Daniela Dett (Mrs. Lovett), Lukas Sandmann (Tobias) © Barbara Pálffy
Daniela Dett (Mrs. Lovett), Lukas Sandmann (Tobias) © Barbara Pálffy

Sweeney Todd - Barbier des Grauens von Fleet Street (2025)
Landestheater, Linz

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Die Frage nach der musikalischen Gattung von Sondheims „Sweeney Todd“ wird seit seiner Uraufführung 1979 immer wieder diskutiert. Sondheim selbst war der Meinung, dass das Ambiente und die Erwartungen des Publikums die Einordnung eines musikalischen Werks bestimmen. Für „Sweeney Todd“ hatte er jedoch eine klare Ansicht: Die von bitterbösen Momenten geprägte Geschichte des Barbiers, der gemeinsam mit seiner Komplizin Mrs. Lovett seine einstigen Feinde auf dem Friseurstuhl brutal ermordet und zu Pasteten verarbeiten lässt, sei ‚in Wahrheit ein Film für die Bühne‘. Diese Auffassung scheint sich das Team um Regisseur Simon Eichenberger zu Herzen genommen zu haben: In Linz wird „Sweeney Todd“ als üppig ausgestattetes Gruselspektakel mit großen cineastischen Bildern inszeniert – getragen vom nuanciert aufspielenden Cast und dem Linzer Bruckner Orchester, das die Produktion in einen bombastischen Soundtrack kleidet.

Für den beinahe filmischen Eindruck dieser Inszenierung sorgt das Bühnenbild von Charles Quiggin, das mit seiner detailverliebten Ausstattung nicht nur die Atmosphäre bereichert, sondern auch fließende Übergänge zwischen den Szenen ermöglicht. Besonders im zweiten Akt sorgt es für einen Wow-Moment, der durchaus auch einem Bombast-Musical der 90er-Jahre würdig gewesen wäre. Quiggin platziert das Haus der eher mäßig erfolgreichen, aber auf skurrile Weise geschäftstüchtigen Pastetenbäckerin Mrs. Lovett in der Mitte der großen Linzer Bühne, während andere Spielorte wie das Haus des Richters Turpin mithilfe drehbarer Elemente an den Seiten dargestellt werden. Im Bühnenhintergrund zeigt ein Prospekt die Skyline Londons zur Dämmerung des Industriezeitalters. Ein besonders gelungenes Detail ist Johannas vergittertes Zimmer, das wie eine prächtig verzierte Voliere wirkt und damit das Vogel-Motiv in ihrem Song „Grünfink und Nachtigall“ aufgreift. Aber auch der Friseurstuhl mit ‚Entsorgungsfunktion‘ ist sehenswert: Nachdem Sweeney seinen Opfern bei der Rasur die Kehle durchtrennt, betätigt er einen Hebel, der das Fußteil des Stuhls wegklappen lässt und eine Klappe im Boden öffnet – sodass die Leichen direkt in Mrs. Lovetts Backküche im Keller hinabstürzen.

Die Kostüme tragen ebenfalls hervorragend zur düsteren Stimmung bei: Wie das Bühnenbild sind sie – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Pirellis buntem Anzug oder Johannas Unschuld symbolisierenden hellen Kleidern – überwiegend in dunklen Farben gehalten. Besonders gelungen ist das Kostüm des hinterhältigen Richters Turpin, der mit seinen langen grauen Haaren, dem übergroßen Zylinder und seinem weiß geschminkten Gesicht fast an eine Dracula-Figur erinnert – und dadurch enorm bedrohlich wirkt. Ein eindrucksvolles Bild entsteht in der Szene der Gerichtsverhandlung: Auf einem Tisch stehend, spricht Turpin sein Urteil, während sein bis zum Boden reichender Mantel bedrohlich über die Bühne fällt – ein gelungenes Beispiel dafür, wie Theater mit einfachen Mitteln auch große Wirkung erzielen kann.

Da das Landestheater für diese Inszenierung auf Studierende des Studiengangs Musikalisches Unterhaltungstheater der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie auf den hauseigenen Chor zurückgreift, gewinnen die Ensembleszenen durch ihre stimmliche Wucht und die ausgefallenen Choreografien an beeindruckender Intensität – beides unterstreicht den grotesken Charakter der Geschichte zusätzlich. Das Bruckner Orchester unter der Leitung von Tom Bitterlich spielt in großer Besetzung fulminant auf. Auch die Tontechnik leistet ganze Arbeit: Selbst in den aufwühlenden Passagen bleibt das Orchester detailreich und gut ausgesteuert, während der Text des Ensembles klar verständlich ist.

Die Rollen werden – wie in Linz üblich – mit dem hauseigenen Musicalensemble besetzt. Dabei ist es erneut bemerkenswert, wie punktgenau das Theater seine Besetzungen trifft: Gernot Romic gibt einen herrlich überdrehten Pirelli mit aufgesetztem italienischem Akzent, Sanne Mieloo verkörpert den Wahnsinn der Bettlerin mit ihrem tragischen Geheimnis absolut glaubwürdig. Karsten Kenzel versieht Richter Turpin mit einem starren Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, und Enrico Treuse spielt den widerlich ergebenen Büttel Bamford so überzeugend, dass das Publikum den beiden ihr Schicksal auf Sweeneys Frisierstuhl nur zu gerne gönnt. Christian Fröhlich und Alexandra-Yoana Alexandrova harmonieren hervorragend als Anthony und Johanna. Alexandrova begeistert mit ihrem strahlenden Sopran, während Fröhlich als entschlossener junger Mann überzeugt, der für seine Liebe kämpft. Lukas Sandmann legt eine tolle Entwicklung vom naiven Jungen zum Wahnsinn verfallenen Tobias hin. „Nichts kann Euch geschehen“ ist in Sandmanns Interpretation einer der Showstopper.

Die Titelrolle übernimmt in Linz Max Niemeyer, der seinen Sweeney mit einer Mischung aus Wut, tiefer Verzweiflung und einem daraus resultierenden Wahnsinn ausstattet. Dabei wechselt er innerhalb von Augenblicken seine Stimmung, was ihn unberechenbar macht. Stimmlich meistert er die für Sondheim typisch schwierige Partitur mühelos. Als Mrs. Lovett steht – zum letzten Mal im Landestheater Linz – Daniela Dett auf der Bühne. Sie kitzelt aus der dankbaren Rolle jede mögliche Facette heraus und sorgt mit ihren herrlich komischen Interpretationen von „Nehmt Prälat“ und „An der See“ für zahlreiche Lacher. Ihr Zusammenspiel mit Max Niemeyer ist absolut sehens- und hörenswert und steht den großen Interpretationen in den Musical-Metropolen der Welt in nichts nach. Ein gelungener und würdiger Abschied für Daniela Dett, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Angela Lansbury, die Miss Lovett der Uraufführung, für die Stephen Sondheim die Rolle geschrieben hatte, erzählte gerne die Anekdote, dass sich das New Yorker Publikum erst an „Sweeney Todd“ gewöhnen musste: Während die Reaktionen in den Previews noch verhalten bis ablehnend waren, feierte das Premierenpublikum die Show – und „Sweeney Todd“ gewann im Jahr seiner Uraufführung alle acht Tony Awards, für die es nominiert war. Das Linzer Publikum muss offenbar nicht mehr erzogen werden: Standing Ovations gibt es hier gleich nach dem Verklingen der letzten Note!

 
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KREATIVTEAM
Musik und GesangstexteStephen Sondheim
BuchHugh Wheeler
Deutsche ÜbersetzungWilfried Steiner
Roman Hinze
RegieSimon Eichenberger
AusstattungCharles Quiggin
Aleš Valášek
 
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CAST (AKTUELL)
Sweeney ToddMax Niemeyer
Mrs. LovettDaniela Dett
AnthonyChristian Fröhlich
JohannaAlexandra-Yoana Alexandrova
Valerie Luksch
Richter TurpinKarsten Kenzel
TobiasLukas Sandmann
PirelliGernot Romic
Büttel BamfordEnrico Treuse
BettlerinSanne Mieloo
Fogg, Vogelhändler, EnsembleKevin Arand
EnsemblePaul Aschenwald
Linus Baroffio
Karoline Chmelensky
Daniel Dittrich
Luuk Hartog
Anna Hiemetsberger
Ayaka Koshida
Astrid Nowak
Marcel Rathner
Isabel Saris
Lynsey Thurgar
KinderstatistinAnja Schmuckermair
Johanna Sighart
mitChor des Landestheaters Linz
Bruckner Orchester Linz
  
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 14.02.2025 19:30Großer Saal Musiktheater, LinzPreview
Sa, 15.02.2025 19:30Großer Saal Musiktheater, LinzPremiere
Do, 20.02.2025 19:30Großer Saal Musiktheater, Linz
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