Der Herbst zieht ins Land und mit ihm eine Reihe spannender Musicalpremieren. Disneys "Arielle" kommt nach Baden, "Kristina från Duvemåla" der ABBA-Frontmänner Benny Andersson und Björn Ulvaeus ist in Koblenz zu sehen und "Diebe im Olymp - Das Percy Jackson Musical" wird in Bonn gezeigt. Was es diesen Monat sonst Neues auf den hiesigen Musical-Bühnen gibt, verrät unsere Premierenübersicht.
Dracula (2025)
Mittelsächsisches Theater, Freiberg
"Dracula" in einer (entwidmeten) Kirche aufzuführen ist eine ungewöhnliche und vielleicht auch kontroverse Entscheidung, die dem Wildhorn-Musical in Freiberg imposante Bilder beschert. Wenn der untote Vampirfürst vor dem in blutrotes Licht getränktem Altar mit biblischem Auferstehungsmotiv Songs wie "Leb' noch einmal" anstimmt, sorgt das für Gänsehautmomente. Diese beeindruckende Szenerie sowie die grandios stimmstarke Besetzung sind die große Stärken der Inszenierung von Sergio Raonic Lukovic.
The Devil Wears Prada (seit 10/2024)
Dominion Theatre, London
Die Musical-Adaption eines Kult-Kinofilms, mit Kompositionen von keinem Geringeren als Songwriterlegende Elton John, dazu Hollywood-Diva Vanessa Williams in der Rolle der knallharten Modemagazin-Chefin Miranda – die Bausteine für den großen Musical-Wurf sind alle da. Und tatsächlich sorgt die opulent in Szene gesetzte Produktion von "The Devil Wears Prada" im mondänen Londoner Dominion Theatre, einem vergleichsweise eher modernen Haus abseits der vielen kleinen alten Theater, für gute Unterhaltung mit Glamour-Faktor. Eine Mogelpackung, denn das Stück selbst ist eher Fast Fashion als Luxusmarke.
Dirty Rotten Scroundels in Concert (2024)
Palladium, London
"Dirty Rotten Scoundrels" ist auf den Musicalbühnen viel zu selten zu finden. Die leichtfüssige Komödie um zwei Gauner, die sich an der französischen Rivera an wohlhabende Damen heranmachen um an ihr Vermögen zu kommen und sich dabei immer wieder gegenseitig in die Quere kommen, basiert auf dem gleichnamigen Film von 1988. Im Londoner Palladium wird eine konzertante Fassung gezeigt, die auf Bühnenbild verzichtet, der es aber dank einer Vielzahl von Requisiten sowie einem stimmungsvollem Lichtdesign trotzdem hervorragend gelingt, Atmosphäre zu schaffen. Ramin Karimloo und Hadley Fraser schlüpfen in die Rollen der Hochstapler Freddy und Lawrence; Carly Mercedes Dyer spielt die von den beiden als Opfer auserkorene Christine, angebliche Erbin eines Seifen-Imperiums. Entertainment pur!
Wenn im Oktober an der MuKo in Leipzig die One-Woman-Show "Ein wenig Farbe" Premiere feiert, die den Selbstfindungsweg der trans Frau Helena thematisiert, ist mit AMY erstmals in der Bühnengeschichte des Stücks eine trans Darstellerin in dieser Rolle zu sehen. Fast schon ein kleiner Meilenstein, obwohl es doch eigentlich selbstverständlich sein sollte. Vorreiterin zu sein, ist nichts Neues für AMY – sie ist eine der ersten offen als trans Person lebenden Musicaldarstellerinnen im deutschsprachigen Raum und erlebt die viel zu langsame Entwicklung hin zur Chancengleichheit in der hiesigen Musicalszene hautnah. Während ihres Engagements als Herodes bei "Jesus Christ Superstar" in Wunsiedel hat sie sich Zeit für ein Gespräch mit der Musicalzentrale genommen und mit uns nicht nur über "Ein wenig Farbe" gesprochen, sondern auch über die Hintergründe und Auswirkungen des Schubladendenkens bei Auditions, und welche Rollen sie in Zukunft gerne spielen möchte.
Cruel Intentions (2024)
The Other Palace, London
Der Film "Eiskalte Engel" war Ende der 1990er ein Hit an den Kinokassen und konnte eine enorme Fangemeinde gewinnen. Die Adaption des Briefromans "Gefährliche Liebschaften" verlegte die Geschichte vom Frankreich des 18. Jahrhunderts an die moderne New Yorker Upper East Side, wo "Buffy"-Darstellerin Sarah Michelle Gellar und der damalige Teenie-Schwarm Ryan Phillippe als verruchtes Stiefgeschwister-Paar ihr sexy Ränkespiel veranstalten. 25 Jahre später schafft es nun die Musical-Version ans West End in London und lässt mit viel Selbstironie und den Kult-Songs der Ära die 90er wieder aufleben.
Fast Normal (2023 - 2024)
Mittelsächsisches Theater, Freiberg/Döbeln
"Next to Normal" macht es sich zu keinem Zeitpunkt einfach mit dem (Leider-immer-noch-)Tabuthema 'psychische Erkrankungen', umschifft die gängigen Klischees und den Wunsch nach simplen Lösungen. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – hat es Tom Kitts und Brian Yorkeys Musical in den letzten 10 Jahren geschafft, sich auf den deutschsprachigen Stadttheaterbühnen zu etablieren. Sergio Raonic Lukovic gelingt am Mittelsächsischen Theater eine feinfühlige und bewegende Inszenierung mit einem großartigen Hauptdarsteller-Quartett.
Opening Night (2024)
Gielgud Theatre, London
Basierend auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1977 erzählt das Musical die Geschichte einer Theater-Company, die ein neues Stück für den Broadway vorbereitet. Doch als Leading Lady Myrtle eine persönliche Tragödie erlebt, zwingt es alle Beteiligten über sich hinaus zu wachsen... Die Hauptrolle übernimmt Sheridan Smith ("Funny Girl").
Bei "Rent" in Dortmund liefert sie regelmäßig den Showstopper des Abends, in der Krimi-Serie "Wilsberg" ist sie inzwischen nicht mehr wegzudenken und Ende November kommt der Disney-Streifen "Wish" in die Kinos, in dem Patricia Meeden die Hauptrolle in der deutschen Synchron-Fassung singt und spricht. Viel zu tun für die sympathische Allrounderin mit der großen Stimme! Trotzdem hat sie sich Zeit für ein Gespräch mit der Musicalzentrale genommen.
The Third Man (2023)
Menier Chocolate Factory, London
Die Musicalfassung des 1949er Kultfilms "Der dritte Mann" wurde ursprünglich von den Vereinigten Bühnen Wien gemeinsam mit Autor Christopher Hampton konzipiert. Dass die Uraufführung nun doch nicht in der österreichischen Hauptstadt, wo die Handlung angesiedelt ist, sondern im fernen London stattfindet, ist wohl auch – aber sicher nicht nur – den Spielplan-Wirren der Pandemie geschuldet. Auf der kleinen Bühne der Menier Chocolate Factory kann das düstere Kriminaldrama seine Stärken wunderbar aus-, seine Schwächen allerdings nicht überspielen.
