Ensemble © Jan-Pieter Fuhr
Ensemble © Jan-Pieter Fuhr

Monty Python's Spamalot (seit 06/2026)
Sommerbühne im Gaswerk, Augsburg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Eigentlich sollte „Monty Python’s Spamalot“ in dieser Spielzeit wie gewohnt über die traditionsreiche Freilichtbühne am Roten Tor fegen. Da das historische Areal jedoch unerwartet mit massiven baulichen Mängeln zu kämpfen hat und die ohnehin geplante Sanierung vorgezogen werden musste, zog die Produktion kurzerhand um. Als temporäre Ausweichspielstätte dient nun eine Interimsbühne auf dem Gelände des Alten Gaswerks – ein industriell geprägter Kulissenwechsel, der dem Stück erstaunlich gut zu Gesicht steht. Was das Staatstheater Augsburg hier aus der Not heraus auf die Beine gestellt hat, erweist sich als ein herrlich blödsinniger Abend, der aktuelle Geschlechterdiskussionen vollkommen unangestrengt aufgreift, ohne jemals den moralischen Zeigefinger zu heben. Diesem wunderbar anarchischen Spiel können sich selbst hartnäckige Skeptiker kaum entziehen.

Regisseurin Anna Weber nutzt die industrielle Kulisse der Interimsbühne geschickt und verpasst dem über zwanzig Jahre alten Stoff eine wohltuende Frischzellenkur. Statt auf verstaubte Broadway-Klischees zu setzen, bricht die Inszenierung tradierte Rollenbilder lustvoll auf. Sir Lancelot ist hier nicht nur mit einer Frau besetzt, sondern als Figur konsequent weiblich angelegt, was sich jedoch erst im Turm-Finale offenbart: Dort rettet sie Prinzessin Herbert – die eigentlich eine Frau ist, von ihrem nach einem Stammhalter lechzenden Vater aber stur als Sohn angeredet wird. Dass sich die Inszenierung bei dieser Genderdebatte selbst überhaupt nicht ernst nimmt und kurzerhand einen ‚Sir Frauenquote‘ einführt, nimmt dem Diskurs jede zeigefingerhafte Schwere.

Optisch ziehen das Bühnenbild von Sina Manthey und die Kostüme von Laura Kirst an einem Strang und verwandeln die Szenerie in ein riesiges, lebendiges Comicbuch. Die Hügellandschaft Britanniens besteht hier aus flach bemalten, hintereinander gestaffelten Kulissenplatten, in deren Mitte ein echter Pool als Eintrittspforte für die Fee aus dem See eingelassen ist. Über diesem bunten Reich thront ein Schloss in Form eines gewaltigen Ritterhelms, dessen Konturen frech mit funkelnden Show-Glühbirnen umrandet sind. Passend zu dieser künstlichen Pop-Art-Welt setzt die Ausstattung auf kräftige Farbblöcke und extreme Strukturen: Die Rüstungen kommen als glatte Kunstleder-Gewänder in pastelligen Tönen daher, während die erdigen Kutten mit ihren tiefen Falten fast wie Baumrinde wirken. Gekrönt wird der Look von einem absolut grotesken Make-up: Mit ihren weiß geschminkten Gesichtern und den knallrot umrandeten Augen sehen die Darstellenden aus wie direkt aus einem Zeichentrickstreifen entsprungen.

Sina Mantheys Bühnenaufbau bricht die klassische Trennung zum Zuschauerraum ohnehin permanent auf. Das Publikum wird ohne Unterlass direkt in das absurde Geschehen hineingezogen. Finden die Ritter den Heiligen Gral wie in der Vorlage noch unter dem Sitz eines überraschten Gastes, baut Weber diese Publikumseinbindung im weiteren Verlauf konsequent aus: Wenn die Fee aus dem See gemeinsam mit Patsy im Saal nach einem potenziellen König Artus sucht und schließlich fündig wird, oder wenn zur finalen Hochzeit von Lancelot und Herbert immer mehr Zuschauer als Hochzeitsgäste direkt auf die Bühne gebeten werden, verschmelzen Tribüne und Spielfläche zu einer unkomplizierten Party-Zone., die sich nahtlos in die Handlung einfügt.

Diesem visuellen Spaß gibt sich die Choreografie von Helena Sturm mit sichtbarer Lust hin. Das Ballett Augsburg wirbelt mit einer enormen Bandbreite über die Bühne und hat sämtliche geforderten Stile parat. Ob präzise Stepp-Einlagen, raumgreifende Shownummern, das herrlich absurde Tanzen im roten Ganzkörper-Pferdeensemble oder das synchrone Spiel als Wellen im See – die Truppe transportiert die launige Stimmung des Abends fehlerfrei ins Publikum und beweist ein fantastisches Gespür für das rhythmische Timing dieser Artus-Saga-Parodie.

Das Kern-Ensemble der Ritter erbringt eine enorme Leistung, da alle Beteiligten in rasantem Wechsel in unzählige Nebenfiguren schlüpfen und dennoch wunderbar trennscharfe Charaktere formen. Marina Lötschert füllt die Rolle der Lancelot mit einer resoluten, taffen Energie und führt das späte Coming-out der Figur mit grandiosem komödiantischem Gespür vor. Hannes Staffler wiederum zieht bei der Verwandlung vom schmuddeligen Einsiedler zum eitlen, fönfrisierten Gecken Sir Galahad alle Register der Typenparodie. Wenn er im großen Duett mit sängerischem Schmalz und stimmlicher Präzision die klassischen Klischees von Musical-Erfolgsduetten persifliert, erweist sich das als handwerklich perfekter Höhepunkt. Flankiert werden die beiden von Mehdi Salim als bedächtigem Sir Bedevere und Florian Gerteis, der als fabelhaft feiger Sir Robin mit seiner großen Broadway-Nummer punktet.

Zur unangefochtenen Szenendiebin des Abends avanciert jedoch Katja Berg als Fee aus dem See. Ihre virtuose Mimik verdient im Grunde eine eigene Show. Wenn sie sich wunderbar arrogant mit dem Dirigenten anlegt oder in ihrer großen Solo-Nummer lautstark beklagt, wann es denn endlich wieder um sie gehe, liefert sie eine meisterhafte Broadway-Parodie ab und bietet ganz großes komödiantisches Kino.

Dass die gewaltige Spielfläche der Interimsbühne zu keinem Zeitpunkt leer wirkt, liegt an der cleveren Aufteilung des Raums: Das zusätzliche Musical-Ensemble und der Opernchor des Staatstheaters Augsburg füllen die Weite mühelos und verleihen den bombastischen Broadway-Persiflagen die notwendige optische und akustische Dimension. Dabei überrascht der Opernchor mit einer bemerkenswerten Bewegungsfreude und ausgeprägtem tänzerischen Talent – eine Dynamik, die an Mehrspartenhäusern bei diesem Genre keineswegs selbstverständlich ist.

Musikalisch erweist sich der Abend als absoluter Glücksfall, was maßgeblich an den Augsburger Philharmonikern unter der Leitung von Sebastiaan van Yperen liegt. Das große Orchester, das seitlich der Bühne platziert ist, agiert mit mitreißender Spielfreude und transportiert den jazzigen, spritzigen Sound der Partitur pointiert auf das Gaswerk-Gelände. Die Tontechnik leistet hierbei auf dem Freilichtgelände ganze Arbeit: Der Sound ist hervorragend übertragen und fein austariert. Das Gleichgewicht zwischen dem Klangkörper, solistischen Instrumenten, den Gesangsolisten und dem Chor stimmt in jeder Szene, was auch der Textverständlichkeit zugutekommt. Wie präzise Graben und Bühne miteinander harmonieren, zeigt sich in den liebevollen Details: Wenn die Fee aus dem See parodiert wird und eine Trompete mittels Plunger-Dämpfer mit einem spöttisch geschmetterten „Wah-Wah“-Effekt ein akustisches Lachen imitiert, sitzt das humoristische Timing perfekt.

Im Programmheft formuliert Regisseurin Anna Weber einen entscheidenden Gedanken: Humor funktioniert als kollektive Gemeinschaftserfahrung eben genau dann am besten, wenn er sich nicht diskriminierend gegen marginalisierte Gruppen richtet, sondern charmant, satirisch und anarchisch die gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf stellt. Genau das löst diese Augsburger Inszenierung ein. Die Produktion beweist, dass eine zeitgemäße, queere Lesart und der klassische Nonsens von Monty Python hervorragend zusammenpassen. Aus der baubedingten Notlösung am Alten Gaswerk wird so ein erfrischender, unverkrampfter Freilicht-Abend, der zeigt, wie klug und gleichzeitig herrlich albern intelligenter Unfug heute sein kann.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
Buch und LiedtexteEric Idle
MusikJohn du Prez
Eric Idle
ÜbersetzungDaniel Grosse Boymann
Musikalische LeitungSebastiaan van Yperen
InszenierungAnna Weber
DramaturgieTamara Yasmin
BühneSina Manthey
KostümeLaura Kirst
ChoreografieHelena Sturm
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
König ArtusPatrick L. Schmitz
Die Fee aus dem SeeKatja Berg
Sir Robin / Wache 1Florian Gerteis
Sir Lancelot / Dennis' MutterMarina Lötschert
Patsy / Wache 2Johan Vandamme
Sir Galahad / Herberts Vater / Der schwarze RitterHannes Staffler
Sir Bedevere / ConcordeMehdi Salim
Historiker / Der-noch-nicht-tote-Fred / Herbert / französischer Spötter / Tim der ZaubererStephanie Marin
Sir FrauenquoteFátima López García
Martina Piacentino
Stimme GottesRolf Störmann
MusicalensembleVera Herberich
Valerian Lehner
Lukas Lommer
Sophie Rosenitsch
Amelie Spielmann
Benjamin Storm
Marco Wende
Amy Sellung
TanzBallett Augsburg
ChorOpernchor des Staatstheater Augsburg
KomparserieStatisterie des Staatstheater Augsburg
OrchesterAugsburger Philharmoniker
  
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Mi, 22.07.2026 20:30Sommerbühne im Gaswerk, Augsburg
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