Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Meine heutige Wahl ist ganz schön naheliegend. Filme für Weihnachten gibt es unzählige, bei Ostern sieht es anders aus. Das dachte man sich auch bei MGM und witterte eine Marktlücke. Ein Musical nur mit Liedern von Irving Berlin war sowieso gerade in Planung und sein Song „Easter Parade“ kam ihnen da gerade recht. Herausgekommen ist ein typisches MGM-Musical – große Bilder, großer Aufwand, große Stars. Ein Klassiker des Genres!
Der Ostersonntag mit seiner Parade auf der 5th Avenue steckt den Rahmen der Geschichte ab. Traditionell flanieren die New Yorker über diesen Boulevard und präsentieren dort ihre neuesten frühlingshaften Kleidungsstücke. Mittlerweile gibt es da auch Motivwagen und die Outfits, besonders die Hutmode, wurden im Lauf der Zeit immer ausgefallener.
Doch im Jahr 1912, in dem die Handlung des Films beginnt, war das noch gesitteter. Der Tänzer Don Hewes (Fred Astaire) wird von seiner Tanzpartnerin Nadine Hale (Ann Miller) abserviert, die eine Solokarriere anstrebt. Frustriert betrinkt er sich in einer Bar und behauptet schließlich, er könne aus jeder dahergelaufenen Tänzerin einen Star machen. Der Zufall will es, dass just in dem Moment eine Tanzgruppe auftritt und Don greift sich Hannah Brown (Judy Garland) heraus. Deren Talent liegt zwar mehr im Gesang als im Tanz, trotzdem versucht Don, aus ihr eine Nadine-Kopie zu formen. Und kann kommt – wer hätte es geahnt? – auch noch die Liebe ins Spiel.
Einen Originalitätspreis bekommt das Drehbuch nun weiß Gott nicht. Das Autorenpaar Frances Goodrich und Albert Hackett hatte auch eigentlich eine viel ernstere Hinter-den-Kulissen-Geschichte geschrieben, doch die gefiel den Produzenten nicht. Sie heuerten Sidney Sheldon an, der gerade für die Komödie „The Bachelor and the Bobby-Soxer“ („So einfach ist die Liebe nicht“, 1947) einen Oscar bekommen hatte, um Pointen einzustreuen. Das funktionierte auch gut. Die Dialoge sind wirklich ziemlich lustig und geben vor allem Garland Gelegenheit, als Komödiantin zu glänzen. Wenn der Film im letzten Drittel auf die melodramatische Zielgerade einbiegt, verschwindet die Komik allerdings aus der Handlung.
Die Vorproduktion war auch alles andere als lustig. Judy Garland stand als Hauptdarstellerin fest. Regie sollte ihr damaliger Mann, Vincente Minnelli, führen. Da die Zusammenarbeit des Ehepaars an dem gerade abgedrehten Film „The Pirate“ („Der Pirat“, 1948) problematisch gewesen war, wurde Charles Walters statt Minnelli engagiert. Gene Kelly brach sich beim Sport den Fuß und fiel aus. Deswegen holte man Fred Astaire aus der Versenkung, der sich gerade vom Film zurückgezogen hatte. Als Nadine Hale war eigentlich Cyd Charisse besetzt, doch wegen eines Bänderrisses kam Ann Miller zum Zug. Miller wiederum ereilte ein sehr tragisches Schicksal. Sie war im neunten Monat schwanger und ihr betrunkener Ehemann stieß sie eine Treppe hinunter. Das Kind starb bei der Geburt und Miller musste lange Zeit ein Korsett tragen – auch beim Dreh ihres großen Stepptanz-Solos „Shaking the Blues Away“.
Das alles merkt man dem fertigen Film nicht an. Trotz eines Altersunterschiedes von 23 Jahren nimmt man Garland und Astaire die Romanze ab, denn zwischen den beiden stimmt die Chemie. Leider war „Easter Parade“ ihre einzige Zusammenarbeit. Der erste Auftritt von Hannah und Don, „Beautiful Faces Need Beautiful Clothes“, ist sehr witzig. Ihre Arme verheddern sich, Hannah tanzt unbeholfen und nicht im Takt, ihre Boa verliert Federn und in der finalen Pose wirft sie Don fast um. Sehr schön ist auch „A Couple Of Swells“, für das beide in Landstreicher-Kostüme schlüpfen. Der sonst so elegant auftretende Astaire machte sich vorher viele Gedanken, ob das überhaupt zu ihm passen und er die Nummer hinbekommen würde. Aber es wirkt, als hätte er dabei richtig viel Spaß, so wie später in der für ihn untypischen Rolle in „Finian’s Rainbow“ („Der goldene Regenbogen“, 1968).
So wie Hannah im Film war auch Garland eine bessere Sängerin als Tänzerin. Sie macht alles in allem eine gute Figur und was sie in „When the Midnight Choo-Choo Leaves for Alabama“ zu absolvieren hat, ist schon ziemlich anspruchsvoll. Trotzdem transportiert sich bei ihren Tänzen mehr Emotion als bei der technisch besseren Ann Miller. Die von ihr dargestellte Nadine ist aber auch kälter, divenhafter und perfekter.
Astaire hat zwei große Soli. Direkt am Anfang tanzt er bei „Drum Crazy“ in einem Spielzeugladen und bezieht Spielzeuge und Kinder-Schlagzeuge mit ein; eine Nummer eher im Gene-Kelly-Stil. „Steppin‘ Out With My Baby“ fällt durch technische Spielereien auf. Astaire tanzt im Vordergrund in Zeitlupe, während der Chorus sich im Hintergrund in Echtzeit bewegt.
Robert Alton war für die filmische Umsetzung der Tanz- und Gesangsnummern zuständig, die Choreografien stammen von Astaire und Regisseur Charles Walters, der seine Karriere als Tänzer, Schauspieler und Choreograf begonnen hatte. Bis auf die Zeitlupensequenz sind die relativ brav gefilmt, aber nichtsdestotrotz virtuos getanzt und voller Tempo und Energie.
Alle Songs stammen von Irving Berlin. Er komponierte drei neue, alle anderen tauchten schon in früheren Filmen oder Revuen auf. Nach alter Jukebox-Musical-Manier wurde die Handlung um die Songs gebaut. Im Unterschied zu anderen Backstage-Musicals sind einige auch in die Handlung eingebunden.
Wegen der Handlung bleibt einem dieser Film allerdings nicht im Gedächtnis, sondern wegen Musik, Tanz und Optik. Das ist der Technicolor-Bombast vom Feinsten, für den die MGM-Musicals dieser Zeit bekannt waren. Die Kostüme strahlen in den prächtigsten Farben und die Hüte sind Kreationen der fantasievollsten Sorte. Für die letzte Szene, in der Hannah und Don zur Easter Parade 1913 gehen, füllten 700 Statisten das Set, das mit riesigen Fassaden und bemalten Wänden die 5th Avenue nachbildet.
Die Parade an sich ist ein beeindruckendes Schlussbild, zu Beginn passiert sie eher nebenbei. Aber gut, Hauptgrund, diesen Streifen überhaupt zu produzieren, war, dass man einen Film fürs Ostergeschäft haben wollte und er deshalb mit dem Song über diese Parade beginnen und enden musste. Bei den Dreharbeiten, die im November 1947 starteten, stand man also unter Druck, weil der Streifen im Frühjahr in die Kinos kommen sollte. Man drehte zuerst die Musikszenen, damit man schon mal einen Trailer schneiden und die Werbemaschinerie anwerfen konnte. Das hat funktioniert: „Easter Parade“ war der erfolgreichste Film des Jahres 1948
Mich hat die wirklich komische Judy Garland beeindruckt. Sie ergänzt sich perfekt mit Astaire, die Songs sind gut, die Tanzszenen fabelhaft – das ist nostalgisches Traumfabrik-Kino, wie es sein soll. Sich jetzt „White Christmas“ anzusehen, fühlt sich bestimmt seltsam an, „Easter Parade“ funktioniert zu jeder Jahreszeit.
Frohe Ostern allerseits!
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