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„On the Town“ ist das sechste Kooperationsprojekt der Folkwang Universität der Künste und des Theaters und Konzerthauses Solingen. Die kluge Inszenierung von Gil Mehmert überzeugt durch ein synergetisches Zusammenspiel von Studierenden und etablierten Musicaldarsteller:innen sowie einer fulminanten musikalischen Umsetzung und verleiht dem Stück eine überraschende Aktualität.
Im Westen des Landes stehen aktuell vielerorts Leonard Bernsteins Werke auf dem Spielplan: In Bielefeld, Hagen, Essen, Duisburg und nun auch in Solingen erklingen seine Partituren aus vollen Orchestergräben. Die musikalische Umsetzung von „On the Town“ funktioniert unter dem Dirigat von Stephan Kanyar besonders gut: Voller Schwung und mit wechselnden Tempi spielen die 53 Musiker:innen der Bergischen Symphoniker die jazzig-symphonische Musik Bernsteins auf und sorgen für eine kraftvolle Begleitung des Gesangs, die den Abend maßgeblich trägt. Dass der Gesang zwischen der Deutschen Übersetzung von Jens Luckwaldt und den englischen Originalen wechselt, irritiert zunächst ein wenig. Allerdings trägt die deutsche Übersetzung zum Textverständnis bei, da hier ohne Übertitel gearbeitet wird.
Chip, Ozzie und Gabey haben 24 Stunden Landgang in New York, bevor sie mit der Marine in den zweiten Weltkrieg aufbrechen. Um diesen Tag möglichst intensiv auszukosten, stürzen sich die drei Freunde ins Großstadtleben. Für Gabey soll es nur die Eine geben: Miss U-Bahn. Seine Freunde wollen ihm helfen, seine Traumfrau zu finden, verfallen aber ihren eigenen Zufallsbegegnungen Hildy und Claire.
Der eskapistische Rausch der Figuren ist durch die aktuelle weltpolitische Lage erschreckend greifbar. Phantasie und Traumwelt der jungen Matrosen verweben sich zu einem emotionalen Taumel aus Sehnsucht, Lebenshunger und der Verführung flüchtiger Begegnungen: Während Gabey auf der Fahrt nach Coney Island in der U-Bahn einschläft, tanzt sein Alter Ego in ein leichtes Leben. Dieses Bild wirkt wie ein Fiebertraum, der die Ungewissheit der Zukunft ausklammern will.
Die Regie von Gil Mehmert kehrt die klassische Figurenhierarchie der Geschlechter um: Die Damen werden durch Stärke und Eigeninitiative zum Motor der Geschichte, während die Matrosen als Identifikationsfiguren fungieren.
Die Frauenfiguren versuchen mit Nachdruck, die drei Männer vom bevorstehenden Kriegseinsatz abzulenken. Außerdem wollen sie ihren eigenen Spaß haben. Hildys Auftritt in Marlene-Hose wirkt auffallend emanzipiert und selbstbewusst. Der Buchvorlage von Betty Comden und Adolph Green entsprechend, geht von den Frauen die Initiative für romantische und sexuelle Begegnungen aus. Die amourösen ‚Überfälle‘ wirken dabei jedoch keineswegs übergriffig, da die jungen Männer sich ihnen dankbar hingeben.
Die Stärkung der Frauenfiguren entsteht auch durch die Straffung der Inszenierung: Einige musikalische und szenische Momente der männlichen Figuren wurden zugunsten der Dynamik der Frauenrollen gestrichen oder umgestellt. „Lonely Town“ verliert beispielsweise seinen solistischen Charakter und wird zur Ensemblenummer. Die Männerfiguren treten selten ohne die Damen auf.
„On the Town“ lebt, basierend auf Jerome Robbins‘ Ballett „Fancy Free“, von den Choreographien und Tanzgeschichten der Inszenierung: Choreograph Andrew Chadwick lässt Ensemblebilder entstehen, die das Getriebene der Stadt, die niemals schläft, markieren aber gleichermaßen auch intime Momente der jungen Paare mit all ihrer Leidenschaft abbilden. Eine Hebefigur folgt der nächsten: So heben auch die Choreographien die Frauenfiguren buchstäblich hervor. Außerdem werden die Damen über die Bühne gewirbelt, dass die Tellerröcke nur so fliegen. Auch die weiteren Kostüme von Britta Tönne sind authentisch der Mode der damaligen Zeit entsprechend. Die Geschichte bleibt dadurch visuell klar in den 1940er Jahren verankert.
Das Bühnenbild (ebenfalls von Tönne) ist mit drei massiven Blöcken einfach wie funktional gestaltet: So entstehen durch Verschiebung der Gestaltungselemente verschiedene Schauplätze wie die U-Bahn, Nachtclubs oder das Naturkunde-Museum. Der Backdrop wird mit oft bewegten LED-Bildern bespielt, wie etwa die scheinbar vorbeifliegenden Straßenschluchten Manhattans während einer Taxifahrt. Die Requisiten (wiederum Britta Tönne und Sophie Axmann) sind bewusst reduziert und oft in einem zweidimensionalen Comic-Stil in gesetzten Farben gestaltet, der sie stark verfremdet und abstrakt wirken lässt.
Die Konzentration liegt klar auf dem Erleben der Figuren, das von Studierenden der Folkwang Universität der Künste interpretiert wird. Die Castliste wird komplettiert durch vier Gastdarstellende, die sich in der Musicalszene bereits etabliert haben:
Die schrullige Gesangslehrerin Madame Dilly zeichnet Vera Bolten mit eigenem Charme und Witz. Ihre Figur spricht dem Alkohol etwas zu sehr zu, sodass sie durch überspitzte Tollpatschigkeit deutlich weniger streng wirkt als ihr Wortlaut besagt. Andrew Chadwick als Sailor Tom und Mr. S. Uperman zeichnet sich einmal mehr als hervorragender Tänzer aus, wenn er mit selbst choreographierten Hebefiguren authentische Leichtigkeit verbreitet. Martin Planz zeichnet seinen Pitkin mit spürbarer innerer Ambivalenz: Seine überzeichnete Mimik verbirgt, dass seine Gutmütigkeit sich dem Ende zuneigt, lässt zugleich jedoch eine überraschende sexuelle Offenheit erkennen. Clara Ribant sticht als Showgirl durch ihren körperlichen Ausdruck hervor.
Marie Ploner wirkt der Damenriege als Ivy Smith etwas entrückt und durch ihre unbeholfene Art gewollt unstet. Gleichzeitig beeindruckt Ploner als Tänzerin, die auch steppend das Ensemble anführt. Durch starke Bühnenpräsenz und ausdrucksstarkes Spiel imponiert Christina Verrieth als tonangebende Hildy. Alina Adam spielt als Claire mit Klischees zwischen konservativ-weiblichen Attributen und promiskuitiver Selbstbestimmung. Lucia Prader-Pscheidl stellt als Lucy einen bewusst komödiantisch überzeichneten Kontrast zur übrigen Figurenkonstellation dar. Ihre Figur passt nicht recht ins Gefüge der Pärchen-Clique, wird jedoch vom Publikum mit Sympathie angenommen.
Jan-Marten Greve legt Gabey mit spürbarer Melancholie authentisch an. Tamino Herzog verleiht Chip Zielstrebigkeit, lässt sich aber schließlich doch von Hildy verführen. Leonard Linzer kann mit Ausdruck und stimmlicher Durchsetzungskraft überzeugen und zeigt als Ozzie im Dreieck zwischen Claire und Pitkin ein flexibles Verständnis von Beziehungen auf.
Gil Mehmerts Inszenierung liest „On the Town“ nicht als nostalgische Musicalkomödie, sondern als eskapistische Flucht angesichts weltpolitischer Unsicherheit. Auch durch die Verschiebung des Fokus auf die Frauenfiguren gewinnt das Stück Gegenwärtigkeit, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren.
Musik von Leonard Bernstein, Songtexte von Betty Comden und Adolph Green
Deutsche Fassung von Jens Luckwaldt
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| KREATIVTEAM | |||||||||
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| Musikalische Leitung | Stephan Kanyar |
| Inszenierung | Gil Mehmert |
| Bühne und Kostüme | Britta Tönne |
| Choreographie | Andrew Chadwick |
| Video | FuFu Fraunwahl Simon Engels |
| Requisite | Britta Tönne Sophie Axmann |
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Galerie | Termine | Spielorte | |||
| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Gabey | Jan-Marten Gerve |
| Chip | Tamino Herzog |
| Ozzie | Leonard Linzer |
| Ivy | Marie Ploner |
| Hildy | Christina Verrieth |
| Claire | Alina Adam |
| Lucy/ Diana Dream | Lucia Prader-Pscheidl |
| Madame Dilly | Vera Bolten |
| Pitkin | Martin Planz |
| Prof. Figment/ Kellner | Jeremy Allen |
| Flossie/ Showgirl | Isabella Kanini Fischer |
| Freundin/ Showgirl | Anna Elisa Abt |
| Ältere Dame/ Showgirl | Clara Ribant |
| Polizist/ Francesco/ Rajah Bimmy | Tim Weidemann |
| Conférencier/ Plakatierer/ Andy | Jerome-Joseph Clemons |
| Mr. S. Uperman/ Sailor Tom | Andrew Chadwick |
| 1. Arbeiter/ Polizist | Jeonghun Kim |
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| Sa, 16.05.2026 19:30 | Teo Otto Theater, Remscheid |
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| SPIELORTE | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 07.05.2026 - 10.05.2026 | Theater und Konzerthaus, Solingen | 3 x |
| 16.05.2026 | Teo Otto Theater, Remscheid | 1 x |
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