Bedknobs and Broomsticks © 1971-Walt Disney Productions
Bedknobs and Broomsticks © 1971-Walt Disney Productions

Ingos Fernsehsessel – "Bedknobs and Broomsticks" ("Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett")

Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.

Dezember bedeutet: Märchenzeit für mein Fernsehsessel-Programm. Zwar ist „Die tollkühne Hexe“ kein Märchen im klassischen Sinn, sondern die Verfilmung eines Kinder-Fantasyromans, aber es geht um Hexen und Zauberei – das genügt mir, um in die Kategorie zu passen. Der Streifen hat eine ziemlich holprige Entstehungsgeschichte und die Disney-Studios gingen ganz schön rabiat mit ihm um, was dazu führte, dass die Songs schreibenden Sherman-Brüder nie mehr für Disneyfilme arbeiteten. Trotzdem besitzt er dank eines tollen Ensembles und der Mischung aus Real- und Animationsfilm Charme und unterhält ausgesprochen gut. Eigentlich überraschend, denn die Eingriffe und Schnitte sind unübersehbar.

England, 1940: Wegen der deutschen Luftangriffe werden Kinder aus London evakuiert. Deshalb verschlägt es die drei Geschwister Charlie (Ian Weighill), Carrie (Cindy O’Callaghan) und Paul (Roy Snart) in ein Dorf an der Küste. Dort werden sie in die Obhut der sich erst sträubenden Miss Caroline (im englischen Original: Eglantine) Price (Angela Lansbury) gegeben. Es gibt einen guten Grund, weshalb Miss Price niemanden bei sich haben will: Sie macht per Fernkurs eine Ausbildung zur Hexe. Professor Emelius Browne (David Tomlinson) schickt ihr aus London regelmäßig Zaubersprüche und Lektionen, die bei Miss Price mal mehr, mal weniger funktionieren. Als die Kinder sie bei dem Versuch auf einem Besen zu reiten erwischen, erkauft sie sich ihr Schweigen, indem sie den abnehmbaren Knauf eines Bettpfostens verzaubert. Wenn Paul den Knauf dreht, mit dem Finger darauf tippt und den Ort nennt, an den sie reisen wollen, soll das Bett sie dorthin bringen. Da erreicht Price die Nachricht, dass Prof. Browne sein Institut leider schließen muss. Doch ihr fehlt noch der letzte Zauber, um ihre Ausbildung zu beenden. Kurzentschlossen reisen sie und die Kinder per Bett nach London. Dort stellt sich Prof. Browne als – wenn auch sympathischer – Scharlatan heraus. Er kam durch Zufall in den Besitz des Buchs „Die Zaubersprüche des Astoroth“, dessen Inhalt er unwissend, dass die Sprüche wirklich funktionieren, durch den Kurs zu Geld gemacht hat. Leider fehlen die letzten Seiten und damit auch die finalen Zauberworte, mit denen man Gegenstände zum Leben erwecken kann. Der Spruch wurde auf einen Stein eingraviert, den der Zauberer Astoroth immer um den Hals getragen haben soll. Doch dieser Stein wurde ihm angeblich von Tieren, mit denen er Experimente betrieben hat, gestohlen. Die Tiere und der Stein sollen sich nun auf der Insel Naboombu befinden. Also reisen alle mit dem Bett auf die einsame Insel.

Walt Disney kaufte die Filmrechte an Mary Nortons Buch bereits 1945, nahm aber erst Anfang der 1960er Jahre eine Umsetzung in Angriff. Doch er fand die Realisierung technisch zu kompliziert und wollte stattdessen lieber „Mary Poppins“ drehen. Als die Verhandlungen mit der Autorin P.L. Travers über die Verfilmung ihrer Bücher mit dem magischen Kindermädchen zu scheitern drohten, wandte sich Disney wieder der „Hexe“ zu. Sie war aber aus dem Rennen, als man sich doch noch mit Travers einigte. Danach soll Disney kein Interesse mehr an der zauberwilligen Miss Price gehabt haben, doch die Brüder Robert B. und Richard M. Sherman, die schon Musik für beide Projekte geschrieben hatten, bestanden darauf.

Als der Film 1971 fertig war, sollte er in der Weihnachtsshow der New Yorker Radio City Music Hall Premiere haben. Allerdings war er mit 139 Minuten zu lang – dort sollten nur Filme mit einer Laufzeit von unter zwei Stunden gezeigt werden. Also setzte man die Schere an, entfernte zum Ärger der Sherman-Brüder, denen das bei Disney schon früher passiert war, vor allem Songs und stutzte u.a. die Figur des Dorfpfarrers, der mit Roddy McDowell recht prominent besetzt war, auf ein Cameo zusammen. Zum 25. Geburtstag des Films 1996 erstellte Disney eine möglichst vollständige Fassung des Films, die auch in den USA auf DVD veröffentlicht wurde, an die man heute aber nur schwer herankommt. Ich jedenfalls bin bei dem Versuch gescheitert.

Für den deutschen Markt wurden möglichst viele Hinweise auf Nazis und Deutschland (so es denn möglich war) entfernt. Warum die Kinder aufs Land geschickt werden, wird nicht klar, und die Nazis, deren Invasion durch Miss Prices Zauber schließlich verhindert wird, tauchen sehr plötzlich auf. Die Handlung konzentriert sich in dieser Fassung auf die Beschaffung des Zauberspruchs – dass er im Kampf gegen die Deutschen eingesetzt werden soll, wird verschwiegen.

Bei seiner Deutschland-Premiere hatte „Die tollkühne Hexe“ noch eine Laufzeit von 100 Minuten, mittlerweile sind es nur noch 89. In den letzten zehn Minuten wird die Geschichte ziemlich holterdiepolter zu Ende gebracht und das Schlussbild (wegmarschierende Soldaten der britischen Heimatfront) wird nicht erklärt und macht null Sinn.

In der deutschen Fassung fehlt auch das Lied „The Age of Not Believing“, in dem Miss Price Charlie, der sich mit seinen zwölf Jahren weigert, an Magie zu glauben, vom Gegenteil überzeugen will. Das Thema erklingt nur instrumental, dafür aber immer, wenn man per Bett herumreist. Sehr schade, denn der Oscar-nominierte Song ist wirklich sehr schön. Andere der auch in der US-Version gestrichenen Songs waren allerdings von Anfang an auf dem Soundtrack-Album vertreten.

Die Musik kann ihre Herkunft aus der Sherman-Werkstatt nicht verleugnen. Sie klingt gewaltig nach „Mary Poppins“ – sehr eingängig, melodiös, mal ein zackiger Marsch. Der Walzer in Moll ist hier „Portobello Road“ statt „Chim-Chim-Cher-ee“. Die Sequenz auf dem Meeresgrund und auf der Insel Naboombu entspricht der nach dem Sprung in ein Straßengemälde zum Rennen mit den Karussellpferden. Auch hier werden Real- und Animationsaufnahmen kombiniert. Der Song „The Beautiful Briny Sea“ („Auf dem herrlichen Meeresgrund“) war sogar für einen nicht realisierten Abschnitt in „Mary Poppins“ komponiert worden. Wenn in „The Substitutiary Locomotion“ („Treguna Mekoides Trecorum Satis Di“) der Zauberspruch, der tote Gegenstände lebendig werden lässt, erstmals eingesetzt wird, ist das eine fast dreiste Kopie von „A Spoonful of Sugar“ („Wenn ein Löffelchen voll Zucker“).

Der Teil mit den sprechenden Tieren sorgte für weiteren Zwist zwischen den Komponisten-Brüdern und Disney. Sie hatten eigentlich einen Song geschrieben, mit dem Miss Price den König der Tiere (natürlich ein Löwe) ablenken will, damit sie ihm den Stein des Astoroth stibitzen kann. Stattdessen wurde ein Fußballspiel zwischen Raub- und Beutetieren eingefügt. Das bringt die Geschichte so gar nicht weiter, ist aber lustig anzusehen und der bekannteste Teil des Films, weil diese Sequenz gern aus dem Zusammenhang gelöst als Kurzfilm gezeigt wurde.

Tricktechnisch war „Die tollkühne Hexe“ herausfordernd wie „Mary Poppins“, aber Regisseur Robert Stevenson konnte auf die dort gemachten Erfahrungen aufbauen. Dabei schwanken die Oscar-prämierten Effekte aus heutiger Sicht zwischen „immer noch beeindruckend“ und „schnell durchschaubar“. Aber das Handgemachte trägt zum Charme dieses Films bei, ebenso der altmodisch künstliche Look. Nur die Landung der Deutschen wurde an einer echten Küste gedreht, alles andere entstand im Studio. Die durch Zauber zum Leben erwachten Ritterrüstungen, die die Nazis von der Invasion abhalten, haben mich als Kind im Kino sehr beeindruckt. Heute fallen mir die psychedelischen Bilder bei der Reise mit dem Bett auf.

Eine weitere Verbindung zu „Mary Poppins“ wäre fast die Hauptdarstellerin gewesen. Disney wollte Julie Andrews, die jedoch absagte. Mehrere große Namen kursierten und schließlich ging die Rolle an Angela Lansbury, die zu dieser Zeit ihren Höhepunkt am Broadway erlebte. Sie hatte zwar auch schon in den 1940er Jahren in einigen für die Zeit typischen Filmmusicals mitgespielt, ihre Singstimme wurde aber bis auf „Till the Clouds Roll By“ („Bis die Wolken vorüberziehen“, 1946) immer synchronisiert, obwohl sie Gesangserfahrung hatte. Erst 1964 kam sie zum Broadway-Musical. Stephen Sondheims „Anyone Can Whistle“ wurde zwar schon nach neun Aufführungen wieder abgesetzt, öffnete Lansbury aber die Türen zu Hauptrollen u.a. in „Mame“, „Gypsy“ und zur Uraufführungsbesetzung als Mrs. Lovett in „Sweeney Todd“. „Die tollkühne Hexe“ war ihre einzige große Musicalrolle auf der Leinwand. Lansbury zeichnet Miss Price als eine ein bisschen weltfremde, aber trotzdem patente alleinstehende Frau – in den 1940er Jahren wäre sie wahrscheinlich als typisch britische „alte Jungfer“ bezeichnet worden. Besonders positiv fällt mir das Zusammenspiel des fünfköpfigen Haupt-Ensembles auf. Zwischen Prof. Browne und Price entspinnt sich eine kleine Romanze, was wirklich bemerkenswert ist, denn beide sind für die klassischen Hollywood-Paare schon in die Jahre gekommen. David Tomlinson und Angela Lansbury spielen die Annäherung durch kleine Blicke und Andeutungen; trotzdem nimmt man es wahr und es ist vollkommen glaubhaft. Tomlinson, bekannt als Mr. Banks in „Mary Poppins“, spielt den halbseidenen, aber tollpatschigen Straßengaukler sehr sympathisch und mit viel menschlicher Wärme. Die drei Kinder sind auf dem Papier nicht mehr als die üblichen Klischeekinder in Disney-Familienfilmen. Charlie, der Älteste, ist störrisch und grummelig, öffnet sich dann aber der neuen Situation, Carrie ist das patente Mädel und Paul der putzige, etwas vorlaute Jüngste. Nur Cindy O’Callaghan stand danach weiter vor der Kamera, für Ian Weighill und Paul Snart blieb dieser Film der einzige Ausflug ins Filmbusiness. Bedauerlich, denn die drei sind wirklich sehr gut.

Durch die Darsteller funktioniert der Film für mich trotz der schwer zu ignorierenden Eingriffe und der schwachen Regie – wahrscheinlich hatte Robert Stevenson mit den technischen Belangen genug zu tun. Hätten mehr Musik und keine inhaltliche Kürzungen einen Mehrwert ergeben? Ich wage es zu bezweifeln – es sei denn, man hätte die weiteren Songs optisch kreativ umgesetzt. Aber zu „The Age of Not Believing“ ist Regisseur Stevenson szenisch nicht mehr eingefallen, als Miss Price und Carrie das Bett reisefertig zu machen. Er verlässt sich auf das – wie schon erwähnt – schöne Lied.

„Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ ist ein aufwändig produzierter, schön anzusehender „Mary Poppins“-Klon. Aber für mich ein perfekter Film als Feiertagsunterhaltung.

 
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