Einmal pro Monat werde ich mich in meinen Fernsehsessel setzen und mir für euch einen Musicalfilm ansehen. Da werden bekannte Streifen dabei sein, aber auch Unbekanntes oder Vergessenes.
Ich habe diesmal tief in die Kiste der vergessenen Musicals gegriffen und „The Unsinkable Molly Brown“ („Goldgräber-Molly“) von 1964 zu Tage gefördert. Diese Molly – eigentlich Margaret – Brown (1867 – 1932) erlangte Berühmtheit, als sie beim Untergang der Titanic andere Passagiere rettete. Ihre – stark veränderte – Lebensgeschichte war ein Hit am Broadway und die Verfilmung ließ in den USA die Kinokassen klingeln. Hierzulande sind Musical und Film nahezu unbekannt. Habe ich da also gerade einen Musicalschatz ausgegraben?
Molly (Debbie Reynolds) wird als Kleinkind nach einem Hochwasser aus dem Colorado River gerettet. Als junge Erwachsene ist sie immer noch ein ziemlicher Wildfang. Trotzdem hat sie Ambitionen. Molly verlässt ihren Ziehvater (Ed Begley), um lesen und schreiben zu lernen und einen reichen Mann zu heiraten. Sie findet Arbeit als Saloon-Sängerin und verliebt sich in Johnny Brown (Harve Presnell). Als der eigentlich bescheiden lebende Besitzer einer Mine ihr ein Haus baut, heiratet sie ihn. Molly verfolgt jedoch weiter ihren Plan, im feinsten Viertel Denvers zu wohnen. Als Johnny durch Zufall eine Goldmine entdeckt, wird ihr Traum wahr. Die beiden Hinterwäldler finden allerdings keinen Anschluss in der High Society. Sie bekommen den Rat, sich durch eine Europareise interessant zu machen. In Paris freunden sie sich mit einer Schar europäischer Aristokraten an und laden sie nach Denver ein. Zwar können die Browns ihre Nachbarn mit den Adligen beeindrucken, die Abendgesellschaft wird trotzdem zum Fiasko und endet in einer handfesten Schlägerei. Zwischen Johnny und Molly beginnt es zu kriseln. Sie geht mit ihren Freunden zurück nach Europa. Als sie die Trennung von ihrem Mann nicht mehr erträgt, nimmt sie die Titanic, um in die USA zurückzukehren. Nach dem Untergang gibt sie im Rettungsboot ihren Überlebenswillen an die Insassen weiter. Zurück in Denver wird sie als Heldin gefeiert und endlich von den Nachbarn anerkannt.
„The Unsinkable Molly Brown“ hatte 1960 am Broadway Premiere und brachte es auf 532 Vorstellungen. Tammy Grimes, Darstellerin der Titelrolle, wurde mit einem Tony ausgezeichnet – seltsamerweise als beste Nebendarstellerin in einem Musical.
MGM sicherte sich die Filmrechte und wollte daraus ein Starvehikel für Shirley MacLaine machen. Doch die war zu der Zeit bei einem anderen Produzenten unter Vertrag und der wollte sie nicht ausleihen. Andere prominente Darstellerinnen wie Judy Garland und Doris Day wurden in Betracht gezogen, aber das Studio schien ohne MacLaine das Interesse an dem Stoff verloren zu haben. Schließlich wurde gegen den Willen des Regisseurs Charles Walters Debbie Reynolds als Molly besetzt. Angeblich war für ihre Besetzung letztendlich ausschlaggebend, dass sie deutlich weniger Gage verlangte als ihre Konkurrentinnen.
Nachdem seine Testaufnahmen auf allgemeine Begeisterung stießen, sollte Robert Goulet, dessen Karriere nach seinem Erfolg in der ersten „Camelot“-Produktion einen Sprung nach oben gemacht hatte, den Part des Johnny übernehmen. Doch ihn ereilte ein ähnliches Schicksal wie MacLaine. Er war bei einer anderen Plattenfirma unter Vertrag und MGM hätte ihn nicht auf dem Soundtrack-Album veröffentlichen dürfen. Stattdessen bekam Harve Presnell, der diese Rolle schon am Broadway gespielt hatte, den Zuschlag.
Also schon die Besetzung war eine holprige Angelegenheit und so ging es dann auch weiter. Das Studio kappte das Budget um mindestens eine Million Dollar, um es in „Doctor Zhivago“ („Doktor Schiwago“, 1965) zu investieren. Regisseur Walters musste deshalb vieles umdisponieren und war etwa gezwungen, die eigentlich groß angelegte Tanznummer „He‘s My Friend“ an einem einzigen Tag zu drehen.
Ich weiß nicht, in welchem Stadium die Budgetkürzungen vorgenommen wurden, auf jeden Fall wirken die letzten 20 Minuten des Films so, als müsse man schnell zum Ende kommen, weil kein Geld mehr übrig war. Mollys Gewissensbisse, nachdem sie Johnny verlassen hat und mit ihren Adelsfreunden nach Europa gegangen ist (inkl. einer angedeuteten Affäre mit einem sie schon länger umgarnenden Prinzen), ihre Entscheidung, zu ihrem Mann zurückzukehren, der Untergang der Titanic, ihr Verhalten im Rettungsboot – das läuft alles so ruckzuck ab, als würde Walters auf einer Liste mit dem Handlungsverlauf einzelne Punkte einfach nur als „erledigt“ abhaken.
Das Schiffsunglück, das im Kino ein optischer Höhepunkt hätte sein müssen, wurde mit ungeschickt eingefügten Ausschnitten aus „Titanic“ („Der Untergang der Titanic“, 1952) und „A Night to Remember“ („Die letzte Nacht der Titanic“, 1958) nur notdürftig bebildert.
Auch in den 105 Minuten davor gibt es nur wenig Licht und viel Schatten.
Ein Schatten ist die Musik. Meredith Wilson kam nach Erfolgen als Dirigent, Komponist klassischer Orchesterwerke, Filmmusiken und auch einiger Schlager erst in den 1950er Jahren zum Musical. Sein erstes war dann 1957 auch gleich ein Hit. Mit „The Music Man“ setzte Wilson seinen musikalischen Wurzeln in Blaskapellen ein Denkmal. Die Erfolge von „The Music Man“ und „The Unsinkable Molly Brown“ konnte er mit seinen letzten beiden Werken „Here‘s Love“ (1963) und „1491“ (1969) nicht wiederholen. Für die Lieder in „Molly“ hat er sich recht unverhohlen an Richard Rodgers, besonders an „Oklahoma“ und „Carousel“, orientiert. Das war natürlich auch der Broadway-Geschmack dieser Zeit. Allerdings bleibt keiner der Songs wirklich hängen. Einen Ohrwurm wie „Seventy-Six Trombones“ aus „The Music Man“ sucht man hier vergebens. Von den ursprünglich 17 Songs der Bühnenvorlage wurden nur fünf in den Film übernommen, „He‘s My Friend“ kam neu dazu.
Ich fand es auffällig, dass Harve Presnell mehr Soli hat als Debbie Reynolds, die ja immerhin die Titelfigur spielt. Presnell war klassisch ausgebildeter Bariton und kam erst durch „Molly“ zum Musical. Seine Stimme ist wirklich beeindruckend und veredelt das Song-Material. Auch darstellerisch macht der große, sportliche Presnell seine Sache mit naivem Blick und natürlicher Herzlichkeit gut.
Debbie Reynolds hat mich nicht durchweg überzeugt. Sie wurde durch „Singin‘ in the Rain“ („Du sollst mein Glücksstern sein“, 1952) bekannt und drehte danach erfolgreiche, wenn auch belanglose Musicals und Komödien. Sie erkannte das Potenzial der Rolle, die von ihr Komik, Dramatik, Gesang und Tanz forderte. Deshalb setzte sie alles daran, den Part zu bekommen. Ich habe mich beim Ansehen des Films gefragt, wie Shirley MacLaine wohl die Rolle gespielt hätte. Vielleicht natürlicher? Reynolds legt die junge Molly als ungezähmtes Colorado-Girl laut, betont dumm und plump grimassierend an. Den Song „I Ain‘t Down Yet“ schreit sie mit übertrieben rauer Stimme heraus, dass die Ohren pfeifen. Ich fand das aufgesetzt und richtig nervig. Andererseits kann sie aber auch eine wirklich gute Komödiantin sein, etwa wenn Molly und Johnny uneingeladen auf der feinen Abendgesellschaft ihrer Nachbarin erscheinen und sich unbeabsichtigt wie Elefanten im Porzellanladen benehmen. Auch das Zusammenspiel mit Presnell ist gut, aber Reynolds gibt darstellerisch zu viel, wenn bei Molly das ungebildete Mädchen vom Land durchbricht. Die dramatischen Szenen gegen Ende sind womöglich auch durch die unebene Dramaturgie nicht so berührend, wie sie gedacht waren.
In „Singin‘ in the Rain“ wurde ihre Gesangsstimme noch ersetzt, später war Debbie Reynolds als Sängerin durchaus erfolgreich. Hier finde ich ihren Gesang noch schwächer als ihre Darstellung, für die sie immerhin für den Oscar nominiert war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie damals wirklich im engeren Rennen um die Trophäe war, die am Ende an Julie Andrews für „Mary Poppins“ ging. Aber Reynolds tanzt wirklich großartig. Peter Gennaro hat mitreißende Nummern choreografiert, die von ihr vollen Körpereinsatz fordern.
Pluspunkte sammeln auch einige Nebendarsteller. Ed Begley spielt Mollys Ziehvater als eine komödiantische Naturgewalt, Hermione Baddley zieht als betont bodenständige, etwas prollige Mutter der High-Society-Nachbarin ihre Szenen an sich und Martita Hunt gibt der Großherzogin Lupavinova feinen Humor.
Es gibt wirklich witzige Szenen in diesem Film; Kostüme und Ausstattung sind trotz des beschnittenen Budgets verschwenderisch und die Colorado-Landschaft ist toll fotografiert.
Ob „The Unsinkable Molly Brown“ mit einer anderen Hauptdarstellerin, einem anderen Regisseur oder mehr Rückendeckung des Studios besser geworden wäre, wage ich zu bezweifeln.
Musical und Film setzen der echten Margaret Brown, die nur durch die Presse zu „Molly“ wurde, ein unzureichendes Denkmal. Denn erst nach dem Untergang der Titanic wurde sie als Aktivistin für Arbeiter- und Frauenrechte aktiv. Sie kandidierte für den Senat und arbeitete während des Ersten Weltkriegs in Frankreich für das Rote Kreuz. Dafür sollte man sie in Erinnerung behalten und nicht dafür, einen reichen Mann heiraten und in den besseren Kreisen verkehren zu wollen.
Um meine Eingangsfrage zu beantworten: Nein, „The Unsinkable Molly Brown“ ist kein zu Unrecht vergessener Musicalschatz.
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