© Jan Windszus
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Jesus Christ Superstar (2025)
Komische Oper, Berlin

Kurz­bewertungRezen­sionKreativ­teamCastTer­mi­neTermi­ne (Archiv)
 

Rock-Oper goes Rock-Konzert: „Jesus Christ Superstar“ ist in Andreas Homokis Regie laut, knallig, schrill und mit 350 Statisten monumental besetzt, zugleich aber fragwürdig inszeniert. Musikalisch überzeugt die Produktion auf ganzer Linie: Band, Orchester und zwei Idealbesetzungen (John Arthur Greene als Jesus und Sasha Di Capri als Judas) machen vor allem das Hörerlebnis zum Genuss.

Neues Leben im 2008 still gelegten, ehemaligen Hauptstadt-Flughafen Tempelhof: Im Hangar 4 stürmen Massen an einen in den riesigen Raum ragenden Bühnensteg, um dort die besten Stehplätze zu ergattern. Im Hintergrund thront auf einem von zwei Türmen aus Lautsprecherboxen und allerlei Lichttechnik umrahmten Podest (Bühnenbild: Philipp Stölzl unter Mitarbeit von Franziska Harm) eine fünfköpfige Rockband, deren Musiker wilde, bunte Irokesenfrisuren haben. Dann pulsieren die ersten, markanten E-Gitarren-Akkorde durch den Raum und das vorne den Bühnensteg dominierende, aus einzelnen Scheinwerfern zusammengesetzte Leucht-Kreuz erlischt, verschwindet in Richtung Decke und eine wilde wie schrille und pausenlos durchgespielte Party beginnt.

Während der langjährigen Sanierung des Stammhauses gastiert die Komische Oper Berlin bereits im dritten Jahr in Folge zur Saison-Eröffnung in dieser monumentalen Ausweichspielstätte, in der an drei Seiten des rechteckigen Raumes das Publikum von Tribünen aus auf das Geschehen in der Mitte blickt. 2025 steht mit der Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ die biblische Passionsgeschichte in der Version von Andrew Lloyd Webber und seinem Librettisten Tim Rice in der Originalsprache auf dem Programm. Regisseur Andreas Homoki verpflanzt die letzten sieben Tage Jesu Christi glitzernd, schrill und laut in das Setting eines Rockkonzerts. Auch wenn dabei kein Aufwand gescheut wird, funktioniert dieses Konzept nur bedingt.

Laut Programmheft sind 350 Komparsen als grau-braune Masse in historisierenden Kostümen, die an biblische Sandalenfilme erinnern, als Konzertbesucher zu sehen, die bis zur Hinrichtung des Messias ausgelassen eine Party mit Konfetti-Beschuss im Finale feiert. Homoki lässt sie hüpfen, tanzen, klatschen und die Arme schwenken, bewegt sie allerdings auch, wie beim ersten Auftritt der bedrohlich wirkenden Priester-Clique, als Kollektiv durch den Raum. Das hat zwar einen großen dekorativen Schau-Effekt, bringt aber auch Probleme mit sich. Denn wenn die konzertbesuchenden Party-People, wie bei der Vertreibung der Geldverleiher und Händler aus dem Tempel, in die Rolle des Volkes wechseln und Geldscheine erhaschen wollen, wird es schnell unübersichtlich. Damit alle im Publikum von ihren Tribünen-Sitzplätzen dem Geschehen folgen können, lässt der Regisseur nacheinander alle Teile des Raumes bespielen und scheucht die Protagonisten ebenerdig kreuz und quer durch die Massen und auch wieder zurück. Wer allerdings nicht in einer der erhöhten Reihen sitzt, hat oft keine Sicht und ist auf die zweisprachigen Übertitel angewiesen, um zu wissen, wer gerade singt. Der monumentale Raum und das Getümmel darin behindern nicht nur den Blick, sondern auch das Aufkommen von Gefühlen in intimeren Passagen.

Eine ungewöhnliche, aber gute Lösung findet der Regisseur für das Martyrium Jesu: Homoki verzichtet auf Dornenkrone, Auspeitschen und das sonst eingesetzte Kunstblut, sondern lässt ihn mittels senkrecht aus dem Boden schießenden Feuerfontänen zugrunde richten. Auch wenn das zu Beginn hochgezogene Kreuz zum Finale wieder einschwebt, findet keine Kreuzigung statt. Jesus wird mit rosa Perücke wie eine Prozessionsfigur auf einem Podest durch den Raum getragen und richtet seine letzten, aus dem Lukas-Evangelium entnommenen Worte an Gott von der Treppe unterhalb der Rockband.    

Einzig Jesus und Judas – beide mit langen Haarmähnen und Bärten in traditioneller Kleidung – spielen als Partner auf Augenhöhe und sind in der besuchten Vorstellung mit John Arthur Green und Sasha Di Capri markant wie idealbesetzt ein musikalischer Hochgenuss. In der Titelrolle meistert Greens Tenor nicht nur im Song „Gethsemane (I Only Want to Say)“ scheinbar mühelos jeden noch so hohen Ton, während Di Capri als vorwurfsvoller Judas seine Songs mit kraftvoller Rockröhre abliefert. Wie in Tim Rices Libretto vorgesehen, bleiben die anderen Jünger auch in dieser Inszenierung rein optisch ein Teil des Volkes und treten mit Ausnahme von Petrus, der den Gottessohn verleugnet, nicht großartig in Erscheinung. In „Peter’s Denial“ lässt Oedo Kuipers mit schlanker, schöner Tenorstimme aufhorchen.

Alle anderen Figuren wirken überzeichnet, verfremdet und fehl am Platz. So zeigt zum Beispiel die hier kahlköpfige, in ein knallrotes Gewand gekleidete Maria Magdalena trotz textlich verordneter Empathie keinerlei Gefühle für Jesus. Andreas Homoki lässt die einzige Frauenfigur des Stücks unbeteiligt wirkend umherschreiten und sie nahezu gedankenverloren ihre Songs singen, durch die sich Ilay Bal Arslan mit solider Mittellage ohne Strahlkraft mogelt. Damit liefert sie die gesanglich schwächste Leistung der Vorstellung ab.

Verfremdet erscheint auch Pontius Pilatus, der arrogant und finster blickend als androgyn-diverse Person von Bass-Bariton Kevin(a) Taylor in Goldfummel-Abendkleid mit Diktatorenmantel dargestellt wird.

Als dunkle, durchtriebene Macht ist die Klerus-Clique um Kajaphas (in der besuchten Vorstellung: Daniel Dodd-Ellis) und Hannas (Michael Nigro) in Homokis Inszenierung eine bizarre Lack-Leder-Fetisch-Truppe, in deren Mitte ein Saxofonist mit Gummi-Hundemaske sein Unwesen treibt. Hier, aber auch bei König Herodes, den Jörn-Felix Alt mit großen Gesten und ebensolcher Stimme als exaltiertes Zerrbild zwischen Frank’n’Further und Freddie Mercury gibt, tobt sich Kostümbilder Frank Wilde mit teilweise sehr übertrieben wirkenden Kreationen aus. Choreograf Sommer Ulrickson lässt das Profi-Tanzensemble mit originellen, sehenswerten Schrittfolgen wie akrobatischen Hebefiguren glänzen.

In der besuchten Vorstellung vertritt Kai Tietje den eigentlichen musikalischen Leiter Koen Schoots. Der für die Zuschauer unsichtbare, für die Darsteller über Monitore präsente Dirigent leitet das unterhalb der Rockband postierte Orchester der Komischen Oper mit hoher Präzision, viel Power, lässt aber auch leisere Töne funkeln. Damit unterstreicht Tietje, unterstützt von einer sehr gut ausgesteuerten Tonanlage, eindrucksvoll die Klasse der inzwischen auch schon über fünfzig Jahre alten Partitur Lloyd Webbers.

Das biblische Rock-Spektakel im Flughafen-Hangar begeistert zwar musikalisch, polarisiert allerdings mit seiner Inszenierung. Eines ist allerdings sicher: Dank der Zahl der Mitwirkenden auf der Bühne hat sich diese monumentale Aufführung einen ganz besonderen Platz in unserer Datenbank gesichert, der schwer zu toppen sein dürfte.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungKoen Schoots
(Kai Tietje)
InszenierungAndreas Homoki
BühnenbildPhilipp Stölzl
KostümeFrank Wilde
ChoreografieSommer Ulrickson
DramaturgieDaniel Andrés Eberhard
ChöreDavid Cavelius
LichtOlaf Freese
SounddesignHolger Schwark
BühnenbildmitarbeitFranziska Harm
Kooperation mit dem Berliner Turn- und Freizeitsport-Bund und dem Landestanzsportverband Berlin
 
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CAST (AKTUELL)
Jesus ChristJohn Arthur Greene
Ryan Vona
Judas IscariotSasha Di Capri
Ryan Shaw
Maria MagdalenaIlay Bal Arslan
Pontius PilatusKevina Taylor
KajaphasJens Lar­sen
Daniel Dodd-Ellis
HannasMichael Nigro
PetrusOedo Kuipers
Simon ZealotesDante Sáenz
HerodesJörn-Fe­lix Alt
Priester / ApostelManuel Lopez
Gerd Achilles
Thomas Tucker
Soul Girls / EnsembleMasengu Kanyinda
Amelia Francis
Coreena Brown
Apostel / EnsembleRachel Bahler
Youngky Eurlings
Eike Onyambu
Vivienne Dejon
Thea Seibert von Fock
Kristine Emde
Erika Del Re
Vicky van Zijl
Johannes Kiesler
Martin Mulders
Joshua Beck
Robert Lankester
TanzSil­va­no Mar­raf­fa
Enrico Paglialunga
Ben­ja­min Ge­rick­e
Da­niel­ Da­nie­la Oje­da­ Yru­reta
Lorenzo Soragni
Evie Poaros
Clau­dia Gre­co
Dan Pelleg
Shannon Leypoldt
Jeanna Serikbayeva
Camille Jackson
Wanderson Wanderley
BassArnulf Ballhorn
GitarreBenjamin Schwenen
(Greg Dinunzi)
DrumsHendrik Havekost
KeyboardMark McNeill
(Jarkko Riihimäki)
SaxofonJames Scannell
ChorChorsolisten der Komischen Oper Berlin
OrchesterOrchester der Komischen Oper Berlin
SatisterieKomparserie
  
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TERMINE
keine aktuellen Termine
 
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 19.09.2025 19:30Flughafen Tempelhof / Hangar 4, BerlinPremiere
Sa, 20.09.2025 19:30Flughafen Tempelhof / Hangar 4, Berlin
So, 21.09.2025 19:30Flughafen Tempelhof / Hangar 4, Berlin
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