Tom Zahner (Moonface Martin), Sophie Berner (Reno Sweeney), Jörn-Felix Alt (Billie Crocker) © Nilz Boehme
Tom Zahner (Moonface Martin), Sophie Berner (Reno Sweeney), Jörn-Felix Alt (Billie Crocker) © Nilz Boehme

Anything Goes (2024 - 2025)
Theater, Magdeburg

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Unter der Regie von Melissa King wird Cole Porters klassisches Swing-Musical „Anything Goes“ einer Generalüberholung unterzogen, ordentlich entstaubt und ins Hier und Jetzt übertragen, ohne den zeitlosen Charme des Stücks aus den Augen zu verlieren. Durch eine broadwaywürdige Besetzung und pulsierende Choreographien, die in der ikonischen Steppnummer am Akt-Ende kulminieren, gelingt dem Theater Magdeburg mit dieser Inszenierung ein Coup!

Vor ziemlich genau 90 Jahren hat der Great American Songbook-Komponist Cole Porter das bis heute äußerst populäre Musical erdacht: Ein heiterer Stoff aus dem Genre der Verwechslungs- und Gangsterkomödien, der in der Zwischenkriegszeit und der Great Depression das US-amerikanische Volk ablenken und erheitern sollte. Fast 45 Jahre nach der hiesigen Premiere des Werks ist nun „Anything Goes“ in einer Erstaufführung der deutschsprachigen Neuübersetzung von Niklas Wagner und Roman Hinze, welche die 2022er Revision von Timothy Crouse und John Weidman nachempfindet, seit Winter vergangenen Jahres als Melissa Kings erste Regiearbeit am Theater Magdeburg zu sehen.

King ist nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Choreographin maßgeblich für diese Inszenierung verantwortlich. Inszenatorisch verfügt sie über einen scharfen Blick für klare Szenenstruktur, den sie gewinnbringend einsetzt. Ihr gelingt es, Ordnung in das turbulente Stück zu bringen und koordiniertes Chaos zu unterhaltsamen Sequenzen zusammenzusetzen. Der kesse Humor des Buchs wird in Kings heiter geführter Inszenierung besonders herausgekitzelt. Nicht zuletzt begünstigt die gewitzte und neuzeitlich angenäherte Übersetzung von Wanger und Hinze, dass das Stück auch fast ein Jahrhundert nach seiner Uraufführung und auf der anderen Seite des großen Teiches genau so viel Charme und Humor versprüht. Der mit komödiantischem Timing gesegnete Cast verleiht dem von King entstaubten Werk einen zusätzlichen zeitgenössischen Biss, der das Theatererlebnis kurzweilig machen lässt und das Publikum durch die etwas getragen-behäbigen unter Porters Liedern mit Leichtfüßigkeit führt.

Als sich am Ende der Ouvertüre nach einer langen, etwas psychodelisch wirkenden und sehr irritierenden Projektion, die zwischen Windows-95-Bildschirmschoner und ersten Versuchen einer holprigen Powerpoint-Präsentation eines Grundschülers anzusiedeln ist, der Vorhang hebt, wird klar: Optisch ist das erfrischende Katz-und-Maus-Spiel hervorragend eingebettet und könnte genau so auch bei einem Broadway-Revival angetroffen werden. Judith Peters Kostüme versetzen sofort in das Setting eines Transatlantikdampfers der 30er Jahre, stilecht mit schmucken Matrosenuniformen, Gangsterkluften im Gedächtnis an Al Capone und noblen Kleidern der ersten Klasse. Die mal androgynen, mal betont weiblichen Anzüge und Gewandungen für Hauptfigur Reno Sweeney sind dabei besondere Hingucker. Knut Hetzers Bühnenbild reiht sich optisch in den hochwertigen und stimmigen Eindruck hervorragend ein: Die Frontansicht eines Ozeandampfers inklusive Deckpromenade, die durch die 360° drehbare Bühne an den Seiten- und Hinterteilen der Hauptkulisse den Blick auf weitere Schauplätze vom Schiffskittchen bis zur Nobelsuite preisgibt. Selbst der große Schornstein des Schiffes verwandelt sich durch eine Drehung zur Rückseite zu einer prunkvollen Showbühne inklusive großer Revuetreppe, die beispielsweise in Renos Predigt zu „Los, Gabriel, Los“ eindrucksvoll zur Geltung kommt. Die Suiten der Passagiere werden im zweiten Akt zudem zu einem Galasaal für einen Cocktailempfang umgebaut, sodass selbst im Verlauf des Stücks dasselbe Bühnenbild immer wieder neue Formen und Stimmungen annimmt, die auch durch das subtile Lichtdesign unterstützt werden.

Die musikalische Untermalung erfolgt auf gesanglicher Seite durch das stimmstarke Ensemble und den mächtigen Opernchor des Theaters Magdeburg beeindruckend. Die Magdeburgische Philharmonie unter Pawel Poplawski hat schon einmal sauberer gespielt und adaptiert sich zuweilen in den vielen Tempowechseln der mal swingenden, mal klassisch-balladenhaften Porter-Melodien am besuchten Abend nicht vollends synchron. In den großen Shownummern gewinnt das Orchester aber glücklicherweise an Fahrt und wird dem eingängigen Klangbild der Partitur vollkommen gerecht – wenn da nicht die vielerorts bedauerlich zurückhaltende Tonabmischung wäre, die auch am rezensierten Abend zugegen ist. Zwar sind alle Bühnenakteure des Ensembles untereinander gut im Ton austariert, doch kommen das Orchester und der Zusatzchor zuweilen recht leise daher, was den Auftrieb der Lieder bremst.

Den akustisch gedämpften Schwung fangen Melissa Kings atemberaubende Choreographien mehr als nur auf: Turbulent, lustig und fast irrwitzig lässt sie ihre Hauptakteure durch Duette wie „Du bist top“, „Das Feuer in mir“, „Seemann, sei schlau“ und „Freundschaft“ flitzen, während King auch die träumerisch-schwelgenden Lieder wie „So ver-lieblich“ und „Tief in der Nacht“ mit einfühlsamen und eleganten, klassisch geprägten Schrittfolgen versieht. Gerade die großen Tanznummern, in denen das sehr talentierte Männerensemble bestehend aus Alan Byland, Rhys George, Kevin Reichmann und Anton Schweizer agiert, sind echte Hingucker. Kombiniert mit den Damen und Herren des Magdeburger Balletts entstehen pointiert ausgeführte, spektakuläre und dynamische Abläufe, die ihres Gleichen auf den hiesigen Bühnen suchen. Der große Höhepunkt ist zweifelsohne die lang ersehnte Steppnummer zu „Alles geht heut“ am Ende des ersten Aktes, die funkensprühend dem Publikum ordentlich einheizt und zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Bis ins Kleinste wird bei jeder Figur mit Liebe und Sinn für einen guten Lacher gearbeitet: Olli Rasanen und Ulrika Benecke-Bäume geben als Reverend Henry T. Dobson und Barkeeper Fred erheiternde Charaktermomente zum Besten. Frank Heinrichs sonorer, etwas sensationsgeiler Kapitän weiß genau so zu gefallen wie Saemchan Lee als sein folgsamer Chefsteward, der mit der Ordnung des Schiffstrubels allerhand zu tun hat. Lei Shi und Thomas Matz als nur scheinbar geläutertes Gangsterduo Spit und Dippy ziehen die Schiffsbesatzung auf unterhaltsame Weise immer wieder ab. Manfred Wulfert spielt seinen Börsenmogul Elisha Whitney mit einer gehörigen Portion schrulligen Charmes und brilliert als lüsterner Blindfisch mit seinem Solo „Der Rudersong“. Den perfekten Gegenpart verkörpert Undine Dreißig als Evangeline Harcourt, deren Zusammenspiel mit Wulfert ulkig anzusehen ist. Ihre von Stimmbrüchen begleiteten Contenance-Verluste lassen kein Auge trocken. Samantha Turton singt sich als mädchenhaft-verführerische Gangsterbraut Erna mit „Seemann, sei schlau“ ins Gedächtnis der Zuschauer und beeindruckt mit ihren spektakulären, fast schon akrobatischen Tanzeinlagen. Auch wenn Elvire Beekhuizen mit ihrer klassisch ausgebildeten Stimme deutlich aus dem Ensemble heraussticht, gefällt ihr unschuldiges Schauspiel, ihr graziles Auftreten und die extrovertierte Seite, die sie ihrer Hope Harcourt angedeihen lässt. Mit glockenklarem Sopran zu „Leb wohl, kleiner Traum, ade“ schafft sie einen der wenigen anrührend-sentimentalen Momente des Stücks für sich zu beanspruchen. Benjamin Sommerfelds trocken-expressiver britischer Lord Evelyn Oakleigh räumt mitunter die meisten Lacher des Abends ab. Gerade sein unbeholfen-tollpatschiges, aber trotzdem skurril-selbstbewusstes Zusammenspiel mit Reno Sweeney und sein fulminant gespieltes „Das Feuer in mir“ strapazieren die Lachmuskeln.

Tom Zahner als Moonface Martin schießt die Witze und Pointen schneller als das Maschinengewehr, das sein semibekannter Gangster stets mit sich führt. Mit hervorragendem komödiantischem Gefühl, einem charismatischen Duktus und bestimmender Bühnenpräsenz gelingt es Zahner, zum Publikumsliebling zu avancieren. Seine Darbietung ist eine wahre Meisterklasse der komödiantischen Charakterdarstellung, die nie affektiert oder künstlich, sondern sich als immer natürlich und impulsgesteuert auszeichnet. Auch musikalisch sorgt er mit dem ironisch-rührseligen „Mach’s wie die Meise“ und dem schwungvollen Showduett „Freundschaft“ für Begeisterung. Jörn-Felix Alt ist ein vor Energie übersprühender Billy Crocker, den man ohne weiteres so an den Broadway verpflanzen könnte. Mit unerschöpflicher performativer Power, einem immer wieder wechselnden Körper- und Stimmspiel, einer makellosen gesanglichen Darbietung und großem Temperament wirkt sein Billy wie die perfekte Mélange aus Comedy-Legende Jim Carey und Hollywood-Tanz-Ikone Gene Kelly. Seine gesamte Performance, inklusive seines Songs „Dich zu lieben wär‘ leicht“ ist ein absolutes Highlight dieser Inszenierung. Sophie Berner beweist als Reno Sweeney, warum sie zu den Größen des deutschen Musicals gehört: Mit unverkennbarer Stimmkraft, einer über die gesamte Bühne gebietenden Präsenz und nuanciertem Schauspiel ist sie die Grande Dame des Abends. Mal sexy-androgyn, mal betont weiblich, mal unbeholfen-mädchenhaft und mal verrucht gibt sie ihrer Reno alle Facetten dieser Broadway-Paraderolle. Ihre Duette mit Zahner, Alt und Sommerfeld sind allesamt großes Kino, ihr Predigerlied im zweiten Akt generiert einen wahren Showstopper und nicht zuletzt führt sie das fulminante Titellied „Alles geht heut“ zum Triumph, der das begeisterte Publikum am Ende des Stückes aus den Sitzen reißt. Unbedingt sehen, solange noch die Möglichkeit besteht, denn hier herrscht großes Broadway-Feeling auf der Magdeburger Bühne!

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungPaweł Popławski
Justus Tennie
Inszenierung, ChoreografieMelissa King
BühneKnut Hetzer
KostümJudith Peter
 
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CAST (AKTUELL)
Reno SweeneySophie Berner
Hope HarcourtElvire Beekhuizen
Evangeline HarcourtUndine Dreißig
Lord Evelyn OakleighBenjamin Sommerfeld
Elisha WhitneyManfred Wulfert
Billie CrockerJörn-Felix Alt
Moonface MartinTom Zahner
ErmaSamantha Turton
SpitPeter Dieschlag
Lei Shi
DippyThomas Matz
Pawel Stanislawow
KapitänFrank Heinrich
Bartek Bukowski
ChefstewardSaemchan Lee
Alejandro Muñoz Castillo
FredBettina Wenzel
Ulrika Nenecke-Bäume
Henry T. DobsonOlli Rasanen
Jörg Benecke
ChorOpernchor
TanzBallett Theater Magdeburg
OrchesterMagdeburgische Philharmonie
  
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TERMINE
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 09.11.2024 19:30Opernhaus, MagdeburgPremiere
So, 24.11.2024 19:30Opernhaus, Magdeburg
Sa, 14.12.2024 19:30Opernhaus, Magdeburg
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