Lina Hoppe (Inga), Karsten Oliver Wöllm (Dr. Frederick Frankenstein), Marianna McAven (Frau Blücher) © Tobias Metz
Lina Hoppe (Inga), Karsten Oliver Wöllm (Dr. Frederick Frankenstein), Marianna McAven (Frau Blücher) © Tobias Metz

NEUE REZENSION
Mel Brooks' Frankenstein Junior (seit 06/2026)
Hof der Götzenburg, Jagsthausen

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

2026 feiern die Burgfestspiele Jagsthausen unter anderem mit Denis Fischers gelungener, frech-respektloser Inszenierung von „Frankenstein Junior“ ihr 75. Jubiläum. Im Innenhof der Götzenburg brilliert eine gute Besetzung und garantiert beste Unterhaltung in einer lauen Sommernacht.

Das sitzt: Durch einen gezielten Tritt in den Schritt des Studenten Bertram Bartram illustriert Dr. Frederik Frankenstein den Kommilitonen im Hörsaal das Wunder der Reflexe und des Gehirns.

Zartbesaitete Besucher sind hier fehl am Platze, denn Mel Brooks lässt in seiner 2007 als Musical umgearbeiteten Gruselfilm-Parodie kein Fettnäpfchen aus und bricht auch in der Inszenierung von Denis Fischer lustvoll mit jedem Tabu: Von Leichenschändung bis zu politisch unkorrekten Witzen über körperliche Einschränkungen, verschrobene Wissenschaftler und ethische Probleme mit der Unsterblichkeit zündet der Regisseur Pointen im Sekundentakt. Garniert mit lokalen Häppchen wie Sodbrennen verursachende Maultauschen oder einem schwäbelnden Werwolf reißt der Spannungsbogen dramaturgisch nicht ab. Szenen wie das Suppen-Malheur des blinden Eremiten, der die heiße Brühe aufgrund seiner fehlenden Sehkraft in den Schritt der Frankenstein-Kreatur kippt, oder geschickt jugendfrei arrangierte Sex-Szenen kratzen bewusst an tradierten Werten. Denis Firschers Regie-Arbeit balanciert dabei gekonnt zwischen derber Komödie und Herz, zwischen Klamauk, zotig-sexistischen Altherren-Pointen auf Stammtischniveau und intelligentem Wortwitz.

Insbesondere die Laien, die in Ergänzung zu den Musical-Profis in den Hauptpartien das Ensemble bilden, zieht der Regisseur immer wieder kreativ ins Geschehen ein. Das funktioniert mit trabgarer Nebelmaschine als Bahnreisende und als menschliche Apparate in der Laborsituation ebenso hervorragend, wie wenn Frederick Frankenstein versucht, den Geheim-Mechanismus seines Großvaters für den Zugang ins geheimnisvolle Kellergewölbe zu knacken. Als mächtige Bibliothekswand versperren nebeneinanderstehende Darsteller – ausgestattet mit Kerzenständern und Büchern, die sogar als Kopfschmuck getragen werden (Kostümbild: Claudia Flasche) – den Weg. Erst nach mehreren vergeblichen Kombinationen öffnet sich die Sperre durch eine 45-Grad-Drehung und gibt den Weg frei. Einfach, aber effektvoll!

Der Innenhof der mittelalterlichen Götzenburg, empfiehlt sich zum Jagsthausener Festspiel-Jubiläum auch wegen der Fledermäuse, die sich immer wieder dorthin verirren, als idealer Spielort für den transsilvanischen Stammsitz der Frankensteins. Manfred Kaderk nimmt für sein Szenenbild die Farbgebung des Gemäuers für vier auf der Bühne stehende, mobile Quader auf. Durch Drehung werden ein an die Illustration in einem Bilderbuch erinnernder Tannenwald oder ein Labor-Interieur sichtbar. Dies ermöglicht schnelle Szenen-Wechsel. Trotz zweier fahrbarer Treppenpodeste mit leuchtenden Stufen mag allerdings kein wirkliches Revue-Feeling aufkommen. In eigentlich als große Tanzszenen angelegten Songs wie „Transsylvania Mania“ sind auf die Laien ausgelegte, einfache Schrittfolgen (Choreografie: Nina Kurzeja) zu sehen. Auch die beiden Profi-Tänzerinnen Aurora Bonetti und Sophie Gisbertz lassen ihre Steppschuhe aus. Stattdessen werden die dafür markanten Geräusche von den Darstellern mit rustikalen Holzstangen imitiert. Eine immerhin praktikable Lösung.

Musikalisch ist die Partitur von Mel Brooks bei der brillanten, im Wehrgang rechts über der Bühne postierten Band in den besten Händen. Unter der Leitung von Felix Meyerle entführen die Musiker das Publikum mit Melodien im Stile der Altmeister Cole Porter und George Gershwin in das glamouröse Flair der 1930er Jahre. Allerdings sind die Gesangstexte wegen der für die Tontechnik herausfordernden Bedingungen im Burg-Innenhof manchmal nur schwer verständlich.  

Ein grandioser Cast haucht dem Musical mit treffsicheren Rollenstudien gekonnt Leben ein. Allen voran überzeugt Karsten Oliver Wöllm als idealistisch-weltfremder Frederick „Fronkensteen“. Mit dieser Aussprache seines Nachnamens distanziert sich der Gehirn-Experte zunächst von den zweifelhaften Untoten-Experimenten seines als „verrückt“ bezeichneten Großvaters Victor. Mit Antritt seines Erbes in Transsilvanien siegt bei Frankenstein Junior allerdings die Neugierde über den Verstand. Wöllm zeichnet beeindruckend diesen Wandel vom eigenbrötlerischen Wissenschaftler zum zielgetriebenen Kreatur-Erschaffer, der unerschütterlich an das Gute im von ihm erschaffenen Wesen glaubt. Dabei glänzt er nicht nur darstellerisch, sondern ist mit seinem samtigen Bariton auch gesanglich der Fix-Stern der Aufführung.

Mit bis in den Höhen sicher geführten Spitzentönen gibt Bernadette Hug Fredericks Verlobte Elizabeth als überkandideltes, selbstverliebtes It-Girl, das schließlich den rustikalen Reizen des Monsters erliegt. Den Platz in Fredericks Herzen nimmt im Finale das Naturkind Inga ein, das ihm eigentlich nur als „Assistentin für absurde Experimente“ zur Seite stehen sollte. Doch bereits auf der holprigen Karrenfahrt zum transsilvanischen Familienstammsitz lässt Lina Hoppe mit ihrem fein nuancierten Musical-Sopran im jodeligen Walzer „Roll dich im Heu“ ihre wahren Intentionen aufblitzen. Pech für Hoppe: In der besuchten Vorstellung muss sie in ihrem zweiten großen Solo-Song gegen Mikrofon-Aussetzer ansingen, was ihre wirkliche Leistung schmälert, da sie nur eingeschränkt zu hören ist.

Als Idealbesetzung erweist sich Marianna McAven, die als geheimnisvolle Gothic-Haushälterin Frau Blücher über die Bühne trippelt, sogar Geige spielen kann und im Hintergrund die Fäden im Sinne von Victor Frankenstein zieht. In ihrem großen Solo „Er war mein Liebling“ kombiniert McAven ihre sehnsuchtsvolle Hingabe zum verkannten Meister mit Komik und gutem Gesang. Ebenfalls zum Hauspersonal gehört Frank Roder als Faktotum Igor aka „Eigor“, dem in der Landeshirnstelle das Malheur unterläuft, nicht das ursprünglich für das Menschen-Experiment vorgesehene Gehirn zu klauen. Roder legt seine Figur mit der absoluten Hingabe an die Kunst der Übertreibung an und meistert seine Gesangsaufgaben solide.  

Ein besonderes Highlight ist Sebastian Volk als Monster, das sich dank Gehirntransfer vom grunzenden Wilden zum plaudernden Charmebolzen wandelt. Großartig und absolut komisch auch sein Tanz mit dem Schatten-Double zum Irving Berlin-Klassiker „Puttin‘ on the Ritz“. Ein Kabinettstückchen liefert Fabio Piana in der Episoden-Rolle des einsamen, blinder Eremiten ab. Rouven Honnef poltert als mit Hand- und Beinprothesen ausgestatteter Inspector Hans Kemp über die Bühne.

Bereits im November 2023 wurde Mel Brooks, der vor wenigen Wochen seinen hundertsten Geburtstag feiern konnte, für sein Lebenswerk mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet. Warum er als Meister der Parodie und des schwarzen Humors gilt, kann man beim Besuch dieser monstermäßig-guten Musical-Aufführung sehr gut nachvollziehen.

Buch von Mel Brooks und Thomas Meehan
Musik und Gesangstexte von Mel Brooks
Deutsch von Frank Thannhäuser und Iris Schumacher

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
InszenierungDenis Fischer
Musikalische LeitungFelix Meyerle
ChoreografieNina Kurzeja
KostümeClaudia Flasche
BühnenbildManfred Kaderk
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Frankenstein JuniorKarsten Oliver Wöllm
IngaLina Hoppe
Ein EremitFabio Piana
Das MonsterSebastian Volk
IgorFrank Roder
Elizabeth BenningBernadette Hug
Frau BlücherMarianna McAven
Inspektor Hans KempRouven Honnef
LudwigImmanuel Grau
TanzAurora Bonetti
Sophie Gisbertz
EnsembleSinan Akman
Wenke Bauer
Ann-Christin Boll
Greta Dietz
Sophia Eichhorn
Julian Herden
Simone Hölzle
Sophie Hölzle
Peter Kasche
Aylin Kipar
Jule Kurz
Linus Neubeck
Ilka Nising
Christel Peschke
Julia Piastowski
Svea Polzer
Dominik Rügner
Cornelia Schmidt
Christiane Stecher
OrchesterStefan Bender
Andreas Francke
Steffen Hollenweger
Martina Jäckel
Johannes Krampen
Moritz Metzler
Felix Meyerle
Dominik Müller
Andreas Riester
Harald Schneider
Florian Veit
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
TERMINE
Fr, 31.07.2026 20:30Hof der Götzenburg, Jagsthausen
Sa, 01.08.2026 20:30Hof der Götzenburg, Jagsthausen
So, 09.08.2026 18:00Hof der Götzenburg, Jagsthausen
Sa, 15.08.2026 20:30Hof der Götzenburg, Jagsthausen
Do, 20.08.2026 20:30Hof der Götzenburg, Jagsthausen
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
SPIELORTE
19.06.2026 - 20.08.2026Hof der Götzenburg, Jagsthausen12 x
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