Veronika Loy (Maria), Tobias Joch (Tony), Ensemble © Ludwig Olah
Veronika Loy (Maria), Tobias Joch (Tony), Ensemble © Ludwig Olah

West Side Story (seit 10/2019)
Opernhaus, Nürnberg

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastCast (Historie)Ter­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Es gibt Stücke, die scheinbar nie altern, weil die Welt um sie herum sich weigert, ihre Probleme zu lösen. Leonard Bernsteins „West Side Story“ ist ein solcher Grenzfall zwischen Broadway-Mythos und bitterem Gesellschaftsspiegel. Dass das Staatstheater Nürnberg nun Melissa Kings Inszenierung von 2019 wiederaufnimmt, ist konsequent: King konzipierte ihre Deutung als Statement zur US-Politik und holte den Bandenkrieg unmissverständlich in die Gegenwart. Heute, in der Realität einer zweiten Trump-Amtszeit, wirkt dieser Ansatz fast wie eine bittere Bestätigung. Doch während die politische Botschaft im Opernhaus laut ankommt, zeigt die künstlerische Umsetzung in der Wiederaufnahme Licht und Schatten. Es ist ein Abend, der durch seine klare Haltung und musikalische Exzellenz überzeugt, dessen Gesamtwirkung jedoch durch konzeptionelle Eigenheiten und die extremen gesanglichen Anforderungen der Hauptpartie vor Herausforderungen gestellt wird.

Dass Melissa King sowohl für die Regie als auch für die Choreografie verantwortlich zeichnet, ist in der Dynamik des Abends in jeder Sekunde spürbar. Gemeinsam mit Annakathrin Naderer (choreografische Neueinstudierung) lässt sie das Ensemble mit einer Energie über die Bühne wirbeln, die den Geist des Stücks perfekt atmet. Die Bewegungsabläufe sind flüssig und zitieren immer wieder respektvoll den Stil der Original-Choreografien, ohne jemals altbacken zu wirken. Besonders eindrucksvoll gelingt die Umsetzung von „Somewhere“: Was oft als ätherische Traumsequenz inszeniert wird, erhält hier durch eine schmerzhafte Umdeutung bittere Relevanz. Der Tanz beginnt fließend als Sehnsuchtsvision von Harmonie, wird aber jäh in die Realität zurückgeholt, wenn Polizisten eine Friedensdemonstration mit Schlagstöcken brutal zusammenknüppeln – ein unübersehbarer Verweis auf den Umgang mit Protestbewegungen in den heutigen Vereinigten Staaten.

Knut Hetzers Bühnenbild liefert für diese moderne Lesart den passenden industriellen Rahmen. Links und rechts dominieren stählerne Gerüste, die über die gesamte Bühnenhöhe ragen und durch seitliches Verfahren flexibel unterschiedliche Räume definieren. Diese Ästhetik verankert das Stück auch visuell in einer rauen Gegenwart und schafft zugleich die nötigen Ebenen für ikonische Momente wie die Balkonszene im klassischen „Romeo und Julia“-Stil. Ergänzt wird die Optik durch symbolhaft aufgeladene Projektionen im Hintergrund, etwa eine zerberstende Glasscheibe bei der ersten Begegnung von Tony und Maria, die das tragische Ende bereits visuell vorwegnimmt. Den Weg der konsequenten Verankerung im Hier und Jetzt gehen auch die Kostüme (Judith Peter), die mit ihrer heutigen Alltagskleidung – von Hoodies bis zu modernen Sneakers – keinen Zweifel daran lassen, dass dieser Konflikt nicht in der Vergangenheit spielt, sondern in der unmittelbaren Gegenwart unserer Straßen. Doch so stimmig diese Bilder wirken, so sehr stößt die Inszenierung in anderen Bereichen auf eigentlich vermeidbare Hürden.

Ein massiver Störfaktor ist die Entscheidung, die Sprechtexte auf Deutsch zu führen, während die Songs im englischen Original verbleiben. Da das Werk davon lebt, dass Musik und Dialoge nahtlos ineinandergreifen, entstehen immer wieder anorganische Brüche, die den emotionalen Sog empfindlich stören. Zudem irritiert die Entscheidung, die Sharks mit einem fast schon übertriebenen spanischen Akzent auszustatten. In einem Konzept, das als aktuelles Statement gegen Ausgrenzung antritt, wirkt dieses Mittel wie ein Rückfall in überwundene Theater-Konventionen. Anstatt die Sharks als Menschen unserer unmittelbaren Gegenwart zu zeigen, werden sie durch die lautmalerische Überzeichnung wieder „exotisiert“. Das schafft eine unnötige Distanz zum Publikum und untergräbt die beabsichtigte Identifikation mit ihrem Schicksal.

Unter der Leitung von Roland Böer präsentiert sich die Staatsphilharmonie Nürnberg in absoluter Bestform. Bernsteins Partitur ist ein hochexplosives Gemisch, das von unbändigem Drive, rhythmischem Druck und einem extremen Tempo lebt – Anforderungen, denen das Orchester mit beeindruckender Präzision begegnet. Böer treibt die Musiker durch die jazzigen Aggressionen der Bandenkämpfe, ohne dabei die Kontrolle über die exakte Ausführung zu verlieren. Die klangliche Präsenz und die dynamischen Spitzen (Sounddesign: Ulrich Speith) gehen dabei nie zulasten der Transparenz. Selbst in den komplexesten Passagen bleibt jedes Detail der vielschichtigen Instrumentierung hörbar, was der Aufführung eine musikalische Qualität verleiht, die weit über den Durchschnitt einer Repertoire-Wiederaufnahme hinausgeht.

Maßgeblichen Anteil an der Energie des Abends hat das Ensemble der Jets und Sharks. Selten erlebt man die verfeindeten Banden tänzerisch so exakt und zugleich mit einer solchen Leichtigkeit und Präzision. Lucas Baier verleiht dem Anführer der Jets, Riff, eine beeindruckende Bühnenpräsenz; sein „Jet Song“ wird zum ersten energetischen Ausrufezeichen der Show. Ihm gegenüber steht Alessio Impedovo als Bernardo, der die Rolle mit einer Mischung aus unterdrückter Wut und innerer Zerrissenheit füllt. Das Zusammenspiel der beiden Gruppen in den Kampf- und Tanzszenen ist einer der handwerklichen Höhepunkte dieser Wiederaufnahme.

In den Hauptrollen präsentiert sich der Abend als ein Wechselspiel aus darstellerischer Authentizität und gesanglichen Herausforderungen. Veronika Loy gibt eine Maria, die mit ihrem klaren, angenehm geführten Sopran und einer hervorragenden Textverständlichkeit überzeugt. Sie findet genau den richtigen Ton zwischen mädchenhafter Schwärmerei und der harten Landung in der Realität. In den gemeinsamen Duetten erweist sie sich zudem als äußerst umsichtige Ensemble-Partnerin: In „Tonight“ etwa balanciert sie ihre stimmliche Präsenz so feinfühlig aus, dass ein harmonisches Gesamtbild entsteht, ohne ihren Partner zu übertönen. Dieser wiederum punktet vor allem schauspielerisch; Tobias Joch zeichnet einen authentischen, sympathischen Tony, dem man die Zerrissenheit in jedem Moment abnimmt. Auch seine warme Singstimme überzeugt in den ruhigeren Momenten wie „One Hand, One Heart“. In den kraftvollen, exponierten Tenor-Passagen der Bernstein-Partitur gerät er jedoch spürbar an seine Grenzen. Dass sich in Nummern wie „Maria“ das Orchester an den entscheidenden Stellen merklich zurücknimmt, schont zwar den Solisten, nimmt der Szene aber zwangsläufig ein Stück ihrer musikalischen Strahlkraft und Dramatik.

Der unangefochtene Glanzpunkt des Abends ist Laura Panzeri als Anita. Mit enormer tänzerischer und stimmlicher Energie wird sie besonders in „America“ zum Motor der Inszenierung. Doch Panzeri brilliert nicht nur im Up-tempo: Einer der beeindruckendsten Momente der Produktion ist das Zusammenspiel zwischen ihr und Veronika Loy bei „A Boy Like That / I Have a Love“. Wenn die Wut der traumatisierten Anita auf die bedingungslose Liebe Marias trifft, erreichen beide Darstellerinnen eine emotionale Intensität, die diesen Konflikt zum greifbaren Höhepunkt des Abends macht.

Am Ende bleibt eine „West Side Story“, die vor allem durch ihre politische Haltung und die musikalische Exzellenz im Graben überzeugt. Melissa Kings Inszenierung beweist auch Jahre nach ihrer Premiere, dass sie den Finger in die Wunden einer gespaltenen Gesellschaft legen kann. Das zeigt sich besonders im Finale: Während viele Inszenierungen auf ein versöhnliches Bild setzen, in dem Jets und Sharks den Leichnam Tonys gemeinsam wegtragen, verweigert King diese einfache Katharsis. In ihrer Lesart bleibt die tiefe Spaltung der Gesellschaft bestehen – eine bittere, aber konsequente Entscheidung, die den Zuschauer mit der harten Realität der Gegenwart entlässt.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungLutz de Veer [2019/20]
Roland Böer [2026]
NachdirigatTarmo Vaask
Regie und ChoreografieMelissa King
Szenische NeueinstudierungAndreas Bongard
Choreographische NeueinstudierungAnnakathrin Naderer
BühnenbildKnut Hetzer
KostümeJudith Peter
Licht-DesignTomas Schlegel
Sound-DesignUlrich Speith
DramaturgieWiebke Hetmanek
 
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CAST (AKTUELL)
TonyTobias Joch
MariaVeronika Loy
RiffLucas Baier
ActionTobias Stemmer
Baby JohnDuncan William Saul
A-RabJohan Vandamme
DieselRhys George
AnybodysLaura Robinson
GraziellaMaria Joachimstaller
VelmaAnneke Brunekreeft
MinnieClara Maria Determann
BernardoAlessio Impedovo
AnitaLaura Panzeri
ChinoAdriano Sanzó
PepeDavid Valls
LuisAndrea Viggiano
NibblesAntoine Banks-Sullivan
IndioPierpaolo Scida
RosaliaEllie van Gele
ConsueloGiulia Fabris
TeresitaLavinia Kastamoniti
DocPius Maria Cüppers
SchrankTobias Link
Officer KrupkeTimothy Hamel
 
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CAST (HISTORY)
== 2019/20 ==
TonyHans Kittelmann
MariaAndromahi Raptis
RiffDavid Boyd
ActionAdrian Hochstrasser
Baby JohnStefan Mosonyi
A-RabStephan Zenker
Big DealShane Landers
DieselJev Davis
AnybodysAnnakathrin Naderer
GraziellaSamantha Turton
VelmaNicky Milford
MinnieKarina Rapley
BernardoNivaldo Allves
AnitaMyrthes Monteiro
ChinoClayton Sia
PepeDanilo Brunetti
LuisMariano Manzella
NibblesRichard Patrocinio
IndioDavid Eisinger
RosaliaYara Hassan
ConsueloGiulia Fabris
TeresitaJulia Fechter
DocJochen Kuhl
SchrankTobias Link
Officer KrupkeHans-Peter Frings
mitStaatsphilharmonie Nürnberg
  
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TERMINE
Fr, 10.07.2026 19:30Opernhaus, Nürnberg
Mo, 20.07.2026 19:00Opernhaus, Nürnberg
Do, 23.07.2026 19:00Opernhaus, Nürnberg
Di, 28.07.2026 19:00Opernhaus, Nürnberg
 
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TERMINE (HISTORY)
Sa, 26.10.2019 19:30Staatstheater, NürnbergPremiere
Mo, 28.10.2019 19:30Staatstheater, Nürnberg
Do, 31.10.2019 19:30Staatstheater, Nürnberg
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