Andrew Lloyd Webbers Musical-Klassiker über die legendäre argentinische First Lady Eva Perón zieht als Tournee-produktion durch Europa – im englischsprachigem Original (teilweise mit deutschen Übertiteln) und in einer Inszenierung, die kaum Wünsche übrig lässt.
Wenn eine Produktion als West End Tournee beworben wird, so liegt die Vermutung nahe, dass sie sich weitestgehend am 2006er Londoner Revival orientiert. Diese Mutmaßung entpuppt sich in diesem Fall jedoch als Trugschluss. Die Enttäuschung darüber verfliegt sehr schnell. Zwar ist die Inszenierung im Vergleich zum Revival eher konventionell gehalten – besonders in Hinblick auf die Ausstattung und die Rolle Chés, der hier wie gewohnt in Uniform als Anlehnung an Ché Guevara auftritt – doch man schafft es, eine Aufführung auf die Beine zu stellen, die bis ins Detail überzeugt und wenig Raum für Kritik lässt.
Einen großen Beitrag zur überragenden Qualität der Produktion leisten die Darsteller, allen voran Abigail Jaye, die die beträchtlichen stimmlichen Anforderungen scheinbar mit Leichtigkeit meistert und voll und ganz in ihrer Rolle aufgeht. Ob aufstrebendes Dorfmädchen oder energische Präsidentengattin – Jaye spielt Evita als selbstbewusste Frau, die stets weiß, was sie will. Sie ist allen anderen immer einen Schritt voraus, wirkt dabei aber niemals unsympathisch. Dazu passt es, dass Ché (gespielt von Mark Powell, der die Rolle bereits in London als Zweitbesetzung spielte) weniger aggressiv und zynisch dargestellt wird, als man es gewohnt ist. Er bleibt Evitas schärfster Kritiker, doch anstatt ihre Fehler höhnisch anzuprangern, tritt er eher als eine Art Berater auf, der Evitas Handlungen mit ungewohnt weicher, klangvoller Stimme hinterfragt.
Mark Heenehan bringt als Perón das nötige Charisma auf die Bühne, das es verständlich macht, warum sich Evita gerade ihn für ihre Politambitionen ausgesucht hat. Dabei wird immer wieder klar, dass er eigentlich nur aus Liebe zu seiner Frau und nicht aus Machthunger ins Amt strebt. Fürs Publikum ist das spätestens seit dem Finale des ersten Aktes, bei dem Evitas unaufhaltsame Ambitionen Perón zuerst einen kurzzeitigen Haftaufenthalt einbringen und dann aus diesem befreien, deutlich. Nur Evita begreift das Ausmaß der Zuneigung, die ihr Mann für sie empfindet erst zu spät: „You Must Love Me“ wird zum gefühlsmäßigen Höhepunkt in der Beziehung der beiden, als Perón in den Armen seiner todkranken Frau zusammenbricht. Der Song und die Szene haben soviel emotionale Resonanz, dass es schwer verständlich scheint, warum „You Must Love Me“ in den meisten Stadttheaterproduktionen noch immer nicht zum Standard gehört.
Auch Abigail Matthews als Peróns junge Geliebte kann mit klarer Stimme und fast schon kindlicher Unschuld überzeugen. Einzig Stephen Carlile als Magadli bleibt vor allem stimmlich hinter dem starken Niveau seiner Co-Stars zurück.
Die Inszenierung hat das Flair einer Großproduktion: das Bühnenbild mit beweglichen Treppenkonstruktionen und Arkadenbögen, die sich nach Belieben von der Decke senken, ist zwar einfach, aber überaus wandlungsfähig und wird stimmungsvoll in Szene gesetzt. Die Kostüme wirken ebenso authentisch wie ihre Träger: Gesangs- und Tanzensemble zeichnen sich durch ein hohes Maß an Können und Präzision aus. Auch bei den Massenszenen ist die Inszenierung darauf bedacht, fassettenreich zu bleiben und zeigt Liebe zum Detail. Sieht man bei „A New Argentina“ noch die demonstrierenden Massen des Volkes, die Evita und Perón zujubeln, so sind diese bei „Don’t Cry For Me Argentina“ nur noch im Hintergrund zu hören, während auf der Bühne die Oberschicht angesichts Evitas Rede zum Machtantritt als First Lady pikierte Gesichter zieht.
Alles in allem setzt die Produktion auf Qualität statt auf Experimente. Die ein oder andere Szene ist ungewohnt und auch einfallsreich umgesetzt (z.B. „The Art of the Possible“ mit schockierendem Realismus statt stilisiertem Stühlerücken), aber man versucht nicht „Evita“ zu revolutionieren. Muss man auch nicht – denn offensichtlich kann man das Stück auch so, wie es ist, authentisch und emotional überzeugend realisieren. Dafür ist diese Inszenierung das beste Beispiel.
Diese Produktion lief/läuft in folgenden Theatern:
06.07.2010 bis 25.07.2010 – Semperoper Dresden
28.07.2010 bis 08.08.2010 – Philharmonie Köln
10.08.2010 bis 26.08.2010 – Staatsoper Hamburg
09.11.2010 bis 21.11.2010 – Theater 11 Zürich
23.11.2010 bis 12.12.2010 – Deutsches Theater bewegt München
15.12.2010 bis 02.01.2011 – Alte Oper Frankfurt
04.01.2011 bis 16.01.2011 – Colosseum Essen
18.01.2011 bis 30.01.2011 – Musical-Theater Basel
02.02.2011 bis 06.02.2011 – Stadthalle Wien
08.02.2011 bis 13.02.2011 – Musicaltheater am Richtweg Bremen
15.02.2011 bis 20.02.2011 – Oper Leipzig
22.02.2011 bis 27.02.2011 – Festspielhaus Baden-Baden
02.03.2011 bis 06.03.2011 – Theater 11 Zürich
08.03.2011 bis 13.03.2011 – Festspielhaus Bregenz
15.03.2011 bis 20.11.2011 – Deutsches Theater bewegt München
22.03.2011 bis 03.04.2011 – Capitol Theater Düsseldorf
19.07.2011 bis 31.07.2011 – Deutsches Theater Berlin
02.08.2011 bis 07.08.2011 – Nationaltheater Mannheim
09.08.2011 bis 21.08.2011 – Staatsoper Hamburg
12.01.2017 bis 14.01.2017 – Churchill Theatre London
21.02.2017 bis 25.02.2017 – New Wimbledon Theatre London
11.04.2017 bis 23.04.2017 – Deutsches Theater München
25.04.2017 bis 30.04.2017 – Theater 11 Zürich
27.06.2017 bis 09.07.2017 – Staatsoper Hannover
11.07.2017 bis 16.07.2017 – Musical-Theater Basel
18.07.2017 bis 23.07.2017 – Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf
28.07.2017 bis 14.10.2017 – Phoenix Theatre London
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