Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
„All singing, all talking, all dancing!“ Diesmal mache ich eine Zeitreise – knapp 100 Jahre zurück ins Jahr 1929 – zum allerersten Filmmusical überhaupt. „The Broadway Melody“ war noch dazu der erste Tonfilm, der mit dem Oscar als „Bester Film“ ausgezeichnet wurde, und die erfolgreichste Produktion des Jahres. Ein von der damaligen Kritik bejubelter Blick auf die Hollywood-Version der Roaring Twenties vor der Großen Depression, der durch seine neue Technik das Publikum von den Sitzen riss.
Schon bei den ersten Bildern müssen die Zuschauer Mund und Nase aufgerissen haben. Sie zeigen Luftaufnahmen von New York, bei denen einem selbst heute noch ein bisschen schwindelig wird. Dann ertönt eine Dampfpfeife und wir wechseln von der Luft in den Straßenverkehr, der von Polizisten mit Trillerpfeifen geregelt wird, um schließlich in den geschäftigen Räumen eines Musikverlags zu landen. Wir hören ein Durcheinander an Gesang und Instrumentalmusik, außerdem diskutieren zwei Männer an einem Klavier über eine neue Komposition. Hart aneinander geschnitten, wechseln die kurzen Szenen von der probenden Koloratursopranistin zu den herumtüftelnden Männern am Flügel, einer Jazzcombo, einem Schlagerduo. Man weiß akustisch nicht, wo hinten und vorne ist. Der frühe Tonfilm lässt eindrucksvoll seine Muskeln spielen.
Einer der Herren am Klavier ist der Sänger Eddie Kearns (Charles King), der nun seinen Song „The Broadway Melody“ vorstellt. Er ist in der neuesten Revue von Francis Zanfield (Eddie Kane als Florenz-Ziegfeld-Klon) engagiert und will seine Verlobte Hank (Bessie Love) und ihre Schwester Queenie (Anita Page), die als Duo „The Mahoney Sisters“ zur Bühne wollen, ebenfalls dort unterbringen. Zanfield ist von Queenies Schönheit mehr angetan als vom Talent des Duos, lässt sich aber von ihr überreden, die Schwestern gemeinsam in die Show zu nehmen – zwei zum Preis von einer – und soll es auch so aussehen lassen, als habe Hanks Überredungskunst und Geschäftssinn den Vertrag zustande kommen lassen und nicht Queenies Äußeres. Auch Eddie beginnt sich mehr für seine Schwägerin in spe zu interessieren (und sie sich für ihn), was verständlicherweise das Verhältnis der Schwestern trübt. Allerdings hat auch der einschlägig bekannte Playboy Jock Warriner (Kenneth Thomson), ein Auge auf die Theaterschönheit geworfen und kauft der naiven Queenie sogar eine luxuriöse Wohnung. Als er rabiat eine Gegenleistung einfordert, wird sie von Eddie aus der Not gerettet. Sie gestehen sich ihre Liebe, Hank verzichtet und geht mit einer neuen Bühnenpartnerin auf Tournee.
Inhaltlich ist das schon ganz schön dünne Suppe. Das Drehbuch von Sarah Y. Mason und Norman Houston, nach einer Story von Edmund Goulding, schlingert unentschlossen zwischen dick aufgetragenem Melodram und Komödie hin und her. Das Filmstudio MGM legte hier mehr Wert auf Äußerlichkeiten und Technik. Aber das war eine ordentliche Herausforderung. 1927 hatte Warner Bros. (über dessen Chef Jack Warner man sich hier mit der Figur des schmierigen Jock Warriner mockierte) mit „The Jazz Singer“, dem ersten abendfüllenden Film mit Ton-Elementen (sechs Lieder und ein paar Dialogsätze), das Ende der Stummfilm-Ära eingeläutet. Im Jahr darauf legten sie mit „The Singing Fool“ nach, ebenfalls eine Mischung aus Stumm- und Tonfilm. MGM wollte Warner mit einem kompletten Tonfilm übertrumpfen. Die Verfilmung des Musicalerfolgs „The Five O’Clock Girl“ scheiterte jedoch, weil die Probeaufnahmen der geplanten Hauptdarstellerin Marion Davies weder technisch noch künstlerisch überzeugten; Davies hatte noch nie vor der Kamera gesprochen, gesungen oder getanzt. Andere Quellen sprechen davon, die Produktion sei von Davies‘ Liebhaber, dem Medienmogul William Randolph Hearst, gestoppt worden. Angeblich wollte er nicht, dass sie in ihrem ersten Tonfilm eine einfache Verkäuferin spielte. Egal warum, jedenfalls ging stattdessen „The Broadway Melody“ in Produktion. Der für „The Five O’Clock Girl“ engagierte Hauptdarsteller Charles King wurde gleich übernommen.
Die Dreharbeiten gestalteten sich schwierig, weil vieles nach dem Prinzip „lernen durch Versuch und Irrtum“ durchgeführt werden musste. Szenen wurden gedreht, der Ton auf dem Material überprüft und dann wurden Szenen oft mit veränderten Mikrofonpositionen oder mit zur Verbesserung der Akustik veränderter Dekoration wiederholt aufgenommen. Weil viele Kinos noch nicht über ein Tonsystem verfügten, entstand gleichzeitig eine stumme Fassung.
So bahnbrechend der Tonfilm insgesamt war, bedeutete er aber auf der Bildebene erst einmal einen Rückschritt. Um das Geräusch der laufenden Kameras zu unterdrücken, steckte man sie in ein Gehäuse. Dadurch wurden sie viel unbeweglicher und die Bilder statischer. Nur in einer Szene fährt die Kamera parallel zum tanzenden Paar Queenie und Jock, ansonsten spielt sich alles nur in starren Totalen, Halbtotalen und wenigen Nahaufnahmen ab. Das ist nach heutigen Sehgewohnheiten ganz schön langweilig.
Dafür gab es eine farbige Sequenz – die aufwändigste Nummer des Films: „The Wedding of the Painted Doll“. Das war aber keine Neuerung, farbige Momente gab es auch schon in früheren Filmen. Das Original ist heute bis auf ein paar Schnipsel verschollen, auch wenn im Internet einige nachkolorierte Versionen kursieren.
Ich war überrascht, wie viel Haut gezeigt wird. Die Darstellerinnen laufen oft in Unterwäsche durch Theatergarderobe oder Wohnung, die Kleider sind tief ausgeschnitten und die Blusen der Chorus-Line-Tänzerinnen nahezu durchsichtig. Hier werden die „Wilden Zwanziger“ nicht nur gezeigt, der Film stammt aus dieser Zeit. Und dafür, dass es 1929 noch die Prohibition gab, in der Alkohol weder hergestellt, noch transportiert oder verkauft werden durfte, wird ganz schön hemmungslos gefeiert. Die demonstrative Darstellung solcher Unmoral war nur möglich, weil es zur Entstehungszeit den „Hays Code“ noch nicht gab, eine streng überwachte moralische Richtlinie darüber, was in Filmen gezeigt werden durfte und was nicht. Er wurde 1930 eingeführt, weil es konservativen Kreisen auf der Leinwand zu gewalttätig und sittenlos zuging. Die Filmindustrie ignorierte den „Hays Code“ zuerst, bis ab 1934 alle Filme von der „Production Code Administration“ (PCA) freigegeben werden mussten, bevor sie in die Kinos kommen durften.
Die musikalische Seite beschritt bei „The Broadway Melody“ neue Wege. Während viele Filme der frühen Tonfilmzeit zu Musicals wurden, weil sie am Theater spielten und es musikalische Bühnennummern gab, sind hier vier der sieben Songs in die Handlung eingebaut. Sie treiben die Handlung nicht voran, aber es gibt immer einen Grund, warum jemand anfängt zu singen. Nur „Wedding of the Painted Doll“ und „Boy Friend“ sind klassische Bühnennummern; „Love Boat“ erklingt während der Probe, in der Queenie entdeckt wird. Bis auf einen stammen alle Songs von dem Duo Nacio Herb Brown (Musik) und Arthur Freed (Text) und wurden speziell für „The Broadway Melody“ komponiert. Der Titelsong und „You Were Meant For Me“ werden leider so oft gesungen oder instrumental wiederholt, dass ich bald von ihnen genug hatte.
Freed übernahm später die Musicalabteilung bei MGM, die sogenannte „Freed Unit“, und produzierte Klassiker wie „Easter Parade“ („Osterspaziergang“, 1948) oder „Singin‘ in the Rain“ (1952), in dem einige Songs und Melodien aus diesem Film wiederverwendet wurden. Ziemlich passend, denn bekannterweise handelt „Singin‘ in the Rain“ vom Dreh eines frühen Tonfilms.
„The Broadway Melody“ war auch der erste Film, bei dem teilweise Playback beim Dreh zum Einsatz kam; vorher wurden Gesang und Orchester immer live aufgezeichnet.
Die Choreografie wirkt heute – auch wegen der statischen Bilder – etwas unbeholfen und träge, aber die Dame, die auf Zehenspitzen steppt, hat mich beeindruckt. Wenig beeindruckt haben mich dagegen die Gesangskünste der „Mahoney Sisters“ Hank und Queenie. Das klang für meine Ohren etwas schief und das lag nicht nur an der Tonqualität. Ihre Darstellerinnen Bessie Love und Anita Page waren aber auch keine Sängerinnen, sondern MGM-Vertragsschauspielerinnen; und da die technische Seite des Films recht teuer war, sparte man bei der Besetzung.
Charles King als Eddie hat dagegen einen schönen hellen Tenor, wie man ihn mit der Musik dieser Zeit in Verbindung bringt. Er überzeugt auch darstellerisch, allerdings gibt seine Figur einen eher zweifelhaften Helden ab. Erst mit der einen Schwester verlobt sein, sich dann in die andere verlieben und mit ihr was anfangen … Pfui! Nachdem er erst recht wichtig für die Handlung ist, lassen ihn die Drehbuchautoren zwischenzeitlich aus der Geschichte verschwinden, um ihn dann als Retter in der Not plötzlich wieder hervorzuholen. MGM sah in King einen neuen potentiellen Star mit Broadway-Erfolgen im Gepäck und nannte ihn deshalb bei der Besetzung zuerst, obwohl Love und Page schon etablierte Stars waren. Allerdings blieb dieser Film sein einziger großer Erfolg und er rutschte schnell in die Nebenrollenriege ab.
Anita Page galt damals als schönste Frau Hollywoods. Da ist es wenig überraschend, dass ihre Figur Queenie nicht wegen ihrer Gesangs- und Tanzkünste entdeckt wird, sondern weil sie ziemlich überrumpelt und verwirrt den Platz einer Statistin einnehmen muss, die von einem Bühnenelement gefallen ist. So steht sie nun in einem knappen pseudo-römischen Kostüm auf einer Sperrholz-Galeere und die Herren, die der Probe im Parkett beiwohnen, sind hin und weg. Da hab ich schon mit dem Kopf geschüttelt … Für Page war die Schönheit Segen und Fluch. Ihre Karriere endete abrupt 1933. In einem Interview gab sie später an, sie hätte ihren Chefs Louis B. Mayer und Irving Thalberg sexuelle Gefälligkeiten verweigert und diese hätten daraufhin ihre Karriere zerstört.
Das allgemeine Schauspiel schwankt in diesem Film zwischen viel Gestik und Mimik, wie es im Stummfilm üblich war, und Ansätzen von natürlichem Spiel. Anita Page bleibt im Vergleich etwas blass und wirkt in den Showszenen gehemmt. Das Drehbuch verlangt aber auch nicht mehr von ihr, als auf eine naive Art schön zu sein und sich hin und wieder übertrieben lautstark mit ihrer Schwester zu streiten.
Der Part der zupackenden, aber verschmähten Hank ist im Vergleich wesentlich dankbarer, deswegen kann Bessie Love mit etwas Hang zur Rampensau auch mehr aus ihrer Figur machen. Schauspielerisch wirklich eindrucksvoll – bis auf den schwülstigen Dialog – ist die Szene, in der sie Eddie für Queenie freigibt und danach allein in der Garderobe zusammenbricht. Damit erspielte Love sich eine Oscar-Nominierung. Den Sprung in die A-Liga schaffte sie dennoch nie. Ab den 1930er Jahren trat sie vermehrt im Theater auf, kehrte dann in den 1950er Jahren in kleineren Rollen auf Leinwand bzw. Bildschirm zurück und schrieb Theaterstücke.
Regisseur Harry Beaumont war ein routinierter Macher, der verlässlich und erfolgreich Komödien und Dramen am Fließband drehte. Für „The Broadway Melody“ erhielt er seine einzige Oscar-Nominierung, die wohl eher als Anerkennung für den technischen Kraftakt zu werten ist. Auch er konnte danach nicht mehr an diesen großen Erfolg anknüpfen.
Die Kinokassen klingelten wie wild und andere Studios sprangen auf den Musicalzug auf. Danach kam das Genre wieder aus der Mode, auch weil das Publikum sich an den statischen Bildern sattgesehen hatte. Erst als die Kameras beweglicher wurden, begann mit „42nd Street“ 1933 eine Renaissance. Infolgedessen entstanden dann auch “Broadway Melody“-Fortsetzungen und 1940 ein Remake.
Obwohl dieser Film Geschichte geschrieben hat, war er nicht stilprägend und ist ein knappes Jahrhundert später drauf und dran, in Vergessenheit zu geraten. Ich glaube, man hatte bei der Produktion mit dem Ton alle Hände voll zu tun. Der Schwerpunkt lag auf der Akustik und ein paar monumentalen Sets in den Bühnenszenen, weniger auf einer mitreißenden Handlung. Ich kann verstehen, warum „The Broadway Melody“ 1929 als Überwältigungskino funktioniert hat, aber heute bleibe ich recht gelassen in meinem Sessel sitzen.








