Elisabeth Sikora und Markus Olzinger © Rudi Gigler
Elisabeth Sikora und Markus Olzinger © Rudi Gigler

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"Tiefgründigkeit in opulent schöner, extravaganter Verkleidung" - Elisabeth Sikora und Markus Olzinger im Interview

Wer mit Elisabeth Sikora und Markus Olzinger über Theater spricht, merkt sofort: Stillstand ist für die beiden keine Option. Nach dem großen Erfolg mit dem unkonventionellen „Girl from the North Country“ stecken die beiden Gmundner Intendanten schon wieder voller Tatendrang und Pläne für die Saison 2027. Wir haben uns zu einem persönlichen Austausch zusammengesetzt – über Mut, das bewusste Spiel mit Kontrasten und ein neues Stück, dessen Geheimnis sie hier im Interview exklusiv lüften.

Elisabeth Sikora und Markus Olzinger © Rudi Gigler

„Girl from the North Country“ war in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnliches Musical für Gmunden – mit der sichtbar auf der Bühne platzierten Band, der besonderen Erzählweise und einer Atmosphäre, die sich klassischen Musicalmustern bewusst entzieht. Wie habt ihr die Arbeit an dieser Produktion und die Reaktionen darauf erlebt – und was nehmt ihr daraus vielleicht auch für die Zukunft des Musical Frühlings mit?

Elisabeth Sikora: Ich würde nicht sagen, dass es ungewöhnlich für Gmunden ist. Wir suchen ja sehr bewusst diese „anderen“ Musicals. Für mich und uns ist gerade das die Herausforderung und gleichzeitig auch das Schöne daran: dass Musical per se keinem Klischee folgen muss. Auch das ist Musical. Ich glaube, genau das wollen wir mit dem Musical Frühling aufbrechen und zeigen, dass es so viele verschiedene Facetten dieses Genres gibt. Ich sehe es als unsere Hauptaufgabe an, genau diese unterschiedlichsten Formen auf die Gmundner Bühne zu bringen – was Musical eben alles sein kann.

Ich kann aber auch nicht oft genug sagen, welche Ehre es ist und war, von zwei Koryphäen ihrer Kunst, Bob Dylan und Conor McPherson, die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung und auch die Rechte zur deutschen Übersetzung bekommen zu haben. Vor allem aber freut es mich, dass unser Publikum gemeinsam mit uns neugierig auf neue Stoffe bleibt. Deshalb auch hier einmal ein großes Danke!

Markus Olzinger: Ja. Die Reaktionen des Publikums und auch der Presse waren sehr gut, viele meinten, es wäre das Beste, was wir jemals gezeigt hätten – aber das hören wir irgendwie auch jedes Jahr [lacht]. Natürlich haben wir aber auch andere Stimmen wahrgenommen – nicht viele, aber doch. Und wir haben gemerkt, dass wir einige, die sich vielleicht etwas anderes erwartet haben – mehr Musik, weniger schwere Szenen die vielleicht auch zu sehr gefordert haben. Ich selbst muss auch zugeben: Wenn ich nicht in Stimmung bin, schaue ich anstatt eines schönen ARTE-Films auch lieber Trash-TV oder Reels auf Social Media. Also alles voll verständlich. Was das nächste Jahr betrifft, wollen wir jedenfalls wieder etwas komplett anderes zeigen. Auch wenn diese Produktion nun extrem erfolgreich war, wollen wir uns immer wieder neu erfinden, und auch für mich als Regisseur ist es spannend, unterschiedlichste Stile und Erzählformen zu inszenieren.

Corenna Brown, Michaela Thurner, Tamara Pascual und Elisabeth Sikora in „Girl from the North Country“
Musicalfrühling in Gmuden, 2026 © Rudi Gigler

Ihr habt mir im Vorfeld bereits verraten, welches Stück 2027 auf dem Spielplan steht – den Titel würde ich euch an dieser Stelle gerne selbst erzählen lassen. Mich interessiert: Wann hat sich diese Entscheidung konkret verdichtet, und was hat euch an diesem Stoff besonders gereizt?

Markus Olzinger: Ja, das mag vielleicht überraschen nach den Musicals, die wir zuletzt gespielt haben, aber die Wahl fiel auf „Love Never Dies“! Ich weiß noch, dass unser musikalischer Leiter und ich bei einer Autofahrt von Gmunden nach Wien gescherzt haben, bis die Stimmung dann ernst wurde, als ich meinte: „Na dann spielen wir doch ‚Love Never Dies‘.“ Da habe ich jemanden ins Herz getroffen, was verständlich ist: großes Orchester, tolle Komposition – das ist ja unstrittig. Ich selbst habe, während ich es noch sagte, gehadert, weil es sehr umstritten ist und für das, was wir in Gmunden machen wollen, vielleicht nicht ganz passend erscheint. Aus irgendeinem Grund hat es mich dann aber nicht losgelassen, und nach wenigen Tagen hatte ich so viele konkrete Ideen für die Inszenierung, dass ich zur treibenden Kraft wurde und es unbedingt machen wollte.

Elisabeth Sikora: Wir haben zugegebenermaßen schon öfter bei dem Stück „weitergeblättert“, weil wir fanden, wie Markus schon sagte, dass es nicht ganz unserer Mach-Art entspricht [schmunzelt]. Allerdings war es in diesem Moment anders: Einerseits haben wir bereits öfter Rückmeldungen bekommen, im nächsten Jahr vielleicht kein so schweres Stück auf den Plan zu setzen – also eher ein Stück mit erhebenderen Momenten, etwas, das wieder ein bisschen das Gute in der Welt zeigt, vielleicht ein etwas märchenhafterer Stoff.

Ensemble von „Saving Mozart“ Musical Frühling in Gmunden, 2025 © Rudi Gigler

Andererseits müssen wir zugeben, dass wir selbst während der Proben zu „Girl from the North Country“ dachten, dass wir in dieser Zeit der vielen Krisen und Kriege und angesichts dessen, dass es vielen Menschen auch in unseren Breiten nicht gut geht, unserem Publikum wieder eine andere Welt zeigen möchten – eine Welt, die sich nicht ausschließlich mit den tragischsten existenziellen Themen befasst, aber dennoch Tiefe hat. Tiefgründigkeit in opulent schöner, extravaganter Verkleidung [lacht].

„Love Never Dies“ wird in Gmunden erstmals in Österreich szenisch umgesetzt. Welche Rolle spielte für euch der Reiz dieser ersten vollständigen Inszenierung im Entscheidungsprozess – gerade vor dem Hintergrund der kontroversen Wahrnehmung des Stücks?

Elisabeth Sikora: Je kontroverser das Stück diskutiert wird, desto interessanter ist es, finde ich. Es ist zumindest ein großer Ansporn, eine starke, in sich stimmige Eigeninterpretation zu finden, die durchaus kritische Thematik, die unter der glitzernden Fassade brodelt, hervorzukehren und sich dem Kitsch nicht zu ergeben. Da darf das gesamte Team wieder zaubern und fantastische Bilder schaffen.

Markus Olzinger: Ja, da freue ich mich schon sehr darauf. Wie du sagst, lieber Frank, es ist somit auch keine österreichische Erstaufführung, aber eben die erste volle Inszenierung. Anders als zum Beispiel „Dear Evan Hansen“ oder „Girl from the North Country“, wo wir zumindest im Planungsprozess die erste Non-Replika, also Neuinszenierung weltweit waren und uns das natürlich immer extrem reizt, gab es bei „Love Never Dies“ bereits zwei Neuinszenierungen in Deutschland. Der Reiz liegt für mich tatsächlich in der märchenhaften Opulenz, gepaart mit sehr tiefen Themen, die es mit den Darstellenden auszuarbeiten gilt. In jedem Fall wird es spannend sein – nicht nur für jene, die „Das Phantom der Oper“ bereits kennen und lieben, nun die Fortsetzung davon in Österreich auf einer Bühne zu erleben.

Yngve Gasoy Romdal, Annemieke van Dam und Michaela Thurner in „Dear Evan Hansen“ Musical Frühling in Gmunden 2023 © Konstantin Zander

Markus, du hast bereits beschrieben, dass euch bei „Love Never Dies“ sowohl Opulenz als auch inhaltliche Tiefe wichtig sind. Wie gehst du als Regisseur und Bühnenbildner konkret damit um, diese Balance in der Umsetzung zu halten?

Markus Olzinger: Ich denke, bei aller Ambition, aus dem Stück ein intensives Kammerspiel zu machen, darf man nicht vergessen, wie es ursprünglich gemeint ist. Man darf die Musik und Struktur des Werkes nicht ignorieren. Webber-Musicals leben von einem gewissen Show-Faktor, Effekten und großen Bildern – das werde ich natürlich bedienen beziehungsweise in meine Bildsprache übersetzen. Opulenz und Pathos sind ja nichts Schlechtes, und ich liebe das sehr. Der Gegenpol muss dann aber mindestens genauso stark sein, damit es nicht hohl wird. Ein wichtiger Punkt wird hier auch das Casting sein: Neben einer sehr fordernden Partitur, die mit Leichtigkeit bewältigt werden muss, braucht es besonders bei diesem Stück exzellente Schauspielende, um dem Stück das zu verleihen, was wir uns vorstellen.

„Love Never Dies“ steht seit seiner Uraufführung stark im Schatten von „Das Phantom der Oper“ und ist entsprechend vorgeprägt diskutiert. Wie geht ihr mit dieser bestehenden Wahrnehmung in eurer eigenen künstlerischen Lesart um?

Elisabeth Sikora: So wie unser Publikum es von Gmunden gewohnt ist. Es darf diesmal ein bisschen mehr Märchenfaktor haben, trotzdem wollen wir die Themen, die im Stück brach liegen, schon anfassen. Und ich finde, dass die Musik auch alle ins Herz treffen wird. Ich freue mich gerade sehr, wieder einen „Webber“ in Gmunden zeigen zu dürfen.

Elisabeth Sikora und Markus Olzinger © Rudi Gigler

Markus Olzinger: Es muss einfach gut werden. Wenn uns all das gelingt, was uns bereits vorschwebt und was wir mit dem Stück vorhaben, dann könnten wir vielleicht auch die KritikerInnen überzeugen, dass dieses Werk in jedem Fall eine Chance verdient, gezeigt zu werden.

Die Show stellt durch seine orchestrale Größe und musikalische Dichte besondere Anforderungen an die konkrete Umsetzung einer Produktion. Welche organisatorischen und produktionstechnischen Überlegungen spielen bei euch eine Rolle, wenn ihr ein Werk dieser Größenordnung in den Rahmen des Musical Frühlings Gmunden übertragt – von der musikalischen Einrichtung bis zur praktischen Realisierung vor Ort?

Elisabeth Sikora: Wir freuen uns, 2027 wieder mit vollem Orchester zu spielen. Es werden 16 MusikerInnen im Orchestergraben Platz nehmen, das größte Orchester, das wir nach Corona hatten (davor waren wir auch schon bei 22, aber das ist in dem Theater und Orchestergraben fast überdimensioniert). Die MusikerInnen freuen sich sehr, dass sie wieder in so großer Zahl bei uns sein werden, und vor allem auch auf diese schöne Musik. Im Allgemeinen gelingt uns die Realisierung jedes Jahr nur mit einem Team, auf das wir uns verlassen können, das mit Engagement, Herzblut und einigen Nachtschichten dabei ist. [lacht] Und nicht zuletzt mit einem grandiosen Cast.

Markus Olzinger: Beim Bühnenbild wird es sehr fordernd, denn die Geschichte und Musik lässt überaus üppige und kostspielige Bilder in meinem Kopf entstehen – da muss ich schauen, wie sich das mit unseren finanziellen Mitteln umsetzen lässt. Ein großes Thema wird in jedem Fall das Licht sein, und da sind wir mit unserem Hauptsponsor und Lichtdesigner Ingo Kelp extrem gut ausgestattet. Da gibt es nichts, was er nicht im Lager hätte – ein Luxus, den nur sehr wenige Theater haben oder Equipment teuer zumieten müssen. Vielleicht arbeiten wir auch in Ergänzung zum Set wieder mit Visuals und LED-Wänden, wo wir seit Jahren von Jürgen und Katharina Erbler großzügig unterstützt werden.

Yngve Gasoy Romdal, Gerd Achilles in „Die Frau in Weiss“
Musical Frühling in Gmunden 2022 © Rudi Gigler

Ihr habt bereits beschrieben, dass ihr häufig mit einem eingespielten Ensemble arbeitet. Welche Rolle spielt diese gewachsene Kontinuität konkret bei der Besetzung von „Love Never Dies“?

Elisabeth Sikora: Da arbeiten wir sehr nach Gefühl, und die „Treue“ ergibt sich daher immer wieder von selbst, aber das ist nie der Plan. Wir halten es jedes Jahr offen, auch wenn wir selten offene Auditions machen. Es ist uns extrem wichtig, dass wir Menschen auf der Bühne haben, die zum einen natürlich die Anforderungen der Rollen erfüllen, zum anderen aber auch zu uns passen. Es ist wie bei jedem Casting nicht immer leicht, die Menschen zu finden, die 100% zu unseren Inszenierungen passen und unsere Art der Arbeit verstehen und schätzen. Da greifen wir immer wieder sehr gerne auf die Leute zurück, die wir gut in Erinnerung haben, sowohl künstlerisch als auch menschlich. Und ja, es wird einige Wiederbegegnungen geben mit KünstlerInnen, die hier schon einmal oder öfter gespielt haben. Wir freuen uns schon auf 2027, wenn in Gmunden „Love Never Dies – Liebe stirbt nie“ mit bekannten Stimmen erklingt.

Dann bleibt uns ja nur noch, euch ein glückliches Händchen bei der Umsetzung zu wünschen. Wir freuen uns natürlich, wenn wir uns im Herbst in Fürth bei „Girl from the North Country“ und dann im Frühjahr 2027 in Gmunden bei „Love Never Dies“ wiedersehen. Vielen Dank für eure Zeit!

 
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