen damit zugleich um das Wort und die Deutungshoheit über ihre Geschichte. Dass Judas sich schließlich am Kabel eines Mikrofons erhängt, führt dieses Bild konsequent zu Ende.

Den Konflikt der beiden erzählt Sheader erstaunlich menschlich. Judas ist von Beginn an der Getriebene und Wütende, während Jesus zunächst immer wieder seine Nähe sucht und ihn beruhigt. Im Laufe des Abends reduziert Jesus seine Bemühumgen, die Distanz zwischen ihnen zu überbrücken. Beim letzten Abendmahl formiert sich die Gruppe für einen kurzen Freeze zu Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde, bevor Jesus sich aus der Ikone löst und wieder zum Menschen dieser Geschichte wird.

Ein besonders starkes Bild findet Sheader für Judas’ Verrat: Als dieser in die Geldtruhe der Hohepriester greift, läuft ihm beim Herausziehen der Hände das Silber wie eine Flüssigkeit über die Haut. Bis zum Ende bleiben seine Hände silbern. Aus dem sprichwörtlichen Blut an den Händen wird das Silber an den Händen – Judas kann seinen Verrat nicht mehr abstreifen.

Tom Scutts Einheitsbühnenbild setzt diese Konzentration fort. Metallgerüste umschließen den hinteren Bühnenraum: Unten stehen die Zuschauer mit Standing Tickets, darüber sitzt gut sichtbar das Orchester. Quer über der Spielfläche liegt ein riesiges Kreuz, das zunächst als Steg und beim letzten Abendmahl als Tisch dient. Das Ende Jesu liegt damit die ganze Zeit vor den Augen des Publikums. Erst zur Kreuzigung richtet es sich schräg in den Raum auf und wird zum alles beherrschenden Symbol.

Ensemble © Johan Persson

Auch Scutts Kostüme folgen einer klaren Bildsprache. Jesus, Maria Magdalena und die Jünger tragen Erdtöne und weite Kleidung mit Hippie-Anklängen. Pilatus und die Hohepriester setzen sich davon in Schwarz ab; Sonnenbrillen komplettieren bei letzteren den Boyband-Look. Herodes wiederum sprengt die gedeckte Farbwelt komplett in Gold.

Drew McOnies Choreografie treibt die Konzertästhetik mit enormer Energie weiter. Die Jünger formieren sich um Jesus wie Fans um einen Rockstar. Flüssige Bewegungen werden von ruckartig-zuckenden Impulsen durchbrochen, die der Gemeinschaft etwas beinahe Tranceartiges verleihen. Stellenweise entsteht so das Bild einer modernen Sekte, deren Mitglieder sich körperlich ganz auf ihren Anführer ausrichten.

Für diese Konzeption erweist sich Sam Ryder als nahezu ideale Besetzung des Jesus. Er ist durch und durch Rockstar und besitzt eine Stimme, die mühelos zum Zentrum des Abends wird. Sein „Gethsemane“ gerät zu einem markerschütternden vokalen Kraftakt. Schauspielerisch zeigt Ryder eine kleinere Palette. In einem Musical, das seine Figuren über feinste psychologische Nuancen entwickelt, wäre das problematisch. Hier jedoch braucht Sheader vor allem jene charismatische Präsenz, die verständlich macht, warum sich eine ganze Bewegung um diesen Menschen formiert – und genau die bringt Ryder mit.

Der ideale Gegenpart findet sich in Billy Nevers als Judas. Sein Judas ist wütend und emotional, aber nie eindimensional. Besonders stark sind die stillen Momente, in denen er abseits steht und fassungslos beobachtet, was aus der Bewegung um Jesus geworden ist, oder mit seinem Verrat ringt. Auch die anspruchsvolle Gesangspartie bewältigt Nevers scheinbar mühelos und begegnet Ryder als ebenbürtiger vokaler Gegenpart.

Sam Ryder (Jesus) © Johan Persson

Für die leiseren Momente sorgt Desmonda Cathabel als Maria Magdalena. Ihr sanft gesungenes „I Don’t Know How to Love Him“ überzeugt besonders durch seinen inneren Bogen: Aus anfänglichem Zweifel entwickelt Cathabel mit jeder Strophe größere Gewissheit, bis Maria erkennt, dass sie Jesus tatsächlich liebt. David Thaxton verleiht Pontius Pilatus hinter seiner autoritären Fassade überzeugend Zweifel und Verzweiflung.

Komplett in Gold gehüllt und mit maximal camp überzeichneter Attitüde stürmt Layton Williams als Herodes die Bühne. Zunächst kostet er die Komik mit grandiosem Timing aus, lässt sie jedoch Stück für Stück ins Verstörende kippen. Hinter dem schillernden Entertainer tritt ein unberechenbarer Psychopath hervor – und das anfängliche Lachen bleibt zunehmend im Hals stecken.

Entscheidenden Anteil am Gesamteindruck hat das mit 19 Musikerinnen und Musikern üppig besetzte Orchester. Von der Empore liefert es einen vollen, lauten und druckvollen Rocksound, während die hervorragende Tonabstimmung selbst in den dichtesten Momenten für klare Textverständlichkeit sorgt.

Andrew Lloyd Webber hat „Jesus Christ Superstar“ nie als klassische Musicalpartitur gedacht, sondern als Rockmusik, die auf einer Bühne stattfindet. Timothy Sheader nimmt ihn beim Wort. Gerade die Standing Tickets geben dem zehn Jahre alten Konzept dabei einen entscheidenden neuen Impuls: Menschen von heute schauen aus nächster Nähe zu, wie aus Verehrung Hass und aus einem gefeierten Anführer ein Verurteilter wird. Vielleicht braucht dieser mehr als fünfzig Jahre alte Stoff genau diese Direktheit. Selten fühlte sich Zuschauen so sehr wie ein Teil der Geschichte an.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastCast (Historie)Ter­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
IszenierungTimothy Sheader
DesignTom Scutt
ChoreographieDrew McOnie
Musikal. SupervisionTom Deering
Licht DesignLee Curran
Sound DesignAdam Fisher
Fight DirectorKate Waters
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastCast (Historie)Ter­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
=20.06.-09.01.27=
JesusSam Ryder
(Matthew Harvey)
JudasTyrone Huntley [20.06.-05.09.26]
Billy Nevers [20.06.-05.09.26]
MaryDesmonda Cathabel
PilateDavid Thaxton
King HerodJesse Tyler Ferguson [20.06.-11.07.26]
Richard Armitage [13.07.-15.08.26]
Layton Williams [17.-29.08.26]
Julian Clary [31.08.-05.09.26]
Matt Bomer [16.-31.10.26]
Rob Brydon [02.-07.11.26]
Reece Shearsmith [09.-14.11.26]
Bob the Drag Queen [16.-21.11.26]
Michael Ball [23.11.-05.12.26]
Simon Russell Beale [07.-12.12.26]
Omid Djalili [14.-19.12.26]
Layton Williams [21.12.26-02.01.27]
CaiaphasBob Harms
AnnasMatty J
SimonBilly Nevers [20.06.-05.09.26]
PeterPhil King
Soul Singer / EnsembleKoko Alexandra
Sarah Freer
Cherece Richards
Mob Leader / EnsembleCharley Warburton
EnsembleJasmine Jules Andrews
Daniel Bowskill
Jahlilm Burke
Martha Burton
Marcelo Cervone
Owen Lloyd
Milo McCarthy
Dan Moore
Kyle Richardson
Olivia Saunders
Toyan Thomas-Browne
Lillie-Pearl Wildman
SwingsCourtney Arango
Amy Barker
Alistair Beattie
Sebastian Goffin
Alexander Kranz
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastCast (Historie)Ter­mi­neSpielorte
CAST (HISTORY)
=2024=
JesusIan McIntosh
JudasShem Omari James
MaryHannah Richardson
HerodJulian Clary [29.02.-02-03.]
=14.08.-27.09.20=
JesusDeclan Bennett
Pepe Nufrio
JudasTyrone Huntley
Ricardo Afonso
MaryMaimuna Memon
Anoushka Lucas
PilateDavid Thaxton
CaiaphasIvan De Freitas
HerodShaq Taylor
AnnasNathan Amzi
PeterPhil King
SimonCedric Neal
Soul SingersGenesis Lynea
Rosa O Reilly
Elliotte Williams-NDure
sowieDaniel Bailey
Dale Evans
Rosie Fletcher
Josh Hawkins
Stevie Hutchinson
Billy Nevers
Charlotte Riby
Tinovimbanashe Sibanda
Barnaby Thompson
Tara Young
=04.07.-24.08.19=
JesusRobert Tripolino
JudasRicardo Afonso
MarySallay Garnett
PilateMatt Cardle
HerodN.N.
CaiaphasCavin Cornwall
AnnasNathan Amzi
Simon ZealotesN.N.
PeterN.N.
=11.08.-23.09.17=
JesusDeclan Bennett
JudasTyrone Huntley
MaryMaimuna Memon
PilateDavid Thaxton
HerodPeter Caulfield
CaiaphasPhilipp Brown
AnnasSean Kingsley
Simon ZealotesTim Newman
PeterPhil King
Soul GirlsKayleigh McKnight
Lauran Rae
Nicholle Cherrie
EnsembleJosh Dever
Rhys Whitfield
Charlotte Riby
Sinead Long
Mark Dugdale
Ivan De Freitas
Stevie Hutchinson
Javar Parker
Nuno Queimado
Cleve September
Tinovimbanashe Sibanda
Kirstie Skivington
Christopher Tendai
Tara Young
Dale White
=15.07.-27.08.16=
JesusDeclan Bennett
JudasTyrone Huntley
MaryAnoushka Lucas
PilateDavid Thaxton
CaiaphasCavin Cornwall
HerodPeter Caulfield
PeterPhil King
Simon ZealotesJoel Harper-Jackson
AnnasSean Kingsley
Soul GirlsGenesis Lynea
Rosa O’Reilly
Shanay Holmes
EnsembleAshley Andrews
Will Barratt
Billy Cullum
Joshua Dever
Omari Douglas
Simon Hardwick
Raquel Jones
Bobbie Little
Sinead Long
Gloria Obianyo
Joseph Prouse
Charlotte Riby
Cameron Sharp
Barnaby Thompson
Rhys Whitfield
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastCast (Historie)Ter­mi­neSpielorte
TERMINE
Sa, 05.09.2026 14:30Palladium, London
Sa, 05.09.2026 19:30Palladium, London
Fr, 16.10.2026 19:30Theatre Royal Drury Lane, London
Sa, 17.10.2026 19:30Theatre Royal Drury Lane, London
Mo, 19.10.2026 19:30Theatre Royal Drury Lane, London
Di, 20.10.2026 19:30Theatre Royal Drury Lane, London
Mi, 21.10.2026 19:30Theatre Royal Drury Lane, London
Do, 22.10.2026 14:30Theatre Royal Drury Lane, London
Do, 22.10.2026 19:30Theatre Royal Drury Lane, London
Fr, 23.10.2026 19:30Theatre Royal Drury Lane, London
▼ 88 weitere Termine einblenden (bis 09.01.2027) ▼
 
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SPIELORTE
15.07.2016 - 23.09.2017Regents Park Open Air Theatre, London99 x
04.07.2019 - 24.08.2019Barbican Centre, London60 x
14.08.2020 - 27.09.2020Regents Park Open Air Theatre, London59 x
26.02.2024 - 02.03.2024Churchill Theatre Bromley, London8 x
13.05.2024 - 18.05.2024New Wimbledon Theatre, London8 x
20.06.2026 - 05.09.2026Palladium, London89 x
16.10.2026 - 09.01.2027Theatre Royal Drury Lane, London96 x
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