Endspurt in Ettlingen! Mitten im Endproben-Endspurt für die „West Side Story“ haben wir Denis Riffel abgefangen, der in diesem Sommer als Tony auf der Bühne stehen wird. Im Gepäck hatte er extrem spannende Antworten zu einem völlig neuen Regiekonzept, das den Klassiker ins Hier und Jetzt holt. Er erklärt uns, warum Langeweile und Perspektivlosigkeit die Triebfedern der Gewalt sind, wie man der ‚Vorlage mehr Biss verleiht und warum diese Inszenierung nach einer nuklearen Katastrophe unter der Erde spielt.
Die „West Side Story“ ist ein weltbekannter Klassiker, den gefühlt jeder im Publikum in- und auswendig kennt. Wenn man sich heute an so ein Stück herantraut: Was ist eure Triebfeder? Was hat uns diese Geschichte über Konflikte und gesellschaftliche Gräben heute noch – oder gerade heute – zu sagen?

Es gibt zwei Grundkonflikte, die sich durch das Stück ziehen. Der erste ist ganz eindeutig der Rassismus. Unsere Regisseurin Solvejg Bauer wollte ein deutlicheres Bild für den Kampf um Raum zwischen den Jets und Sharks zeichnen. Ihr Konzept legt die „West Side Story„ in einem Bunker an, dargestellt durch ein Gerüst mit vier Ebenen plus der Bühnenebene. Nach einer nuklearen Katastrophe muss die Menschheit unter die Erde fliehen. Die Luft ist verseucht, an der Oberfläche kann nur noch mit Gasmaske und Schutzanzug überlebt werden. Leider sind die oberen Ebenen kaum bewohnbar, erst unten wird es annehmbarer. Die Polizisten beziehungsweise ‚Bunker-Aufseher‘ teilen die Schlafplätze ein: Die Jets dürfen nach unten, die Sharks werden in die verseuchten Räume gesperrt. Die einen wollen nach unten, die anderen wollen ihren Raum verteidigen – alle eint das Gefühl, dass endlich etwas passieren muss. Dieses Ringen um Raum begleitet uns das gesamte Stück über in jeder Szene.
Der zweite Grundkonflikt ist der zwischen Gruppendynamik und Individualität. Tony ist bei uns sehr brutal und gefährlich, genau wie alle anderen in den beiden Gruppen. Weil er aber einer derjenigen mit dem größten Gewaltpotenzial ist und ständig sieht, was das anrichtet, schockiert ihn das am Ende selbst. Es ist eine Geschichte von männlicher Wut und Gewalt. In dieser Welt gibt es einfach keine Perspektiven, damit sich diese Energie anders nützlich machen könnte. Stattdessen verteidigen sie imaginäre Grenzen und Gebiete. Auch wenn Tony diese Gewalt hinter sich lassen möchte – weil er spürt, dass es etwas Anderes geben muss: „something’scoming„ –, hat er nicht genug Kraft, seiner Umgebung zu entkommen. Veränderung fällt eben schwer, wenn das Umfeld dasselbe bleibt.
Trotz der ganzen Gewalt kommt Anybodys am Ende zu Tony und versucht ihn zurückzuholen: „Aber die Gang…“. Der Satz steht da so unvollendet im Raum, und sie könnte ihn wahrscheinlich auch gar nicht beenden – was ist denn mit der Gang? Was soll denn jetzt passieren? Diese Fragen sind für diese jungen Menschen fast unmöglich zu beantworten. Das Stück greift in einigen Szenen auch die pure Perspektivlosigkeit und Langeweile auf. Doc fragt Arab zum Beispiel: „Was willst du werden, wenn du groß bist?“, woraufhin alle nur zynisch lachen.
Der Erfolg der Show steht und fällt mit der Chemie und der Glaubwürdigkeit des Liebespaars. Wie nähert ihr euch den Figuren des Tony und der Maria im Jahr 2026 an? Welche Akzente sind euch wichtig, um die Begegnung dieser beiden Welten für das heutige Publikum greifbar zu machen?
Da sind zwei junge Menschen, die vor Langeweile fast durchdrehen. Gerade im Hinblick auf die Coronazeit werden das vor allem viele junge Menschen mit Sicherheit absolut nachvollziehen können. Uns war wichtig, ein Paar auf Augenhöhe zu zeigen. Solvejg Bauer und unsere Choreografin Letícia Forattini haben in jeder Szene darauf bestanden, dass viele Impulse von Maria kommen. Sie fordert Tony heraus, er reagiert darauf und so weiter. Wir wollten weg von dieser klassischen Heiligkeit der Vorlage, hin zu etwas mit mehr Gefahr, Biss und Spielfreude. Sie sind immerhin beide Teil dieser Umgebung und damit auch Teil des Problems.
Das wird sehr spannend, wenn Tony sagt: „Ich bin keiner von denen.“ Und Maria antwortet: „Doch. Bist du. Genauso, wie ich eine von DENEN bin.“ In diesen Sätzen steckt nicht nur eine Mahnung, sondern auch Herausforderung und Lust – weil es eben Spaß macht, mit dem Feuer zu spielen. Trotzdem müssen beide wirklich an eine bessere Zukunft glauben und diese auch wollen. Sie dürfen nicht traurig werden, sondern müssen sich diese bessere Zukunft mit voller Seele und viel Freude ausmalen, erspielen und erträumen, um dann darin zu schweben. „Wie eine Gewitterwolke, der man mit Neugierde nachschmeckt,“ hat Solvejg das mal beschrieben. Maria ist für mich die eigentliche Heldin des Stückes, sie gibt Tony überhaupt erst eine Perspektive. Er scheitert letztlich an sich selbst und an den Ansprüchen seiner Umgebung. Er sagt es ja selbst: „Ich habe nicht fest genug daran geglaubt.“
Ihr steckt mitten in den Endproben für die Open-Air-Saison, am 18. Juni ist Premiere. Wie läuft die Zusammenarbeit im Ensemble und mit eurer Regisseurin Solvejg Bauer auf der Zielgeraden?

Sehr spannend war vor allem die Umsetzung von der Probebühne auf die fünf Ebenen des finalen Bühnenbilds. Bei unserer ersten Anspielprobe auf der Bühne haben wir gesehen, dass das Konzept total aufgeht. Jetzt müssen wir uns ganz auf die Lebensrealität der Figuren konzentrieren: Wie öffnen sie die Bunkertüren? Wie zeigen wir in der Körperlichkeit die ständige Anspannung, angegriffen zu werden? Was passiert mit den Jets, wenn sie auf die oberen Ebenen vordringen, und was mit den Sharks, wenn sie nach unten vorstoßen? Wie manifestiert sich diese Frustration des Eingesperrtseins im eigenen Körper? Das ist jetzt die große Aufgabe auf der Zielgeraden, um einen absolut glaubwürdigen Abend zu erzählen.
Um diese Welt für die Zuschauer noch besser spürbar zu machen, gibt es übrigens kurze Szenen und Geschichten, die schon in den 30 Minuten des Einlasses direkt auf der Bühne erzählt werden. Hier also der klare Tipp: Früher kommen lohnt sich!
Lieber Denis, vielen Dank für deine Zeit und die spannenden Einblicke. Dir und dem gesamten Ensemble ein herzliches „Toi, toi, toi!“ für eine erfolgreiche Premiere!
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