Der Film „Blue Moon“ über das Ende der Zusammenarbeit des Komponisten-Texter-Duos Richard Rodgers und Lorenz Hart, hat mich dazu gebracht, für die aktuelle Fernsehsessel-Ausgabe einen Film mit ihren Songs auszusuchen. Und dabei habe ich eine echte Entdeckung gemacht: „Love Me Tonight“ von 1932 ist ein Musical-Märchen, eine Operettenfilm-Parodie, ein Spiel mit Bild und Ton, mal geistreich, mal albern und sehr, sehr unterhaltsam. Eine mir bislang unbekannte Perle des Filmmusicals, die ich unbedingt empfehle.
Nach ihren Erfolgen am Broadway war es nicht verwunderlich, dass auch Hollywood für seine Musicalproduktionen im noch jungen Medium Tonfilm bei Rodgers und Hart anklopfte. Doch die ersten Filme für Warner Bros. waren weder erfolgreich, noch waren die beiden mit ihnen sonderlich zufrieden. Der Wechsel zum Filmstudio Paramount brachte ihnen mehr Möglichkeiten. Sie wurden in die Produktion eingebunden und „Love Me Tonight“ entwickelte sich zu einem der ersten Filmmusicals, in dem Lieder die Handlung nicht unterbrachen, sondern vorantrieben. Richard Rodgers komponierte die gesamte Musik, nicht nur die Songs. Das Ergebnis war die perfekte Verknüpfung von Bild und Ton – schon ab der ersten Szene, mit der „Sinfonie einer Großstadt“.
Paris am frühen Morgen: Die Stadt erwacht. Eine Kirchenglocke läutet, ein Arbeiter schlägt rhythmisch auf den Straßenbelag ein, ein Clochard schnarcht, eine Frau kehrt die Straße vor ihrem Haus, ein Baby schreit, Schuster nageln Sohlen auf Schuhe und die Straßen füllen sich mit Menschen und hupenden Autos. Die sich langsam aufbauenden, miteinander verzahnten Geräusche münden im Song „That’s the Song of Paree“, in dem wir unseren Helden, Maurice (Maurice Chevalier), von der Wohnung in seine Schneiderei folgen. Unterwegs begegnet er diversen Nachbarn und Passanten und die Art, wie er (immer noch innerhalb des Songs) mit ihnen spricht, charakterisiert diese Figur als gut gelaunten, den Frauen sehr zugetanen Mann, ein bisschen Hallodri, aber sympathisch. Diese Einführung war damals eine Innovation und verfehlt auch heute ihre Wirkung nicht.
Maurice ist also Schneider. Ein großer Auftrag des Vicomte Gilbert de Varèze (Charles Ruggles) lässt ihn auf seinen Durchbruch bei der höheren Gesellschaft hoffen, doch der Vicomte ist durch seinen ausschweifenden Lebenswandel finanziell in Bedrängnis und von seinem Onkel, Graf d’Artelines (C. Aubrey Smith), abhängig. Um das Geld der offenen Rechnungen einzutreiben, startet Maurice eine „Ein-Mann-Revolution“ und bricht zum Schloss des Grafen auf.
Unterwegs verursacht seine Autopanne einen Unfall mit Prinzessin Jeanettes (Jeanette Macdonald) Kutsche – und wie das nun mal so ist, verliebt sich Maurice auf der Stelle, während Jeanette ihn unausstehlich findet.
Damit sein Onkel nichts von seinem Schuldenberg erfährt, stellt der Vicomte Maurice im Schloss als „Baron Courtelin“ vor. Dieser lässt sich auf das Spiel ein, denn auch Jeanette wohnt dort und so kann er ihr nahe sein.
Realistisch ist hier natürlich nichts. Selbst der Pariser Alltag zu Beginn ist ein Bilderbuch-Alltag. Im Schloss betritt Maurice eine prächtig ausgestattete Märchenwelt, bevölkert von allerlei kauzigen Charakteren: vom alten Patriarchen über die quirlige Comtesse (Myrna Loy), den spießigen Comte de Savignac (Charles Butterworth), der sich Hoffnungen auf die Prinzessin macht, bis zu drei alten Tanten, die wie die Hexen in „Macbeth“ (nur positiver) für ihre Nichte, Prinzessin Jeanette, einen Trank brauen, der ihr Glück und Gesundheit bringen soll. Jeanette fühlt sich seit dem Tod ihres Mannes angeschlagen. Ihr Arzt – auch hier wieder eine musikalisch schöne Szene, wenn bei der Untersuchung je nach Abhören des Herzens oder erfühlen des Pulses, der Rhythmus wechselt – empfiehlt ihr eine neue Liebe. Das Problem: Es gibt nur zwei Kandidaten, die ihrem Stand würdig wären – der eine ist 85, der andere zwölf. Aber wie man sich schon dachte, erliegt sie Maurices Charme, doch der gibt ja vor etwas zu sein, was er nicht ist.
Das klingt alles sehr nach Operette, auch wegen Jeanette Macdonalds klassischem Gesang. Nun waren in den 1930er Jahren die Übergänge von der Operette zum Musical sehr fließend und die Gattungen schwer zu trennen. Die Songs sind aber in der US-amerikanischen Popularmusik verwurzelt und nicht im europäischen Unterhaltungstheater. „Love Me Tonight“ orientiert sich unverhohlen an Ernst Lubitschs musikalischen Komödien dieser Zeit (oft auch mit Macdonald und Chevalier in den Hauptrollen), die eine engere Verbindung zur Operettentradition haben. Auch Lubitschs ungemein unterhaltsame Filme spielen augenzwinkernd mit den Klischees dieses Genres, gehen aber nicht so weit wie hier Regisseur Rouben Mamoulian. Die Dialoge und auch Lorenz Harts Songtexte sind witzig, doch Mamoulian baut zusätzlich viele optische Gags ein, kreiert mit seinem Kameramann Victor Milner Licht-und-Schatten-Spiele, nutzt Spiegelbilder und scheut auch keine Albernheiten, wenn er plötzlich ein Portrait singen oder Bilder in Zeitlupe / Zeitraffer langsamer, bzw. schneller laufen lässt.
Der Film besticht durch seine Vereinigung von Text, Bild und Musik. Meine Lieblingssequenz ist „Isn’t It Romantic“, in der sich Paris mit der unwirklichen Welt des Schlosses verbindet. Der Song beginnt in Maurices Schneiderei, wo er gerade einem älteren Kunden einen Hochzeitsanzug verkauft hat. Da ist es erst noch ein Lied über die Romantik des Schneiderns, beschreibt dann seine Vorstellung eines Zusammenlebens mit einer Frau. Der Kunde findet den Refrain „catchy“ und singt ihn mit „Lalala“ statt Strophen auf der Straße. Ein Taxifahrer schnappt die Melodie auf und pfeift sie während der Fahrt. Sein Fahrgast, ein Komponist, notiert sie und arbeitet während einer Zugfahrt daran. Dort übernehmen sie seine Sitznachbarn, eine Gruppe Soldaten. Jetzt wird aus der Melodie ein Marsch, den ein vagabundierender Geiger hört, am Lager seiner Familie vorspielt und wieder verändert sich der Stil. Dieses Lager befindet sich in Hörweite von Schloss d’Artelines, auf dessen Balkon Prinzessin Jeanette die Melodie aufnimmt und davon singt, dass bald ein romantischer Held erscheinen könnte. Es verbinden sich nicht nur die Handlungsorte, sondern auch die romantischen Träume von Jeanette und Maurice, ohne dass sie sich begegnen. Da geht mir doch das Herz auf.
Wie sein Vorbild Lubitsch spart auch Mamoulian nicht mit dezent frivolen Scherzen, subtilen Zweideutigkeiten und weit ausgeschnittenen Damenroben. 1932 war das noch kein Problem, aber bei einer Wiederaufführung nach 1934, als der „Hays Code“ griff und Filme „sauber“ sein mussten, wurden acht Minuten herausgeschnitten, die heute verschollen sind. Mir ist beim Ansehen keine Unwucht im Film aufgefallen, auch wenn mich natürlich interessieren würde, was die Zensurbehörde seinerzeit beanstandet oder das Studio in vorauseilendem Gehorsam entfernt hat. Ein Schnitt soll ein zu durchsichtiges Kleid der Comtesse betroffen haben.
Die Kleidung der Comtesse sorgte auch beim Dreh für Unmut – allerdings bei Hauptdarstellerin Jeanette Macdonald. Sie wollte verhindern, dass ihr Myrna Loy in dieser Rolle den Rang abläuft und bestand auf weniger prächtige Garderobe für die junge Schauspielerin. Die Figur der sich nach Liebe sehnenden Prinzessin hätte in schwülstiger Pose erstarren können, doch das Drehbuch zeichnet Jeanette, von der Sehnsucht mal abgesehen, als zupackend. Und wenn sie am Ende durch einen halsbrecherischen Ritt zu einem fahrenden Zug das Happy End herbeiführt, hat das fast etwas von einer Actionheldin. Das hätte ich der auf den ersten Blick starren und spröden Macdonald nicht zugetraut.
Maurice Chevalier war trotz oder gerade wegen seines starken französischen Akzents einer der populärsten Filmstars der frühen Tonfilm-Ära. Ich finde seine Darstellung etwas steif, aber er hat zweifellos Ausstrahlung und ein schelmisches Blitzen im Auge. Seinen Gesang würde ich auch nicht als „schön“ bezeichnen; das ist mehr Sprechgesang. Aber alles zusammen funktioniert auf seltsame Weise ganz wunderbar.
Die anderen Figuren sind passgenau besetzt und bedienen die vom Drehbuch verlangte Typenkomik. Alle machen ihre Sache wirklich gut. Selbst kurz auftretende Charaktere bekommen etwas Eigenes; kein noch so kleiner Gag wird liegengelassen.
In deutschen Kinos hieß „Love Me Tonight“ wenig sinnvoll „Schloss im Mond“. Über die Synchronfassung habe ich nichts herausbekommen können. Womöglich ist sie verschollen. Im Fernsehen lief der Film unter dem Titel “Schönste, liebe mich“ nur im Original mit Untertiteln. Ich stelle es mir auch richtig schwer vor, die Dialoge, die oft rhythmisch mit den Liedern verwoben sind, gut und lippensynchron zu übersetzen.
Beim Ansehen von „Blue Moon“ musste ich feststellen, dass ich kein einziges Musical von Rodgers und Hart richtig kenne. Einzelne Songs, ja – „My Funny Valentine“, „The Lady is a Tramp“, „Bewitched, Bothered and Bewildered“; oder auch „Isn’t It Romantic“ und „Lover“ aus „Love Me Tonight“. Es wird also Zeit, etwas mehr in das Werk des Duos einzutauchen.
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