Sascha Kurth in "Der Schimmelreiter" © Michael Werthmueller
Sascha Kurth in "Der Schimmelreiter" © Michael Werthmueller

Der Schimmelreiter (seit 05/2026)
Schlosstheater, Fulda

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Die Übertragung eines der bedeutendsten deutschen Literaturklassiker auf die Musicalbühne ist für das Kreativteam um Dennis Martin ein ebenso mutiges wie reizvolles Unterfangen: Die unterschiedlichen Mittel der Atmosphärengestaltung in Storms realistischem Erzählkosmos und im modernen Musiktheater eröffnen – ganz wie die Geschichte selbst – ein Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Erneuerung. Neben dem herausragend besetzten Ensemble besticht die Inszenierung vor allem durch ihre visuelle Kraft.

Theodor Storms Novelle, eines der komplexesten Hauptwerke des poetischen Realismus, das stilistisch, sprachlich und narratologisch Neuland betrat, begegnet vielen heute vor allem als Schullektüre und ruft entsprechend höchst unterschiedliche Assoziationen hervor. Da die Novelle heute vielen nur noch schemenhaft präsent ist, hatte das Publikum im hessischen Fulda bislang kaum Berührungspunkte mit diesem tief im friesischen Norden verwurzelten Werk. Einfache Voraussetzungen sind dies für das Haus Spotlight und Geschäftsführer Peter Scholz (der sich am Premierenabend als wahrer Entertainer erweist) keineswegs. „Dieses Stück hätte theoretisch auch unser Untergang sein können“, bemerkt er bei der Premiere. Im Mittelpunkt von Storms Spätwerk steht der Aufstieg und Fall des visionären und missverstandenen Deichgrafen Hauke Haien, dessen Streben nach Fortschritt und Rationalität ihn in Konflikt mit Traditionen, Aberglauben und den sozialen Strukturen bringt. Daraus entwickelt die Novelle zeitlose Fragen nach individueller Verantwortung, dem Verhältnis von Mensch und Natur sowie dem Spannungsfeld zwischen Vernunft und Mythos. Tatsächlich mündet die Geschichte um Hauke Haien in eine Katastrophe: Die Deiche brechen ausgerechnet dort, wo alte Bauweisen und neue Konstruktionen – Tradition und Aufbruch – aufeinandertreffen. Ganz so dramatisch gerät die Begegnung von literarischer Vorlage und modernem Musiktheater in Dennis Martins Inszenierung zwar nicht, doch Reibungen entstehen auch hier.

Angesichts dieser literarischen Komplexität beeindruckt die behutsame Herangehensweise des Autorenteams um Dennis Martin, Christoph Jilo und Kevin Schroeder. Mit beachtenswerter Werktreue greift die Bearbeitung zahlreiche Feinheiten der Novelle auf. Dialoge und Songtexte fügen sich zu einer organischen Einheit, die den Stoff in eine zugängliche Form für ein heutiges Publikum überführt. Gerade diese ausgeprägte Werknähe erweist sich jedoch nicht durchweg als Vorteil. Begriffe wie Marsch, Geest, Koog, Hallig oder Priel sowie plattdeutsche Einsprengsel und weitere kulturelle Verweise auf den nordfriesischen Raum werden weitgehend ohne Erläuterung vorausgesetzt. Zwar erklärt das Programmheft viele dieser Begriffe, innerhalb der Aufführung setzt ihre Verwendung jedoch ein gewisses Vorwissen voraus. Dies verleiht dem Stoff Authentizität, fordert zugleich aber die Zugänglichkeit für ein mit diesen Traditionen unvertrautes Publikum heraus.

Auch die enge Orientierung an der aus heutiger Perspektive stellenweise eher lose gewobenen Novelle hat Auswirkungen auf die Dramaturgie. Gemessen an den Sehgewohnheiten des Musiktheaters gerät der Spannungsbogen im ersten Akt mitunter ins Fließen: Konflikte bleiben konturenhaft und dramatische Zuspitzungen werden überraschend schnell wieder entschärft. Die Spannungskurve entwickelt sich dadurch gewissermaßen gezeitenhaft – mal anschwellend, mal verebbend. Mit fortschreitender Handlung treten jedoch jene mystischen und unheimlichen Elemente, die dem Werk den Untertitel eines Mystery-Musicals verleihen, immer stärker in den Vordergrund. Vor allem der zweite Akt gewinnt spürbar an Intensität und entwickelt einen mitreißenden Sog, dem sich das Publikum kaum entziehen kann.

Einen maßgeblichen Anteil an der atmosphärischen Dichte der Inszenierung hat das Bühnenbild von Charles Quiggin. Auf der dynamischen Drehbühne entstehen durch variabel hereinfahrbare Elemente immer neue Räume: rudimentär gehaltene Fassaden von Holzhütten, die markante Deichkonstruktion sowie der über allem aufragende Kirchturm, der den allgegenwärtigen Einfluss von Glaube und religiöser Weltdeutung versinnbildlicht. Gemeinsam mit Stephanie Afflecks meisterhaft abgestimmtem Lichtdesign und den Projektionen von Michael Balgavy entstehen dabei Bildwelten von außergewöhnlicher Intensität. Die Projektionen – für Spotlight ein bemerkenswertes Novum – übernehmen einen wesentlichen Teil dieser Wucht. Bedrohlich anschwellende Sturmfluten, peitschende Gewitter und geisterhafte Nebelschwaden verwandeln sich in blutrote Wogen und unheilvolle Feuerschauer, während der Wechsel der Jahreszeiten vom eisigen Winter bis zum glühenden Herbstlaub eindrucksvoll visualisiert wird. Insbesondere die Visionen der Trin Jans und die Untergangsszene am Ende entfalten eine Bildkraft, die lange nachwirkt. Auch Aleš Valašeks Kostümbild fügt sich gemeinsam mit Elke Quirmbachs Maskengestaltung stimmig in die düstere Ästhetik des Abends ein. Ob geisterhafte Seelen der Ertrunkenen oder vom Sturm durchnässte Mäntel – die Kleidung verortet die Charaktere glaubhaft in ihrer rauen Lebenswirklichkeit. Zu den hervorragenden Gestaltungsideen des Abends zählt darüber hinaus das von Roger Titley entworfene Pferd. Seine naturgetreue Gestaltung und die präzise Führung durch drei Puppenspieler verleihen der Figur mithilfe von Markus Schabbings dezidierter Puppenregie eine eindrucksvolle Präsenz und ermöglichen fließende, organische Bewegungsabläufe. Dass der Schimmel zudem beritten werden kann, unterstreicht die handwerkliche Raffinesse der Konstruktion und verleiht ihm jene geheimnisvolle Aura.

Die Choreographien von Simon Eichenberger und Marta Di Giulio greifen den Spannungszustand zwischen friesischer Lebensrealität und bedrohlichem Aberglauben auf. In ihren fließenden Bewegungsmustern verleihen sie den mystischen Elementen des Stoffes Ausdruck, ohne dabei die lebhaften und gemeinschaftsstiftenden Seiten des Dorflebens, beispielsweise beim traditionellen Eisboßeln, auszublenden. Gerade dieser Kontrast zwischen bodenständigem Alltag und unheilvoller Vorahnung wird tänzerisch eindrucksvoll herausgearbeitet.

Musikalisch bleibt Dennis Martin seiner unverwechselbaren Handschrift treu. Die von Marian Lux differenziert ausgearbeiteten Kompositionen und Frank Hollmanns farbenreiche Orchestrierungen ergeben einen opulenten Klangteppich, der insbesondere in seiner Nähe zu „Robin Hood“ nur selten überrascht. Gerade jene Nummern, die sich durch größere dramatische Zuspitzung („Die Sündenflut“, „Das Teufelspferd“) von Martins gewohnten Mustern lösen, zählen zu den Höhepunkten der vom Band eingespielten Partitur. Fabian Kampas wuchtiges Sounddesign trägt wesentlich zur durchdringenden Wirkung des Abends bei, wenngleich die Tonabmischung zugunsten einer noch besseren Textverständlichkeit des Ensembles stellenweise feinjustiert werden könnte.

In seiner Regie setzt Simon Eichenberger auf dynamische, sich vielfach überlagernde Handlungsabläufe. Unter seiner Leitung entfalten vor allem der atmosphärisch eindringliche Beginn des ersten Aktes mit den Auftritten der Trin Jans sowie die eskalierenden Ereignisse des Finales eine bemerkenswerte Intensität, die die existenzielle Bedrohung des Stoffes unmittelbar erfahrbar macht.

Die vierzehn Ensemblemitglieder, die in zahllose kleinere Rollen schlüpfen, überzeugen durch eine starke Geschlossenheit und setzen zugleich immer wieder individuelle schauspielerische und gesangliche Akzente. Sie tragen die Erzählung in entscheidendem Maße mit.  Auch die Kinderdarstellerinnen Liv und Feline meistern ihre Aufgaben als verträumter junger Hauke beziehungsweise als liebenswerte Wienke mit Bravour, während Christopher Dederichs, Antonello Papagno und Robin Scheel in eindrucksvoller Symbiose dem Schimmel – als heimliche Hauptfigur des Werkes – Gestalt verleihen.

Volker Metzger sorgt als Deichgraf mit markant norddeutscher Färbung für manche humorvolle Auflockerung, beweist jedoch insbesondere als Arzt, seine Qualitäten in ernsteren Momenten. Thorsten Tinney überzeugt in der Doppelrolle als Schulmeister und Haukes strenger Vater Tede. Als wirkungsvoller Gegenpol zu Hauke Haien fungiert Dennis Henschel: Mit kraftvoller Stimme und klarer antagonistischer Zeichnung als Ole Peters sorgt er für einige der gesanglich intensivsten Momente des Abends. Anja Backus verleiht der hinter Frömmigkeit verborgenen Habgier der Vollina Harders eine bedrohliche Präsenz und dominiert ihre Szenen mit beeindruckender stimmlicher Autorität.

Pamina Lenn gestaltet Elke als vielschichtige Figur, deren Entwicklung vom verliebten jungen Mädchen zur treibenden Kraft hinter Haukes Aufstieg und schließlich zur fürsorglichen Mutter jederzeit nachvollziehbar bleibt. Vor allem ihre berührende Liebeserklärung an ihre Tochter Wienke mit dem Song „Für wen?“ lässt kaum ein Auge trocken. Unter die Haut geht auch Kaatje Dierks als Trin Jans. Mit meisterhafter Charakterzeichnung vereint sie Schaudern und Mitgefühl und avanciert damit zu einem der darstellerischen Höhepunkte des Abends, was sie auch gesanglich mit dem markerschütternden „Die Sündenflut“ unterstreicht.

Als Idealbesetzung erweist sich schließlich Sascha Kurth in der anspruchsvollen Titelrolle. Die psychologisch hochkomplexe Figur des Hauke Haien zeichnet er mit großer Präzision. Idealismus, Perfektionismus und ein Anflug von Selbstgefälligkeit verschmelzen bei ihm ebenso glaubhaft wie die tiefen Facetten von Liebe und Verzweiflung. Hinzu kommen gesangliche Leistungen auf höchstem Niveau: Die anspruchsvollen Soli seiner Partie meistert Kurth mit großem Stimmvolumen und herausragender Phrasierung. Die Duette mit Pamina Lenn („Sternenmeer“) lassen den Wunsch nach einer Albumaufnahme aufkommen.

Trotz einzelner dramaturgischer Unebenheiten gelingt Dennis Martin und seinem Team mit „Der Schimmelreiter“ eine ebenso bildgewaltige wie respektvolle Annäherung an Storms Jahrhundertwerk. Gerade in der produktiven Reibung zwischen literarischer Vorlage und modernem Musiktheater entfaltet die Inszenierung ihre größte Stärke – und beweist, dass auch ein Stoff, dessen Deiche an der Grenze zwischen Tradition und Aufbruch brechen, auf der Bühne zu neuem Leben erwachen kann.

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
Musik, Buch, Liedtexte, Arrangement und MusikproduktionDennis Martin
Buch und LiedtexteChristoph Jilo
Kevin Schroeder
Regie und ChoreografieSimon Eichenberger
Arrangement und UnderscoringMarian Lux
Orchestrierung und ArrangementFrank Hollmann
MusikproduktionFabian Kampa
Resident DirectorMichael Schüler
Associate ChoreographerMarta Di Giulio
BühnenbildCharles Quiggin
Videodesign, Visual ArtworkMichael Balgavy
KostümbildAleš Valašek
LichtdesignStephanie Affleck
Puppet DesignRoger Titley
PuppenregieMarkus Schabbing
MaskenbildElke Quirmbach
Dance CaptainRaphaela Pekovsek
Puppeteer CaptainStefano Francabandiera
Art DirectionMichael Haipeter
ProduktionsleitungPeter Scholz
 
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CAST (AKTUELL)
Hauke HaienSascha Kurth
(Christopher Dederichs
Samuel Bertz)

Elke VolkertsPamina Lenn
(Alida Will)
Trin’ JansKaatje Dierks
Jenny Schlensker
Ole PetersDennis Henschel
(Nico Schweers)
Schulmeister / Tede Haien / OberdeichgrafThorsten Tinney
(Tobias Korinth)
DeichgrafVolker Metzger
(André Haedicke)
Vollina HadersAnja Backus
(Sophie Bauer)
GescheEmma Sophie Adelmann
WiebkeSophie Bauer
MareikeIrene Eggerstorfer
Witwe Antje WoltersTina Haas
LeneJo Rackham
Magd Ann GreteAlida Will
Iven JohnsSamuel Bertz
Pastor JansenAndré Haedicke
WiensTorsten Paul
CarstenNiklas Schurz
Der Unbekannte / Jeve MannersNico Schweers
Wirt FriedrichSteven Seale
Head Puppeteer Schimmel / Fritz HansenChristopher Dederichs
Hind Puppeteer Schimmel / LüttenTobias Korinth
Hind Puppeteer Schimmel / HinrichRobin Scheel
Heart Puppeteer Schimmel / SönkeAntonello Papagno
Ensemble SwingMaja Dickmann
Raphaela Pekovsek
Stefano Francabandiera
Lars Wandres
  
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TERMINE
Mi, 24.06.2026 19:30Schlosstheater, Fulda
Do, 25.06.2026 14:30Schlosstheater, Fulda
Fr, 26.06.2026 19:30Schlosstheater, Fulda
Sa, 27.06.2026 14:30Schlosstheater, Fulda
Sa, 27.06.2026 19:30Schlosstheater, Fulda
So, 28.06.2026 14:00Schlosstheater, Fulda
Mi, 01.07.2026 19:30Schlosstheater, Fulda
Do, 02.07.2026 14:30Schlosstheater, Fulda
Fr, 03.07.2026 19:30Schlosstheater, Fulda
Sa, 04.07.2026 14:30Schlosstheater, Fulda
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SPIELORTE
30.05.2026 - 30.08.2026Schlosstheater, Fulda91 x
12.12.2026 - 03.01.2027Theater, Hameln21 x
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