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Kristinas Weg von Schweden nach Deutschland war länger als der von Schweden nach Amerika. Während es die Auswanderer im Musical innerhalb von zehn Wochen über den Atlantik schaffen, hat das Werk von Benny Andersson und Björn Ulvaeus knapp drei Jahrzehnte für die Reise zu uns gebraucht. Nun ist es am Theater Koblenz angekommen. Und das gleich mit einer deutschen Erstaufführung, die sich durchaus sehen und hören lassen kann.
Aber auch die letzten Meter waren für „Kristina“ beschwerlich. Weil die Sanierung des Theaters länger dauerte als geplant, gab es im November 2025 nur einen konzertanten „Appetithappen“. Auch jetzt ist das Theater noch nicht bespielfertig. Die Wiedereröffnung ist für Februar 2027 geplant. Länger wollte Markus Dietze, Regisseur der deutschen Erstaufführung und Intendant des Koblenzer Theaters, nicht warten. Beharrlich ließ er sich nicht entmutigen und stemmte die Premiere nun in der Ausweichspielstätte, dem Theaterzelt auf dem Plateau der Festung Ehrenbreitstein.
Benny Andersson und Björn Ulvaeus sind weit mehr als die Schöpfer von „Dancing Queen“ und „Super Trouper“. Für „Kristina“ kehrten die beiden ABBA-Musiker zu ihren eigenen Anfängen zurück: Beide starteten ihre Karrieren als Folkmusiker. Die Volksmusik ihrer Heimat prägt auch dieses groß angelegte Werk. Das Musical basiert auf einem vierbändigen Romanzyklus von Vilhelm Moberg und erzählt das Schicksal schwedischer Auswanderer Mitte des 19. Jahrhunderts. In Schweden sind Mobergs Romane und deren Musicalfassung „Kristina från Duvemåla“ quasi kulturelles Erbe. In anderen Ländern wird „Kristina“ selten bis gar nicht gespielt. Deshalb ist diese Produktion etwas Besonderes. So besonders, dass sogar Benny Andersson höchstpersönlich zur Premiere angereist ist.

Die Handlung beginnt im Småland des Jahres 1844: Kristina und ihr Mann Karl Oskar kämpfen mit Missernten, Hunger und bitterer Armut. Karl Oskars Bruder Robert träumt von einem Leben in Amerika, dem Land der Freiheit. Kristina will davon nichts wissen, als auch ihr Ehemann mit der Idee zu spielen beginnt. Doch der Tod ihrer Tochter Anna bewegt Kristina dazu, ihre Meinung zu ändern. Auch andere Dorfbewohner schließen sich an: Arvid, ein Freund von Robert, Kristinas Onkel Danjel und seine Frau, die ihre Religiosität nicht mehr in der Staatskirche ausleben wollen, und Ulrika, die ehemalige Dorfhure, mit ihrer Tochter. Die beschwerliche Schiffsreise schweißt die Auswanderer zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Die Vereinigten Staaten erweisen sich nicht als das „gelobte Land“, auch wenn sich für Kristina und ihre Familie vieles verbessert. Doch sie leidet an Heimweh und die vielen Schwangerschaften setzen ihrer Gesundheit zu.
Im Zentrum des großen Ensembles steht Elena Franke als Kristina. Sie zeichnet eine Frau, die auf den ersten Blick zerbrechlich erscheint, tatsächlich aber über eine enorme innere Stärke verfügt. Franke verleiht der Figur mit ihrer lyrischen Stimme eine berührende Verletzlichkeit, ohne sie jemals schwach wirken zu lassen. Ihr Kristina-Porträt macht die Zerrissenheit zwischen der Fürsorge für ihre Familie, der Liebe und letztlich auch Ergebenheit zu ihrem Mann und der Sehnsucht nach ihrer Heimat Schweden nachvollziehbar.

In Markus Dietzes Inszenierung begegnet Karl Oskar seiner Frau auf Augenhöhe. Diese Partnerschaft wirkt dadurch modern und entschärft ein wenig den patriarchalischen Tonfall, der die Vorlage aufgrund der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse prägt. Das nimmt der Geschichte allerdings auch etwas von ihrem Konfliktpotenzial. Tobias Bieri hat in dieser Rolle sowohl stimmlich als auch darstellerisch starke Momente, doch fehlt seiner Interpretation bisweilen die emotionale Wucht, um die großen Gefühle dieser Figur wirklich zu entfesseln.
Denis Riffel gibt Roberts verträumter Abenteuerlust eine plakative, aber sympathische Naivität. Mit großen Augen blickt er jungenhaft in die Welt, als könne ihm das Leben nichts anhaben. Auch wenn die Grenzen seines Stimmumfangs gelegentlich hörbar werden, überzeugt Riffel vor allem durch seinen schauspielerischen Wandel: Wenn Robert nach den Erlebnissen beim Goldrausch krank und gebrochen zu seiner Familie zurückkehrt, verkörpert er einen Mann, den die Erfahrungen des Lebens innerhalb kürzester Zeit haben reifen lassen.
Isabel Mascarenhas glänzt mit Bühnenpräsenz und starker Stimme als Ulrika. Aus der ruppigen, vorlauten, von den Dorfbewohnern – besonders von Kristina – abgelehnten Frau wird eine in sich ruhende und gereifte Persönlichkeit.
Auch die Darstellerinnen und Darsteller der vielen Nebenfiguren überzeugen durch die Bank. So bestechen etwa die Kinderdarsteller durch ihre Natürlichkeit und Jona Mues als gutmütiger Arvid mit einer starken darstellerischen Leistung. Raphaela Crossey bringt als Fina-Kajsa mit ihrer ausgeprägten Bühnenpräsenz immer wieder Humor in die ansonsten ernste Geschichte und Jussi Juola beeindruckt als Nöjd mit seinem kraftvollen Bassbariton.

Regisseur Markus Dietze hält die zahlreichen Handlungsfäden souverän zusammen. Das ist bei einem Werk, dessen Handlung sich über mehrere Jahre, Kontinente und Lebensstationen hinweg erstreckt, keineswegs selbstverständlich – gerade weil in der Bearbeitung der Romane für die Bühne zahlreiche Zeitsprünge und verknappte Charakterentwicklungen nicht vermieden werden konnten. Stets bleibt verständlich, welche Figur gerade auf der Bühne steht und an welchem Ort sich die Handlung abspielt – selbst wenn er szenisch nur angedeutet wird. Auch die meisten kleineren Rollen verkommen nicht bloß zur Staffage. Die Inszenierung lebt jedoch weniger von außergewöhnlichen Einfällen als von der zuverlässigen Organisation des Geschehens. Bewegung entsteht oft durch das ausgiebige Herbeischaffen und Wegbringen von Requisiten. Dietzes Regie konzentriert sich stark auf die Positionierung des Ensembles. Das mündet nicht selten in Rampensingen und statischen Gruppierungen, die zwar häufig schöne Bilder ergeben, aber wenig szenische Dynamik entwickeln.
Umso mehr fallen die wenigen wirklich außergewöhnlichen Regieideen auf. Besonders eindrucksvoll ist das Bild am Ende: Während die Kinder im Hintergrund am (leeren) Sterbebett ihrer Mutter stehen, wandert Kristina – oder besser: ihr inneres Ich – durch ein Weizenfeld. Hier findet die Inszenierung eine poetische Bildsprache, die dem emotionalen Gehalt des Moments gerecht wird.

Das Bühnenbild von Christian Binz ist keineswegs so sparsam ausgefallen, wie man es angesichts der Interimsspielstätte hätte erwarten können. Es zeigt den Innenraum einer Scheune mit einer leicht tiefergelegten Spielfläche in der Mitte. Diese lässt sich vielseitig nutzen. Eine weitere Erhöhung kann wie eine Schublade aus dem hinteren Bereich nach vorne geschoben werden und schafft eine zusätzliche Spielebene. Die Bühne ist durchdacht und bietet genügend Möglichkeiten, die unterschiedlichen Schauplätze der Geschichte zu markieren. Zusätzlichen Reiz erzeugen die Videoprojektionen von Georg Lendorff. Besonders wirkungsvoll geraten die imposanten Wassermassen während der Schiffsüberfahrt nach Amerika. Hier wird die gefährliche Reise auch visuell erfahrbar. Im zweiten Akt, der weniger Ortswechsel aufweist, schließt ein Prospekt mit leicht bewölktem Himmel den Bühnenhintergrund ab. Je nach Stimmung wird er unterschiedlich beleuchtet. Das zarte Blau und insbesondere ein Sonnenuntergang in Technicolor-Orange bewegen sich dabei gelegentlich gefährlich nahe am Kitsch. Die ebenfalls von Binz entworfenen Kostüme verdienen Erwähnung. Obwohl hier das einfache ländliche Leben des 19. Jahrhunderts erzählt wird, ist die Ausstattung erstaunlich vielfältig und detailreich.
Musikalisch ist „Kristina“ ein opulentes Ereignis. Die Orchestrierung von Anders Eljas verbindet spätromantische Klangfarben mit dem gelegentlichen Einsatz von E-Gitarre und Schlagzeug. Die musikalische Sprache erinnert dabei an Komponisten wie Edvard Grieg oder Antonín Dvořák, die ihrerseits stark von der Volksmusik ihrer Heimatländer geprägt waren. In Koblenz wurde die ursprünglich für 25 Musikerinnen und Musiker konzipierte Partitur auf eine Besetzung von 40 erweitert. In der besuchten Vorstellung dominiert leider zu oft das Orchester. Die Sängerinnen und Sänger kommen immer wieder unter die Räder der nicht immer ausgewogenen Tonmischung.
Karsten Huschke dirigiert die Rheinische Philharmonie umsichtig durch die anspruchsvolle Partitur. Das Orchester ist in einen Nebenbereich ausgelagert, deswegen hat er nur per Video Kontakt zur Bühne. Womöglich gerät deshalb bei der Premiere das Zusammenspiel zwischen Ensemble und Orchester an einigen Stellen etwas ins Wanken. Das dürfte sich mit zunehmender Routine einspielen.
„Kristina“ ist kein Musical für ein Publikum, das ausschließlich nach dem nächsten Ohrwurm sucht. Es ist ein Epos im besten Sinne: groß angelegt, emotional packend, musikalisch anspruchsvoll – und lang. Doch die starke Geschichte in der gelungenen deutschen Übersetzung von Udo Brinkmann und Andreas Wahlberg und die herausragende Musik verdienen es, auch künftig auf deutschsprachigen Bühnen präsent zu sein. Stadt- und Staatstheater sollten sich durchaus trauen, „Kristina“ auf ihre Spielpläne zu setzen. Ja, die Produktion ist ein kostspieliger Kraftakt. Aber wenn man große Opern auf die Bühne bringen kann, sollte auch dieses Werk machbar sein. Man muss sich nur trauen.
So wie das Theater Koblenz.

Ein schwedisches Musical basierend auf Vilhelm Mobergs Auswandererepos
Musik – Benny Andersson
Liedtexte – Björn Ulvaeus
Skript – Lars Rudolfsson, Jan Mark
Orchestrierung – Anders Eljas
Deutsche Fassung – Udo Brinkmann (Liedtexte), Andreas Wahlberg (Skript)
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| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Musikalische Leitung | Karsten Huschke |
| Inszenierung | Markus Dietze |
| Choreografie | Steffen Fuchs |
| Bühne / Kostüme | Christian Binz |
| Video | Georg Lendorff |
| Licht | Julia Kaindl |
| Choreinstudierung | Lorenz Höß |
| Dramaturgie | Andreas Wahlberg |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
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| GALERIE | |||||||||
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| TERMINE | |||||||||
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| Do, 05.11.2026 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Fr, 06.11.2026 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Sa, 07.11.2026 15:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Mi, 23.12.2026 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Sa, 26.12.2026 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| So, 27.12.2026 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Do, 31.12.2026 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Sa, 02.01.2027 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| So, 03.01.2027 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Mo, 04.01.2027 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| ▼ 3 weitere Termine einblenden (bis 17.01.2027) ▼ | |||||||||
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| Di, 05.01.2027 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| Fr, 15.01.2027 18:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
| So, 17.01.2027 15:00 | Theaterzelt, Koblenz | ||||||||
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| SPIELORTE | |||||||||
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| 31.10.2026 - 17.01.2027 | Theaterzelt, Koblenz | 14 x |
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