Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Nachdem ich gerade Stephen Sondheims letztes Werk „Here We Are“ in London gesehen habe, kehre ich für meinen Fernsehabend zu seinem ersten zurück. Die Verfilmung an sich ist eine Hommage an den Slapstick-Humor der Stummfilmzeit (passenderweise mit Buster Keaton in einer Nebenrolle) mit hohem Tempo und Gags im Sekundentakt. Das ist irre lustig – nur der Musical-Charakter kommt dabei unter die Räder.
Die Autoren des Musical-Originals, Burt Shevelove und Larry Gelbart, bastelten die Handlung ihres Bühnenerfolgs aus Motiven verschiedener antiker Komödien des römischen Dramatikers Titus Maccius Plautus. Dessen verwickelte Handlungsstränge dienen bis heute als Blaupause für Boulevardkomödien.
Hauptfigur ist der listige Sklave Pseudolus. Er versucht, für seinen jungen Herrn Heros die Hand der schönen Kurtisane Philia zu gewinnen. Gelingt es ihm, winkt ihm die Freiheit. Doch Philia wurde von dem Kurtisanenhändler Marcus Lycus schon an den Befehlshaber Miles Gloriosus verkauft und soll heute abgeholt werden. Pseudolus muss in Windeseile ein Geflecht aus Schwindeleien und Verkleidungen organisieren, das immer wieder von Verwechslungen und Unverhergesehenem torpediert wird.
„A Funny Thing“ war das erste Musical von Stephen Sondheim, das am Broadway lief und wofür er sowohl Songtexte als auch die Musik schrieb. Als Texter war er nach seinem Erfolg mit „West Side Story“ etabliert, sein Wunsch, zu „Gypsy“ nicht nur die Texte, sondern auch die Musik zu schreiben, wurde von dessen Hauptdarstellerin Ethel Merman abgelehnt, weil sie lieber einen erfahrenen Komponisten haben wollte. Nun hat Sondheim im Laufe der Jahre viele Klassiker geschrieben, aber keins seiner Werke lief so lange ohne Unterbrechung am Broadway wie „A Funny Thing“ – ab Februar 1962 für ganze 964 Vorstellungen. Erst war der Erfolg überschaubar, doch nach dem Gewinn von sechs Tony Awards (Bestes Musical, Bester Produzent, Bester Hauptdarsteller Zero Mostel, Bester Nebendarsteller David Burns, Bestes Buch und Beste Regie) begann die Kasse zu klingeln.
Die Produzenten der Filmversion wollten unbedingt Zero Mostel wieder als Pseudolus. Er bestand nicht nur darauf, dass Jack Gilford erneut als Hysterium besetzt wurde (die beiden verband eine enge Freundschaft, weil sie während der McCarthy-Ära als angebliche Kommunisten verfolgt und mit Berufsverbot belegt worden waren), sondern er stellte auch Bedingungen, was die Regie anging. Er brachte so illustre Namen wie Orson Welles, Jean Renoir und Charlie Chaplin ins Gespräch, aber auch Richard Lester. Der US-Amerikaner hatte in Großbritannien gerade mit dem Beatles-Film „A Hard Day’s Night“ das Genre des Pop-Films auf den Kopf gestellt. Bislang waren Filme mit Popstars wie Elvis Presley oder Cliff Richard recht bieder nach Schema F gestrickt. Lester widersetzte sich damals allen Erwartungen und drehte die wilde, schnell geschnittene Sketch- und Song-Revue als Mockumentary ohne richtige Handlung, die die Ästhetik späterer Musikvideos vorwegnahm.
So wie die „A Funny Thing“-Vorlage sich auf alte Theatertraditionen beruft, so benutzt die Verfilmung alte Filmstile. Richard Lester inszenierte ein Klamauk-Feuerwerk wie eine Stummfilmkomödie. Er baute Zeitrafferbilder ein und es wird ständig gestolpert, hin-, herunter- und herausgefallen oder irgendwo dagegen gelaufen. Die Ausstattung bewegt sich zwischen den pompösen Bauten alter Monumentalschinken (gedreht wurde in Spanien in den Kulissen von „The Fall of the Roman Empire“ / „Der Untergang des Römischen Reiches“, 1964) und knallig bunten Innenräumen. Es mischt sich ziemlich reizvoll Pseudo-Antike mit dem Look der Swinging Sixties. Allerdings passt die etwas künstliche Atmosphäre der Innenaufnahmen nicht immer zu den fast dokumentarisch gedrehten Straßenszenen.
Als Autoren des Films werden die komödienerprobten Routiniers Melvin Frank und Michael Pertwee genannt. Der fertige Film sieht so gar nicht aus wie frühere Filme, an denen die beiden beteiligt waren. Während des Drehs nahmen Lester, Kameramann Nicolas Roeg und der Autor Dennis Norden ständig Änderungen vor, was den Verfassern des Originals, Shevelove und Gelbart, nicht gefiel. Egal von wem das Drehbuch schlussendlich stammt, die Dialoge sind pointiert und sehr komisch. Ob man lustig findet, dass Frauen entweder als naive Sexobjekte oder herrische Ehefrauen und die Männer als geile alte Böcke dargestellt werden, hängt vom eigenen Geschmack ab. Ein paar Gags sind schlecht gealtert und dass Philia schon in der Vorlage unglaublich dumm gezeichnet ist, gefällt mir nicht sonderlich, aber prinzipiell habe ich mich gut amüsiert.
Was den Film aber gegenüber des Bühnenmusicals eigenständig werden lässt, sind die optischen Gags. Auf das Publikum der 1960er Jahre mit den damaligen Sehgewohnheiten muss dieser Film mit seinen farbigen Überblendungen, ultrakurzen Zwischenschnitten und dem schon fast hysterisch hohen Tempo wie ein Drogentrip gewirkt haben.
Getragen wird der Film von einem ausgezeichneten Ensemble. Zero Mostel als durchtriebener Strippenzieher Pseudolus und Jack Gilford als der tolpatschige, gutherzige Hysterium sind ein eingespieltes Team. Phil Silvers übernahm die Rolle des schmierigen, profitgierigen Marcus Lycus, Leon Greene die des kerlig-großspurigen Miles Gloriosus. Als Pseudolus‘ Herrschaft, der duckmäuserische Senex und seine drakonische Ehefrau Domina, wurden Michael Hordern und Patricia Jessel typgerecht besetzt. Als ihr Sohn Heros glänzt der junge Michael Crawford, der knapp 20 Jahre später das Ur-„Phantom der Oper“ werden sollte. Auch Heros ist nicht der Hellste. Seine verzweifelten Versuche, Kontakt mit Philia im Nachbarhaus herzustellen, haben etwas Tragikomisches und seine Bemühungen, ein Pferd zum Schwitzen zu bringen, weil er dringend dessen Schweiß für einen Schlaftrunk braucht, sind absurd lustig. Crawfords leichte Stimme passt im Duett „Lovely“ gut zu der von Annette Andre, die bildhübsch, aber darstellerisch nicht sehr gefordert der Kurtisane Philia eine mädchenhafte Unschuld verleiht. Ein kleines Sahnehäubchen ist Buster Keaton als Erronius. Mit dem bekannt stoischen Blick läuft er um die sieben Hügel Roms, weil Pseudolus sein Haus für seine Pläne braucht und ihm eingeredet hat, das Haus sei verflucht; der Fluch könne nur durch diesen Lauf abgewendet werden. Der 70-jährige, von seiner Krebserkrankung gezeichnete Keaton spielt seine Rolle verschroben trocken und von Melancholie umweht – Erronius zieht seit Jahren durch die Welt und sucht seine beiden, von Piraten entführten Kinder. Die tauchen natürlich im hanebüchenen Hauruck-Happy-End wieder auf.
Schon im Bühnenstück bremsen einige Songs den Fluss der Handlung aus, aber nicht so stark wie in der Verfilmung. „Lovely“ und „Everybody Ought to Have a Maid“ sind zwar abwechslungsreich und mit Sinn für absurden Unsinn bebildert, aber eigentlich wirken alle Songs auf mich, als hätte Lester sie nur zähneknirschend drin gelassen, damit der Streifen als Verfilmung des erfolgreichen Musicals gelten konnte. Weil Filmmusicals Mitte der 1960er Jahre trotz Erfolgen wie „The Sound of Music“ nicht sehr hoch in der Publikumsgunst standen und ein finanzielles Risiko waren, hatte man eh schon die Hälfte der Lieder gestrichen.
Wie üblich wurde Sondheims Partitur für den Film bearbeitet und mit zusätzlicher Instrumentalmusik versehen. Ken Thomas bekam für seine Arbeit sogar einen Oscar in der mittlerweile abgeschafften Kategorie „Best Music, Scoring of Music, Adaptation or Treatment“, in der die Leistung für Bearbeitung schon vorhandener Musik gewürdigt wurde. Während der rasanten Verfolgungsjagd gegen Ende – eine der waghalsigsten der Filmgeschichte mit augenzwinkernden „Ben Hur“-Anleihen – mischt Thomas Monumentalfilm-Bombast, Sondheim und Mozart zu einem abenteuerlichen Durcheinander. Das ist fraglos temporeich, harmoniert für mich aber stilistisch nicht mit der sonstigen Musik.
„A Funny Thing“ war ein ordentlicher Kinoerfolg, aber keiner der Beteiligten zeigte sich mit dem fertigen Film so richtig zufrieden. Stephen Sondheim war sogar so verärgert, dass er erst zehn Jahre später wieder einer Verfilmung eines seiner Musicals zustimmte. Daraus wurde dann die vermurkste Filmversion von „A Little Night Music“ („Das Lächeln einer Sommernacht“, 1977), in der Elizabeth Taylor mit schiefen Tönen „Send in the Clowns“ massakrierte. Nach dieser Erfahrung hatte Sondheim wieder erst mal die Nase voll und erst gut 30 Jahre später konnte ihn Tim Burton dazu überreden, ihm die Filmrechte an „Sweeney Todd“ freizugeben.
Ich hatte bei dieser antiken Klamotte – trotz einiger Abstriche – als Film viel Spaß. Es gibt die guten alten Verwechslungen, Tür-auf-Tür-zu-Hektik, Männer-in-Frauenkleidern-Quatsch, schräge Inszenierungsideen und eine kreative Bildgestaltung. Aber das hätte auch ohne Lieder gut funktioniert, denn die sind nicht handlungstreibend. Deshalb ist „A Funny Thing“ nur eine bestenfalls halbherzige Musicalverfilmung.

