Nach eher leichter Musicalkost in den letzten beiden Monaten steht diesmal etwas Anspruchsvolleres auf meinem Programm. Das Original von "Hedwig and the Angry Inch" war ein Off-Broadway-Hit; musikalisch und inhaltlich nur bedingt Mainstream. Die Filmversion bewahrt den Independent-Look und geht optisch mit mal realistischen, mal surrealen Bildern einen Schritt weiter als die Bühnenversion, die nur auf einer Club-Bühne spielt. Ein mitreißender, hervorragend gespielter und inszenierter Bilderrausch!
Der kleine Horrorladen (2024 - 2025)
Tournee (Schauspielbühnen, Stuttgart)
Im deutschsprachigen Raum gehört "Der kleine Horrorladen" zum festen Spielplan-Bestandteil der Stadt- und Staatstheater, wo das Stück regelmäßig die großen Spielstätten füllt. Doch eigentlich ist das Musical für eine sehr viel kleinere Bühne konstruiert. In der Regel wird der Raum um Mushniks Blumenladen mit der Skid Row ausgefüllt, die dann auch gern mit Statisten als Anwohner und Obdachlose bevölkert wird. Das gelingt mal mehr, mal weniger überzeugend. Die Produktion im Alten Schauspielhaus Stuttgart kehrt zu den Ursprüngen am Off-Off-Broadway zurück, konzentriert sich auf ein überschaubares Bühnenbild und setzt die Mindestanzahl an Ensemble- und Bandmitgliedern ein. Ein Konzept, das aufgeht.
In diesem Monat orientiert sich meine Filmauswahl wieder an einem Geburtstag: Am 10. Mai wäre Fred Astaire 125 Jahre alt geworden. Ich habe mich für "Vorhang auf" ("The Band Wagon") von 1953 entschieden. Es geht um einen alternden Hollywoodstar, der mit seinem nachlassenden Erfolg hadert. Da schimmert ein bisschen der echte Astaire durch, der seine Rolle mit einer guten Portion Selbstironie angeht. "Vorhang auf" ist ein Paradebeispiel für das Filmmusical der 1950er Jahre: mit viel Aufwand gedreht und knallbunt.
Spring Awakening - Frühlings Erwachen (2024)
Theater, Trier
"Spring Awakening" ist eins der Musicals, die den Klischeevorstellungen dieser Gattung widersprechen. Hier gibt es keine fröhliche Realitätsflucht, keine exotischen Schauplätze, keine lustigen Sidekicks, keine Beine werfende Chorus Line. Ernsthaft, beklemmend und wütend wird hier eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt, die unbequeme Themen nicht ausspart. Die Trierer Produktion überzeugt mit einem düster-kühlen Setting, einer straffen Personenregie und einem starken jungen Ensemble.
The Story of My Life (2024 - 2025)
Musiktheater im Revier (MiR), Gelsenkirchen
Die Freundschaft von Alvin und Thomas beginnt in der Grundschule und endet im Erwachsenenalter nach einem Streit. Als Alvin stirbt, muss sich Thomas mit ihrer Beziehung auseinandersetzen. Das Zwei-Personen-Musical von Neil Bartram und Brian Hill hinterfragt zwischen Lebensfreude und Trauer, wie sehr Freundschaft ein Leben prägen kann. Die beiden Rollen verlangen ihren Darstellern schauspielerisch und stimmlich einiges ab. Sebastian Schiller und Benjamin Lee werfen sich mit Inbrunst in ihre differenziert gezeichneten Figuren. Konzentriert inszeniert und mit facettenreicher musikalischer Begleitung wirkt dieser bewegende Musicalabend noch lange nach.
Am 13.04. wäre einer der großen Musical-Regisseure der goldenen Traumfabrikzeit 100 Jahre alt geworden: Stanley Donen. Deshalb ziehe ich von meinem Fernsehsessel aus mit drei Matrosen durch das New York der 1940er Jahre. "Heut‘ gehn wir bummeln" ("On the Town") von 1949 ist der erste von Donen zusammen mit Gene Kelly inszenierte Film und ging als erstes Musical, das teilweise an Originalschauplätzen entstand, in die Filmgeschichte ein. Das zugrunde liegende Bühnenstück von Leonard Bernstein dient dabei nur als Gerüst für ein komödiantisches und tänzerisches Feuerwerk!
Da in Wien nun wieder das Phantom durch die Oper geistert, habe ich seinen entfernten Verwandten in mein Wohnzimmer gelassen. "Das Phantom im Paradies" (OT: "Phantom of the Paradise") von 1974 ist eine wilde Mischung aus Rockmusical, Mediensatire und Horrorfilm.
Company (2024)
Theater, Freiburg im Breisgau
Zu Bobbys 35. Geburtstag organisieren seine Freunde eine Überraschungsparty. Die Clique treibt vor allem eins um: Bobby ist immer noch unverheiratet. Doch die verschiedenen Szenen diverser Ehen, in die er im Laufe des Stücks involviert ist, machen Bobby nicht wirklich Lust auf eine feste Bindung. Der komödiantische Beziehungsreigen, den Stephen Sondheim auf Grundlage von insgesamt elf Einaktern von George Furth ablaufen lässt, ist ein Feuerwerk von Sondheimschen Kleinoden. Die Freiburger Produktion lebt von einer bunten Besetzung aus Musiktheater und Schauspiel. Man merkt, wie es alle Beteiligten reizt und freut, mal etwas anderes zu machen – inklusive Rad schlagen und Spagat.
Diesmal ist der Musical-Filmabend für mich eine kleine Reise in die Vergangenheit. Die Kassette mit dem "Hair"-Soundtrack lief in meiner Klasse rauf und runter – es waren die friedensbewegten 1980er – und den Film haben wir uns auch diverse Male angeschaut. Der Soundtrack sitzt mir so im Ohr, dass ich zusammenzucke, wenn ich eine andere Interpretation der Songs höre. Ich bin gespannt, ob der Film mich auch 35 Jahre später noch so mitnimmt wie damals.
Nach der Veröffentlichung des ersten "Wicked"-Trailers stellen sich Fragen. Fragen, die man sich schon bei den Trailern von "Die Farbe Lila" und "Mean Girls" stellen konnte: Wieso verschweigt man, dass es sich hier um Verfilmungen erfolgreicher Musicals handelt? Sind Musicals Hollywood peinlich?
