Leon de Graaf (Gabey), Ensemble © Jochen Quast
Leon de Graaf (Gabey), Ensemble © Jochen Quast

On the Town (seit 04/2026)
Theater, Duisburg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
 

Die Deutsche Oper am Rhein bringt am Standort Theater Duisburg das Erstlingswerk von Leonard Bernstein „On The Town“ auf die Bühne und überzeugt künstlerisch auf ganzer Linie. Die bildstarke Inszenierung des jazzigen Comedy-Musicals von Louisa Proske lebt von Marie-Christin Zeissets Choreographien und einem spielfreudigen, tanzwütigen und gesanglich starken Ensemble. Moderne Akzente verleihen dem Stück Zeitlosigkeit und regen über den klar humorigen Unterhaltungswert auch zur Reflexion an.

Die Landeier Gabey, Ozzie und Chip sind für 24 Stunden zum ersten Mal im Leben in New York City, bevor sie mit der Marine in den zweiten Weltkrieg ziehen. Die Ungewissheit ihrer Zukunft bewusst verdrängend stürzen sie sich in das Treiben der Metropole und sind auf amouröse Abenteuer aus. Allerdings zeigen sie sich im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht ziemlich unbeholfen. Gabey verguckt sich in das Poster der „Miss U-Bahn“ und will diese finden, um ihr Herz – und ihren Körper – zu erobern. Seine Freunde Ozzie und Chip wollen ihn bei der Suche unterstützen und stolpern dabei schnell der von Männern besessenen Claire und der ebenso voll emanzipierten Hildy in die Arme und lassen sich verführen. 

Durch die Verbindung moderner Akzente mit dem klassischen musikalischen Stoff lässt sich die Inszenierung von Louisa Proske zeitlich nicht eindeutig verorten und erhält eine teils erfrischende, teils bedrückende Aktualität. In der Vorlage konzentriert sich die sexuelle Emanzipation auf die weiblichen Figuren. Das Bild von sexueller Selbstbestimmung wird in dieser Inszenierung in seiner Vielfalt sehr differenziert dargestellt und wirkt so natürlich wie intim. Das als Komödie angelegte Werk bietet mehr als gute Unterhaltung, auch wenn manche Überzeichnung oder Wortlaut auf die Lachmuskeln des Publikums abzielen. Deutsche Dialoge und englische (originale) Songtexte werden miteinander kombiniert. Deutsche Übertitel stellen ein durchgehendes inhaltliches Verständnis sicher.

Esther Bialas zeichnet für die Kostüme verantwortlich, die vor allem der Mode der 1940er Jahre entsprechen. Allerdings wären die hohen Schlitze in den Teller- und Bleistiftröcken in der Mitte des 20. Jahrhunderts undenkbar gewesen. Der Ausgestaltung der Choreographien kommen die Schnitte jedoch sehr entgegen. Die Matrosenkostüme sind dem historischen Vorbild treffend nachempfunden. Feine Nuancen wie glitzernde Tuch-Elemente unterscheiden gelebte Realität und erträumte Fantasie.

Momme Hinrichs gestaltet ein komplexes Bühnenbild, das mit Vorhängen und Versatzstücken auf unterschiedlichen Ebenen arbeitet. Diese strukturieren den Raum und ermöglichen es, näher an die Geschichte der Figuren heranzurücken. Vorhänge und Versatzstücke werden meist mit bewegten Bildern und Videos bespielt, sodass Requisiten und gegenständliche Gestaltungsmittel bewusst reduziert bleiben. So entstehen filmische Szenenwechsel ohne aufwendige Umbauten – etwa vom Naturkundemuseum über den Central Park und den Times Square bis hin zum Appartement von Claire und ihrem Verlobten Pitkin.

Der comicartige Stil der Abbildungen von New York trägt dazu bei, dass die Handlung nicht eindeutig in den 1940er Jahren verortet ist. Der Fokus liegt klar auf den Figuren, die dem Publikum emotional schnell nahekommen – insbesondere ihre Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit in unsicheren Zeiten wie denen des Zweiten Weltkriegs ist nur allzu nachvollziehbar. Der Krieg selbst wird immer wieder am Rande thematisiert, etwa durch Passanten, die Friedensbotschaften auf Bannern und Plakaten mit sich führen. Diese enthalten jedoch auch kritische Verweise auf die aktuelle Weltpolitik.

Die Inszenierung erzeugt immer wieder den Eindruck eines filmischen Blicks: Wie durch ein Kameraobjektiv beobachtet das Publikum die Figuren. So wirkt beispielsweise Hildys bescheidene Behausung, die zwischen Vorhängen und Versatzstücken entsteht, wie herangezoomt. Innerhalb des bunten Treibens im Big Apple entstehen intime Momente, auch in bewegten Szenen, etwa bei Gesprächen in der U-Bahn oder während der Taxifahrt von Hildy und Chip.

Zwischen den Wolkenkratzern und dem weitläufigen Central Park erscheint Gabey (Leon de Graaf) in der rummeligen Großstadtatmosphäre zeitweise verloren. Hier entsteht Raum für de Graaf als Solotänzer zu glänzen. Die Choreographien von Marie-Christin Zeisset scheinen wie für ihn gemacht. Tanzend und steppend verleiht er seinem Gabey zusätzlich emotionalen Ausdruck und erzählt so, wofür die Worte fehlen.

Eindrucksvoll ist das Bild, als Gabey dabei zusieht, wie der Tod einen Kameraden von der Marine mit sich nimmt. Schnell tanzt er sich jedoch zurück ins Leben: Gabey scheint angetrieben von purem Lebenswillen bei seinen Sprüngen beinahe abzuheben. De Graaf führt das fast vierzigköpfige Ensemble in kraftvollen, teils chaotisch anmutenden Tanzgeschichten souverän an und lässt sich nicht nur von der dynamischen Atmosphäre der Straßen New Yorks anstecken, er ist treibender Motor seiner eigenen Geschichte.

De Graafs Baritenor ist stets kraftvoll und betont die Tiefe der Verbindung zum Leben, nach der sich seine Figur sehnt. Authentisch vermittelt er Gabeys Lebensdurst und wie er seine Ängste zu verdrängen sucht. Maria Joachimstaller steht als Ivy ihrem Spiel- und Tanzpartner in Präzision in Stimme und Tanz in nichts nach. Die beiden harmonieren unheimlich gut miteinander.

Julius Störmer zeichnet seinen Chip als loyalen Freund und bewusst linkischen Liebhaber mit viel Witz und Charme. Mit seinem gefühlvollen Tenor antwortet er auf die starken Avancen seiner Spielpartnerin Laura Magdalena Goblirsch, die wiederum eine sehr freizügige und kesse Hildy mimt. Ihr lasziv gehauchtes „I Can Cook, Too“ ist als eindeutige Anmache zu verstehen.

Peter Lewys Preston verleiht seinem Ozzie eine Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit, die es braucht, um die um Standfestigkeit ringende Claire rumzukriegen. Valerie Luksch verleiht der Nymphomanin augenzwinkernd etwas Unschuldiges. Der Konstellation und Dynamik zwischen den beiden zu folgen macht einfach Spaß. Auch gesanglich harmoniert das Spielpaar wunderbar miteinander.

Peter Bording zeichnet Pitkin als Mann mit einem eher konservativen, väterlichen Männerbild, aus dem er komödiantisches Potenzial schöpft. Im Zusammenspiel mit Hildys Freundin Lucy wird diese Anlage aufgebrochen: Durch die Besetzung der Lucy mit Tim Stolberg erhält die Figur eine spürbar moderne Prägung. Die Entscheidung eröffnet eine queere Lesart, ohne sie festzuschreiben, und erweitert so den Blick auf die Figuren im Sinne der zeitlosen Dimension der Geschichte.

Morenike Fadayomi gibt eine strenge Madame Dilly und stellt einen Gegenpol zu der erwarteten Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten eines Lebens im Big Apple dar.

Stefan Klingele führt die Duisburger Philharmoniker am Premierenabend durch Bernsteins Partitur. Temporeich und mit vollem Klang spielen rund vierzig Musiker:innen die Jazzklänge aus dem Orchestergraben und begleiten den klassischen Gesang des Ensembles.

Die Duisburger Inszenierung von „On the Town“ ist ein absolutes Musicalhighlight, das ein bisschen Broadway in den Ruhrpott bringt und auf ganzer Linie überzeugt!

Musik von Leonard Bernstein
Buch und Liedtexte von Betty Comden und Adolph Green
Nach einer Idee von Jerome Robbins
Deutsche Dialoge von Jens Luckwaldt
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
KREATIVTEAM
InszenierungLouisa Proske
Musikalische Leitungstefan Klingele
BühneMomme Hinrichs
KostümeEsther Bialas
ChoreografieMarie-Christin Zeisset
OrchesterDuisburger Philharmoniker
 
Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neSpielorte
CAST (AKTUELL)
Ivy SmithMaria Joachimstaller
Claire de LooneValerie Luksch
Hildy EsterhazyLaura Magdalena Goblirsch
GabeyLeon de Graaf
ChipJulius Störmer
OzziePeter Lewys Preston
PitkinPeter Bording
Madame DillyMorenike Fadayomi
Rajah Bimmy und andereKevin Dickmann
Worker 1 und andereDaniel Dodd-Ellis
EnsembleClara Maria Determann
Erika Del Re
Veronika de Vries
Karina Kettenis
Lorena Krüger
Josephina Mackensen
Samantha Mayer
Jo Lucy Rackham
Albert Gaßmann
Jorrell Lawyer-Jefferson
Dominik Müller
Patrick Sabel
Stefan Gregor Schmitz
Tim Stolberg
Joel Zupan
OrchesterDuisburger Philharmoniker
  
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TERMINE
Mo, 25.05.2026 15:00Theater, Duisburg
Sa, 06.06.2026 19:30Theater, Duisburg
Do, 18.06.2026 19:30Theater, Duisburgzum letzten Mal 2025/26
Mi, 07.10.2026 19:30Theater, DuisburgWiederaufnahme
Fr, 16.10.2026 19:30Theater, Duisburg
Do, 22.10.2026 19:30Theater, Duisburg
Sa, 31.10.2026 19:30Theater, Duisburg
So, 08.11.2026 18:30Theater, Duisburg
Sa, 14.11.2026 19:30Theater, Duisburg
 
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SPIELORTE
25.04.2026 - 14.11.2026Theater, Duisburg12 x
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