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Die neue Grand Show des Friedrichstadt-Palastes hat ein Produktionsbudget von gigantischen 11 Millionen Euro verschlungen. Wofür? Das beantwortet die Show nach einem düster-dürftigen Start erst nach der Pause. Mit hohem technischen Aufwand, einem wandlungsfähigen Ballett-Ensemble, Spitzenklasse-Artistik und einem gigantischen Gold-Glitter-Glimmer-Finale wird das vom Palast-Marketing so gerne beschworene Weltniveau erst im zweiten Teil erreicht.
Dem Fotografen Cameron ist seine Muse abhanden gekommen. Bei einem Mode-Fotoshooting verlässt ihn seine Kreativität: dunkle Mächte führen ihn in Depression, Selbstzweifel und Tristes. Gibt es einen Ausweg aus dieser Spirale der Hoffnungslosigkeit und ein Zurück in den strahlenden Farbenrausch des Lichts?
Was wie das perfekte Buch zur Bewältigung von Lockdown und Covid-Wahnsinn klingt, hat das Autoren-Team William Baker und Oliver Hoppmann bereits vor der Pandemie entwickelt. Von der Corona-Krise dann ausgebremst, kam „ARISE“ mit knapp einjähriger Verspätung auf die Bühne des Friedrichstadt-Palastes – ganz im Sinne des Titels: Aufstehen und nicht Aufgeben! Mit Einschränkungen ist dieses Spektakel Balsam für alle durch Corona geschundenen Seelen.
Das Autoren-Duo lässt Cameron auf den düsteren Gegenspieler „Zeit“ treffen. Dieser ist halb Punk, halb Teufel und führt als bizarrer Strippenzieher durch das dürftige, recht vorhersehbare Handlungsgerüst. „Zeit“ beamt Cameron zurück in glücklichere, bunte Tage und arrangiert, um von Cameron geliebt zu werden, ein letztes Zusammentreffen mit der Muse. Sie erinnert den Fotografen daran, dass sie immer in seinem Herzen sein wird. Liebe ist halt stärker als die Zeit – und in einem Farbenrausch-Finale besiegt das Licht Düsternis, Depression und Hoffnungslosigkeit.
Problematisch ist der krude Sprachmix, der auf ein internationales Publikum abzielt. Im gesprochenen Wort wechselt sich Englisch mit Deutsch ab, gesungen wird in einzelnen Songs auch in koreanischer, französischer, persischer und hebräischer Sprache. Musikalisch pendeln die Kompositionen von gleich sechs Urhebern, darunter Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, zwischen Funk, Hip-Hop, Electro und schwülstiger Ballade. Mit Ausnahme von „Am Ende wartet Licht“ und dem daraus entwickelten Finale „ARISE“ besitzen die Songs wenig Ohrwurm-Charakter. Der belanglose Score untermalt das Geschehen eher, als dass er mitreißt.
Frida Arvidsson umrahmt die gigantisch große Bühnenfläche mit einem Portal, das an eine Kameralinse oder ein Auge erinnert. Hier hinein fahren weitere Spielflächen und ein weiterer begeh- und betanzbares Orchesterrund im Hintergrund ist die Heimat der Showband. Unter der Leitung von Chefdirigent Daniel Behrens beweisen einzelne Musikerinnen und Musiker in Soloauftritten, dass neben viel Elektronik auch echte Instrumente gespielt werden.
Als Regisseur erzählt Oliver Hoppmann die Geschichte über den entmutigten Fotografen sehr stringent und überbrückt größere Umbaupausen geschickt, indem er seitliche Spielflächen bespielen lässt. Vorlagenbedingt ist das im ersten Teil optisch reduziert. In der Düsternis treiben Stock schwingende Monsterwesen, die aus einem Fantasy-Film entsprungen sein könnten, ihr Unwesen und es fällt schwer, dem Ganzen einen Sinn abzuringen. Nicht nachvollziehbar ist auch, warum die Muse bei ihrem ersten Auftritt in einem bordellartigen Betrieb auf die Bühne fährt, in dem sich laszive Körper rekeln und der körperlichen Lust gefrönt wird. Soll durch Sex Camerons Kreativität wieder erweckt werden?
Glücklicherweise beschließt das Markenzeichen des Palastes, die Girlreihe, den ersten Teil der Show. Ballett-Chefin Alexandra Georgieva fordert in ihrer rasanten Choreografie die 32 Tänzerinnen aufs Äußerste. Es ist absolut sehenswert, in welch immer neuen Formationen die Beine in absoluter Präzision geschmissen werden. Nach der Pause steigert sich die Show noch weiter. Die Tänzerinnen und Tänzer des Hauses, die ohnehin die Hauptlast dieser Revue schultern, beweisen in „Camerone’s Clones“, dass sie weit mehr leisten können als Hip-Hop-Gehüpfe, eleganten Showtanz, laszive Hebefiguren und Luftakrobatik. Choreograf Ohad Naharin postiert das optisch an die Blues Brothers erinnernde Ensemble auf Klappstühlen rund um die heruntergefahrene Unterbühne. Wieder und wieder springt es stoisch von seinen Stühlen auf, wiederholt eckige Modern-Dance-Posen und schreit einen hebräischen Text aus dem 16. Jahrhundert heraus. Dabei entledigen sich die Tänzerinnen und Tänzer ihrer Bekleidung. Eine überraschende, tänzerische Meisterleistung in der Show, die das Publikum in der besuchten Premiere zu Ovationen hinreißt.
Und die Show klotzt weiter auf hohem Niveau: Ein Sand-Schattenspiel (Philippe Beau) verzaubert mit Poesie, fantastische Meereswesen tummeln sich in einer funkelnden Unterwasserwelt voller Fontänen auf der gefluteten Bühne und die Artisten der Truppe „The New Flying Cáceres“ lassen mit ihrer spektakulären Trapeznummer im Publikum den Atem stocken. Ein furioses Final-Spektakel in einem Rausch an Gold-Glitzer-Kostümen (Stefano Canulli) feiert den Sieg des Lichtes über die Finsternis.
Überschattet wird die Premiere vom Ausfall der jeweiligen Erstbesetzung des Lichts (Tertia Botha) und des Cameron (Frank Winkels). Eine Chance für die Zweitbesetzung? Im Fall vom Licht auf jeden Fall. Cover Jaqueline Bergrós Reinhold meistert ihre Auftritte bravourös und empfiehlt sich mit großer Power-Stimme als Leading Lady. Mark van Beelen kann als Cameron-Cover ebenfalls krankheitsbedingt nicht auftreten, sodass die Verantwortlichen zu einer Notlösung greifen müssen: Tänzer Dimitri Genco rettet die Premiere, indem er die zentrale Figur des Fotografen Cameron auf der Bühne mimt. Dazu wird Frank Winkels kraftvoller Bariton aus der Konserve eingespielt.
Olivier Erie St. Louis führt als Erzähler Zeit durch die Show. Das ist im Fall der deutschen Textpassagen recht anstrengend, da er sie mit einem recht starken Akzent spricht und sie nur schwer zu verstehen sind. Gesanglich tut er sich nicht nur als grandioser Rapper und Beatboxer hervor, sondern führt bravourös mit souliger Stimme große Shownummern an. Als keck-verführerische Muse bezaubert Kediesha McPherson vor allem in ihrem Solo „The Muse/Bodymorphia“.
Wer zum ersten Mal eine Show im Friedrichstadt-Palast besucht, der wird von diesem Hightech-Spektakel, mit Spitzenartistik und einem herausragenden Ballett-Ensemble begeistert sein. Wiederholungstätern bietet sie gut gemachtes Entertainment mit Luft nach oben.
| Kurzbewertung | Rezension | Kreativteam | Cast | Cast (Historie) | Galerie | Termine | Spielorte | ||
| KREATIVTEAM | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Buch | Oliver Hoppmann William Baker |
| Inszenierung | Oliver Hoppmann |
| Musikalische Leitung | Daniel Behrens Tobias Leppert Sebastian Brand |
| Musik | Daniel Behrens Albin Janoska Arne Schumann Josef Bach Jasmin Shakeri Tom Neuwirth alias Conchita Wurst |
| Songtexte | Oliver Hoppmann Jasmin Shakeri Tom Neuwirth alias Conchita Wurst |
| Choreograife | Eric Gauthier Alexandra Georgieva Douglas Lee Ohad Naharin Nikeata Thompson Ashley Wallen Justyna Woloch |
| Akrobatische Choreografie | Brennan Figari |
| Creator of Shadow Play | Philippe Beau |
| Comedy Consulting | Spencer Novich |
| Bühnenbild | Frida Arvidsson |
| Kostüme | Stefano Canulli |
| Kooperation Kostüm Konzept | Stevie Stewart |
| Artdirector Fotografie | Kristian Schuller Peggy Schuller |
| Videodesign | This is Comix (Harry Bird Joshua Gallagher Thomas Harrison Sam Hodgkiss) |
| Illusion Design | Nils Bennett |
| Fechtchoreografie | Jean-Loup Fourure |
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| CAST (AKTUELL) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| == 2022/23 | ||||
|---|---|---|---|---|
| Cameron | Dennis Weissert (Mark van Beelen) | |||
| Licht | Jaqueline Bergrós Reinhold (Laura Panzeri) | |||
| Muse | Kediesha McPherson (Laura Panzeri) | |||
| Zeit | Olivier St. Louis (Sidonie Smith Mark van Beelen) | |||
| Sirenen | Mark van Beelen Laura Panzeri Sidonie Smith | |||
| Flying Trapeze Act | The New Flying Cáceres | |||
| Russian Swing Act | Troupe Alexey Pronin | |||
| Ballett des Palastes | ||||
| Show-Band des Palastes | ||||
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| CAST (HISTORY) | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Cameron | Frank Winkels (Mark van Beelen Dimitri Genco) | |||
| Licht | Tertia Botha (Jaqueline Bergrós Reinhold) | |||
| Muse | Kediesha McPherson | |||
| Zeit | Olivier St. Louis (Mark van Beelen) | |||
| Sirene | Mark van Beelen Jaqueline Bergrós Reinhold Kediesha McPherson | |||
| Flying Trapeze Act | The New Flying Cáceres | |||
| Russian Swing Act | Troupe Alexey Pronin | |||
| Ballett des Palastes | ||||
|---|---|---|---|---|
| Show-Band des Palastes | ||||
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| GALERIE | |||||||||
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| 07.08.2021 - 05.07.2023 | Friedrichstadt-Palast, Berlin | 532 x |
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