Ensemble © Tristram Kenton
Ensemble © Tristram Kenton

The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry (2026)
Theatre Royal Haymarket, London

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Buch, Film, Musical: So sieht die Verwertungskette beliebter Titel heute oft aus und die neue Produktion des Chichester Festival Theatre, die nun für kurze Zeit auch am Londoner West End zu sehen ist, bildet da keine Ausnahme. Erfreulicherweise ist „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ jedoch endlich einmal wieder ein Stück, das mit seiner zutiefst menschlichen Geschichte um ein älteres Ehepaar auch ein reiferes Publikum anspricht.

2012 gelang der britischen Autorin Rachel Joyce mit ihren ersten Roman „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ auf Anhieb ein Bestseller in Großbritannien, der 2023 mit Jim Broadbent und Penelope Wilton in den Hauptrollen verfilmt wurde. Zwei Jahre später wurde die Musicalfassung im Minerva Theatre in Chichester uraufgeführt, die nun auch für kurze Zeit in London zu sehen ist. 

Joyces Antiheld ist der pensionierte Harold Fry, dessen Leben und Ehe in Kingsbridge an der englischen Südküste schon lange in Routine erstarrt ist – bis ihm eines Tages der Brief seiner ehemaligen Kollegin Queenie ins Haus flattert: Sie liegt in einem Hospiz in Berwick-upon-Tweed in der schottischen Grenze im Sterben. Harold verlässt das Haus, um einen Antwortbrief zu schicken, doch statt diesen in den nächsten Briefkasten zu werfen, geht er einfach weiter – und immer weiter. Die Begegnung mit einer jungen Frau im Tankstellenshop besiegelt seinen Entschluss: Er will der Länge nach durch England wandern, um Queenie den Brief selbst zu übergeben. Unterwegs schickt er Postkarten an sie, um ihr Mut zum Durchhalten zu geben und an seine daheimgebliebene verständnislose Frau Maureen, die ihn am liebsten wegen plötzlich einsetzender Demenz festsetzen lassen will. 

Wie beim klassischen Road Movie ist der Weg vorwärts mit Rückblenden gespickt: Das Publikum erfährt, warum Harold Queenie unbedingt noch einmal aufsuchen will – und welche Schatten über seiner Ehe mit Maureen liegen. Dazu begegnet er unterwegs einer Sammlung typisch englischer exzentrisch-charmanter Charaktere, die jedoch leider größtenteils einen tiefen Griff in die Klischeekiste darstellen. Überzeichnet-tuntige Schwule braucht es heute wirklich nicht mehr auf der Bühne und während die osteuropäische Ärztin (Madeleine Worrall), die Harolds schmerzende Füße verarztet, mit „You’re Fucked“ einen ausgesprochen amüsanten Song bekommen hat, ist ihr bunt zusammengewürfeltes Outfit samt Kopftuch unangenehm klischeehaft. Zum absoluten Publikumsliebling avanciert der von Timo Tatzber gelenkte, ausgesprochen lebensecht wirkende Hund, der sich an Harolds Fersen heftet und mit Vorliebe Schuhe anknabbert.

Die Musik und Texte für das Musical schrieb der beliebte englische Folk-Rock-Sänger Passenger (Mike Rosenberg), während Rachel Joyce ihr eigenes Buch gemeinsam mit Regisseurin Katy Rudd und Peter Darling für die Bühne adaptierte. Gerade Passenger gelingt dabei das heute rar gewordene Meisterstück, eingängige Songs mit wirklich berührenden Texten zu schreiben, die jedem Charakter individuell gerecht werden. 

Das Bühnenbild von Samuel Wyer mit seinen impressionistisch gemalten Hintergrundbildern ist eine Liebeserklärung an das ländliche England, das auch in „Song for the Countryside“ ausgiebig gefeiert wird und klammheimlich Lust darauf macht, die Wanderschuhe zu schnüren. Das Buch zeichnet sich durch die ebenfalls typisch englischen Mischung aus knochentrockenem Humor, bewegenden Momenten und einen guten Schuss Sentimentalität aus. Das namenlose Mädchen an der Tankstelle (Nicole Nyarambi) macht Harold mit der grandiosen Gospelnummer „Walk on water“ zu Beginn Beine, während Sister Philomena (Jenna Boyd) ihn mit der temporeichen Nummer „Keep on Walking, Mr Fry“ am Ende des ersten Aktes zum Durchhalten animiert. 

In der Hauptrolle des Harold glänzt der beliebte Filmstar Mark Addy, der einst zur Besetzung des Kultfilms „The Full Monty“ gehörte und Serienjunkies als versoffener König Robert Baratheon in „Game of Thrones“ ein Begriff ist. Seine größte Leistung ist dabei den eigentlich nicht sonderlich liebenswerten, verschlossenen Harold zu einem Sympathieträger zu machen, dem man nichts mehr wünscht als einen Neuanfang. Zu singen hat er dagegen eher wenig, abgesehen von dem berührenden „The Letter“, einen Brief, den er am Ende seiner Reise an das Mädchen im Tankstellenshop schreibt und darin seine Seele bloßlegt. Ihm zur Seite steht die versierte Musicaldarstellerin Jenna Russell als Maureen, deren frühes Solo „Tin of Soup for One“ auf simple und umso bewegendere Weise die Sprachlosigkeit einer zerrütteten Ehe beschreibt. 

Der junge Australier Noah Mullins, der zuletzt Down Under als Orpheus in „Hadestown“ glänzte, spielt mit Blumenkranz im Haar einen feenhaften Balladeer, der mal als Erzähler fungiert und mal Harolds Gedankenwelt in gesungene Worte fasst. Dazu verkörpert er David, den Sohn von Harold und Maureen, dessen Schicksal die Eltern bis heute belastet – bis es schließlich im fernen Berwick-upon-Tweed zur Aussprache kommt. Der zweite Akt, in dem sich die Vorgeschichte komplett entfaltet, ist wesentlich ergreifender und wirkt ehrlicher als die Ansammlung schräger Figuren des ersten Aktes.

Dass sich „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ am West End nicht zum Kassenschlager entwickelt hat, sollte der Show nicht angelastet werden – das eher kleine, intime Musical eignet sich viel besser für eine lange Tour und wird mit Sicherheit von zahlreichen Amateurgruppen aufgenommen, da es endlich einmal wirklich gute Rollen für gereifte Darstellerinnen und Darsteller bietet, und Themen von Verlust, Trauer, Reue und auch Hoffnung und Liebe aufgreift, die jeden Menschen ansprechen. 

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
KREATIVTEAM
BuchRachel Joyce
Musik / TextPassenger
InszenierungKaty Rudd
DesignSamuel Wyer
ChoreographieTom Jackson Greaves
Arrangements / zusätzliche MusikJeremy Holland-Smith
Musical Supervision / zusätzliche MusikPhil Bateman
LichtPaule Constable
Sound DesignIan Dickinson
Gareth Tucker
Video DesignAsh J Woodward
Musikal. LeitungChris Poon
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
CAST (AKTUELL)
Harold FryMark Addy
Maureen FryJenna Russell
The BalladeerNoah Mullins
Rich / EnsembleCraig Armstrong
Sister Philomena / Farmers Wife / Rita / EnsembleJenna Boyd
Silverhaired Gentleman / Napier / EnsembleDaniel Crossley
Young Maureen / Deliveroo / Kind Customer / EnsembleNell Martin
Garage Girls / EnsembleNicole Nyarambi
Rex / EnsemblePeter Polycarpou
Kate / Betsy / EnsembleGleanne Purcell-Brown
Wilf / Jim / EnsembleAshley Samuels
Queenie Hennessey / Fairy Assistant / Gorilla / EnsembleMaggie Service
Dog / Young Harold / EnsembleTimo Tatzber
Martina / Locum / EnsembleMadeleine Worrall
On Stage SwingGemma Atkins
Olivia Foster-Browne
Ediz Mahmut
Edwin Ray
  
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE
keine aktuellen Termine
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
TERMINE (HISTORY)
Do, 29.01.2026 19:30Theatre Royal Haymarket, LondonPreview
Fr, 30.01.2026 19:30Theatre Royal Haymarket, LondonPreview
Sa, 31.01.2026 19:30Theatre Royal Haymarket, LondonPreview
▼ 88 weitere Termine einblenden (bis 18.04.2026) ▼
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion?
Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Overlay