Martin Wald (Evan Hansen), Clélia Oemus (Zoe Murphy), Nina Janke (Heidi Hansen), Anja von der Lieht (Cynthia Murphy), Axel Becker (Larry Murphy) © Matthias Jung, Junges Theater Bonn
Martin Wald (Evan Hansen), Clélia Oemus (Zoe Murphy), Nina Janke (Heidi Hansen), Anja von der Lieht (Cynthia Murphy), Axel Becker (Larry Murphy) © Matthias Jung, Junges Theater Bonn

NEUE REZENSION
Dear Evan Hansen (seit 04/2026)
Junges Theater, Bonn

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

„Du wirst gehört!“ – Unter Bernard Niemeyers Regie entsteht eine schauspielerisch intensive, inszenatorisch dichte deutschsprachige Version von „Dear Evan Hansen“ mit starkem Fokus auf die inneren Kämpfe der Hauptfiguren und Motive wie Zweifel, Selbstfindung, Einsamkeit und dem Weg nach vorne.

Benj Pasek, Justin Paul und Steven Levenson haben ein nahbares, modernes Musicalphänomen geschaffen, das auch mittels eingängiger Songs eine lose auf wahren Begebenheiten basierende und psychologisch facettenreiche Geschichte erzählt. Evan Hansen und die anderen Figuren aus dem Stück verkörpern allzu menschliche Makel, von denen sich kaum jemand freisprechen kann; keine Figur ist ein klarer Protagonist, und es gibt keinen Antagonisten, denn alle Charaktere sind nachvollziehbare Abbilder der Gesellschaft. Soziale Ausgrenzung von Jugendlichen, Mobbing, Suizid, Neurodivergenz, Gaslighting, Generationenkonflikt und die soziale Schere sind einige der prominenten Themen: ein hoch relevantes, aktuelles Stück, das auch dank der gelungenen Übersetzung von Nina Schneider endlich auf den deutschsprachigen Bühnen anzukommen scheint.

Nach der deutschsprachigen Uraufführung in Gmunden und einem Gastspiel in Fürth ist die Inszenierung des Jungen Theaters Bonn in Kooperation mit dem Theater Bonn die erste in Deutschland konzipierte Inszenierung.
Durch die astreine Tontechnik im Haus klingen Musik und Bühnenakteur*innen so nah, als höre man sie über die eigenen Kopfhörer. Dies trägt maßgeblich zur insgesamt sehr intensiven Inszenierung bei. Die musikalische Leiterin Ekaterina Klewitz leitet die im Hintergrund der Bühne im Halbschatten platzierte Band meisterhaft. Larissa Fühner bringt eine ambitionierte Choreographie ins Stück ein, die gerade die Ensemblenummern dominiert. Auch Katharina Savvides Kostüme und die Requisite von Lea Kübbeler und Idilsu Yaman fügen sich optisch einwandfrei ins Gesamtkonzept ein.

Ein Höhepunkt ist das Bühnenbild von Mara Lena Schönborn: Ein großes, die Bühne in Breite und Höhe ausfüllendes, über Treppen und Ebenen bespielbares abstraktes Gebilde mimt den Baum, von dem Evan sich in seiner Hoffnungslosigkeit gestürzt hat. Durch den Baum im Hintergrund bleibt die Frage, die sich wie ein roter Faden durch Evans persönliches Schicksal zieht, dauerhaft präsent: Ist er gefallen, hat er sich fallen lassen, und hat ihm jemand die helfende Hand gereicht, oder war er ganz allein? Ein sinnbildliches Bühnenbild, das Tiefgang symbolisiert und sich logistisch zudem als praktikabel erweist: Durch die kleinen Ebenen innerhalb des Konstrukts entstehen Mikro-Schauplätze, die es erlauben, mehrere Charaktere in voneinander getrennten Räumen und Realitäten gleichzeitig zu beleuchten. Rechts und links flankieren Panels die Bühne, auf die während den zahlreichen Telefongesprächen innerhalb der Story Smartphone-Bildschirme projiziert werden. Auch die große Hymne am Ende des ersten Aktes „Du wirst gehört“, in der Evans Rede zum Tod seines angeblichen Freundes Connor viral geht, wird durch Projektionen verschiedener Social Media Videos eindrucksvoll visualisiert. Das Lichtdesign wechselt zwischen düsteren, bedrohlichen Einstellungen, bedrückender Dunkelheit sowie hoffnungsvoll und heiter wirkender Atmosphäre.

Das große Highlight dieser Inszenierung ist Bernard Niemeyers Regieansatz. Ihm gelingt es, die im Zentrum der Handlung befindlichen Figuren allesamt plastisch und facettenhaft zu zeichnen. Dabei liegt sein Fokus auf dem Innenleben der Charaktere, auf ihren Ängsten, Hoffnungen und menschlichen Makeln. Keiner der Figuren ist fehlerfrei, jeder und jede tut moralisch fragwürdige bis verwerfliche Dinge, die alle aus zutiefst menschlichen Gefühlen und Problemen entstehen. In dieser Inszenierung werden nicht nur Evan und seine Mutter hochemotional gezeichnet, sondern auch sein Freund Jared, der eigentlich auch ein nach Freunden suchender Außenseiter ist. Nicht zuletzt wird die Familiendynamik der Murphys so plastisch wie sonst selten herausgearbeitet: Die Dysfunktionalität der Eltern-Kind-Beziehung und die kriselnde Ehe wird nicht nur konstatiert, sondern fundiert begründet dargestellt. Schauspielerisch gelingen so viele hochintensive, emotionale Szenen, die eine schneidende Atmosphäre schaffen: Gerade die großen Konfrontationen und eskalierenden Streits, die oftmals in tiefer Verletztheit enden, gehen unter die Haut. So schafft es Niemeyer, eine inszenatorisch dichte, emotional packende Geschichte zu präsentieren, die nachwirkt.

Die Mischung aus jungen Talenten und Theater-Profis im Ensemble geht sehr gut auf; die Koproduktion mit dem Theater Bonn erweist sich als großer Gewinn. Gesanglich ist „Dear Evan Hansen“ kein simples Werk – für ungeschulte Darsteller*innen eine enorme Herausforderung. Schauspielerisch begeistert das gesamte Ensemble auf ganzer Linie: Authentisch, nuanciert, mutig und leidenschaftlich bringen die Hauptdarsteller*innen die Geschichte zum Leben. Hier kommt das Talent der jungen Truppe mit der zielgerichteten Regie optimal zusammen und große Gefühle entstehen. Trotz etlicher akustischer und visueller Ablenkungen während der besuchten Schulvorführung wahrt das Ensemble einen bemerkenswerten Fokus und hält die Energie, ohne den Mut zur authentischen Darstellung zu verlieren, durchgehend hoch – besonders für die jungen Laiendarsteller*innen ist das keine einfache Aufgabe. Die in alternierender Besetzung spielende Cast changiert von Show zu Show zwischen den Hauptrollen und dem Ensemble.

Bei der rezensierten Vorstellung steht Martin Wald als Evan Hansen auf der Bühne. Gesanglich bewältigt er die einen großen Stimmumfang verlangenden Songs, brilliert aber vor allem durch das Gefühl, das er in die Lieder hineingibt. Sein Evan ist zutiefst unsicher und versucht dies ständig zu überspielen. Vieles ist ihm peinlich, Selbstvertrauen ist ihm fern, und als er es gerade beginnt zu entdecken, bricht seine Welt über ihm zusammen.

Die Szenen mit Nina Janke, die seine Mutter Heidi verkörpert, sind darstellerisch eine Wucht: befremdlich, erschütternd, tragisch und anrührend entwickelt sich ihre Dynamik. Janke ist eine Charakterdarstellerin höchster Güte: Ihr gelingt es, die nicht in allzu vielen Szenen vorkommende Mutter so identifizierbar zu zeichnen, dass ihre tiefe Kränkung, ihre Suche nach Verwirklichung und ihre verborgene Verzweiflung auf der einen Seite sowie ihre selbstlose und bedingungslose Mutterliebe auf der anderen Seite greifbar werden.

Anja von der Lieth als Cynthia Murphy legt einen berührenden Fokus auf ihre ausweglose und selten ausgedrückte Trauer um ihren Sohn und die zu zerbrechen drohende Familie. Axel Becker schafft es, den oftmals als eher eindimensional dargestellten Vater Larry Murphy mit tiefem Schmerz und der Sehnsucht nach einer heilen, unkomplizierten Welt darzustellen. Als sehnsuchtsvoller Vater ohne das Idealbild eines Sohnes in seinem Leben wird sein Zusammenspiel mit Wald, der seinen Evan verletzt ob des Verschwinden und des Desinteresses seines eigenen Vaters auslegt, hochemotional dargestellt. Die Szene, in der Von der Rieth und Becker in ihren Rollen als gut betuchtes, in der Sinnsuche herumirrendes Ehepaar auf Janke als arbeitsame, in ihrem Mutterstolz gekränkte und von der Lebensrealität ihres geliebten Sohnes abgekapselte Cynthia treffen, ist besonders spannend und beklemmend interpretiert.

Ahmed El Kholy gibt seinen Jared nicht nur als nerdiger, überheblicher Freund wider Willen, sondern gibt seiner Figur nach und nach zerbrechliche, unsichere und durchaus auch traurige Facetten hinzu. Seine Spielenergie sticht aus dem Ensemble hervor und gefällt besonders. Auch Sophie Dick agiert als Alana authentisch. Sie verkörpert die Außenseiterin, die sich über unlautere Mittel Beliebtheit und ein neues Ziel zu sichern versucht, mit sowohl sympathischen als auch abschreckenden Facetten. Albert Teves‘ Figur Connor wird durch den bewussten Bruch zwischen dem ‚echten‘ Connor und der fiktiven Version von ihm in Evans Desillusionen charakterisiert und wird zum Liebling des jungen Publikums: edgy, selbstironisch, rebellisch und profund missverstanden.

Das vierköpfige Nebenfigurensemble brilliert stimmlich und macht die Gruppenlieder, allen voran „Du wirst gehört“ zu einem Gänsehaut-Moment. Besonders beeindruckend gibt Filia Faste zudem die zynische, aber zutiefst traumatisierte Zoe. Mit einer hervorragenden Gesangsstimme interpretiert sie beispielsweise das „Requiem“, in dem sie ihrer Herzschmerz verursachenden Resignation Ausdruck verleiht.

Mit dieser emotional packenden, psychologisch durchdachten und authentisch gespielten Inszenierung gelingt dem Jungen Theater Bonn ein beeindruckendes Theatererlebnis, das berührt, zum Nachdenken anregt und lange nachhallt.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungEkaterina Klewitz
InszenierungBernard Niemeyer
BühneMara Lena Schönborn
KostümKatharina Savvides
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Evan HansenMartin Wald
Zoltán Selo
Connor MurphyAlbert Teves
Laszlo Helbling
Zoe MurphyClélia Oemus
Filia Faste
Jared KleinmanAhmed El Kholy
Maximilian Teschner
Alana BeckAnnika Schneider
Sophie Dick
Heidi HansenNina Janke
Cynthia MurphyAnja von der Lieth
Larry MurphyAxel Becker
EnsembleKonstantin Kluth
Soraya-Nikita Krajewski
Emilia Paereli
Pia Klotz
Rumeysa Gülen
Daniela Craciun
Jakob Budde
Eliana Craciun
Alex Schmitz
  
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TERMINE
Fr, 26.06.2026 10:00Junges Theater, Bonn
Fr, 26.06.2026 19:30Junges Theater, Bonn
Sa, 27.06.2026 19:30Junges Theater, Bonnzum letzten Mal 2025/26
Fr, 27.11.2026 10:00Junges Theater, BonnWiederaufnahme
Fr, 27.11.2026 19:30Junges Theater, Bonn
Sa, 28.11.2026 19:30Junges Theater, Bonn
Fr, 11.12.2026 10:00Junges Theater, Bonn
Fr, 11.12.2026 19:30Junges Theater, Bonn
Sa, 12.12.2026 19:30Junges Theater, Bonn
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
SPIELORTE
10.04.2026 - 12.12.2026Junges Theater, Bonn18 x
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