„An American in Paris“ unterhält mit einem selbst für West-End-Verhältnisse unbeschreiblich talentierten, klassisch trainierten Ensemble auf allerhöchstem Niveau. Was das Team um Christopher Wheeldon auf die Bühne des Dominion Theatre bringt, ist atemberaubend. Selten diffizile und aufwändige Tanzeinlagen, eine unaufdringliche, doch beeindruckende Bühne kombiniert mit wunderschönen Kostümen transportieren die zeitlosen Gershwin-Songs direkt in die Herzen der Zuschauer und lassen die Show zu einem Juwel werden.
Die Bühnenversion des 1951er Hollywoodfilms stand vor dem Umzug nach London auf dem Spielplan am Broadway und bringt auch von dort einige ihrer Darsteller mit.
Die Show beginnt mit Jerry Mulligan (Robert Fairchild), einem Ex-Soldaten und Künstler, der sich in Paris in die dort lebende Lise (Leanne Cope) verliebt. Beide Darsteller sind klassische Balletttänzer: Fairchild im New York City Ballet, Cope im Royal Ballet – und ihre Ausbildung sieht man ihnen bei jedem Schritt an. Besonders Fairchild gelingt es, aus dem Nichts in eine Tanznummer zu gleiten und so die Übergänge zwischen Sprech- und Ballettszenen lückenlos zu gestalten. Beide haben jedoch auch neben ihren Fähigkeiten als Tänzer die Gabe, glänzend zu schauspielern und zu singen, was die Rollen greifbar und mitfühlend macht.
Aus der Liebelei zwischen den beiden wird jedoch schnell eine Vierecksbeziehung, denn auch Nachtclub-Sänger Henri (Haydn Oakley) und Komponist Adam (David Seadon-Young) buhlen um die Gunst von Lise. Die beiden „Supporting Actors“ sind wahnsinnig talentiert und verdienen ebenso wie Fairchild und Cope eigentlich die Bezeichnung des „Hauptdarstellers“. Oakley wertet die in der Verfilmung eher unbedeutende Rolle des Henri deutlich durch eine gewisse Komplexität und eine ausgezeichnete Gesangsstimme auf und Seadon-Young übernimmt als Adam den Part des Erzählers mit einem Gespür für das Publikum, indem er Szenen erläutert und zu wichtigen Songs wie „I Got Rhythm“ überleitet.
Was die Show jedoch einzigartig werden lässt und sie von anderen derzeit am West End gezeigten Shows abhebt, ist das angesprochene Talent des Ensembles für den Tanz. Angeleitet von Regisseur und Royal-Ballet-Choreograf Christopher Wheeldon, der mit „An American in Paris“ in New York sein Regiedebüt feierte, sieht man auf der Bühne schier unglaubliche Choreografien, die ihresgleichen suchen. Die Show ist beinahe vollständig durchkomponiert – auch wenn es zwischendurch Sprechszenen gibt. Die Eleganz der Bewegungen während der Dialoge lässt jedoch immer einen gewissen Fluss entstehen, so dass man nur darauf wartet, dass eine neue große Tanznummer durchbricht.
Derer gibt es reichlich. Besonders beeindruckend beispielsweise die Choreografie zu „Fidgety Feet“, einem mit klassischem Ballett untermalten Song, der langsam beginnt und zu einer Ensemblenummer wird, die am Ende die gesamte Breite der Bühne füllt.
Letztlich sorgen auch Bühne und Kostüme (Bob Crowley) für eine gelungene Hommage an das Paris der 1950er Jahre. Man hat das Gefühl, das Bühnenbild sei so konzipiert worden, dass auch dieses zu „tanzen“ scheint. Im Hintergrund bewegen sich nahezu pausenlos Kulissenteile, die vom Schnürboden hoch- und runterfahren und währenddessen wie durch eine Art Pinselstrich mit Licht bemalt werden und so beispielsweise Häuser oder sonstige Hintergründe erzeugen (Projektionen: 59 Productions). Kleinere Bühnenteile werden stets händisch von den Tänzern bewegt und dabei ebenfalls mit Licht bemalt. Diese Art des Bühnenbildes ist neu, unaufgeregt und verbreitet einen Zauber, der zu den galanten Songs von Gershwin hervorragend passt.
„An American in Paris“ ist Theatermagie. Die Show unterhält mit einer intelligent gestrickten Liebesgeschichte, hervorragenden Darstellern und ganz besonders mit einer ungemein fesselnden Choreografie. Das Orchester unter Jon Weston schließt letztendlich mit seinem bombastischen Sound den Kreis. So bleibt am Ende ein frenetisch applaudierendes Publikum, das zu Recht kaum auf den Stühlen zu halten ist.
Wie ist Deine Meinung zu dieser Produktion? Tausch Dich mit anderen Musicalfans in unserem Forum aus.
Mehrere Begriffe ohne Anführungszeichen = Alle Begriffe müssen in beliebiger Reihenfolge vorkommen (Mark Seibert Hamburg findet z.B. auch eine Produktion, in der Mark Müller und Christian Seibert in Hamburg gespielt haben). "Mark Seibert" Wien hingegen findet genau den Namen "Mark Seibert" und Wien. Die Suche ist möglich nach Stücktiteln, Theaternamen, Mitwirkenden, Städten, Bundesländern (DE), Ländern, Aufführungsjahren...