Riccardo Greco © Paul Huettemann
Riccardo Greco © Paul Huettemann

"Es ist nur Musical, keine Operation am offenen Herzen!" - Riccardo Greco im Interview

Riccardo Greco ist beinahe pausenlos seit seinem Debut als Musicaldarsteller von Bühne zu Bühne unterwegs. Rollen wie Sam in „Ghost“, Christian in „Moulin Rouge“ oder Lucheni in „Elisabeth“ gehören zu seinen bisher größten Errungenschaften. Im Rahmen seines Engagements als William Shakespeare im Popmusical „& Julia“ hatten wir die Möglichkeit, diesen spannenden Künstler von einer tiefgründigen, emotionalen und herzlichen Seite kennenzulernen.

Lieber Riccardo – ich freue mich, dass es mit dem Interview geklappt hat. Dich an die Strippe zu bekommen, ist bei deinen ganzen, teilweise zeitgleichen Engagements gar nicht so einfach gewesen! Diese Chance möchte ich nutzen, um mit dir step by step durch deine Karriere zu gehen. Wie hat alles angefangen?

Riccardo Greco © privat

Ich habe immer gerne gesungen, mein Vater singt auch wahnsinnig gerne und viel. Auch meine Geschwister und meine Mama sind sehr musikalisch, sodass mir das in die Wiege gelegt wurde. Meine Eltern haben eines Tages in einer Zeitschrift gelesen, dass es in Mendig, etwa zwei Stunden von meinem Heimatort, für eine semiprofessionelle Musicalaufführung ein Vorsingen geben sollte. Für drei Jahre haben wir uns, etwa 120 Leute am Anfang, jedes Wochenende für Gesangs- und Tanzunterricht getroffen und nebenher ein Musical namens „Nostradamus“ erlernt, das wir am Ende 56 Mal aufgeführt haben. Die Truppe war für mich total toll, weil ich durch sie eine Community von Gleichgesinnten gefunden hatte. In der Schule hatte ich, selbst in der Theater-AG, eigentlich keine Freunde, weil niemand meine Leidenschaft für Kunst und Bühne verstanden hat.

Nach der Schule ging es für mich nach Frankfurt, wo ich in Schauspiel ausgebildet wurde – übrigens zusammen mit Helene Fischer, die im Klassenraum über mir war! Dann wurde mir gesagt, ich solle doch Musical machen, mit meiner Stimme. Im ZDF wurde zu der Zeit in der Sendung „Stage Fever“ die Joop van den Ende Academy mit dem Jahrgang von Sabrina Weckerlin gezeigt, und da war für mich klar: „An diese Schule will ich!“, was ich dann nach anderthalb Jahren in Frankfurt auch gemacht habe. Mit 250 BewerberInnen zusammen war ich dort und brauchte dringend eins der beiden Stipendien für die Ausbildung – das war sehr nervenaufreibend, aber es hat geklappt! Direkt von der Ausbildung mit 19 Jahren, eine Woche nach dem Abschluss, haben dann die Proben für „Mamma Mia“, meine erste professionelle Produktion begonnen. Und so nahtlos ging es dann für mich glücklicherweise, mit Ausnahme der Corona-Zwangspause, bis heute weiter! Dafür bin ich total dankbar.

Gibt es etwas, was du Nachwuchstalenten empfehlen würdest, aus deiner eigenen Geschichte heraus?

Das klingt sehr nach Klischee, und ich werde das auch, wenn ich unterrichte, oft gefragt, aber: Man muss für den Beruf mit Herz und Seele brennen. Wenn man nicht ständig umziehen will oder immer bei seinem Partner sein möchte, geht man in diesem Beruf auf lange Sicht kaputt. Man lebt in der Regel nie dort, wo man eigentlich wohnt. WGs, Apartments, möblierte Wohnungen oder manchmal auch nur eine Matratze auf dem Boden: Es ist ein Nomadenleben. Und der eigentlich freie Montag wird oft in der Deutschen Bahn verbracht, mit all den bekannten Hürden. Auch die Konkurrenz wird immer größer, man muss schauen, ob man dem mental gewachsen ist. Ich würde daher jedem auf der Bühne empfehlen: Geht zu einer Gesprächstherapie, sucht euch jemanden, der euch reflektieren hilft: Als Künstler ist man immer in der Konfrontation mit sich selbst; jede Rolle bringt eine neue Herausforderung mit neuen Grenzen, die zu überschreiten sind. Jemand von außen, der nicht auf den Job schaut, sondern sich fragt: „Wie geht es dem Menschen vor mir gerade?“ – das ist unheimlich hilfreich, um psychisch gesund zu bleiben.

Was hättest du rückblickend anders gemacht?

Was ich mir schon früher hätte sagen sollen: Es geht nicht um Leben und Tod, auch wenn es einem oft suggeriert wird: Wenn du deine Stimme verlierst, denkst du, die Welt geht unter und alle reden darüber, aber in Wahrheit interessiert es keine Sau! Die Einsicht hat mich nur 15 Jahre gekostet. [lacht]

Roberta Valentini (Molly) und Riccardo Greco (Sam) © Stage Entertainment / Manuel Harlan

Was war der Moment, in dem dir diese wichtige Einsicht kam?

Als ich mir bei „Ghost“ in Stuttgart einen Bänderriss zugezogen hatte. Auf Biegen und Brechen wollte ich den Akt fertig spielen, obwohl mir immer wieder die Kniescheibe rausgesprungen ist und mein Knie wie eine Melone angeschwollen war. Die Abendspielleitung wollte sofort den Arzt rufen, aber ich lehnte ab. Ein Kollege hat dann vor mir angefangen zu weinen, was mich total verdutzt hat. Er sagte dann: „Riccardo, du musst niemandem etwas beweisen! Bitte, es ist doch nur ein Musical!“ Man musste mich zwingen, dass ich ins Krankenhaus gehe. Hätte ich früher auf meinen Körper gehört, hätte ich mir wohl Schlimmeres erspart. So ist es auch beim Gesang: Singst du weiter trotz angeschlagener Stimmbänder, kann ein zum Beispiel Ödem entstehen. Also ziehe ich jetzt frühzeitig die Notbremse, wenn mein Körper mir Signale sendet. So ist es am gesündesten!

Du bist ja auch schon in diversen Fernseh-Formaten aufgetreten. Wie war das, und wäre das etwas für dich in der Zukunft?

Hättest du mich vor fünf Jahren gefragt, ob Film und Fernsehen was für mich ist, hätte ich geschrien: „Oh Gott, bloß nicht, nein!“ [lacht] Jetzt muss ich sagen, dass das Spielen mit der Kamera mich reizt und ich es gerne mehr machen würde. Man kann minimalistischer spielen, man kann auch ehrlicher mit seinen Emotionen umgehen. Das ist mir vor allem beim ORF-Auftritt von „Dear Evan Hansen“ aufgefallen. Ich war total nervös, es war die Opening Night der Spielstätte, es war hochkarätiges Live-Publikum da, und zusätzlich wurde es im TV übertragen. Ich habe mir dann gesagt: „Riccardo, bleib bei dir. Nutze deine Emotionen authentisch, konzentriere dich auf den wunderschönen Text, erzähle diese wichtige Geschichte und vertrau darauf…“ – das war glaube ich mein intensivster TV-Moment.

Zu einer Castingshow würde ich auf jeden Fall nicht mehr gehen! „Ich Tarzan, Du Jane“ war aber eine Mords-Gaudi – ich habe so viele tolle Freunde kennen gelernt, die mir ewig geblieben sind. Die vielleicht schönste Zeit meines Lebens! Dahingegen war es bei „X Factor“ echt fies, ich wurde so doof zusammen geschnitten, dass der Eindruck entstand, ich wäre obdachlos – weil ich gesagt habe, dass ich wegen meiner Tour bei „Grease“ gerade keinen festen Wohnsitz habe. Daher habe ich gesagt: „Dem Fernsehen vertraue ich nicht mehr!“ – aber mittlerweile würde ich bei Filmen oder einer coolen Serie nicht nein sagen.

Eine deiner Paraderollen ist sicherlich Sam in „Ghost – Nachricht von Sam“, das du nicht nur in Linz, sondern auch in Hamburg, Stuttgart und Berlin gespielt hast. Was bedeutet dir dieses Stück?

Anaïs Lueken, Riccardo Greco, Kevin Arand © Reinhard Winkler

Ich habe es jedes Mal geliebt; es ist einfach wunderschön – und ich würde es, wenn man mich fragt, auch nochmal machen! Diese Geschichte allein trägt das Stück und berührt. Es wurde mit „Liebe ist stärker als der Tod“ beworben – das kann ich natürlich nicht beurteilen, ich war ja noch nie tot. [lacht] Aber dass Liebe alles überwindet, das sagt das Stück für mich aus und macht es so relevant. Nicht nur die Liebe des Partners, sondern auch der Familie oder Freunde, kann einen tragen. In dieser Überzeugung lebe ich auch.

War Sam deine anspruchsvollste Rolle?

Ja, aber ich würde auch „Hedwig and the Angry Inch“, Rach in „Préludes“ und Christian in „Moulin Rouge!“ nennen – diese Rollen haben mich körperlich, stimmlich und emotional an meine Grenzen gebracht. Bei „Ghost“ habe ich durch das wöchentlich mehrfache Sterben, Weinen und um mein Leben schreien auf der Bühne wirklich eine Depression entwickelt und ich habe einen Psychologen konsultiert, der mir sagte: „Für deinen Körper ist es jedes Mal echt, wenn du weinst und schreist!“

Was das angeht, war „Préludes“ ähnlich: Ein Marathon aus spielen, schreien, weinen – die Bearbeitung einer Depression in zwei Stunden nonstop auf der Bühne. Deep shit! [lacht] Als Künstler kann man in das Stück sein ganzes Herz reinlegen. Wir haben es zwei Wochen Ensuite gespielt, länger hätte ich das psychisch auch nicht ausgehalten.

Als „Hedwig“ erfährst du in der Rolle Abneigung; du polarisierst,. Leute sollen dich nicht leiden können. Als Mensch, der gemocht werden will, so etwas zu spielen, war wahnsinnig schwierig.

Riccardo Greco als Christian in „Moulin Rouge!“ © Johan Persson

Und natürlich Christian: Ich habe mich in die Figur und diese Art Mensch verliebt, aber es war allabendlich ein Ritt. Was da gespielt werden muss an Emotionen und was gesanglich abgedeckt wird, ist einfach krass. Die letzte Szene zu spielen, in der die Liebe deines Lebens stirbt, nachdem du sie gerade erst wieder bekommen hattest, und dich einen Moment vorher noch aus purer Verzweiflung selbst umbringen wolltest… Es war fast schon absurd, das immer wieder hintereinander mitzufühlen. Beim letzten Kostümwechsel habe ich bewusst versucht, mit dem Kostüm die Trauer und den Schmerz mit abzulegen und etwas Neues, Strahlendes für den Schlussapplaus zu tragen, das die Schwere hinter sich lässt… Das hat bei mir ein paar Monate lang funktioniert, aber dann hat es mich aus den Socken gehauen – da brauchte ich dringend einen Reset, denn all das hat einen Burnout ausgelöst. Ich wollte die Person sein, zu der man sagt: „Wow, Ric, dass du das so durchpowerst ist beeindruckend!“ Ich habe mich oft nur knapp über Wasser halten können. Jetzt höre ich besser und schneller auf meinen Körper.

Ich weiß auch nicht, warum ich immer auf diese Rollen besetzt werde! Da ist meine Rolle bei „& Julia“ fast eine Art Balsam für die Seele. Ich hasse Drama in meinem Privatleben, aber auf der Bühne scheine ich es wohl gut produzieren zu können? [lacht]

Wie kamst du denn schließlich zu „& Julia“?

Als ich den Anruf bekam, war ich gerade mit „Elisabeth“ auf Tournee in China. Dass ich – statt wie geplant die Tour in Deutschland fortzusetzen – bald für Shakespeare in Hamburg proben darf, habe ich erstmal meinem Partner am Telefon unter Tränen mitgeteilt: „Ich komme nach Hause! Nicht nur nach Deutschland, nein, RICHTIG nach Hause, für ein ganzes Jahr!“ Das war so schön! Zuhause, im eigenen Bett schlafen zu können, Zeit mit Partner und FreundInnen zu verbringen, das ist für mich ein Geschenk!

Das Stück selbst habe ich tatsächlich erst vor Ort kennengelernt. In den zwei Wochen Proben – mehr hatte ich nicht – war ich noch total gejetlagged und die Premiere kam rasend schnell! Im Verlaufe der Arbeit habe ich mich total in meine KollegInnen und das Stück verliebt. Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich als Neuer in einem bestehenden Ensemble nachgerückt bin, was mir Angst gemacht hat: „Was ist, wenn sie mich und meinen Shakespeare nicht mögen?“ Aber ich wurde liebevoll aufgenommen. Mittlerweile sind wir eine richtige Familie, und der Abschied wird weh tun. Die Zeit mit diesem wundervollen Ensemble möchte ich noch genießen, jede Show, die mir noch bleibt. Wir werden ‚Secret Santa‘, also Weihnachtswichteln machen. Wir backen zusammen Plätzchen und singen Christmas Carols. Ich freue mich auf jeden Augenblick!

Riccardo Greco als William Shakespeare in „& Julia“ © Morris Mac Matzen

Wie unterscheiden sich denn Willemijns und Sabrinas Anne Hathaway für dich als Bühnen-Ehemann, und wie ist „dein“ Shakespeare?

Mit Willemijn die Rolle zu erarbeiten, war super lustig. Und endlich konnte ich mal RICHTIG mit ihr zusammen arbeiten. Bei Ghost war ich als Einspringer mit ihr zusammen auf der Bühne, habe gefühlt nur kurz „Hallo!“ gesagt und schon mussten wir auf der Bühne rumknutschen. Damals waren wir uns einig, dass wir in der Zukunft einmal länger und intensiver zusammenarbeiten wollten, was durch „& Julia“ jetzt geklappt hat! Und jetzt noch mit Sabrina, ein Traum! Willemijn Verkaik und Sabrina Weckerlin sind in meinen Augen absolute Musical-Ikonen für den deutschsprachigen Raum. Ihre Annes sind unterschiedlich wie Ebbe und Flut, bringen mich aber beide unfassbar oft zum Lachen. Beide überraschen mich, und wenn es mir nicht gut geht, tragen sie mich. Mit vollem Recht sind sie da, wo sie sind – beide sind meine kleinen Göttinnen!

Mit Willemijn war unser Ehepaar ‚goofy‘ und ‚laid back‘, eine sehr ruhige Energie. Mit Sabrina ist mein Shakespeare wilder, lauter, quirliger und 10 Jahre jünger geworden. Und beide Dynamiken sind auf ihre Art super sympathisch und lustig! Shakespeare gibt mir an Tagen, an denen ich mich ‚low‘ fühle, Kraft und Selbstbewusstsein und wirkt heilend auf den manchmal kaputten, gebrochenen Riccardo. Er ist bei mir ein kleiner, trotziger Junge. Wahnsinnig verspielt. Aber auch ‚too cool for school‘. Eigentlich ist er auch ein Nerd, der Schabernack mag. Natürlich auch wahnsinnig überdramatisch. Er stellt den Beruf an erste Stelle und bereut das erst ganz zum Schluss – für mich der stärkste Moment meiner Figur mit seiner Frau Anne zusammen.

Was sagt „& Julia“ als Stück für dich aus?

Ich werde sehr emotional, wenn ich daran denke: Für mich ist es so wertvoll, dass es ein Stück für Frauen und Female Empowerment ist. Auch in unserem Business ist es noch immer so, dass Kolleginnen oftmals weniger verdienen als wir Männer. So oft habe ich schon Angebote bekommen für Shows und Konzerte, bei denen Freundinnen von mir für die gleiche Produktion weniger Honorar bekommen haben. Das macht mich sauer, es bringt mich zum Weinen. Das darf nicht sein! Und bei „& Julia“ geht es genau darum: Gleichberechtigung, Eigenständigkeit, Emanzipation. Aber auch die Geschichte um May berührt mich wahnsinnig. Genau diese Geschichte zu erzählen, auch in dieser unmittelbaren und selbstverständlichen Art, ist unfassbar wichtig! Diese Familien, die ihre Kinder von Zuhause weg schicken und verstoßen, weil sie queer sind – genau diese Leute sollten dieses Stück sehen, und daraus lernen. Die Eltern dieser Generation sind dafür verantwortlich, dass ihre Kinder Suizid begehen, weil sie mit ihrer Sexualität nicht klarkommen. Bei uns in „& Julia“ wird Sexualität beflügelnd leicht, ohne Stempel dargestellt. Wunderschön.

Bei „& Julia“ – und einigen deiner anderen Stücke – ist ja auch zum Publikum eine große Nähe da. Wie gefällt dir das?

Riccardo Greco als „Hedwig“ am Landestheater Linz © Patrick Pfeiffer

Ich bin da wie ein Trüffelschwein: Ich suche die Interaktion, wenn es mir möglich und es gewollt ist. „Hedwig“ hat mich dazu gedrillt, auf Konfrontation zu gehen – als Riccardo liebe ich das mittlerweile! Ich liebe es zu improvisieren und auf Dinge zu reagieren, die Leute reinrufen – nur darf ich das in kommerziell produzierten Shows natürlich nicht. Oft würde ich auch gerne Sachen sagen wie: „Hör auf, in der ersten Reihe Fußball auf deinem Handy zu schauen, während Satine stirbt!“ oder: „Jetzt mach doch mal dein blödes Bonbon auf, damit das stundenlange Knistern mal aufhört!“ [lacht] Aber wenn Leute denken, sie haben mit ihrem Ticket ein Recht auf laut kommunizierte Meinungen gekauft, sind die bei mir an der richtigen Adresse! [kichert] Bei Konzerten bin ich schon fast froh, wenn diese Interaktion stattfinden darf.

Also erschüttert dich nichts mehr dahingehend?

Seit „Hedwig“ nicht mehr. Da gab es einen Moment, wo ich mich in der Rolle auf den Schoß eines Mannes im Publikum gesetzt habe – spielerisch-provokativ, wie die Figur eben ist. Der Kerl hat mich auf den Boden geschleudert und ich lag da wie ein Käfer auf dem Rücken, total gedemütigt. Als Riccardo wäre ich am liebsten heulend rausgerannt, aber nach einem Moment des In-Mich-Gehens habe ich Hedwig gechannelt. Was würde sie tun? Sie wäre auf Angriff! Der Mann ist erbost mit seiner Frau aus dem Saal gestürmt, und ich habe mich aufgerichtet und ihn, in-character, mit einer Salve von Sprüchen und Witzen verabschiedet. So wurde er ausgelacht und nicht ich. Das war sehr schwierig für mich, aber seitdem bin ich gut gedrillt. Viele meiner KollegInnen lieben den Schutz der vierten Wand, ich liebe es mittlerweile, sie einzubrechen!

Und wie gehst du mit dem direkten Kontakt zu Musicalfans etwa an der Stage Door um?

Ich liebe meine Fans und bin dankbar, aber ich muss sagen: Ich verstehe den Stage Door Ritus nicht. Es gibt Kollegen, die sich in die Mitte stellen, alle anlächeln und so auf die Leute zugehen. Das kann ich nicht. Ich habe dann das Gefühl, ich binde mir die Leute auf und zwinge ihnen ein Autogramm an die Backe, obwohl sie vielleicht auf jemand anderen warten. Ich gehe raus, mit einem offenen Blick, laufe extra langsam zu meinem Auto, bleibe aber nicht stehen, wenn mich keiner anspricht. Und wenn ich daheim bin, bekomme ich dann plötzlich eine Instagram-Nachrichtenflut mit „Ich wollte eigentlich ein Foto, aber du bist einfach weg gegangen!“ Sowas verstehe ich dann nicht. Das war in China bei „Elisabeth“ einfacher, wo die Fans deinen Namen rufen und man weiß, was Sache ist. In China war man an der Stage Door schon fast eine Art Superstar. Das fand ich drei Tage lang sau cool, danach habe ich dann aber lieber einen anderen Ausgang genommen! [lacht]

Wenn es einen Moment gäbe, an den du als jetziger Riccardo zurück gehen könntest, um deinem früheren Ich etwas mit auf den Weg zu geben, wann wäre das? Und was würdest du ihm sagen?

Riccardo Greco © privat

Das ist eine schöne Frage. Ich würde mir sagen: „Du bist genug.“ und „Du musst keinem Schönheitsideal entsprechen.“ Und: „Auch als Mensch reichst du genauso, wie du bist.“ Das würde ich gerne meinem 15-jährigen Ich sagen, das kurz vor dem Coming-Out steht. Ich würde ihm auch sagen: „Alles wird gut. Du wirst zwar ein paar Frösche küssen müssen, aber am Ende wartet dein Prinz auf dich… und er macht alles wieder gut.“

Apropos Beziehung: Wie gehst du mit den Episoden der Fernbeziehung um?

Nicht gut. Es ist scheiße, war scheiße und wird es immer bleiben. Das ist für mich die größte Schattenseite des Berufs. Ein Abstand von ein paar Wochen kann zwar mal erfrischend sein, aber längere Trennungen haben mir immer wieder das Herz gebrochen. Ich habe schon Angst vor dem nächsten Jahr – das ist schon mit Jobs durchgeplant und nichts davon ist bei mir zuhause in Hamburg. Aber das wird auch irgendwie klappen – müssen! Vielleicht können mein Freund und Gizmo, mein Hund, mich aber teilweise begleiten. Daher muss ich für das Geschenk, was mir „& Julia“ gegeben hat, dankbar sein und das im Herzen tragen.

In einem Radio-Podcast, den du mit Katharine Mehrling zusammen gemacht hast, hat sie deinen Namen richtig rassig ausgesprochen und damit auf deine Wurzeln angespielt. Was steckt denn an ‚Sizilianer‘ in dir, und wie äußert sich das im Alltag?

Viel zu viel! [lacht] Und vor allem das Unbequemere! Ich bin sehr leidenschaftlich und super emotional, wie man vielleicht auch hier im Interview gemerkt hat. Mein Herz sitzt auf meiner Zungenspitze. Dass ich das nie verlernt habe, da bin ich stolz drauf. Das ist meiner Meinung nach meine beste Eigenschaft – jeder weiß bei mir, woran er ist. Und es macht mich, als Mensch und auch auf der Bühne, durchlässiger. Außerdem war ich lange Zeit wahnsinnig eifersüchtig, aber das habe ich mir abtrainiert. Eifersucht sollte keinen Platz in einer Beziehung haben.

Was machst du denn in deiner Freizeit?

Ich gehe eigentlich nie aus! Gemütlich zuhause sein; ich habe es nicht gern laut. Ich spiele „Sims 4“ und Nintendo Switch, und ich liiiebe Trash-TV. [lacht] Ich bin ein Nerd. Für „Hogwarts Legacy“ habe ich mir eine PlayStation gekauft, das Spiel durchgezockt und dann die Konsole wieder verkauft – so verrückt bin ich. Ansonsten lese ich auch gerne Bücher, aber ZOCKEN ist auf Platz eins. Aktuell spiele ich viel „Pokémon“ und, ganz passend zu mir, ist mein Lieblings-Pokémon natürlich Relaxo!

Wenn du kein Musicaldarsteller wärst, was wärst du geworden?

Riccardo Grecos „Top 3“ © musicalzentrale

Ich glaube, ich würde Jura studieren und Anwalt werden. Kriminalrecht wäre spannend! Ich kann halt gut reden und Leuten die Sätze im Mund rumdrehen. Das passt in den Job, denke ich!

Welche Rollen würdest du, wenn du dein Geschlecht ändern könntest, gerne einmal spielen?

Sally Bowles, Mrs. Danvers und … Glinda! [lacht]

Und als Riccardo? Welche Rollen würden dich in der Zukunft besonders reizen?

Nächstes Jahr spiele ich zwei Sachen, auf die ich mich sehr freue: Zum einen werde ich bei „Die Päpstin“ und „Zauberflöte“ mitspielen, zum anderen darf ich meinen Disney-Kindheitstraum erfüllen und die Jubiläumstour von „Disney in Concert“ als Solist begleiten. Neben Ute Lemper auf der Bühne zu stehen, macht mich jetzt schon ein bisschen nervös!

Das sind tolle Neuigkeiten! Lieber Riccardo, ich danke dir für das offene, berührende und gleichsam lustige, aber auch sehr tiefgründige und facettenreiche Interview und wünsche dir für dein nächstes Jahr privat und beruflich nur das Beste!

 
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