Olivia Newton-John und ihre Bandkollegen werden von Aliens entführt, denn nur ihre Musik kann das Überleben dieser Spezies sichern. Klingt bizarr? Ist es auch! Das Science-Fiction-Popmusical war jahrzehntelang für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und erscheint jetzt in luxuriöser Aufmachung als Blu-ray.
Olivia Newton-John hatte Mitte der 1960er Jahre in Australien erste Erfolge als Sängerin und im Fernsehen. Bei einem Talentwettbewerb gewann sie eine Reise nach Großbritannien und ihre Mutter drängte sie dazu, ihre Karriere dort fortzusetzen. Nach nur mäßig erfolgreichen Jahren wurde sie von dem amerikanischen Musikproduzenten Don Kirshner als Mitglied der Band Toomorrow engagiert. Kirshner hatte schon mit The Monkees sehr erfolgreich eine Band gecastet, deren Musik über die gleichnamige TV-Sitcom vermarktet wurde. Dabei landeten sie mit „I’m a Believer“ und „Daydream Believer“ große Hits.

Toomorrow sollte diesen Erfolg nun im Kino wiederholen. Harry Saltzman, einer der Produzenten der James-Bond-Filme, stieg ein, zerstritt sich mit Kirshner und das ganze Projekt nahm einen mehr als unglücklichen Verlauf. Die Produktion zog sich über zwei Jahre. Als der Film schließlich 1970 startete, musste er nach nur einer Woche aus den Kinos genommen werden. Regisseur und Drehbuchautor Val Guest hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt, weil er und angeblich keiner, der an dem Streifen beteiligt war, jemals bezahlt worden seien.
Nun hat das British Film Institute den Film aufs Feinste restaurieren lassen und eine hochwertig ausgestattete Blu-ray veröffentlicht. Das Bild ist hervorragend, die Farben strahlen, der Ton ist perfekt.
Was aber nur wenig kaschiert, dass der Film selbst kompletter Murks ist. Hat man ein Faible für seltsame, trashige Filme, kommt man aber voll auf seine Kosten.

Ein Außerirdischer lebt als „John Williams“ in menschlicher Gestalt unerkannt auf der Erde. Im Auftrag der „Galaktischen Zentrale“ soll er einer „heilenden Schwingung“ nachgehen, einer neuen Form elektronischer Harmonie, die ihre Spezies vor dem Untergang retten könnte. Die Suche führt ihn zu der Studentenband Toomorrow, die mit einem „Tonaliser“, einem speziellen Verstärker, unwissentlich diese für die Alphoiden so wichtigen Frequenzen erzeugen. Kurzerhand entführt er die vier Bandmitglieder ins All.
„Toomorrow“ ist ein Musterbeispiel dafür, wie alte Herren in Filmstudio-Führungsriegen instinktlos alles verwursten, was sie gerade für besonders erfolgsversprechend halten und „jungen Leuten heutzutage“ gefallen könnte: Popmusik, Science-Fiction und Sex. Nichts davon passt zusammen. Und gerade das macht diesen eigenartigen Mumpitz zu einem potenziellen Kultfilm.
Das Positive zuerst: Die Spezialeffekte sind mit ihrem handgemachten Charme gelungen und Kameramann Dick Bush findet überraschend kreative Einstellungen. Die Songs sind eingängig und ganz nach dem Monkees-Vorbild gestrickt: positiver Harmoniegesang, angereichert mit etwas psychedelischem Synthesizer – schließlich muss ja der Tonaliser zum Einsatz kommen. Allerdings war das für 1970 ganz schön bieder.

Die Ausstatter kreierten putzig-gammlige Studentenwohnungen und ein kühl-karges Raumschiff. In ihren ausdruckslosen Alien-Outfits sehen die Darsteller verkleideter aus als die Alphoiden in Menschengestalt und bewegen sich sehr träge. Dadurch wird eine Verfolgungsjagd im Raumschiff ziemlich lächerlich.
Das Drehbuch ist ein wirres Durcheinander mit zu vielen Figuren und Handlungssträngen, aber immerhin einigen gelungenen Gags. Die schmuddeligen Sexkomödien, die auch in Großbritannien zu dieser Zeit extrem populär waren, haben hier allerdings ebenfalls ihre derben Spuren hinterlassen.
Von den Darstellern wurde nicht viel gefordert, aber sie ziehen sich – so gut es die Vorlage zulässt – spielfreudig aus der Affäre. Die Musiker haben die gleichen Namen wie ihre Darsteller: Benny Thomas, Vic Cooper, Karl Chambers (der als Schlagzeuger bei Auftritten glaubhafter wirkt als Benny und Vic, die unmotiviert auf Gitarre und Keyboard herumklimpern) und „Livvy“ Olivia Newton-John, auf die sich heute natürlich die meiste Aufmerksamkeit richtet. Sie spielt kein Instrument und ist wahrscheinlich aus optischen und akustischen Gründen in der Band, weil sich eine Frauenstimme im Harmoniegesang und eine attraktive Frau auf der Bühne gut machen Sie hat keinen Solo-Song, sticht aber durch ihre Stimmlage heraus. Olivia ist das patente Mädel, das den Laden zusammenhält, ihren Mitmusikern im Studentenwohnheim morgens den Tee ins Zimmer bringt und Toasts für alle macht. Das Drehbuch hatte für sie eine Liebesszene in Unterwäsche vorgesehen, aber Newton-John weigerte sich.

Ursprünglich hatten die Toomorrow-Mitglieder Verträge für drei Filme, aber nach dem Produktionschaos des ersten Films, dem folgenden Rechtsstreit und dem Flop der Single-Auskopplung wurden sie aufgelöst. Thomas, Cooper und Chambers verschwanden von der Bildfläche, während Newton-Johns Gesangskarriere an Fahrt aufnahm. Ihre Filmerfahrung empfand sie als wenig positiv. Deshalb nahm sie Abstand von der Schauspielerei, bis ihr die Hauptrolle in „Grease“ angeboten wurde.
“Toomorrow” ist ein seltsames, konstruiertes, aber kurzweiliges Relikt seiner Entstehungszeit, das sich selbst angenehmerweise nicht allzu ernst nimmt. Die wilde Mischung mag viele kopfschüttelnd zurücklassen, für andere wird gerade ein neuer Kultfilm geboren.
“Toomorrow” ist in Deutschland nur als Import erhältlich, u.a. direkt beim British Film Institute (externer Link).

