Salomé Ortiz - © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan
Salomé Ortiz - © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

NEUE REZENSION
Cabaret (seit 07/2026)
Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Lange Zeit war „Cabaret“ ein „So war das damals“-Stück. In den letzten Jahren ist daraus „So passiert es gerade wieder“ geworden. In Schwäbisch Hall überlässt man die Übertragung auf aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen dem Publikum. Die Figuren sind zeitlose Prototypen aus Unterstützern, Mitläufern, Anpassern und Desinteressierten. Die steile Große Treppe wird dabei zum Sinnbild einer aus den Fugen geratenen Zeit.

Salomé Ortiz und Ensemble – © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

Die Handlung spielt sich eigentlich nur in Innenräumen ab – ob nun im Kit-Kat-Club oder in Frl. Schneiders Wohnung. Thomas Bruner verzichtet in seinem Bühnenbild auf solche konkreten Räume. Trotzdem verlieren sich die Figuren nicht auf der Weite der Treppe. Die über die Bühne verteilten, meist schräg angeordneten Buchstaben C, A, B, A, R, E und T ergeben Fixpunkte, die bespielt werden. Wobei das auf die Treppe gemalte C nicht von überall einsehbar ist (ein Hinweisschild macht darauf aufmerksam) und auch im Kussmund-Sofa lässt sich das B nur mit Fantasie erkennen. Auf ein A und das T führen Rampen; so können Figuren eindrucksvoll positioniert über den Marktplatz blicken. Das seitlich liegende E wird originell als Cliffords Zimmer genutzt.

Salomé Ortiz und Ensemble – © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

Kurz vor der Premiere übernahm Intendant Christian Doll die Regie von Georg Büttel, weil er befürchtete, dass die Inszenierung zur Premiere nicht fertig würde. Dem Abend sind keine durch den Wechsel entstandene Unebenheiten anzumerken. Die Inszenierung erzählt die Geschichte stringent und auf die Figuren fokussiert. „Cabaret“ läuft immer etwas Gefahr, zu einer großen „Sally-Bowles-Show“ zu werden. Doch die Figuren werden zu einer kompakten Gruppe mit Charakteren auf Augenhöhe verbunden.

Das liegt auch daran, dass Salomé Ortiz Sally zwar lebhaft, aber natürlich, nicht zu quirlig und aufgedreht anlegt. Ein besonderer Moment ist ihr Song „Cabaret“. Sally ist dabei betrunken, deswegen sitzt bewusst nicht jeder Ton und das Tempo ist langsamer als gewohnt. Ortiz‘ Stimme reicht von leisen, sanften Passagen bis zu kraftvollen Ausbrüchen, ohne dabei je an Ausdruck zu verlieren.

Markus Ücker, Salomé Ortiz – © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

Markus Ücker verkörpert Clifford mit der passenden Mischung aus jugendlicher Unschuld und sanfter Naivität. Seine leichte, angenehm gefärbte Singstimme fügt sich dabei stimmig in das Bild des angehenden Schriftstellers. Dass er der Vorlage geschuldet gegenüber stärker gezeichneten Figuren über weite Strecken etwas blass wirkt, gleicht Ücker gegen Ende mit dramatischer Stärke wieder aus. Das Buch nimmt sich wenig Zeit, eine glaubhafte Liebesgeschichte zwischen Sally und Clifford zu entwickeln. Auch Ortiz und Ücker gelingt es nicht, eine spürbare Nähe zwischen den Figuren entstehen zu lassen – sie wirken eher wie Mitbewohner, weniger wie ein Paar.

Ilona Christina Schulz, Andrea Matthias Pagani – © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

Dramaturgisch besser entwickelt ist dagegen die Beziehung zwischen Frl. Schneider und Herrn Schultz. Das erste Herantasten, die heimliche Liebelei und schließlich der Schritt zur Verlobung – das spielen Ilona Christina Schulz und Andreas Matthias Pagani nachvollziehbar, mit Humor und zu Herzen gehend.

Auch Nadja Petri holt mit Gespür für Komik viel aus ihrer Rolle heraus. Als Frl. Kost hat sie nur einen kurzen Gesangsteil in „Der morgige Tag ist mein“, aber der lässt aufhorchen. Dass sich die bislang sympathische Hure dabei als Nazi-Sympathisantin outet, ist ein wirkungsvoller Kniff des Buchs. Der andere bekennende Nazi, Ernst Ludwig, den Simon Staiger als steifen, preußischen Beamten anlegt, bleibt dagegen konturlos.

Dirk Weiler, Tobias Blinzler (als Gorilla) – © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

Die Rolle des Verführers wird in dieser Inszenierung Dirk Weiler als Conférencier überlassen. Mit Berliner Schnauze zunächst frecher Gastgeber im Kit-Kat-Club und ironischer Kommentator der Handlung, gibt er sich schließlich als Schatten des Faschismus zu erkennen. Er erscheint immer, wenn mehr oder weniger deutlich von den Nazis die Rede ist. So wie er das letzte Wort in „Der morgige Tag ist mein“ betont, lässt das keine Zweifel über seine Pläne aufkommen.

Zu diesem im Grunde bedrückenden Lied – von John Kander eingängig wie ein Volkslied aus dem 19. Jahrhundert komponiert – lässt die Regie eine Reihe Statisten, blass geschminkt wie der Conférencier, vor der Kirche am oberen Ende der Treppe auflaufen. Die beabsichtigte Bedrohung verpufft allerdings in der Weite der Spielfläche.

Dem Conférencier zur Seite stehen die Kit-Kat-Girls und -Boys, die nicht nur tänzerisch in Kati Farkas’ temperamentvollen und auf der Treppe immer etwas halsbrecherischen Choreografien begeistern. Auch gesanglich müssen sich die Darstellerinnen und Darsteller hinter den Solistinnen und Solisten der größeren Rollen keineswegs verstecken. Eine besondere Erwähnung gebührt Tobias Blinzler für seine akrobatische Einlage im Gorilla-Ganzkörperkostüm in „If You Could See Her“. Kati Kolb kleidet die Kit-Kat-Truppe in klassische Strapse-und-knappe-Höschen-Kostüme, während die übrigen Figuren in ebenso schlichter wie eleganter Alltagskleidung im Stil der 1920er- und 30er-Jahre auftreten.

Ensemble – © Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Ufuk Arslan

Im Pavillon neben der Kirche versteckt sich das Highlight dieser Produktion: die 12-köpfige Band. Unter Heiko Lippmanns Leitung finden die Musikerinnen und Musiker für jede Klangwelt den passenden Ton: den scheppernd-schrägen Sound des Clubs, den frischen Schwung früher Musical-Komödien, der in „Einmalig himmlisch“ zitiert wird, und das samtig-jazzige Klangfundament für „Maybe This Time“. Der perfekt abgemischte Ton gibt auch leisen Soli von Holzbläsern und Gitarre Raum.

Gesungen wird vor allem auf Deutsch, manchmal auch auf Englisch. Das hat keinen dramaturgischen Grund, sondern die Entscheidung fiel je nachdem, ob der Originaltext für singbarer beziehungsweise passender zur Musik gehalten oder Wert auf die Verständlichkeit des Textes gelegt wurde.Die Schwäbisch Haller Produktion überzeugt vor allem musikalisch und transportiert die Aussage des Stücks. Und das ist in „So passiert es gerade wieder“-Zeiten nicht zu unterschätzen.

Buch von Joe Masteroff nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood
Gesangstexte von Fred Ebb
Musik von John Kander
Deutsch von Robert Gilbert
in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
Musikalische LeitungHeiko Lippmann
InszenierungGeorg Büttel
Christian Doll
BühneThomas Bruner
KostümeKati Kolb
ChoreografieKati Farkas
SounddesignSimon Hüging
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Emcee, ConferencierDirk Weiler
Sally BowlesSalomé Ortiz
Clifford BradshawMarkus Ücker
Fräulein SchneiderIlona Christina Schulz
Herr Schultz, ObsthändlerAndrea Matthias Pagani
Ernst LudwigSimon Staiger
Frl. KostNadja Petri
Kit Kat GirlsMartina Vinazza
Carina Fitzi
Meltem Ürküt
Nicoletta Luna De las Casas
Felipe Ramos
Kit Kat BoysTobias Blinzler
Robert Stumpf
Marc Biocca
Alexander Sasanowitsch
OrchesterHeiko Lippmann
Thomas Krause
David Romero Perálvarez
Melanie Werner
Ciprian Popa
Felicitas Stoffel
Diego Martínez Ordiñana
Tobias Scheibeck
Steffen Münster
Michael Deak
Timothée de la Morinerie
Marko Klotz
BühnenmusikDavid Romero Perálvarez
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
TERMINE
Di, 28.07.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Mi, 29.07.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Do, 30.07.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Fr, 31.07.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Sa, 01.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
So, 02.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Di, 04.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
Mi, 05.08.2026 20:30Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
SPIELORTE
09.07.2026 - 05.08.2026Große Treppe vor St. Michael, Schwäbisch Hall21 x
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