Quellen: ITV / Shutterstock, Deutsche Kinemathek, MGM / UA / Kobal / Shutterstock, DFF
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Ingos Fernsehsessel "Viktor und Viktoria" (1933, 1935, 1957, 1982)

Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.

Julie Andrews feierte gerade ihren 90. Geburtstag. Das nehme ich zum Anlass, mich näher mit ihrem Comeback-Film „Victor / Victoria“ zu beschäftigen. Genauer gesagt: auch mit dessen Wurzeln. Ich befasse mich in dieser ‚Fernsehsessel‘-Ausgabe gleich mit vier Filmen, denn Blake Edwards‘ Meisterwerk ist das dritte Remake eines deutschen Films von 1933. Mich interessiert, ob – und wenn ja, wie sehr – sich die verschiedenen Verfilmungen von „Viktor und Viktoria“ von der ersten UFA-Fassung bis zur Hochglanz-Hollywood-Version beeinflusst haben. Ich kann schon mal verraten: Spuren des deutschen Originals finden sich selbst in der knapp 50 Jahre später gedrehten US-Version wider.

„Viktor und Viktoria“ (1933)

Hier heißt die arbeitslose Künstlerin Susanne Lohr (Renate Müller). Sie lernt beim Vorsprechen in einer Künstleragentur den Schauspieler Viktor Hempel (Hermann Thimig) kennen, der sich durch gelegentliche Auftritte als Damenimitator ‚Monsieur Viktoria‘ über Wasser hält. Als ihm die Stimme wegbleibt, springt sie für ihn ein. Zufällig ist ein Agent im Publikum und nimmt sie unter Vertrag. Ein Erfolg jagt den nächsten und schließlich wird sie für Auftritte in London engagiert. Dort trifft sie auf ‚Londons berühmtesten Frauenkenner‘ Robert (Adolf Wohlbrück). Der kommt zufällig hinter ‚Monsieur Viktorias‘ Geheimnis und macht sich nun einen Spaß daraus, ‚ihn‘ in besonders männlichen Situationen, wie dem Besuch einer Spelunke, inklusive Schlägerei, oder der Rasur bei einem Barbier auf die Probe zu stellen. Susanne verliebt sich in Robert und es wird für sie immer schwerer, in ihrer Männerrolle zu bleiben.

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Die Urversion ist ein schmerzhaftes Beispiel, wie gut der deutsche Unterhaltungsfilm zu Beginn der Tonfilmzeit war und welches Talent vor den Nazis floh oder von ihnen vernichtet wurde. Ebenso schmerzhaft ist, dass diese Filme in Vergessenheit zu geraten drohen. Das ist nicht nur in Deutschland so. Große Hollywood-Studios etwa scheren sich wenig um den – in der Regel teuren – Erhalt ihrer Vergangenheit. Bei uns kümmert sich zwar die Murnau-Stiftung um dieses kulturelle Erbe, zu sehen sind diese Filme aber dennoch selten. Dabei gibt es darunter einige wirkliche Perlen. „Viktor und Viktoria“ ist so eine.

Reinhold Schünzel schrieb ein Drehbuch voller Wortwitz, inszenierte elegant und pointiert mit einer Fülle optischer Gags. Bewegungen und Schwenks taktet er gern auf Franz Doelles Musik. In Hollywood-Musicals dieser Zeit sind die Songs von der Handlung abgesetzt. Hier sind sie in die Dialoge eingebettet. Vieles ist dabei rezitativer Sprechgesang, der in der Regel von Renate Müller melodiös aufgebrochen wird. Ein Grund dafür wird sicher gewesen sein, dass sie stimmlich ihren Kollegen weit überlegen war. Auch die Lieder, die sie als ‚Monsieur Viktoria‘ bei ihren Bühnenauftritten singt, spielen mit dem angeblichen Geschlechtertausch und springen zwischen hohen und tiefen Passagen hin und her.

Optisch ist der Film hervorragend. Konstantin Tschet und Werner Bohne lassen die Kamera nahezu schweben und Szenen werden geschmeidig verbunden. Bei ‚Monsieur Viktorias‘ erstem Auftritt in London zitiert man dann auch fröhlich die seinerzeit beliebten Busby-Berkeley-Choreographien aus Hollywood mit der von oben gefilmten langen Chorus Line.

Schünzel inszeniert lange Passagen ohne Dialog. Das funktioniert direkt zu Beginn ganz wunderbar mit den vielen Wartenden in der Agentur, deren gut gecastete Darstellerriege – vom durchgeknallten Künstler bis zur verzweifelten Person, die unbedingt ein Engagement braucht – eine Reihe kleiner Kabinettstückchen bietet. Die Szene in der Herren-Künstlergarderobe des Theaters, in der sich Susanne zum ersten Mal als Mann ausgibt, zieht sich dagegen.

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Der homoerotische Unterton, den die Geschichte bietet, wird hier nur dezent angerissen. Als Robert ‚Monsieur Viktoria‘ zum ersten Mal in Männerkleidung sieht, reagiert sein Darsteller Adolf Wohlbrück mit subtiler Mimik. Etwas deutlicher ist dann, dass ihr Kennenlernen von Robert in die Wege geleitet wird. Um die Figur des echten Viktor vom Verdacht zu befreien, ein schwuler Travestiekünstler zu sein, bekommt er in einem Nebenhandlungsstrang eine Liebesgeschichte mit dem Nummerngirl Lilian (Friedel Pisetta). Ihre Figur und die der Ellinor (Hilde Hildebrand), einer Freundin Roberts, die ein Auge auf ‚Monsieur Viktoria‘ geworfen hat, wurden dann in der 1982er Version zur Rolle der Norma Cassady vereint.

Ein deutlicherer Queer-Bezug wäre 1933, dem Jahr, in dem die Nazis an die Macht kamen, unmöglich gewesen. Schünzel konnte sich kleine ironische Seitenhiebe nicht verkneifen. Ein Wartender in der Agentur fordert barsch ein Gesetz, um die Zahl der Bewerber einzudämmen, und auch die beiden Herren im Trenchcoat, die ins Theater kommen und sich durch Vorzeigen von Anstecknadeln unterm Revers als Polizisten in Zivil zu erkennen geben, um das Geschlecht von ‚Viktoria‘ zu überprüfen, haben – auch wenn die Szene in London spielt – einen Bezug zu den deutschen Befindlichkeiten der Zeit.

Schünzel war Halbjude und konnte nur mit Sondergenehmigung arbeiten, weil seine Filme finanziell und künstlerisch erfolgreich waren. Selbst das NSDAP-Organ „Der Völkische Beobachter“ bejubelte sie. 1937 emigrierte er in die USA, wo er erfolglos einige Male Regie führte und schließlich wieder zu seinem eigentlichen Beruf, der Schauspielerei, wechselte, wo er in Nebenrollen in der Regel als Nazi besetzt wurde.

Auch Adolf Wohlbrück, Halbjude und Homosexueller, verließ Deutschland und konnte wegen seiner Sprachkenntnisse erfolgreich in Frankreich und England weiterarbeiten.

Renate Müllers Leben endete dagegen tragisch: Sie hatte komisches Talent (auch wenn sie mehr der Typ ‚braves Mädchen‘ war) und konnte singen, was sie in romantischen Komödien zum Star machte. Auch in „Viktor und Viktoria“ liefert sie eine tadellose Leistung ab. Sie starb 1937 nach einem Sturz aus dem oberen Stock ihrer Villa. Joseph Goebbels soll versucht haben, sie mit Hitler zu verkuppeln, was Müller ablehnte. Außerdem hatte sie eine Beziehung mit einem emigrierten Juden. Daraufhin sollen ihr beruflich Steine in den Weg gelegt worden sein; Müller begann zu trinken und nahm Tabletten. Ob ihr Sturz ein Unfall, Selbstmord oder Mord war, wurde nie geklärt. Ihre Villa wurde nach ihrem Tod umgehend von der Gestapo übernommen, ihre Briefe verbrannt und ihr Besitz zugunsten des Staates zwangsversteigert.

„Viktor und Viktoria“ war ein Kassenschlager. Parallel zur deutschen Version wurde mit Co-Regisseur Roger Le Bon eine französische gedreht („Georges et Georgette“). Nur Adolf Wohlbrück spielte in beiden Filmen, ansonsten gab es eine komplett andere Besetzung. Diese Praxis war in den früher 1930er Jahren gängig. Normalerweise wurde auch eine englische Version gedreht, doch in diesem Fall drehten die Briten 1935 ein eigenes Remake als Vehikel für ein populäres Leinwandpaar.

„First a Girl“ (1935)

Auf diesen Film bin ich erst während meiner Hintergrundrecherche für die erste Fassung gestoßen. Ich kannte keinen der Darsteller und der Regisseur Victor Saville war mir nur vom Namen her ein Begriff.

Besonders im ersten Drittel sind einige Dialoge und optische Gags der Urversion entnommen, auch wenn der Einstieg in die Geschichte anders verläuft: Die junge Elizabeth (Jessie Matthews) arbeitet in einem Modehaus. Als sie Kleider zur Prinzessin Mironoff (Anna Lee) liefern soll, kommt sie zufällig an einem Plakat vorbei, das für ein Vorsprechen wirbt. Kurzentschlossen zieht sie das Kleid der Prinzessin an und nimmt daran teil. Dort trifft sie dann auf Victor (Sonnie Hale) und alles verläuft erst mal wie im Schünzel-Original. Nur nennt sich Elizabeth im Privatleben dann ‚Bill‘. Als ‚Bill‘ tritt sie zusammen mit Victor eine Europatournee an. Dort treffen sie auf Prinzessin Mironoff und ihren Verlobten Robert (Griffith Jones). Abweichend von der Vorlage laden die Prinzessin und Robert die beiden nach Südfrankreich ein. Als Elizabeth beim Baden im Meer fast ertrinkt, wird sie von Robert gerettet und er entdeckt dabei ihr Geheimnis.

Quelle: ITV / Shutterstock

Der Tonfall ist insgesamt ein anderer. Erst herrscht slapstickhafte Albernheit vor, im letzten Drittel wird es – für mich überraschend – melodramatisch und der Film verliert Tempo. Jessie Matthews ist eine ausgesprochen gute Komikerin; in dramatischen Szenen kann sie dagegen nicht überzeugen. Sie und ihr Mann Sonnie Hale, der hier als Victor keinen Gag liegenlässt, waren in den 1930er Jahren ein enorm populäres Filmpaar. Die beiden haben gegenüber Renate Müller und Hermann Thimig in der deutschen Version den Vorteil, dass beide auch in Gesang und Tanz ausgebildet sind. Müller tanzt zwar gut, aber was Matthews hier abliefert, ist eine andere Liga. Im Vergleich ist Müller als Mann überzeugender. Sie übernimmt eine lässig-männliche Körpersprache, der man passenderweise ansieht, dass sie gespielt ist. Beide Darstellerinnen sind aber weiterhin geschminkt. Während Müllers dezenter Lippenstift sie nur etwas femininer aussehen lässt, sind mir bei Matthews die stark geschminkten Augen zu weiblich.

Songs gibt es hier nur, wenn auf der Bühne gesungen wird. Sie sind gefällig, aber mir nicht im Gedächtnis geblieben. Vielleicht aber auch, weil die Melodien nicht so oft wiederholt werden wie „An einem Tag im Frühling“ oder „Komm ein bisschen mit nach Madrid“ im deutschen Original. Die Bühnenshow ist im Vergleich aufwändiger inszeniert als in „Viktor und Viktoria“. Auch dass die Außenszenen in Südfrankreich wirklich vor Ort und nicht im Studio gedreht wurden, wertet die Optik auf.

Insgesamt ein unterhaltsamer Film, glatter und mondäner als das Original und weniger hintersinnig. Regisseur Victor Saville und Drehbuchautorin Marjorie Gaffney wollten mit ihrer Mischung Komödie, Liebesgeschichte und Melodram wohl alle Zuschauererwartungen bedienen. An der Kasse hat das funktioniert. Der Film war ein großer Erfolg und gilt als der beste des Paares Matthews / Hale. Trotzdem fand ich das letzte Drittel flau.

Fehlt noch der homoerotische Unterton: Robert, den Griffith Jones auch trockener und ohne Wohlbrücks ironischen Unterton spielt, zweifelt nicht einen Moment an seiner Sexualität. Da die Erzählung den Blick der verliebten Elizabeth einnimmt, wird seine Sicht ignoriert. Victor macht anfangs ein paar zweideutige Scherze, aber das verliert sich, wenn er anfängt, sich für die Prinzessin zu interessieren.

Bei der nächsten Verfilmung habe ich von Vornherein keine hohen Erwartungen an den homoerotischen Unterton, denn die stammt aus der spießigen Bonner Republik der Wirtschaftswunderjahre.

„Viktor und Viktoria“ (1957)

Mitte der 1950er Jahre produzierte die westdeutsche Filmindustrie leichtgewichtige Unterhaltungsfilme am Fließband, darunter auch Remakes von Erfolgen aus der frühen Tonfilmzeit. Und so bekam „Viktor und Viktoria“ eine farbige Version. Die Regie übernahm der mit Musikfilmen erfahrene Karl Anton, das Drehbuch stammt von Curt J. Braun. Wie die britische Version orientiert sich diese Variante in der ersten Hälfte stark am Original, dann dreht die Handlung in eine enttäuschend konventionelle Verwechslungsgeschichte ab.

Quelle: DFF

Wir sind diesmal in Paris. Die arbeitslosen deutschen Künstler Viktor Hempel (Georg Thomalla) und Erika Lohr (Johanna von Koczian) lernen sich wie gehabt in einer Agentur kennen, Viktor hat auch hier seine Stimme verloren, Erika springt als ‚Viktoria‘ ein, es wird ein Erfolg. Aus Erika wir ‚Erich‘ und die beiden treten nun als Duo „Viktor und Viktoria“ auf. Der Varietébesitzer Jean Perrot (Johannes Heesters) sieht einen Auftritt, ist begeistert und nimmt aus beruflichem Interesse Kontakt mit ‚Erich‘ auf. Dieser verliert in einer Bar seinen Pass, Jean findet ihn und kommt so hinter ‚Erichs‘ Geheimnis. Erika bewegt sich außerhalb des Theaters tagsüber weiterhin als Frau. Zufällig trifft sie so auf Jean und stellt sich als ‚Erichs‘ Schwester vor. Puh! Gut, dass Drehbuchautor Braun auf diese Idee gekommen ist, denn jetzt kann sich zwischen Erika und Jean eine Romanze ohne jeden homosexuellen Unterton entspinnen.

Leider ist der Film auf der mir vorliegenden DVD von 108 Minuten Originallänge auf 79 Minuten gekürzt. Wie es dazu kam, kann auch beim Rechteinhaber Tobis Film niemand mehr nachvollziehen. Um den Erhalt der Filme aus den 1950er Jahren scheint sich auch niemand zu kümmern – womöglich weil sie künstlerisch als nicht so wertvoll angesehen werden wie Filme aus der frühen Tonfilmzeit.

In dieser gekürzten Version holpert die Handlung ab der Hälfte unrund vor sich hin, Revueszenen scheinen gekappt und einmal fehlt nach einem Schnitt der Sprechton unter Jeans erstem Satz, während die Musik-Tonspur weiterläuft. Der erste Teil ist aber gar nicht mal so schlecht. Regisseur Anton bedient sich einiger optischer Gags des Originals und kopiert sogar die dialoglose, auf Musik getimte Szene beim Barbier. Ansonsten scheint er keinerlei große inszenatorische Ambitionen gehabt zu haben, aber er hat ein Händchen für die szenische Umsetzung der Lieder.

Die bunte Ausstattung des komplett im Studio gedrehten Streifens schwankt zwischen cooler 50er-Jahre Atmosphäre in Bars und Varietés und theaterhaft künstlich bemalten Kulissen. Ein offensichtlich aus Sperrholz gebauter und grün angemalter Polizeitransporter ist sogar unfreiwillig komisch.

Die wenig einheitliche Musik stammt von Heino Gaze. Das Intro erklingt im fröhlichen Tanzorchestersound dieser Zeit. Später gesellen sich der für einen in Paris spielenden Film unverzichtbare Musette-Walzer und handzahmer Rock‘n‘Roll dazu. Die Lieder sind ein ebenfalls dem Zeitgeschmack verhafteter Mischmasch – ein stilistisches Durcheinander, als habe Gaze einfach alle bisher unbenutzten Lieder aus seiner Komponistenschublade hervorgekramt. ‚Viktorias‘ erster Bühnenauftritt „Ich lebe, um zu lieben“ ist ein Kleinkunst-Chanson mit großem Orchester; das Duett von Erika und Viktor „Verliebt, verlobt, verheiratet“ passt inhaltlich weder in die Situation des Kofferpackens auf dem Weg zum ersten großen Engagement noch zum Verhältnis der beiden – und wenn mich meine Ohren nicht täuschen, wurde dabei in der ersten Hälfte Johanna von Koczians Singstimme durch eine andere ersetzt. Einige Lieder sind in die Handlung eingebettet, bringen sie aber nicht voran. In der Regel sind sie Teil der Bühnenshows. Die sind mal aufwändig und ideenreich (beispielsweise der erste große Auftritt von „Viktor und Viktoria“), mal krampfhaft auf modern getrimmt (der Rock‘n‘Roll).

In allen anderen Verfilmungen muss Viktor (bzw. Toddy in der Blake-Edwards-Variante) den finalen Auftritt als ‚Viktoria‘ bestreiten. Hier nicht. Er zieht zwar erst unwillig sein Frauenkostüm an, wird dann aber von der Sängerin Titine (Annie Cordy) – die zumindest in der geschnittenen Fassung erst nur kurz als Jeans Begleitung in Erscheinung tritt, danach aus der Handlung verschwindet und dann urplötzlich wieder auftaucht – überredet, sie als Ersatz für Erika einzusetzen. Ergebnis ist die hochnotpeinliche Wildwest-Nummer „Macky Macky! Sonny Boy“.

Quelle: DFF

Das Ensemble macht mal mehr, mal weniger aus den Rollen, so denn das Drehbuch ihnen eine Chance zur Gestaltung gibt. Johannes Heesters holt das Wenigste aus der Figur Jean Perrot raus. Ihm fehlt Adolf Wohlbrücks Charme aus der Urfassung und das gute Aussehen von Griffith Jones aus der britischen Version. Als gesetzter Herr Mitte 50 ist er in der Kellerbar voller junger Erwachsener, die er mit ‚Erich‘ besucht, ein Fremdkörper. Sein Verhalten soll zeigen, er sei dort Stammgast, aber das ist haarsträubend unglaubwürdig. Hier und da blitzt bei Heesters zwar etwas Witz auf, aber als romantischer Herzensbrecher funktioniert er nicht. Boy Gobert und Georg Thomalla haben die Rollen bekommen, die sie in Dutzenden Filmen zu spielen hatten: Gobert als Jeans Mitarbeiter Lacoste den blasierten Schnösel und Thomalla als Viktor den zappeligen Schnellsprecher. Dabei konnten diese beiden Darsteller so viel mehr. Thomalla bekommt wenigstens noch die Möglichkeiten, dem kalauernden Possenreißer eine verborgene unerwiderte Liebe zu Erika beizumischen.

Diese Erika war Johanna von Koczians erste Filmrolle – und sie verleiht der Geschichte Pfiff und Charme. Als Mann verkleidet sieht sie ein bisschen aus wie ein Konfirmand in einem Anzug, den er noch nicht ganz ausfüllen kann. Aber das passt ja. Ihr erster Auftritt als ‚Viktoria‘ ist ungelenk und aufgeregt; Viktor macht ihr von der Seite Gesten und Schritte der Choreografie vor – das ist schon ziemlich komisch. Von Koczian und Thomalla haben in ihren gemeinsamen Szenen sichtlich Spaß und das trägt den Film über manche Durststrecke. Mit Heesters gelingt das nicht ganz so. Vielleicht habe ich die Liebesgeschichte nicht für voll genommen, weil ich immer die 30 Jahre Altersunterschied zwischen den beiden gesehen habe.

Auf diese Version war ich am neugierigsten. Meine Vorurteile wurden teilweise bestätigt, vor allem was Heesters und die Musik angeht. Stilstisch fand ich diese Fassung trotz einiger schöner Momente zu uneinheitlich.

Mir waren alle drei bisherigen ‚Viktorias‘ bei ihren Auftritten in Frauenkleidern zu weiblich. Dass niemand das Spiel durchschaut, kann man nur mit Komödienlogik erklären. Um wenigstens einigermaßen überzeugend zu sein, muss diese Rolle androgyner verkörpert werden. Das wurde in der – bis jetzt – letzten Verfilmung besser gemacht. Und auch das sexuelle Verwirrspiel war nie ausgeprägter als hier. Obwohl das auch in den 1980er Jahren noch ziemlich heikel war.

„Victor / Victoria“ (1982)

Diese Version ist die bekannteste und wurde dann auch zur hierzulande beliebten Bühnenversion umgearbeitet.

Die Handlung spielt wieder in Paris, diesmal im Jahr 1934. Hier heißt die Hauptfigur Victoria Grant (Julie Andrews) und ist eine britische Koloratursopranistin, die mit einem herumreisenden Opernensemble nach Frankreich kam. Nach der Pleite der Truppe versucht sie ein neues Engagement zu bekommen und singt im Nachtclub „Chez Lui“ vor. Doch ihre Kunstlied-Darbietung bringt ihr statt eines Engagements nur Beleidigungen des Besitzers ein. Wütend singt sie vor ihrem Abgang ein hohes B, das ein Glas zerspringen lässt – was ihr später zum Verhängnis werden wird. Mit Hilfe einer Kakerlake, die sie in ihrer Wohnung einfängt, will sie sich in einem Restaurant ein Essen erschleichen. Dort trifft sie auch Carroll ‚Toddy‘ Todd (Robert Preston) wieder, der beim Vorsingen anwesend war. Der Trick mit der Kakerlake im Essen funktioniert zwar nicht ganz wie geplant, aber immerhin können die beiden im allgemeinen Tumult aus dem Restaurant verschwinden. Weil Victorias Kleid im Regen eingelaufen ist, hilft ihr Toddy mit Kleidung aus. Toddys Ex-Geliebter taucht auf, um seine Sachen aus der Wohnung zu holen. Er hält Victoria in der Männerkleidung für einen Mann. Das bringt Toddy auf die Idee, dass Victoria sich nunmehr als Mann ausgibt, der sich auf der Bühne als Frau verkleidet. So wird ‚Graf Victor Grazinski‘ geboren, ein polnischer Adliger, der wegen seiner Homosexualität ins Exil ging. ‚Victors‘ Auftritte werden große Erfolge. Unter den Zuschauern ist eines Abends der amerikanische Nachtclub-Besitzer (und Gangster) King Marchand (James Garner) mit seiner Geliebten Norma Cassidy (Lesley Ann Warren) und dem Bodyguard Squash (Alex Karras). King ist erst sehr angetan von ‚Victoria‘ und dann umso erstaunter, als sie sich als ‚Victor‘ outet.

Dass King Marchand mit seiner selbstverständlichen Männlichkeit plötzlich anfängt, seine sexuelle Orientierung zu hinterfragen, ist eine Neuerung in der Handlung. Überhaupt ist der selbstverständliche Umgang mit Homosexualität in diesem Film bemerkenswert. Aber machen wir uns nichts vor: Das ging natürlich nur, weil er im Sünden-Babel Paris in der frivolen Nachtclub-Branche spielt, wo sowieso andere Moral-Maßstäbe gelten, und sich das Objekt der Begierde Gott sei Dank dann doch als Frau herausstellt. Es gibt auch keinen einzigen richtigen Kuss zwischen zwei Männern – nur Squash küsst seinen Boss auf die Wange, als er ihm gesteht, schwul zu sein. Selbst als Victoria Squash und Toddy zusammen im Bett vorfindet, sitzen die beiden keusch in Pyjamas nebeneinander wie zwei unverheiratete altjüngferliche Schwestern, die sich ein Schlafzimmer teilen.

Ich deute das mal positiver: „Victor / Victoria“ ist ein Unterhaltungsfilm eines großen Hollywood-Studios von 1982. Da war es schon progressiv, eine Komödie zu drehen, in der es um Geschlechteridentifikation und sexuelle Verwirrung geht, in der offen schwule Figuren nicht nur als bloße Witzfiguren gezeigt werden und ein kerliger Schauspieler wie James Garner seine Figur sinnieren lässt, ob er womöglich auf Männer steht.

Quelle: MGM / UA / Kobal /Shutterstock

Mir gefällt auch, dass Victoria und King die Zukunft ihrer Beziehung hinterfragen. In Paris können sie als angeblich schwules Paar einigermaßen offen auftreten, in Chicago mit Kings Unterwelt-Kollegen ganz sicher nicht. In Paris gehen sie in einer Schwulenbar tanzen, wobei sich King sichtlich unwohl fühlt – in Chicago auch eher unwahrscheinlich. Und Victoria will ihren Beruf nicht aufgeben, um – im doppelten Sinn – als Frau an seiner Seite mit ihm nach Amerika zu gehen. Schlussendlich tut sie es doch, auch um zu verhindern, dass King von seinem Kollegen abserviert wird.

Dass dieser Film überhaupt zustande kam, war schon ein Wunder. Der Hollywood-Agent Marty Baum bot Regisseur Blake Edwards Ende der 1970er Jahre die Geschichte an und dieser erkannte das Potenzial – vor allem für seine Frau Julie Andrews. Edwards war unsicher, ob MGM dieses teure Projekt finanzieren würde, weil klassische Musicals zu dieser Zeit völlig aus der Mode waren und es dem Studio finanziell nicht gut ging. Er bekam überraschend problemlos grünes Licht von den Studiobossen. Dass er so für den Stoff brannte, überzeugte die Entscheidungsträger.

Blake Edwards krempelte in seinem Drehbuch die Geschichte ordentlich um, veränderte bestehende Charaktere und führte neue ein. Wie Reinhold Schünzel im Original liebt er es, nebensächliche Figuren kurz in den Fokus zu nehmen. Ob das nun der immer verängstigter werdende Hotel-Nachbar von Victoria und Toddy ist, der mehrmals versucht, seine Schuhe für den Putzservice vor die Tür zu stellen, und wegen immer neuer sich verdächtig benehmender Personen, die im Zimmer gegenüber verschwinden, sie jedes Mal lieber wieder mit ins Zimmer nimmt. Oder der dekadente Mann, der vor den Augen der ausgehungerten Victoria auf ziemlich unappetitliche Weise ein Eclair verschling. Oder – noch nebensächlicher und überraschender – der Mann, der am Bahnsteig ins Gleisbett fällt, als Norma sich kurz vor ihrer Abreise auf der Waggonplattform stehend das Kleid aufreißt und ihre Unterwäsche präsentiert. Edwards hat nicht nur extrem lustige Dialoge geschrieben, sondern auch seiner Liebe zum Slapstick freien Lauf gelassen. Und der ist manchmal ziemlich rabiat. Man denke nur an den armen Privatdetektiv, der ‚Victor‘ beschatten soll, um seine wahre Identität festzustellen. Unter ihm bricht ein Stuhl zusammen, er wird vom Blitz getroffen, sein Finger wird in einer Schranktür eingeklemmt und eben dieser Finger wird von seinem wütenden Auftraggeber mit einem Hammer malträtiert. Die Mischung aus geistreichem Dialogwitz und cartoonhaftem Slapstick funktioniert ausgesprochen gut, weil bei beiden Humorarten das Timing sitzt.

Optisch präsentiert sich der Film weniger handfest, sondern äußerst elegant. Das liegt an der detailversessenen Ausstattung – sei es in Nachtclubs, schäbigen Wohnungen, eleganten Hotelsuiten oder den Straßen eines winterlich verschneiten Studio-Paris – und an den exquisiten Kostümen.

In „Victor / Victoria“ geht es um das Vorgaukeln falscher Identitäten und wie sehr die Charaktere auf ihre Außenwahrnehmung achten. Das findet seine bildhafte Entsprechung in Spiegelbildern und Blicken durch Fenster in Gebäude hinein oder aus ihnen hinaus. Es wird sich auch viel versteckt, vor allem in Schränken – ein schönes Spiel mit dem englischen Ausdruck ‚being in the closet‘, also dem Schrank, in dem Personen ihre sexuelle Orientierung verbergen.

Musikalisch herrscht ein eher melancholischer Grundton vor, der gut zum künstlich-nostalgischen Look des Films passt. Er startet nicht mit quirliger Komödienmusik, die auf die turbulente Handlung hinführen könnte, sondern mit der Instrumentalversion von „Crazy World“. Die Songs sind Showstopper. Sie sind nicht handlungstreibend, auch wenn die Texte als Kommentare zur Handlung gelesen werden können. Schön, dass mit „The Shady Dame From Seville“ eine Brücke zum 1933er UFA-Original und der Nummer „Komm ein bisschen mit nach Madrid“ geschlagen wird. Henry Mancini (Musik) und Leslie Bricusse (Texte) erhielten für ihr Werk Oscars in der mittlerweile abgeschafften Kategorie ‚Best Music, Original Song Score and Its Adaptation or Best Adaptation Score‘.

Diese Version des Stoffes punktet aber auch mit einem grandiosen Ensemble. Das beginnt schon mit den hervorragend gecasteten Statisten, die Edwards gern kurz in den Fokus nimmt. Auch die kleineren Rollen bekommen Besonderheiten; etwa Graham Stark als schlecht gelaunter Kellner mit dem bissigen Humor. Lesley Ann Warren drückt der lauten, durchtriebenen, etwas vulgären Norma Cassidy dynamisch ihren Stempel auf. Alex Karras ist als King Marchands Bodyguard Squash putzig wie ein Stofftier.

Die Rolle des Toddy schrieb Blake Edwards eigentlich für Peter Sellers, mit dem er mehrere Filme gedreht hatte (etwa „The Pink Panther“ / „Der rosarote Panther“, 1963, und seine diversen Fortsetzungen). Doch der verstarb 1980 unerwartet. Mit Sellers wäre es bestimmt ein völlig anderer Toddy geworden, denn ich kann mir schwer vorstellen, dass er die ironischen Pointen mit so viel Eleganz und Wärme gebracht hätte wie der fabelhafte Robert Preston. Das Finale, in dem Toddy für Victoria als „The Shady Dame From Seville“ einspringt, wurde ohne Unterbrechung gedreht. Preston sang live; wenn er atemlos japst und schwitzt, ist das echt.

Zur Entstehungszeit des Films galt es noch als Karrierekiller, offen homosexuelle Rollen anzunehmen. Robert Preston tat es trotzdem, weil er wieder mit Blake Edwards arbeiten wollte. Wie lange James Garner überlegt hat, weiß ich nicht. Ich finde seine Darstellung sehr subtil. Als er ‚Victors‘ ersten Auftritt sieht, ist er fasziniert von der ‚Sängerin‘. Die Demaskierung vor dem Vorhang trifft ihn wie eine kalte Dusche. Das Ringen, ob er nicht doch vielleicht schwul ist, sieht man Garner nur an der Mimik an. Das ist natürlich auch in komödiantische Szenen verpackt, aber King Marchands Verwirrung nimmt man ihm wirklich ab.

Blake Edwards sah in dem Stoff die Möglichkeit, seiner Ehefrau Julie Andrews nach langer Durststrecke endlich wieder zu einem Hit zu verhelfen. Andrews war ihr patentes Kindermädchen-und-Nonnen-Image nach „Mary Poppins“ und „The Sound of Music“ nie losgeworden. Versuche, aus diesem Klischee auszubrechen, scheiterten; teils weil das Publikum sie so nicht sehen wollte, teils weil die Filme einfach nicht gut waren. Sie wurde als rein, nicht sexy, ja sogar geschlechtslos angesehen. Und dieses Image prädestinierte sie für ‚Victor‘. Ich finde ihre darstellerische Leistung weit besser als die Oscar-prämierte Darstellung der Mary Poppins. Diese vielschichtige Rolle fordert sie viel mehr. Zu Anfang am Boden zerstört, dann zweifelnd, ob der ‚Victor‘-Plan funktioniert, schließlich selbstbewusst und in Bezug auf eine Zukunft mit King durchaus realistisch – eine ausgezeichnete Leistung. Henry Mancinis Lieder nutzen den beachtlichen Tonumfang ihrer Stimme – besonders eindrucksvoll im Glissando am Ende von „Le Jazz Hot“.

Blake Edwards war nie besser als bei „Victor / Victoria“. Sein Drehbuch ist rund, sein Ensemble harmoniert aufs Feinste und spielt sich gut gelaunt die wie Champagner schäumenden Dialoge zu und seine Figuren sind trotz komödiantischer Übertreibung menschlich glaubhaft. Die Inszenierung ist bei allem für ihn typischen Hang zum Klamauk pointiert und stilsicher. Der Film war bei Kritik und Publikum ein Erfolg und wurde für sieben Oscars nominiert (Musik, Drehbuch, Ausstattung, Kostüme, Preston und Warren als Nebendarsteller, Andrews als Hauptdarstellerin), erhielt ihn aber nur für die Musik. Edwards war sehr stolz auf diesen Film. Zu Recht.

„Viktor und Viktoria“ ist ein unverwüstlicher Komödienstoff, der zwar aktuell nicht mehr auf der Leinwand, sondern auf den Theaterbühnen weiter Erfolge feiert. Die Versionen von 1935 und 1957 waren für mich interessant zu sehen, aber sie können den beiden anderen nicht das Wasser reichen. Blake Edwards‘ Film ist aus heutiger Sicht technisch perfekter, auch konnte er sich einiger Themen deutlicher annehmen. Dafür kommt Reinhold Schünzels Original, gerade weil vieles 1933 nur angedeutet werden durfte, feingeistiger daher. Der direkte Vergleich der vier Filme war aber auf jeden Fall spannend!

 
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