Musicals haben Sie bisher nur wenige gesehen, aber den Film „Dirty Dancing“ in Ihrer Jugend geliebt? Eintrittspreise von zum Teil mehr als 100 Euro tun Ihnen nicht weh? Schauen Sie sich die Show an. Versprochen: Sie werden einen schönen Abend haben. Alle anderen verpassen nichts, wenn sie daheim bleiben.
„Dirty Dancing“ ist kein Musical, sondern – wie es in der Werbung treffend heißt – „das Original live on stage“. Gerade im ersten Akt kopiert die Show den Film beinahe 1:1. Wer sich vor allem an den Film und seine eigene Jugend erinnern möchte, wird daran Spaß haben. Für alle anderen ist das eher ermüdend: Überraschungen fehlen völlig. Auch wer den Film erst kürzlich mal wieder gesehen hat, wird enttäuscht sein: Wenn eine Bühnenfassung nicht eigene Akzente setzt und die Stärken der Kunstform Theater nutzt, bleibt sie in ihrer Wirkung zwangsläufig hinter dem Film zurück.
So stellt sich schnell heraus, dass die Neue Flora mit ihrem riesigen Saal und der großen Bühne das falsche Haus für den eher intimen Stoff ist. Die Bühne besteht im Wesentlichen aus einer halbrunden Galerie im hinteren Bühnenteil und einer großen, sehr variabel eingesetzten Drehbühne davor. Wegen der vielen Szenenwechsel werden die Orte nur angedeutet, es ist fast immer die gesamte Bühnenfläche zu sehen. Dadurch fehlt dem Publikum jede Nähe zum Geschehen, eine Identifikation mit den (für einen Tanzfilm durchaus interessanten) Figuren ist kaum möglich. Optisch geradezu enttäuschend ist die Szene, in der Johnny und Baby Hebefiguren im Wasser üben: eine leicht im Boden versenkte Bühne, viel Nebel, Wasserplatschen vom Band und trockene Akteure – bei Shows in dieser Preisklasse gab es anderswo wesentlich mehr zu staunen.
Zwei weitere Mankos: Die Dialoge wurden (vermutlich aus Urheberrechtsgründen) gegenüber der gelungenen Synchronfassung neu übersetzt (Anja Hauptmann), was häufig nur zur zweitbesten Lösung führt („Wenn ich falsch liege, dann sage ich auch: Ich liege falsch.“). Zudem wird streckenweise komplett auf Live-Musik verzichtet und der Original-Soundtrack eingespielt. Wahrscheinlich hatten die Macher hier Angst, es würde sich herumsprechen, dass nicht die Originalmusik zu hören ist – es gibt ja auch Leute, die nicht zu „Mamma mia!“ gehen, weil da auf Deutsch gesungen wird. Was für ein künstlerischer Fehlgriff diese Entscheidung aber ist, zeigt sich spätestens Mitte des zweiten Akts, wenn wieder live gesungen wird – die Wirkung ist eine völlig andere, selbst wenn man die Sänger nicht oder nur im Halbdunkel am Bühnenrand sieht.
Überhaupt ist die zweite Hälfte deutlich stärker als die erste. Endlich lösen sich die Macher wenigstens ein bisschen davon, nur den Film zu kopieren. Zusätzliche – und weitgehend sehr gelungene – Spielszenen machen insbesondere die Figuren des zukünftigen Hotelchefs Neil und von Babys Mutter interessanter als in der Filmvorlage. Jörg Neubauers Neil merkt man den schwachen Wunsch an, seinen Platz im Leben zu finden (symbolisiert durch den Plan, in Mississippi für die Rechte der Schwarzen zu demonstrieren), aber auch den letztlich fehlenden Willen, den für ihn vorgesehenen Lebensweg zu verlassen. Babys Mutter (Masha Karell) beweist Stärke, als sie die tatsächlichen Vorgänge durchschaut und sowohl Baby als auch dem mit ihr zerstrittenen Vater ins Gewissen redet.
Auf der Habenseite zu verbuchen hat die Show zudem ein starkes, in bester Musical-Comedy-Manier inszeniertes Mitklatsch-Finale. Auch ein Großteil der Cast kann überzeugen, so weit es das Buch und die große Distanz zum Publikum zulassen. Ausgerechnet das Paar des Abends bleibt dagegen blass. Ina Trabesinger und Martin van Bentem tanzen zwar hervorragend, sind aber in Gestik und Mimik so nah am Original, dass es ihrer Interpretation an Eigenständigkeit und Lebendigkeit fehlt. Van Bentem kann seine niederländische Herkunft nicht verleugnen. Warum aber auch Trabesinger, geborene Österreicherin, mit starkem Akzent spricht, weiß wohl nur Regisseur Paul Garrington. In der Gesangscast fällt Sabrina Weckerlin (wesentlich rockiger als bei den „Musketieren“) positiv auf, sie hat aber keine schauspielerischen Einsätze.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Mit „Dirty Dancing“ geht die veranstaltende Stage Entertainment ein Wagnis ein, und für diesen Mut gebührt ihr Anerkennung. Denn die Show richtet sich an eine völlig unberechenbare, weil bisher dem Theater weitgehend fern gebliebene Zielgruppe: gut verdienende Mitzwanziger bis Enddreißiger, denen das als Seniorenunterhaltung verschrieene Genre Musical suspekt ist („ich mag es nicht, wenn Leute aus heiterem Himmel anfangen zu singen“). Wenn es gelingt, diese Gruppe über den Revivalfaktor ins Theater zu locken und anschließend auch für richtiges Musiktheater zu interessieren, könnte das dem Musical im deutschsprachigen Raum eine völlig neue Zuschauerschicht (und damit neue Impulse) bringen. Wer das Musical als Leidenschaft schon für sich entdeckt hat, der kann diese Entwicklung in Ruhe abwarten und sich den Besuch in Hamburg sparen.
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