Ich nehme wieder in meinen Fernsehsessel Platz und sehe mir für euch einen Musicalfilm an. Das führt zu neuen Begegnungen mit manchmal allzu bekannt erscheinenden Streifen, aber ich grabe auch Unbekanntes oder Vergessenes aus.
Jason Robert Browns kleines, feines Kammerspiel über Beginn und Ende einer Beziehung ist eins der meistgespielten Musicals auf deutschsprachigen Bühnen. 2014 verfilmte Richard LaGravenese die Liebesgeschichte mit Anna Kendrick und Jeremy Jordan. Aber kann eine Vorlage, die mit ihrer eigenwilligen Dramaturgie so sehr der Bühne verhaftet ist wie Browns Zwei-Personen-Stück, auf der Leinwand funktionieren?
Die Geschichte dreht sich um die Schauspielerin Cathy und den Schriftsteller Jamie. Sie verlieben sich Hals über Kopf ineinander, heiraten, die Ehe hält nicht und Jamie trennt sich von Cathy. Die Kunst der Handlung ist, dass sie mit der verlassenen Cathy beginnt und wir durchleben mit ihr die Beziehung vom Ende zum Anfang, während wir Jamies Perspektive vom glücklichen Beginn bis zur Trennung sehen. Beide Stränge sind miteinander verwoben. Nur der Heiratsantrag ist ein Duett, alle anderen Songs sind Soli, quasi gesungene Monologe.
Ich mag das Original sehr. Die Lieder sind beim ersten Hören wenig eingängig, transportieren die Gefühle der Protagonisten aber ausgesprochen gut; auch dank der kammermusikalischen Besetzung mit Klavier, zwei Celli, Violine, Bass und Schlaginstrumenten, die eine heimelige Wärme erzeugt.
Drehbuchautor und Regisseur Richard LaGravenese hält sich trotz minimaler Änderungen bei Text und Musik eng an die Vorlage und fügt nur wenige situationsbedinge Dialoge hinzu, aber Cathy und Jamie agieren viel mehr miteinander. Das funktioniert mal gut, wie etwa bei „The Shmuel Song“ (aber da erzählt Jamie ja auch eine Geschichte), mal weniger wie bei „Shiksa Goddess“. Da hatte ich bei aller wirbelwindigen erster-Sex-Energie das Gefühl, Cathy müsse Jamie antworten.
Dem Original am nächsten ist die Umsetzung von „Nobody Needs to Know“. Jamie hadert mit seinen Seitensprüngen und gibt Cathy die Schuld an seinem Verhalten. LaGravenese hat dafür nur drei Einstellungen gewählt und konzentriert sich auf Jamie, der neben einer Frau aufwacht. Dann zieht Jamie sich an. Wir folgen ihm in einen Raum, in dem Cathy angespannt vor sich hinstarrt; er kehrt zurück zum Ausgangspunkt, wo sich eine andere Frau zu ihm aufs Bett setzt. Er klammert sich an sie, sie bricht daraufhin in Tränen aus und zieht sich zurück (wohl eine Affäre, in die die Frau mehr Gefühl investiert hat als er). In der letzten Einstellung lässt sich Jamie aufs Bett fallen und starrt an die Decke. In dieser Sequenz erreicht der Film eine Intensität, wie ich sie im Theater erlebt habe – etwas, das ihm nicht durchgehend gelingt.
Filmisch gibt „A Summer in Ohio“am meisten her. Cathy berichtet von der frustrierenden Arbeit bei einem Sommertheater in Ohio und wie sehr sie Jamie vermisst; im Original in einem Brief, in der Verfilmung in einem Video Call. Die Erzählung ist pointiert und ausgesprochen witzig mit ihrem Alltag bei der schäbigen Truppe bebildert.
Steven Meizlers intime Kamera bleibt immer nah an den beiden, zeigt Nuancen. Der weitgehende Verzicht auf künstliches Licht gibt den Szenen Realität. Wenn dann doch bei „Moving Too Fast“ Passanten um Jamie herum anfangen zu tanzen wie in einer Broadwayshow, spiegelt das zwar seine Euphorie in diesem Moment, passt aber nicht ins Gesamtbild. Gut hat mir gefallen, dass die glücklichen Szenen in satten, hellen Farben strahlen, die Krisenszenen dagegen dunkel gehalten sind. Dieses Konzept ist im letzten Song, „Goodbye Until Tomorrow / I Could Never Rescue You“, besonders gelungen. Cathy singt glücklich auf der Straße im Sonnenlicht, Jamie sitzt im dunklen Zimmer im Haus hinter ihr und schreibt seinen Abschiedsbrief.
Die Filmversion bricht die Musicalvorlage trotz kreativer Ideen stellenweise etwas zu forciert auf, um die Bildebene zu erweitern. Die gegenläufigen Zeitebenen der Handlungsstränge lassen sich auf der Bühne zudem klarer voneinander unterscheiden, da jeweils nur eine Figur im Fokus steht.
An der Besetzung liegt es nicht, dass der Film mich nicht durchgehend mitgenommen hat. Anna Kendrick und Jeremy Jordan sind perfekt besetzt, harmonieren gut miteinander und singen hervorragend. Jordans Mimik und Gestik ist hier und da etwas theaterhaft übertrieben, trotzdem verkörpern beide ihre Figuren glaubhaft. Der Gesang wurde überwiegend live am Set aufgenommen, was ich gerne mag. Ich finde das authentischer.
Jason Robert Brown spielte bei der Musikaufnahme selbst Klavier und ist bei einem von Cathys Castings als Pianist zu sehen. Schön ist auch, dass die ehemaligen Bühnen-Cathys Sherie Rene Scott und Betsy Wolfe kurze Auftritte haben.
„The Last Five Years“ war an den Kinokassen ein Misserfolg. Allerdings schien die Weinstein Company, die den unabhängig produzierten Film vertrieb, von vornherein nicht an einen Erfolg zu glauben. Sie ließ ihn nur in wenigen US-Kinos und zeitgleich als Video on Demand starten.
Alles in allem finde ich, man spürt das Herzblut, das in diesen Film geflossen ist, aber “The Last Five Years” funktioniert auf einer kleinen, intimen Bühne besser als auf der Leinwand.
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