Mit „Something Rotten!“ steht Riccardo Greco nach „& Julia“ bereits zum zweiten Mal als William Shakespeare auf der Bühne – diesmal allerdings deutlich exzentrischer, manipulativer und mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Doch zwischen seinen beiden Shakespeares liegen mit Anastasius in „Die Päpstin“ und Jesus in „Jesus Christ Superstar“ zwei Rollen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Gespräch erzählt er, warum ihn Charakterrollen und Bösewichte inzwischen mehr reizen als klassische Helden, weshalb Jesus für ihn eine ganz besondere Bedeutung hat und welche Herzensprojekte auf nächstes auf ihn warten.
Du hast Shakespeare bereits in „& Julia“ gespielt. Wie hast du dich dieser Figur genähert und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede siehst du zwischen deinen beiden Shakespeares
Tatsächlich habe ich mich schon damals, als ich Shakespeare in „& Julia“ gespielt habe, intensiver mit der historischen Figur auseinandergesetzt. Da habe ich angefangen, einfach nachzulesen – ganz klassisch über Wikipedia und verschiedene Quellen –, weil mich interessiert hat, wer dieser Mensch eigentlich gewesen sein soll. Um Shakespeare ranken sich ja unglaublich viele Geschichten und Theorien. Da gibt es zum Beispiel die Erzählung, dass er Werkideen gestohlen haben soll oder dass er neben seiner Frau Anne möglicherweise einen Geliebten gehabt haben könnte und vieles mehr. Das meiste davon lässt sich heute natürlich nicht mehr belegen, aber genau diese Mythen machen die Figur unglaublich spannend. Gleichzeitig wird Shakespeare oft als jemand beschrieben, der wahnsinnig charmant gewesen sein muss, aber eben auch sehr von sich selbst überzeugt war – solche Leute, Genies in ihrer Arbeit, aber menschlich unangenehm, kenne ich natürlich auch aus meinem Leben. Diese Mischung aus Charisma, Witz und einem ordentlichen Schuss Arroganz fand ich schon damals total interessant.
Es ist außerdem eine besondere Ehre, Shakespeare gleich ein zweites Mal spielen zu dürfen. Das passiert einem schließlich nicht allzu oft – und schon gar nicht in zwei Produktionen, die so unterschiedlich mit der Figur umgehen. Die beiden Shakespeares haben trotzdem auf jeden Fall Gemeinsamkeiten. Beide sind unglaublich selbstverliebt, genießen Aufmerksamkeit und wissen ganz genau, dass sie etwas Besonderes sind. Dieses übergroße Ego gehört einfach zur Figur. Gleichzeitig unterscheiden sich die beiden Versionen aber enorm – und genau das hat den Reiz ausgemacht, Shakespeare noch einmal völlig neu zu entdecken.
In „Something Rotten!“ ist Shakespeare im Grunde eine reine Comedy-Figur. Er bekommt die Pointen nicht nur zugespielt wie in „& Julia“ von seiner Frau Anne, sondern darf sie nahezu durchgehend selbst setzen – und das sehr effektvoll. Die Rolle lebt davon, völlig überzeichnet zu sein und sich selbst permanent unglaublich wichtig zu nehmen. Genau diese Absurdität macht wahnsinnig viel Spaß.
Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, hatte ich allerdings zunächst ein Problem: Auf dem Papier wirkt Shakespeare wirklich durchgehend total unsympathisch. Er tut Dinge, bei denen man sich denkt: ‚Das kannst du doch nicht ernst meinen.‘ Beispielsweise versucht er, obwohl er selber so einen riesigen Erfolg hat, den Bottom-Brüdern ihre Träume zu vereiteln.
In „& Julia“ war Shakespeare zwar ebenfalls eitel und selbstbewusst, aber insgesamt deutlich geerdeter – vor allem durch seine wunderbar starke Frau Anne. Dort war er stärker Autor und Geschichtenerzähler, aber auch ein bockiger kleiner Junge, schauspielerisch viel menschlicher und natürlicher angelegt. In „Something Rotten!“ wird diese Eigenschaft dagegen regelrecht auf die Spitze getrieben. Hier ist Shakespeare fast schon eine Karikatur seiner selbst – absolut manipulativ und toxisch. Alles ist größer, lauter und absurder, er will alle und jeder will ihn.
Meine erste Aufgabe war deshalb gar nicht, möglichst lustig zu sein, sondern herauszufinden, wie ich diese Figur trotzdem so sympathisch machen kann, dass man sie nicht einfach nur als fiesen Egomanen wahrnimmt. Mir war wichtig, dass das Publikum zwar über ihn lacht und erkennt, wie unfassbar eitel und größenwahnsinnig er ist, ihn aber trotzdem irgendwie durch seine Marotten ins Herz schließt. Hinter seiner Selbstverliebtheit steckt ja auch eine gewisse Naivität und eine fast kindliche Begeisterung für sich selbst. Das macht ihn für mich sympathisch.
Vor den ersten Kritiken hatte ich deshalb ehrlich gesagt ein bisschen Angst. Ich dachte die ganze Zeit: Hoffentlich schreibt am Ende niemand, dass Shakespeare einfach nur nervt oder ein kompletter Kotzbrocken ist. Umso erleichterter war ich, dass genau das Gegenteil passiert ist. Die Rückmeldungen haben bestätigt, dass dieser Balanceakt funktioniert hat und die Figur trotz ihrer vollkommenen Überzeichnung beim Publikum gut ankommt.
Dazu trägt natürlich auch das gesamte Konzept der Inszenierung bei. Alles ist bewusst größer, verrückter und absurder gedacht – es läuft unheimlich viel Witziges gleichzeitig ab, überall herrscht Klamauk. Schon wenn man die Kostüme sieht, weiß man sofort, dass hier niemand versucht, einen historischen Shakespeare möglichst realistisch abzubilden. Gerade diese Freiheit, die mir und uns hier gewährt wurde, macht unglaublich viel Spaß. Ich glaube außerdem, ich habe während einer Probenzeit noch nie so viel gelacht wie bei „Something Rotten!“. Es vergeht eigentlich keine Probe, in der nicht irgendjemand das gesamte Ensemble zum Lachen bringt. Diese Spielfreude merkt man später hoffentlich auch auf der Bühne.
Der „Something Rotten!“-Shakespeare ist außerdem absolut queer, was ich sehr feiere. Seine Frau Anne hätte in diesem Stück gar keinen Platz neben ihm – so groß ist sein Ego. Hier ist er single und ready to mingle. Das ganze Stück steckt voller queerer Comedy-Elemente und Anspielungen, die ein nicht-LGBTQ-Publikum wahrscheinlich teilweise gar nicht bemerkt. Allein schon, dass die Hauptfiguren ‚Bottom‘ heißen oder der Bruder Jeremiah praktisch nur sexuelle Doppeldeutigkeiten von sich gibt. In „& Julia“ wird Shakespeares mögliche Bisexualität lediglich in einem Nebensatz angedeutet. Hier ist sie dagegen ganz offensichtlich. Trotzdem empfinde ich das nicht als Parodie auf Queerness.
Wie bereitest du dich auf deine Rollen vor – besonders für eine solche ikonische Rolle wie William Shakespeare?
Ich nähere mich Rollen grundsätzlich immer sehr stark über das Körperliche. Bevor ich viel über Texte oder Emotionen nachdenke, frage ich mich erst einmal: Wie bewegt sich dieser Mensch? Wie steht er? Wie geht er? Wie betritt er einen Raum? Gerade Comedy funktioniert unheimlich viel über Körpersprache. Bei Shakespeare war deshalb schnell klar, dass er ständig gesehen werden möchte. Er nimmt Raum ein, genießt jede Aufmerksamkeit, wirft die Haare zurück, posiert permanent und kostet seine eigene Wirkung in jeder Sekunde aus. Das erzählt oft mehr über die Figur als jeder Satz.
Dabei helfen mir oft schon ganz praktische Dinge wie das Kostüm. Sobald ich bestimmte Schuhe anhabe oder eine Hose anders sitzt als gewohnt, verändert sich automatisch meine Haltung. Bei Shakespeare kam dann noch diese opulente Frisur dazu, mit der man regelrecht spielen kann. Irgendwann wirft man die Haare ganz selbstverständlich zurück oder bleibt länger in einer Pose stehen, weil sich das plötzlich völlig natürlich anfühlt. Aus genau solchen Kleinigkeiten entwickelt sich für mich eine Figur. Erst wenn der Körper stimmt, entsteht nach und nach auch der Charakter.
Innerhalb des Stücks gibt sich Shakespeare außerdem noch als eine andere Figur aus: Als Toby versucht er, sich in die Schauspieltruppe einzuschleichen. Als ich dieses Kostüm das erste Mal gesehen habe, wusste ich sofort: „Der braucht eine völlig abgefahrene Stimme!“ Tatsächlich macht es mir fast noch mehr Spaß, Toby zu spielen als Shakespeare selbst. Dieses Rolle-in-der-Rolle-Spielen mache ich zum ersten Mal und das ist für mich unglaublich reizvoll.
Zwischen den beiden Shakespeares liegt mit Anastasius in „Die Päpstin“ deine vielleicht erste richtige Bösewicht-Rolle; gleichzeitig kehrst du immer wieder zu Jesus in „Jesus Christ Superstar“ zurück. Wie gehst du mit diesen so unterschiedlichen Figuren um – und worauf freust du dich nach Shakespeare am meisten?
Während ich noch bei „& Julia“ gespielt habe, bin ich jeden Tag von Norderstedt nach Hamburg gependelt und habe auf diesen Autofahrten Anastasius gelernt. Ich hatte die Castaufnahme im Auto laufen, habe jede Betonung, jede Pause und jede Note mitgesprochen und mir anschließend noch das Video der Inszenierung angeschaut, um Positionen und Abläufe zu lernen. Im Grunde hatte ich einen Probentag und stand am nächsten Tag schon auf der Bühne. Das war wirklich absolut verrückt! Rückblickend frage ich mich manchmal selbst, wie das überhaupt funktioniert hat. Anastasius war für mich tatsächlich eine der ersten wirklich großen Bösewicht-Rollen. Ich habe ihn aber nie als jemanden gespielt, der von Anfang an offen böse ist. Gerade vor dem Papst gibt er sich höflich, charmant und kontrolliert. Genau das macht solche Figuren spannend: Sie sind manipulativ, berechnend und ziehen im Hintergrund die Fäden. Je mehr ich solche Charaktere spiele, desto mehr merke ich, dass mich diese Rollen inzwischen fast noch mehr reizen als die klassischen Helden.
Früher war ich eigentlich immer der Prinz, der Held oder der Retter. Irgendwann haben die Leute dann angefangen zu sagen: „Du bist eigentlich der perfekte Villain.“ Anfangs war ich darüber fast ein bisschen traurig. Man denkt sich natürlich erst einmal: Schade, jetzt werde ich wohl nicht mehr für diese sympathischen, romantischen Rollen besetzt. Mittlerweile sehe ich das komplett anders. Die Bösewichte und Charakterrollen sind oft die viel spannenderen Figuren. Sie haben Ecken, Kanten und Abgründe. Sie verändern sich, überraschen und geben einem als Schauspieler unglaublich viel Spielmaterial. Vielleicht ist das einfach eine Entwicklung. Mir wurde früher sogar einmal gesagt, ich sei zu geschniegelt und zu hübsch, um Charakterrollen zu spielen. Entweder bin ich inzwischen einfach älter geworden oder ich
strahle heute etwas anderes aus. Vielleicht bringen die Erfahrungen der letzten Jahre automatisch mehr Tiefe mit sich. Auf jeden Fall werde ich kaum noch für den klassischen Prinzen angefragt – und ehrlich gesagt gefällt mir das inzwischen sogar.
Jesus ist dagegen noch einmal etwas völlig anderes. Diese Rolle begleitet mich schon seit vielen Jahren und ich glaube tatsächlich, dass sie mich mein ganzes Leben begleiten wird. Ich habe großen Respekt vor ihr und hatte anfangs sogar Angst davor, sie zu spielen. Ich bin sehr religiös aufgewachsen. Bei uns zu Hause spielte der Glaube eine große Rolle und ich habe mich als Jugendlicher sehr intensiv mit der Bibel beschäftigt. Irgendwann habe ich mich mit etwa fünfzehn Jahren bewusst vom Glauben entfernt – nicht, weil ich das wollte, sondern weil mir klar wurde, dass der Glaube der Zeugen Jehovas nicht zu dem passte, was ich bin und mich letztlich ablehnen würde.

Ich wusste damals nur eines ganz sicher: Ich wollte dieselbe Liebe erleben, die ich bei meiner Mama und meinem Papa gesehen habe. Mir war aber gleichzeitig klar, dass ich sie nicht mit einer Frau finden würde, sondern mit einem Mann. Darüber haben wir damals sehr offen gesprochen. Für mich war das ein unglaublich wichtiger Moment, weil meine Eltern darauf nicht mit Ablehnung, sondern mit Verständnis reagiert haben. Sie haben mir gesagt, dass sie sich einfach wünschen, dass ich die Liebe finde, die sie selbst miteinander erlebt haben – ganz egal, mit wem. Das bedeutet mir bis heute unglaublich viel.
Aber diese Geschichten und diese Figuren, über die ich so viel gelernt und gelesen habe, haben mich nie losgelassen. Gerade Jesus hat mich schon als Kind unglaublich fasziniert. Ich hatte damals unendlich viele Fragen und habe meinen Vater damit regelrecht gelöchert. Mich hat immer beschäftigt, wie jemand mit dem Wissen leben kann, sich für etwas Größeres opfern zu müssen. Was muss in einem Menschen vorgehen, der weiß, dass er sterben wird? Welche Gespräche führt er mit seinem Vater? Diese Fragen bewegen mich bis heute. Deshalb muss ich bei Jesus oft gar nicht besonders viel spielen. Ich greife vielmehr auf Erinnerungen, Gespräche und Gefühle aus meiner eigenen Vergangenheit zurück. Jedes Mal, wenn ich die Rolle wieder aufnehme, entdecke ich etwas Neues an ihr und auch an mir selbst. Ich glaube deshalb nicht, dass ich Jesus irgendwann satt haben werde. Im Gegenteil: Ich hoffe, dass ich die Rolle noch ganz oft spielen darf. Vielleicht sogar irgendwann einmal in einer ganz klassischen Inszenierung – mit langen Haaren und Bart. Das habe ich tatsächlich noch nie gemacht.
Nach Shakespeare freue ich mich jetzt erst einmal riesig auf „Disney in Concert“. Allein mit einem so großen Orchester auf einer Bühne zu stehen, ist jedes Mal etwas Besonderes. Passend zu meiner aktuellen Entwicklung darf ich dort viele der Charakter-Lieder interpretieren. Vor ein paar Jahren hätte ich wahrscheinlich automatisch den Disney-Prinzen gesungen – inzwischen scheint sich das Blatt ein wenig gewendet zu haben.
Besonders freue ich mich auf die Kolleginnen und Kollegen – die lieben Philipp Büttner und Mark Seibert, Judith Caspari, Anton Zetterholm und natürlich Chiara Fuhrmann – das wird toll! Viele kenne ich schon seit Jahren und mit einigen verbindet mich eine lange gemeinsame Geschichte. Das macht solche Konzerte fast zu einem großen Klassentreffen. Und dann ist da natürlich Ute Lemper! Egal, was sie an diesem Abend macht – ich werde wahrscheinlich irgendwo sitzen und ihr einfach nur zuschauen. Ich finde sie großartig und freue mich riesig darauf, sie endlich einmal live zu erleben und gemeinsam mit ihr auf einer Bühne zu stehen.
Und dann gibt es da noch ein Projekt, das mich schon seit Jahren begleitet: Ich schreibe immer wieder an einem Buch. Es ist im Grunde eine Sammlung von Begegnungen mit Menschen, die mein Leben geprägt haben – manche nur für kurze Zeit, andere bis heute. Immer wieder kommen neue Geschichten dazu, sodass ich glaube, fertig zu sein, und dann fällt mir doch wieder etwas ein. Ich hoffe, dass ich in den nächsten fünf Jahren endlich den Mut habe, es zu veröffentlichen. Wenn ich selbst Shakespeare wäre und heute etwas schreiben würde, dann wahrscheinlich genau darüber: über die Menschen, denen ich im Leben begegnet bin. Shakespeare hat sich schließlich auch überall inspirieren lassen und Geschichten gesammelt. Wahrscheinlich würde ich das ganz ähnlich machen – nur hoffentlich, ohne seine Ideen zu stehlen.
Lieber Riccardo, vielen lieben Dank für die sehr persönlichen und offenen Einblicke in deine aktuellen und kommenden Projekte. Wir wünschen dir ganz viel Spaß mit diesem neuen Shakespeare und seinem Alter Ego – und nach Bad Hersfeld eine tolle Zeit bei „Disney in Concert“!
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