Ich habe diesmal tief in die Kiste der vergessenen Musicals gegriffen und "The Unsinkable Molly Brown" ("Goldgräber-Molly“) von 1964 zu Tage gefördert. Diese Molly - eigentlich Margaret - Brown (1867 – 1932) erlangte Berühmtheit, als sie beim Untergang der Titanic andere Passagiere rettete. Ihre – stark veränderte – Lebensgeschichte war ein Hit am Broadway und die Verfilmung ließ in den USA die Kinokassen klingeln. Hierzulande sind Musical und Film nahezu unbekannt. Habe ich da also gerade einen Musicalschatz ausgegraben?
Der Film, den ich diesmal ausgesucht habe, ist ein Vorschlag aus der MUZ-Redaktion. Ich kannte bislang nur den Titel, habe mir eine Aufnahme angehört und war dann sehr neugierig. Für diese hervorragend besetzte, abgedrehte, respektlose Satire braucht man allerdings ein Humorzentrum, das vor religiösen Scherzen nicht zurückschreckt.
Mit "Es war einmal" fangen die meisten Märchen an und mit "Sie lebten glücklich bis an ihr Ende" hören sie auf. Bei Stephen Sondheim gibt es kein "Happy End", sondern nur eine "Happy Mitte". In seinem Musical geht die Handlung nämlich noch weiter und wird zusehends düsterer. Rob Marshalls Verfilmung von 2014 ist prinzipiell ein sehr ansehnlich umgesetzter Film mit einer Schar gut aufgelegter mal mehr, mal weniger gesangserfahrener Hollywoodgrößen. Mit einigen schmerzhaften Kürzungen und Veränderungen fremdele ich allerdings.
"The greatest thing you'll ever learn, is just to love and be loved in return." Diese für Satine und Christian so wichtige Zeile aus dem Song "Nature Boy" kann man als esoterischen Kalenderspruch abtun oder es wird einem dabei melancholisch warm ums Herz. Wer zur ersten Gruppe gehört, wird wahrscheinlich mit diesem Film wenig anfangen können. Hoffnungslose Romantiker stürzen sich hingegen mit Wonne in dieses Bildergewitter und erfreuen sich an Musikzitaten, popkulturellen Querverweisen und dem dick aufgetragenen Melodram. Ich gehöre zu Gruppe Zwei und genieße diesen Musical-Pomp in vollen Zügen. Dabei mag ich eigentlich keine Jukebox-Musicals. Was macht "Moulin Rouge!“ da anders?
Twelfth Night (Was ihr wollt) (2024 - 2026)
Hessisches Staatstheater, Wiesbaden
Die noch einigermaßen frischgebackene zweifache Tony-Preisträgerin Shaina Taub (bestes Buch und beste Musik für "Suffs") hat Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" geschickt in ein Musical verwandelt. Auch wenn der melancholische Grundton der elisabethanischen Vorlage ein wenig dem Spaß- und Revuetheater geopfert wird, ist Taub mit abwechslungsreichen, dramaturgisch gut eingearbeiteten Songs ein Stück gelungen, das hoffentlich hierzulande auf vielen Spielplänen auftauchen wird. Beim Jungen Staatsmusical in Wiesbaden übertragen sich Spaß und Energie schon mit dem energiegeladenen Opener.
Alles Liebe, Linda (seit 09/2024)
Werkstattbühne, Kaiserslautern
Linda Porter, in zweiter Ehe mit dem Komponisten-Genie Cole Porter ("Kiss Me, Kate", "Anything Goes") verheiratet, lässt ihr Leben Revue passieren. Sie ist fast acht Jahre älter als er, ebenfalls aus wohlhabender Familie (sogar reicher als ihr Mann) und genießt mit ihm weltweit das High-Society-Leben und seinen beruflichen Erfolg. Linda ist für ihn Muse und Stütze, muss sich aber auch mit seiner ziemlich offen ausgelebten Homosexualität arrangieren. In ihre Erzählung eingeflochten ist eine gut ausgewählte Mischung aus bekannten und unbekannten Porter-Songs, die entweder zur biografischen Situation passen oder Lindas Emotion widerspiegeln. Eigentlich ein gefundenes Fressen für eine Vollblutdarstellerin wie Astrid Vosberg, die eine weite Palette von Emotionen bedienen könnte, wenn die Inszenierung klarmachen würde, warum Linda ihre Geschichte überhaupt erzählt – und vor allem: wem.
Meine Wahl ist diesmal auf einen Film gefallen, dem ein gewisser Ruf vorauseilt. Nicht nur wurde er bei seiner Uraufführung nach allen Regeln der Kunst von der Kritik verrissen und war in den USA einer der größten Flops des Jahres, er beschädigte auch die Karrieren einiger Beteiligter - u.a. die seines Komponisten Burt Bacharach. Ist "Lost Horizon" wirklich eines der schlechtesten Filmmusicals der Geschichte?
Diesmal habe ich Lust auf einen Film, der mich ohne Wenn und Aber begeistert hat. Lin-Manuel Miranda hat das biografisch angehauchte Kammermusical detailversessen, mit Herzblut und fabelhaften Darstellern verfilmt. Deutlicher als in der Vorlage bezieht sich der Film auf die Biografie des Komponisten Jonathan Larson und setzt ihm ein Denkmal ohne ihn zu glorifizieren.
Holt die Gitarre raus und schnürt eure Wanderstiefel! Diesmal geht‘s mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen in die Berge rund um Salzburg! Weil ich den Film als gnadenlos zähes Kitschfest in Erinnerung hatte, habe ich lange gezögert, ihn mir für diese Kolumne noch einmal anzusehen. Aber ich muss meine Meinung (teilweise) ändern. Vielleicht werde ich auch langsam altersmilde ...
Evita (2024 - 2025)
Schlossfestspiele, Ettlingen
Wenn man vor Ort schon einen Balkon hat, dann muss man auch mal wieder "Evita" auf den Spielplan nehmen. Dazu ist die Ettlinger Schlossfassade auch noch rosa – passend zur Casa Rosada, dem Sitz der argentinischen Regierung, auf deren Balkon Evita Perón ihre berühmte Rede hielt. Der Ort und dessen Nutzung ist das Ass, das diese Produktion ausspielen kann. Neben dem guten Ensemble bleiben so eindrucksvolle Bilder im Gedächtnis.
