Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
In diesem trüben Monat habe ich mich für bunte Unterhaltung entschieden. „Bells Are Ringing“ ist eins dieser „Hab nur den Namen mal gehört“- Musicals, die heute kaum noch zu sehen sind. In einigen deutschen Theatern lief es unter dem Titel „Ein Engel in der Leitung“. Die Hauptrolle in der Verfilmung von 1960 übernahm die Schauspielerin, für die es kreiert wurde und die es am Broadway zum Hit machte. Die Filmversion ist ein Denkmal für die vielen Talente der Judy Holliday.
Ich beginne mit einer mich selbst überraschenden Information: Es gibt immer noch Telefonauftragsdienste. Eigentlich wollte ich nur wissen, wann die ersten entstanden und wann die letzten vom Markt verschwunden sind, aber in meiner Trefferliste erscheinen mehrere Unternehmen, die mir ihre Dienste anbieten. Sachen gibt’s …
So ein Telefonservice ist quasi ein menschlicher Anrufbeantworter. Die in der Regel weiblichen Mitarbeiterinnen nehmen Anrufe entgegen, wenn man nicht erreichbar ist, und übermitteln Nachrichten, erinnern an Termine und übernehmen auch eine Weckfunktion.
„Susanswerphone“ ist so ein Unternehmen. Dort arbeitet Ella (Judy Holliday). Sie geht ganz in ihrer Arbeit auf, fühlt sich ihren Kunden verbunden und mischt sich auch in ihr Leben ein. Für jeden hat sie eine eigene Persönlichkeit entwickelt und nimmt verschiedene Rollen an. Für den Dramatiker Jeff Moss (Dean Martin) mimt sie etwa eine ältere Dame, eine Art Mutterfigur – und wie das nun mal so ist, hat sie sich in seine Stimme verliebt. Jeff arbeitete bislang mit einem anderen Autor zusammen, ist jedoch bei seinem aktuellen Projekt auf sich allein gestellt und leidet an einer Schreibblockade. Er bittet um einen Weckanruf, weil er einen wichtigen Termin mit einem Theaterproduzenten habe. Doch als er auf die Anrufe nicht antwortet, bricht Ella in seine Wohnung ein. In einer Logik, die nur Komödien eigen ist, nennt sie sich nun „Melisande Scott“ und hilft ihm bei der Arbeit an seinem Stück. Dabei benutzt sie ihre Klienten Dr. Kitchell (Bernie West), einen Zahnarzt, der lieber Songs schreibt, und den erfolglosen Schauspieler Blake Barton (Frank Gorshin), als Inspiration. Zwei Nebenhandlungen sollen die Geschichte turbulenter machen: Ellas Chefin Sue (Jean Stapleton) lässt ihren Freund Otto (Eddie Foyle jr.), der vorgibt, Chef eines Plattenlabels zu sein, ohne ihr Wissen zwielichtige Geschäfte in ihrem Büro abwickeln und zwei schusselige Polizisten (Dort Clark und Arthur Roberts) beschatten Ella rund um die Uhr, weil sie glauben, sie betreibe einen Escort Service.
Das Autorenpaar Betty Comden und Arthur Green („Singin‘ in the Rain“, „The Band Wagon“) hatte das Stück völlig auf Judy Holliday zugeschnitten. Holliday wurde durch die Broadway-Komödie „Born Yesterday“ („Die ist nicht von gestern“) zum Star. Deren Verfilmung war ein großer Erfolg und Holliday trug im legendären Oscar-Rennen 1951 den Sieg davon – obwohl die megastarke Konkurrenz u.a. aus Bette Davis für „All About Eve“ („Alles über Eva“) und Gloria Swanson für „Sunset Boulevard“ bestand. Comden und Green nutzten die leichte Melancholie und vielseitige Komik ihrer Hauptdarstellerin für dieses Starvehikel, in dem Holliday auch als tadellose Sängerin und Tänzerin glänzen konnte. Die Geschichte selbst ist aufs Unglaubwürdigste zusammengebastelt, auch wenn manche Dialoge und Songtexte wirklich witzig sind. Jule Styne („Gypsy“, „Funny Girl“) schrieb die Songs. Ich halte ihn für einen routinierten Handwerker, der bühnentauglich-eingängige Songs schrieb, aber das Genre Musical nicht sehr geprägt hat. Mir gefällt aber der leichte Jazz-Touch, den er hier verwendet.
Nach einer erfolgreichen Broadway-Laufzeit von knapp drei Jahren – und Tony-Ehrungen für Holliday und den dortigen Hauptdarsteller Sydney Chaplin – war eine Filmversion nur logisch. Die Produktion übernahm Arthur Freed, der mit seiner „Freed Unit“ für MGM Klassiker wie „Easter Parade“ („Osterspaziergang“, 1948) und „Singin‘ in the Rain“ (1952) geschaffen hatte. Regie führte der ebenfalls auf dem Gebiet erfahrene Vincente Minnelli („Gigi“, 1958).
Doch das Ergebnis war enttäuschend. Der Film floppte – trotz hymnischer Kritiken für Holliday.
Ich kann es mir auch in gewisser Weise erklären. „Bells Are Ringing“ hat eine glänzende, vor Spielfreude sprühende Hauptdarstellerin, allerdings wirkt der Film in seinen aufwändigen, aber sterilen und leblosen Studiokulissen wie abgefilmtes Theater. Minnelli und sein Kameramann Milton Krasner beschränken sich auf bunte Ausstattung; ihre Bilder sind träge und unkreativ. Viele Lieder der Vorlage wurden weggelassen, ein extra für Dean Martin geschriebener neuer Song rausgeschnitten. Die große Ensemble-Nummer „Hello“ wandelte sich zu einer reinen Dialogszene, bei der die Darsteller zusammengedrängt stehen (sie warten an einer Fußgängerampel), als hätte der Dreh auf 2 qm stattfinden müssen. Dabei ist immerhin auffällig, dass die Passantenschar aus verschiedenen Ethnien besteht; kein Regelfall in Filmen dieser Zeit.
Auch die Tänze wurden auf das Nötigste zusammengestrichen. Ich kann jetzt nur orakeln, dass Sydney Chaplin auf der Bühne ein besserer Tänzer als Dean Martin im Film war und sie deshalb gekappt wurden. Martin macht dabei keine komplett schlechte Figur. Er tänzelt graziös und mit Leichtigkeit, aber wenn er mal ein Bein heben muss, wird es ungelenk. Dass der auch im Film charmante „Mu-Cha-Cha“, den Ella mit dem Freund ihrer Kollegin tanzt, mittendrin aufhört, ist bedauerlich.
Es scheint so, als ob die Macher nicht wussten, wohin die Reise gehen soll. Einerseits hat „Bells Are Ringing“ den farbenprächtigen Studio-Look der MGM-Musicals, der Vorspann und einige Trennbilder sind hingegen dokumentarische Stadtaufnahmen. Man sieht ein urbanes New York im Umbruch; alte Gebäude werden abgerissen, neue gebaut. Diese Ankündigung einer zumindest in einem realistischen Umfeld angesiedelte Großstadt-Geschichte erweist sich als Trugbild. Für die erwartbare Handlung muss mal wieder ein erfolgloser Theaterautor herhalten und um die unglaubwürdig entwickelte Liebesgeschichte ranken sich die wirren und unmotivierten Nebenhandlungen mit knurrigen Gangstern und trotteligen Polizisten.
Dieser Film bedeutete das Ende der „Freed Unit“. Am Broadway mit seinem älteren Publikum funktionierte das Musical gut, für die jüngeren Kinozuschauer war es zu altmodisch und behäbig, zu sehr ein Film, der sich dem Geschmack der Vergangenheit anpasste. Dass das in den 1950ern durch Marlon Brando, James Dean und Montgomery Clift auch in Hollywood populär gewordene Method Acting mit einem leicht verächtlichen Blick in der Figur des Blake Barton veralbert wird, passt zu dem konservativen Entertainment-Geschmack von Broadway und Hollywood dieser Zeit.
Aber zumindest sind viele Dialoge spritzig und die Besetzung hat mich gut unterhalten, auch wenn die nach Herzenslust chargierenden Nebendarsteller nicht alle mein Humorzentrum getroffen haben – die Frauen fand ich recht lustig, die Männer eher nervig. Dean Martin habe ich nicht eine Minute den Theaterautor abgenommen, den Partylöwen schon. Er gibt hier, wie diverse Male davor und danach, den charmanten Sonnyboy mit Hang zu Alkohol und Frauen. Aber Martin hat komisches Talent und bildet mit Holliday ein harmonisches Paar. Die beiden haben einige schön alberne Momente, die mir viel Spaß gemacht haben.
Wie schon die Bühnenvorlage gehört dieser Film Judy Holliday. Sie zieht alle Register. Schon in ihrer ersten Szene, wenn sie mit diversen Kunden telefoniert und immer eine andere Ansprechpartnerin spielt, zeigt sie ihre Wandelbarkeit. Wenn ihre Chefin Sue sie ließe, würde Ella rund um die Uhr arbeiten und von Sue arrangierte Blind Dates torpediert sie. Sie kümmert sich lieber um das Privatleben ihrer Klienten – was in einer Romcom vielleicht putzig, im echten Leben eher besorgniserregend ist. Holliday gibt ihrer Figur dadurch auch ein bisschen Traurigkeit mit und läuft so nicht Gefahr, eine rein realitätsferne, übergriffige Frau darzustellen. Ihre Singstimme ist beachtlich und sie tanzt fröhlich und federleicht. Leider war dies ihr letzter Film. Sie erkrankte an Krebs und starb 1965 im Alter von 43 Jahren.
„Bells Are Ringing“ konnte sich nach der Uraufführungs-Produktion mit Holliday trotz einiger Revivals nicht dauerhaft auf der Bühne durchsetzen. Auch wenn die Verfilmung in vielen Bereichen nicht überzeugt, gibt es doch einen Grund, sie sich anzusehen: die fantastische Judy Holliday.
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