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Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“ war ein Rockkonzert, bevor es überhaupt zum Musical wurde. 1970 erschien zunächst das Concept Album, erst ein Jahr später folgte die erste Bühnenproduktion. Umso konsequenter wirkte Timothy Sheaders Inszenierung, als sie 2016 im Regent’s Park Open Air Theatre Premiere feierte. Gemeinsam mit Choreograf Drew McOnie und Designer Tom Scutt rückte er das Stück wieder nah an seine musikalischen Wurzeln. Nach einer weiteren Spielzeit im Regent’s Park und einem Gastspiel im Barbican Theatre kehrt die Olivier-prämierte Produktion nun, zehn Jahre nach ihrer Premiere, ins London Palladium zurück. Dort funktioniert ihre Rockkonzert-Ästhetik nach wie vor hervorragend – und gewinnt durch die Standing Tickets direkt auf der Bühne eine spannende neue Perspektive.
Sheader macht die Konzertästhetik zum Regieprinzip. Fast jede Figur hält ihr Mikrofon sichtbar in der Hand, doch immer wieder wird es selbst zur Requisite. Besonders eindrücklich funktioniert das bei den Hohepriestern: Ihre Zeremonialstäbe werden mit einer Drehung zum Mikrofon und machen aus den religiösen Würdenträgern eine Art bedrohliche Boyband. Noch stärker ist das Motiv zwischen Jesus und Judas. Sie teilen sich ein Mikrofon, reißen es einander aus der Hand und kämpfen damit zugleich um das Wort und die Deutungshoheit über ihre Geschichte. Dass Judas sich schließlich am Kabel eines Mikrofons erhängt, führt dieses Bild konsequent zu Ende.
Den Konflikt der beiden erzählt Sheader erstaunlich menschlich. Judas ist von Beginn an der Getriebene und Wütende, während Jesus zunächst immer wieder seine Nähe sucht und ihn beruhigt. Im Laufe des Abends reduziert Jesus seine Bemühumgen, die Distanz zwischen ihnen zu überbrücken. Beim letzten Abendmahl formiert sich die Gruppe für einen kurzen Freeze zu Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde, bevor Jesus sich aus der Ikone löst und wieder zum Menschen dieser Geschichte wird.
Ein besonders starkes Bild findet Sheader für Judas’ Verrat: Als dieser in die Geldtruhe der Hohepriester greift, läuft ihm beim Herausziehen der Hände das Silber wie eine Flüssigkeit über die Haut. Bis zum Ende bleiben seine Hände silbern. Aus dem sprichwörtlichen Blut an den Händen wird das Silber an den Händen – Judas kann seinen Verrat nicht mehr abstreifen.
Tom Scutts Einheitsbühnenbild setzt diese Konzentration fort. Metallgerüste umschließen den hinteren Bühnenraum: Unten stehen die Zuschauer mit Standing Tickets, darüber sitzt gut sichtbar das Orchester. Quer über der Spielfläche liegt ein riesiges Kreuz, das zunächst als Steg und beim letzten Abendmahl als Tisch dient. Das Ende Jesu liegt damit die ganze Zeit vor den Augen des Publikums. Erst zur Kreuzigung richtet es sich schräg in den Raum auf und wird zum alles beherrschenden Symbol.
Auch Scutts Kostüme folgen einer klaren Bildsprache. Jesus, Maria Magdalena und die Jünger tragen Erdtöne und weite Kleidung mit Hippie-Anklängen. Pilatus und die Hohepriester setzen sich davon in Schwarz ab; Sonnenbrillen komplettieren bei letzteren den Boyband-Look. Herodes wiederum sprengt die gedeckte Farbwelt komplett in Gold.
Drew McOnies Choreografie treibt die Konzertästhetik mit enormer Energie weiter. Die Jünger formieren sich um Jesus wie Fans um einen Rockstar. Flüssige Bewegungen werden von ruckartig-zuckenden Impulsen durchbrochen, die der Gemeinschaft etwas beinahe Tranceartiges verleihen. Stellenweise entsteht so das Bild einer modernen Sekte, deren Mitglieder sich körperlich ganz auf ihren Anführer ausrichten.
Für diese Konzeption erweist sich Sam Ryder als nahezu ideale Besetzung des Jesus. Er ist durch und durch Rockstar und besitzt eine Stimme, die mühelos zum Zentrum des Abends wird. Sein „Gethsemane“ gerät zu einem markerschütternden vokalen Kraftakt. Schauspielerisch zeigt Ryder eine kleinere Palette. In einem Musical, das seine Figuren über feinste psychologische Nuancen entwickelt, wäre das problematisch. Hier jedoch braucht Sheader vor allem jene charismatische Präsenz, die verständlich macht, warum sich eine ganze Bewegung um diesen Menschen formiert – und genau die bringt Ryder mit.
Der ideale Gegenpart findet sich in Billy Nevers als Judas. Sein Judas ist wütend und emotional, aber nie eindimensional. Besonders stark sind die stillen Momente, in denen er abseits steht und fassungslos beobachtet, was aus der Bewegung um Jesus geworden ist, oder mit seinem Verrat ringt. Auch die anspruchsvolle Gesangspartie bewältigt Nevers scheinbar mühelos und begegnet Ryder als ebenbürtiger vokaler Gegenpart.
Für die leiseren Momente sorgt Desmonda Cathabel als Maria Magdalena. Ihr sanft gesungenes „I Don’t Know How to Love Him“ überzeugt besonders durch seinen inneren Bogen: Aus anfänglichem Zweifel entwickelt Cathabel mit jeder Strophe größere Gewissheit, bis Maria erkennt, dass sie Jesus tatsächlich liebt. David Thaxton verleiht Pontius Pilatus hinter seiner autoritären Fassade überzeugend Zweifel und Verzweiflung.
Komplett in Gold gehüllt und mit maximal camp überzeichneter Attitüde stürmt Layton Williams als Herodes die Bühne. Zunächst kostet er die Komik mit grandiosem Timing aus, lässt sie jedoch Stück für Stück ins Verstörende kippen. Hinter dem schillernden Entertainer tritt ein unberechenbarer Psychopath hervor – und das anfängliche Lachen bleibt zunehmend im Hals stecken.
Entscheidenden Anteil am Gesamteindruck hat das mit 19 Musikerinnen und Musikern üppig besetzte Orchester. Von der Empore liefert es einen vollen, lauten und druckvollen Rocksound, während die hervorragende Tonabstimmung selbst in den dichtesten Momenten für klare Textverständlichkeit sorgt.
Andrew Lloyd Webber hat „Jesus Christ Superstar“ nie als klassische Musicalpartitur gedacht, sondern als Rockmusik, die auf einer Bühne stattfindet. Timothy Sheader nimmt ihn beim Wort. Gerade die Standing Tickets geben dem zehn Jahre alten Konzept dabei einen entscheidenden neuen Impuls: Menschen von heute schauen aus nächster Nähe zu, wie aus Verehrung Hass und aus einem gefeierten Anführer ein Verurteilter wird. Vielleicht braucht dieser mehr als fünfzig Jahre alte Stoff genau diese Direktheit. Selten fühlte sich Zuschauen so sehr wie ein Teil der Geschichte an.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Cast (Historie) | Galerie | Termine | Spielorte | ||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Iszenierung | Timothy Sheader |
| Design | Tom Scutt |
| Choreographie | Drew McOnie |
| Musikal. Supervision | Tom Deering |
| Licht Design | Lee Curran |
| Sound Design | Adam Fisher |
| Fight Director | Kate Waters |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| CAST (HISTORY) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 15.07.2016 - 23.09.2017 | Regents Park Open Air Theatre, London | 99 x |
| 04.07.2019 - 24.08.2019 | Barbican Centre, London | 60 x |
| 14.08.2020 - 27.09.2020 | Regents Park Open Air Theatre, London | 59 x |
| 26.02.2024 - 02.03.2024 | Churchill Theatre Bromley, London | 8 x |
| 13.05.2024 - 18.05.2024 | New Wimbledon Theatre, London | 8 x |
| 20.06.2026 - 05.09.2026 | Palladium, London | 89 x |
| 16.10.2026 - 09.01.2027 | Theatre Royal Drury Lane, London | 96 x |
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